Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 47 (19.11.1897)
- Date
- 1897-11-19
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 47 Vr. Vlortz'» WochrnptzrM Sette 955 vom deutschen Mädchen-Lyceum in Prag. Zuletzt brachte Herr jur. stnd. Karl Pick im Namen der ehemaligen Schüler ein schönes Gedicht in wirkungsvoller Weise zum Vortrage. Auf jede einzelne dieser Ansprachen dankte der Jubilar in längerer Rede, so daß die besondere Körper- und Geistesfrische an dem Jubilar bewundert wurde. In der Wohnung erschien eine Deputation des Smichower Frauenvereines und zweier Schülerinnen des Mädchen-Lyceums und überbrachten ihrerseits die herzlichsten Glückwünsche. Außerdem kamen dem Jubilar auf schriftlichem Wege unzählige Glückwunschschreiben zu, wovon besonders hervorgehoben zu werden verdienen: ein Schreiben vom Rabbinerverbande Böhmens, dessen Bicepräsident Dr. Back ist, welches in den herzlichsten Worten abgefaßt ist, und ein Schreiben vom Vereine „Narodoi jeduota ces; o zidovskä“. Die ganze Feier war im vornehmsten Stile gehalten und hat bei Allen, die ihr beigewohnt haben, einen unvergeßlichen Eindruck hervorgerufen, wofür dem Smichower Vorstande die vollste Anerkennung gezollt wird. Möge Herr Dr. Back ans dieser allgemeinen Liebe und Verehrung neue Schaffensfreudigkeit bis zur nächsten Jubelperiode schöpfen. Pilsen, 15. November. In einer Zeit, in welcher wir Juden rings von Feinden umgeben sind, die sich aus fast allen politischen Parteilagern zusammensetzen, in einer solchen, für uns Juden gefahrdrohenden Zeit sollten wenigstens nicht von Juden selbst Waffen gegen ihre eigenen Glaubensgenossen geschmiedet werden. Nr. 46 der „Oesterr. Wochenschrift" brachte eine Correspondenz aus Kolin, in welcher die Angriffe der „oeskozidovska jednota" auf die Gemeindeverhältttisse in Kolin, besonders auf die dortige Schule zurückgewiesen werden. Allein ein noch eclatanteres Beispiel von den Waffen, mitdenen dieser böhmischjüdische (?) Verein kämpft, liefert uns eine der letzten Nummern des Vereins-Organs, welche uns von den Schritten derselben bei dem Stadtrathe in Tabor berichtet, damit die dortige deutsche israelitische Privatschule aufgelöst werde. Wie wir dieser Nummer entnehmen, hat die „Jednota" an den Stadtrath in Tabor das Ansuchen gestellt, seinen Einfluß bei der Cultusgemeinde geltend zu machen, damit die dortige israelitische Schule aufgelöst und die Cultusgemeinde überhaupt den Anforderungen des Vereines gefügiger gemacht werde. In einer früheren Nummer wurden sogar jene Gemeindemitglieder namhaft gemacht, die gegen die Auflösung der Schule stimmten und ihre Kinder irr die deutsche israelitische Schule schicken. Unsere Alten nannten ein derartiges Vorgehen: „Mosserthum" und zogen daraus die entsprechenden Consequenzen, ich möchte es als „Lueger'sche Kampfmanier" bezeichnen. Beritas. Kremfiev. Feierlich gestaltete sich die diesjährige Beeidigung der Soldaten, die fast den ganzen Tempel füllten. Drei wurden bei der Vorlesung aus der Thora ausgerufen. An den Text knüpfte Rabbiner Dr. Adolf Frankl-Grün seine Rede an, indem er darauf hinwies, daß, wie einst Abraham, so auch heute die Soldaten ihr Vaterhaus verlassen, dem Rufe des Vaterlandes folgend. Auch Abraham hat sich, ein Muster der Selbstlosigkeit, für die Seinigen geopfert. Es ist das erste Mal, daß in der Bibel der Heiligkeit des Eides Erwähnung gethan wird, wie er für alle Bekenntnisse giltig und mustergebend sein soll. Vom israelitischen Volke haben die übrigen Völker die Heiligkeit des Eides gelernt, vom dritten Gebote. Zum Schluffe erinnert Redner die Truppen, daß ihre Dienstzeit in das fünfzigjährige Regierungsjubiläum unseres erhabenen Monarchen falle, der die Gleichheit Aller erst jüngst verkündete, der Gleichheit, welche nur noch im Heere factisch anzutreffen sei. Nach Absingung der Volkshymne ertheilte der Redner den Soldaten den priesterlichen Segen. Lemberg, 10. November. (Ans dem Lager der polnischen Antisemite n.) In der Katholischen Lesehalle, dem Vereinigungspunkte der hiesigen polnischen Antisemiten, wurde heute im Verlaufe einer längeren Debatte der Umstand hervorgehoben, daß die hier von Antisemiten in's Leben gerufenen exclusiv christlichen Institute und Vereine bei der Lieferung verschiedener Bedarfsartikel und bei Arbeiten die Mithilfe von jüdischen Gewerbetreibenden und jüdischen Arbeitskräften in bedeutendem Maße in Anspruch nehmen. Zur Rechtfertigung dieses Vorgehens führte der Präsident der katholischen Lesehalle, der Professor des Polytechnicums, T h u l l i e, an, daß sich die Juden in den betreffenden Fällen leistungsfähiger und in den Preisanforderungen bescheidener als andere Bewerber erwiesen haben. Zur Sprache gelangte sodann die an den Reichsrath und an deir