Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 47 (19.11.1897)
- Date
- 1897-11-19
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 958 Dr. Vwrtz's »ochenschrM. Nr. 47 Budapest. (Familienfeier.) Ein in weiten Kreisen geschätztes Greisenpaar, Herr und Frau Albert Friedlieber in S.-A.-Ujhely, feierte in voller körperlicher und geistiger Frische die sechzigste Wiederkehr seines Hochzeitstages. Das würdige Ehepaar war aus diesem Anlasse Gegenstand vielfacher Beglückwünschungen, die ihm aus Nah und Fern zuströmten. Reichstags-Abgeordneter Dr. Moriz Mezei, ein Neffe des Jubilars, gratulirte telegraphisch, der Publicist Ernst Mezei und viele andere angesehene Verwandte sind persönlich erschienen. Die Repräsentanz der hiesigen israelitischen Status g'w-Muttergemeinde, die Schulcommission und der Lehrkörper brachten corporativ ihre Glückwünsche dar, bei welcher Gelegenheit dem Jubilar namens der Gemeinde ein, dessen große Verdienste um die öffentlichen Angelegenheiten würdigendes, geschmackvoll ausgestattetes Ehrendiplom überreicht wurde. Friedlieber hat auch als Mitglied der im Jahre 1868 vom Cultusminister Baron Josef E ö t v ö s einberufenen Conferenz der Vertrauensmänner der Israeliten Ungarns und des darauf zusammengetretenen'ungarisch-jüdischen Landescongresses in ersprießlicher Weise gewirkt. Feuilleton. Abscheu und Liebe. So viel ist schon seit langen Jahren nicht geweint worden, wie bei der diesmaligen Schabbes-Schuwah-Derascha. Sie wich ganz von den gewöhnlichen Derascha ab. Der Rabbiner unterließ es diesmal ganz und gar, Bibelstellen und Midraschim eine geistreiche Auslegung oder Unterlegung zu geben, sondern beschränkte sich einzig und allein auf das Moralisiren. In der Gemeinde starben in diesem Jahre unverhältnißmäßig Viele; sie betrauerte insbesondere den Tod eines sehrfrommen Mannes, der eine Witwe mit acht unversorgten Kindern in der größten Armuth zurückließ. Und der Rabbiner bezeichnete alle die Dahingeschiedenen, die fast in jede Familie eine Lücke rissen, als Opfer der Si'inden der Gemeinde, in der das Entweihen des Sabbaths, das Trefeseffen, der Mangel an jeder Pietät für die verstorbenen Eltern, um die nicht einmal ein Kaddisch gesagt wird, die ersten Spuren zeigten, ohne daß eine allgemeine Entrüstung den Sünder abgeschreckt hätte. Alle Welt wußte, wer dieser Sünder ist, obwohl er vom Rabbiner nicht mit Namen genannt wurde. Es war der junge W e x h e r, der bisher studirt hatte und jetzt die Fabrik seines Vaters, der zu den Todten dieses Jahres zählte, führte. Er hatte in der Universitätsstadt mit dem äaditionellen Judenthum gebrochen und that sich auch in der Gaffe keinen Zwang an, religiös zu scheinen, obwohl seine Mutter sich darüber vor Gram verzehrte. Auch Frau Werner war bei dieser Derascha im Gotteshause. Sie sah zwar nicht, wie sich Aller Augen in der Frauengalerie auf sie richteten, weil ihre Augen selbst von Thränen verschleiert waren; aber die Worte des Rabbiners drangen wie Dolchstiche in ihr wundes Herz und sie gelobte, wenigstens einen Theil der Schuld, die auf ihrem Hause lastete, zu sühnen. Nach dem Gottesdienste besuchte sie den Rabbiner und erbot sich, Rachel, die älteste der acht Waisen des verstorbenen Reb Kalman, ein sechzehnjähriges Mädchen, zu sich zu nehmen, und wenn sie gut thue, sie auch zu verheiraten. Der Rabbiner möge darüber mit der Mutter sprechen und im Falle ihrer Einwilligung könne das Kind zu jeder Stunde eintreten. Noch am folgenden Tage zog Rachel mit pochendem Herzen und zitternder Hand die Klingel an der Thür der Frau Werner. Eine tiefe Röthe überflog die Stirne des Mädchens, als sie der Witwe und ihrem Sohne gegenüberstand. Ihre grauen Augen schweiften in dem schön möblirten Zimmer umher und ihre Hände zupften convulsivisch an dem Taschentuche. „Fasse Dich, mein Kind, und zittre nicht so. Fürchtest Du Dich denn vor uns?" Das Mädchen schüttelte den Kopf, da sie zu bewegt war, als daß sie hätte sprechen können. „Dort ist Dein Zimmer, Kleine. Ziehe Deine Wirthschaftskleider an und thue, als ob Du