Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 47 (19.11.1897)
- Date
- 1897-11-19
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 47 Vr Vlmtz's WochrnMpM Sette 959 Er blickte das Mädchen beobachtend an; er erwartete, daß sie vor Freude Hüpfen werde. Einen Augenblick verharrte sie in stummer Verlegenheit, dann brach sie plötzlich in einen Thränenstrom aus. „Ich will nicht, ich will nicht!" schluchzte sie. Er vermochte kein anderes Wort aus ihr herauszubringen. „Welch' seltsames Geschöpf Du bist!" sagte Adolf unzufrieden.' Seit einem Monate war wieder die alte Ordnung im Hause eingekehrt. Adolf besuchte wieder seine Fabrik und Frau Werner gesundete wieder. Doch sie ängstigt sich, daß sie neuerdings krank werden könnte, und was würde dann aus ihrem Sohne werden, wenn Rachel mit ihrem Schwermuth sie doch verlassen würde. Es stand bei ihr fest, daß Adolf heiraten müsse. Als sie diesem ihren Entschluß mittheilte, entgegnete er vollkommen ruhig: „Du hast Recht, Mama, ich bin über die Dreißig und muß früher oder später heiraten. Wenn es Dir gelingt, für mich eine passende Frau zu finden. —" Die Mutter hatte eine andere Antwort von ihm erwartet. Sie theilte auch Rachel ihren Entschluß mit und sagte: „Bist Du nicht auch meiner Ansicht, Kleine?" Rachel aber wischte weiter an dem Marmor eines kleinen Tischchens und entgegnete: „Sie haben ganz Recht." Auch von ihr erwartete Frau Werner wenigstens ein Zeichen der Ueberraschung. Die Frau sah sie getäuscht in ihrem lang gehegten Plane. Nun ging sie auf die Suche und jedesmal erzählte sie Rachel von den Anträgen. „Heute sind uns wieder zwei Partien angetragen worden. Marie Heller soll hübsch sein und bekommt eine Mitgift von zehntausend Gulden; aber ich höre, daß sie zänkisch sei, ich will vor Allem, daß Adolf glücklich werde. Hanna Göhring würde mir besser gefallen, dies ist ein gerades, sanftes Wesen, aber sie ist so häßlich, daß sich Adolf nicht entschließen könnte, sie zu lieben, und Ehe ohne Liebe ist schlimmer als die Pest." Rachel stieß einen tiefen Seufzer aus, dann wiederholte sie ihre stehende Phrase: „Sie haben Recht." Nach mehreren Wochen vergeblichen Suchens einer passenden Partie ließ sich endlich der Zufall finden. Ein entfernter Verwandter traf mit seiner Tochter auf der Durchreise nach der Residenz zu einem Besuche Lei Iran Werner ein. Julie war schön, reich und modern erzogen und Adolf sagte nicht nein. Abends servirte Rachel den Kaffee und es passirte ihr dabei das erste Mal, seitdein sie im Hause war, eine Ungeschicklichkeit. ‘ Die Hochzeit sollte wegen der Kränklichkeit der Frau Werner im Orte des Bräutigams stattfinden. Der Hochzeitstag war herangerückt. Die Braut mit ihren Eltern und Verwandten waren schon um zwei Tage früher angekommen. Im Hochzeitshause war jedes Kämmerchen von Gästen occupirt. In der Gasse bemerkte man aber nicht jene lustige Stimmung, die sonst bei einer Hochzeit herrschte, vielmehr eine gewisse Verstimmung. Neuerungen, wie sie in der Gasse noch nicht vorkamen, sollten bei dieser Hochzeit stattfinden: Die Chuppe nicht im Freien, sondern in der Synagoge aufgestellt' werden, die Braut anstatt mit dem Decktuche mit einem langen Schleier und der Bräutigem anstatt im Kittelhäubel mit Claque und Frack unter die Chuppe gehen, und nachdem sich der Rabbiner weigerte, unter diesen Bedingungen die Trauung zu vollziehen, wurden fremde Functionäre dazu geholt. Man war mißgestimmt, gleichsam wie bei einer Fremden- Jnvasion und hörte mitunter auch Verwünschungen ausstoßen. Im Hochzeitshause herrschte indeß die rechte hochzeitliche Stimmung. Die Braut befand sich in ihrem Zimmer, die bräutliche Toilette zu machen. Rachel kniete vor ihr, ein Stecknadel- Bündel in der Hand und war beschäftigt, die Falten ihres weißen Kleides zu stecken und die Schleppe zu ordnen. Plötzlich wurde ein schüchternes Pochen an der Thüre hörbar und die Stimme Adolfs fragte: „Komme ich ungelegen?" Ein Lächeln auf den Lippen trat er ins Zimmer; sein offenes Halstuch flatterte um seinen Hals. „Ich bitte Dich um