Polenclub gerichtete Eingabe der jüdischen Rechtspraktikanten Galiziens wegen systematischer Präterirung jüdischer Candidaten bei Besetzung der Richteramtsstelleu im Lemberger und Krakauer Ober-Landesgerichtssprengel. Hier bewegte sich die Discussion im Sinne der Ausführungen des Wiener Vice-Bürgermeisters Dr. Neumayer, und man verwies auf den Fall, daß in der ostgalizischen Ortschaft Belz ein Bauer sich geweigert habe, den Eid vor einem jüdischen Richter abznlegen, wofür ihm im Disciplinarwege eine Arreststrafe auferlegt worden sei. Erst in Folge der Intervention des Advocaten Dr. Filipowski habe man es durchgesetzt, daß jenem Bauer vou einem christlichen Richter der Eid abgenommen wurde. Als beklagenswerth bezeichneten mehrere Redner die Rückwirkung der in Galizien, Dank der Baron Hirsch'- schen Stiftung bestehenden Gewerbeschulen auf die christliche Bevölkerung. In einigen Ortschaften werden diese Schulen auch von der christlichen Jugend besucht; in Saffow zum Beispiele beziehen aus dem Stiftungsfond des Baron Hirsch auch christliche Schüler Unterstützungen in Lehrmitteln und Kleidungsstücken, ja sogar in baarem Gelde. und der katholische Katechet nehme aus diesem Fond eine Remuneration für die Ertheilnug des Religionsunterrichtes an die christlichen Schüler der Hirsch'schen Lehranstalt an, was wohl kein Verbrechen sei, aber für Katholiken unpassend erscheine. Herr G a j e w s k i beantragte, an die hervorragenderen Advocaten des Landes ein Qnestionnaire über die Inanspruchnahme jüdischer Richter bei der Eidesabnahme christlicher Parteien zu versenden, damit auf Grund der so gesammelten Daten gegen die erwähnte Eingabe der jüdischen Rechtspraktikanten Stellung genommen werde. Professor T h u l l i e versprach namens des Vereinsvorstandcs die Sache in Erwägung zu ziehen, wiewohl in Galizien, wie er hinzufügte, glücklicherweise nur wenige Juden Richterstellen bekleiden. Zum Schluffe wurde der E b e n h o ch'sche Schulantrag besprochen und als eine erfreuliche Thatsache hingestellt, daß in Lemberg in den unteren Claffen des Franz Josephs-Gymnasiums und der Realschule schon jetzt die jüdischen S ch ü l e r in eigenen P a r a l l e l - Abtheilungen von ihren christlichen Mitschülern abgesondert werden, was aus pädagogischen und ethischen Rücksichten in allen Mittelschulen durchzuführen wäre. Berlin, 8. November. Der Vorsitzende des Vorstandes der Reformgemeinde, Herr Stadtrath G. B o r ch a r d t, ist am Freitag Abend von jähem Tode hinweggerafft worden. Die städtische Verwaltung, der der Heimgegangene von 1879—1884 als Stadtverordneter und dann als unbesoldeter Stadtrath angehörte, verliert eines ihrer tüchtigsten Mitglieder, die verschiedensten Wohlthätigkeits-Bereine und Institute ihren Leiter und thätigen Förderer. Sein philantropisches Wirken und sein vornehmer Charakter haben dem Verblichenen auch die Werthschätzung der ihm religiös Fernstehenden erworben und sichern ihm ein ehrendes Andenken über das Grab hinaus. Paris. Die Affaire Dreyfus hat hier alle Themata des öffentlichen Lebens in den Hintergrund gedrängt. Sie sind indessen durch die politischen Zeitungen über den Verlauf dieser Angelegenheit zur Genüge unterrichtet, so daß ich darauf verzichten kann, auf dieselbe zurückzukommen. Durch das Interesse für den Fall Dreyfus werden selbst die Nachrichten aus Algier vergessen, die sonst des Interessanten genug böten. Unsere Glaubensgenossen in dieser französischen Colonie sind über die von dem Generalgouverneur Lepine verfügten Maßregeln außerordentlich erfteut, noch mehr über seine Ansprachen, in denen er das Princip der Gleichberechtigung allerdings sehr energisch betonte. Sie erhoffen von diesem Einschreiten eine durchgreifende Besserung der schwierigen Situation dort, und wir wollen ihnen wünschen, daß sie nicht enttäuscht werden. Am 7. November fand indessen abermals eine große antisemitische Demonstration statt auf dem Kirchhofe von Mustapha von Algier, allerdings sind durch die energischen Maßregeln Ausschreitungen verhütet worden. Daß unsere Glaubensgenossen in Algier durch allzu große Schwäche gegenüber den antisemitischen Exceffeu selbst viel Schuld an der Wiederholung derselben haben, beweist unter andern folgende Thatsache. Sie lassen sich es ruhig gefallen, daß die Antisemiten ganz nach deutschem Muster Adreßbücher der Juden herausgeben, obwohl es nach französischem Gesetz strafbar ist, derartige Verzeichnisse zu veröffentlichen und jede darin aufgenommene Person das Recht hat, auf Schadenersatz zu klagen. Da sind die Freimaurer andere Leute. Kürzlich veröffentlicht in Lyon ein clericaler Buchhändler ein Vkrzeichniß der dortigen Freimaurer. Flugs klagt ein Freimaurer beit Buchhändler und erzielt Erkenntniß, wonach dem Buchhändler verboten wird