zu Hause wärest." Als sich die Thüre hinter dem Mädchen geschlossen hatte, sagte Frau Werner zu ihrem Sohne: „Wie gefällt sie Dir, Adolf?" „Nicht übel, Mama; doch Du mußt sie bei der Wirtschaft sehen, ob sie zu was taugt. Leb' wohl, ich muß ins Geschäft gehen, damit ich bald fertig werde, Du weißt, daß ich Sonntag Nachmittag feiere." Ein tiefer Seufzer entrang sich der Brust der Frau Werner. Es war ein bisher unbekanntes Glück für das Mädchen, in diesem wohlhabenden Hause, wo sie mit so gütigem Wohlwollen behandelt wurde, nicht mehr die Entbehrungen zu haben, die aus ihrem Elternhause nicht wichen. In ihrem einfachen schwarzen Cottonkleide und immer gleich ruhiger Miene huschte sie den ganzen Tag über in dem großen Hause umher. Frau Werner weihte sie in die Haushaltung ein und lernte von ihr die größte religiöse Rigorosität in der Küche. Es war ein Vergnügen, sie hier walten zu sehen. Koscher und Reinlichkeit waren ihr identische Begriffe. „Die Kleine ist eine Perle", sagte Frau Werner zu ihrem Sohne, als er nach Jom-Kippur, über welchen Tag er verreist war, nach Hause kam. „Aber warum schweigt sie so beharrlich?" fragte er, „Man sollte fast glauben, daß wir ihr Furcht einflößen." „Vielleicht macht ihr Dein unjüdisches Leben unser Haus so ftemd artig. „Soll ich etwa ihretwegen zum Religionsheuchler werden und jeden Tag Tefillin legen?" Rachel blieb in ihr unerklärliches Stillschweigen gehüllt, erfüllte aber das Haus mit ihrer stillen Thätigkeit, und wenn sie sich in dem Zimmer Adols's zu schaffen machte, sah er mit Wohlgefallen auf dieses wehmutsvolle Angesicht mit den immer gesenkten Blicken. An einem Novembermorgen, als der junge Herr aufsteheu wollte, fühlte er sich von einem heftigen Fieber ergriffen. Er glaubte zuerst an ein vorübergehendes Unwohlsein, wollte gegen dasselbe airkämpfen und trotz des Schüttelfrostes ausgehen. Die Luft war rauh; er kehrte nach Hause zurück, von kaltem Schweiße bedeckt und war genöthigt, zu Bette zu gehen. Rachel eilte um den Arzt, welcher erklärte, daß der Kranke ein typhöses Fieber bekomme. Das Uebel machte rasche Fortschritte. Frau Werner verlor den Kopf und da sie fürchtete, den Sohn durch ihre Thränen zu erschrecken, installirte sie Rachel am Bette desselben. Mit verzerrtem Antlitz athmete Adolf rauh und' stoßweise, in seinen Adern kochte das Blut und eine tödtliche Schwäche ergriff ihn. Von Viertelstunde zu Viertelstunde erhob sich Rachel aus ihrem Fauteuil und erfrischte die brennende Stirne ihres Gebieters mit kaltem Wasser. Tag und Nacht wachte sie, auf jeden seiner Athemzüge lauschend; sie war stumm und maschinenmäßig thätig. Nur wenn der Arzt die feuchte Hand des Kranken in der seinigen hielt, um die Pulsschläge zu zählen, wurde ihr Blick finster, ihre Lippen zogen sich zusammen und ein nervöses Zittern befiel ihre Hände, die sie unter der Schürze verbarg. Adolf genas. Rachel überwachte seine langwierige Genesung. Aus ihren Arm gestützt, machte er im Zimmer die ersten schwankenden Schritte. Von einem monatelangen Schrecken und Schmerz erschüttert, war nun Frau Werner selbst bettlägerig geworden. Rachel pflegte nun ihre» Herrn ganz allein, und er, erkenntlich für die stille Ergebenheit der Kleinen, dankte ihr mit einem müden Lächeln, behandelte sie mit einer Art Vertraulichkeit, nannte sie seine „kleine Mama" und zog sie über ihre Schweigsamkeit auf. „Warum sprichst Du nicht? Du siehst doch, daß ich wie ein Kind bin; ich kann nicht mehr gehen; erzähle mir hübsche Geschichten, damit ich einschlafen kann." „Ich weiß keine", entgegnete sie errötend. „Ich will Ihnen das Gebetbuch geben. Sagen Sie dreimal Hüne io jonum, und Sie werden einschlafen." „Laß mich mit diesen Dummheiten!" Dem Mädchen'schauderte am ganzen Körper. Als Adolf nach seinem ersten Ausgange am Abend nach Hause kam, rief er Rachel. „Komm' hieher, kleine Mama, siehe da." In eine Wolke von Rosapapier gehüllt tickte auf dem Grunde eines Maraquin-Etuis eine hübsche goldene Damenuhr. „Das gehört Dir als Dank für Deine sorgfältige Pflege. Bist Du zufrieden?"