Verzeihung, liebe Julie, daß ich Deine Toilette unterbreche, aber Rachel ist die einzige Person, die mir meine Cravatte binden kann; weder meine Mama, noch ich verstehen das. Nun, Kleine mach' rasch!" Und er neigte ihr mit einem heiteren Lächeln den Hals hin. Rachel war furchtbar bleich geworden, sie machte einen Schritt auf ihn, versuchte sich zu fassen; als sie aber in dieser engen Berührung mit ihm das Herz dieses glücklichen Mannes an ihrem Busen pochen fühlte, als ihre beiden Gesichter einander so nahe waren, daß ihr Athem sich vermengte, da faßte sie plötzlich den Kopf Adolf's zwischen ihre beiden Hände, bog ihn mit einem heftigen Rucke zur Seite und bedeckte seine Augen und seinen Mund mit glühenden Küssen. Und als ob dieser übermenschliche Kampf, welchen ihre Liebe ihrem Abscheu vor diesem Gottesleugner lieferte, alle Fibern ihres Herzens zerissen hätte, sahen Adolf und Julie, wie sie plötzlich erdfahl wurde; ihre Beine wankten und sie stürzte auf dem Teppich zusammen, indem in ihrem ersterbenden Blicke der Sieg der mit dem Leben erlöschenden Liebe aufleuchtete. Der Schrecken über diesen Vorfall erstarrte die Hochzeitsfreude zu Eis. Der Trauungsact wurde erst am späten Abend und anstatt in der Synagoge in aller Stille in einem Zimmer vollzogen. Diesem Omen entsprechend war auch dann die Ehe. Literatur. Ein neues Buch von Otto He»»e-Am Rhyn. Von Dr. Adolf Brach, Rabbiner in Brüx. Otto Henne-Am Rhyn ist als Schriftsteller, wie insbesondere als Culturhistoriker — er schrieb eine „Allgemeine Culturgeschichte von der Urzeit bis auf die Gegenwart" in 6 Bänden — in den weitesten Kreisen bekannt. Auch uns Juden müßte er bekannt sein, wenn wir, namentlich in O e st e r r e i ch, mehr Interesse für jüdische Literatur hätten; denn bereits im Jahre 1880 erschien von Otto Henne-Am Rhyn „eine Culturgeschichte des Judenthums" (2. Auflage 1892). Otto Henne-Am Rhyn ist keineswegs ein einseitiger Judenfreund; aber sein Streben geht darnach, unparteiisch und objectiv vorzugehen. Dies Streben verdient Anerkennung, auch wenn er von falschen Auffassungen nicht ganz frei ist. Die Arbeitskraft und Arbeitsfreudigkeit Otto Henne's-Am Rhyn, Staatsarchivars in St.-Gallen, kann nicht genug bewundert werden. Dies beweist sein neuestes Buch „Culturgeschichte der jüngsten Zeit". (Von der Errichtung des Deutschen Reiches bis auf die Gegenwart. Leipzig, 1897, Verlag von Otto Wigand, Preis 9 Mark.) Spräche es der Verfasser nicht selbst am Schluffe des Buches aus, daß er bereits im 70. Lebensjahre stehe, dem Buche selbst merkt man es nicht an; denn es ist mit Begeisterung und Jünglingsfriiche geschrieben. Die hohe Bedeutung dieses Buches liegt nicht allein darin, daß wir mit der Entwicklung der Cultur in dem letzten Vierteljahrhundert (1871—1896) auf allen Gebieten: Politik, Socialismus, Moral, Religion, Wissenschaft, Kunst, Literatur, Welthandel und Weltverkehr, vertraut gemacht werden, sondern auch in dem hohen id e a l e n S t a n d p u n k t e, den der Verfasser einnimm t. Dieser zeigt sich schon in der Einleitung, wo Otto Henne-Am Rhyn bemerkt: „Wohin wir blicken, nach Norden nnd Süden, Osten und Westen, sehen wir Zerstörer irgend eines Ideals den Einfluß auf die Gemüther unserer Zeitgenossen ausüben. Es läßt sich nicht leugnen, daß die 4 Säulen dieses verderblichen Einflusses Zola, Ibsen, Nietzsche und Tolstoi heißen und daß alle übrigen leistungsfähigen Geister entweder von ihnen verdrängt oder ihnen unterthan sind! Dort vernichtet Zola das Ideal der dichterischen Schönheit zu Gunsten der Gemeinheit, hier wirft Ibsen die persönliche Freiheit vom Throne, um die erbliche Belastung darauf zu setzen. Hier erklärt Nietzsche der Herzensgüte den Krieg, um den ungezügelten Trieben einer Rotte „lachender Löwen" freien Lauf zu lassen, — dort verbannt Tolstoi die Natur und die Liebe, um eine Erneuerung mönchischer Impotenz und Indolenz anzupreisen." Otto Henne-Am Rhyn tadelt es mit Recht, wenn Lehre und Leben nicht übereinstimmen und wenn Kunst und Literatur kein ideales Streben aufweisen. Darum sagt er