Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 47 (19.11.1897)
- Date
- 1897-11-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 952 Ar. Vwch's Wochrn^christ. Nr. ^7 welchen ein wahres, tiefempfundenes Bedürfuiß vorhanden war, einzuführen. Aber gelöst wurden diese Fragen noch immer nicht, und die innere und äußere Ausgestaltung des Judenthums, seine einheitliche Organisation, seine Reform sind noch immer ein pium desidmum Aller, denen Wohl und Wehe des Juderrthums am Herzen liegt. Es wurde diesen Fragen gegenüber die Obstruction angewendet, sie wurden theils todtgeschrieen, theils todtgeschwiegen, sie wurden in die Länge gezogen und mußten endlich von der Tagesordnung der öffentlichen Discussion abgesetzt werden. Sie mußten vor der Obstruction die Segel streichen und wurden, wie man parlamentarisch sagt, vertagt. Da ist beispielsweise die Frage der Reform.. Was die großen Meister wissenschaftlicher Forschung, Zunz und Geiger, aus historischem, was die praktischen Reformer Creizenach und Holdheim auf praktischem Wege erreichen wollten, die Umgestaltung des Judenthumes und seine Anpassung den veränderten Verhältnissen der neuen Zeit, ist Stückwerk geblieben. In jenem Meer von Tinte, das für und wider die Reform verbraucht wurde, ist diese selbst elendiglich ertrunken, und es ist heute wieder so weit gekommen, daß der schüchternste Refornwersuch von der starren Rechtsgläubigkeit als Unglauben und verdammenswerthe Ketzerei verrufen wird. Unsere Orthodoxie geberdet sich so, als ob sie den ganzen Himmel gepachtet hätte, sie monopolisirt den rechten Glauben und donnert eine jede noch so begründete und nothwendige Reform nieder. Sie verfügt über eine vortreffliche Lunge und übertönt und überschreit eine jede Stimme der sich regenden Vernunft. Was sie gegen die Reform anwendet, die Waffen, die sie gegen eine jede Neuerung schwingt, ist nicht mehr ein regelrechter Kampf, ist ein förmliches Kesseltreiben. Der Kampf zwischen alter Glaubenstreue und moderner Weltanschauung ist keine Parlamentarische Schlacht mehr, sondern die häßlichste, wildeste Obstruction, die je getrieben wurde. Da ist ferner die Frage der jüdischen Wissenschaft, die am Anfänge dieses Jahrhunderts angeregt wurde, in den ersten Jahrzehnten einen Zug der Größe besaß und nun immer mehr verflacht. Der zunehmenden Erkenntnis; von der Bedeutung wissenschaftlicher Forschungen hat sich auch das Judenthum nicht verschlossen, aber eine übelangebrachte Obstructionspolitik hat ihre schönsten Hoffnungen zerstört. Diese besteht theils im Todtreden, theils im Todtschweigen. Todtgeredet wird die jüdische Wissenschaft von ihren jüdischen Pflegern, die durch den Reichthum der Worte den Mangel au Gedanken verdecken wollen. In dem Schwall von Büchern jüdisch-wissenschaftlichen Inhaltes findet man nur selten ein Werk, das den Interessen des Judenthums dienen und zugleich einen wissenschaftlichen Werth besitzen möchte. Das ist die Todtrede-Politik, ein ganzes Meer von Worten, auf welchem das Kähnlein jüdischer Wissenschaft ziel- und planlos umhertreibt. Todtgeschwiegen wird sie von den übrigen Factoren unserer Geistesthätigkeit, von der Presse, dieser prostituirten Trägerin der öffentlichen Meinung, und von den Akademien und Universitäten, den Pflegestätten einer staatlich geaichten Wissenschaft. Unter der Last dieser Obstruction krümmt sich die jüdische Wissenschaft und befindet sie sich in der trostlosen Lage einer Scheinexistenz; anstatt zu blühen, vegetirt sie, statt den Geist des modernen Judenthums zu bestimmen und von ihm befruchtet zu werden, wird sie von ihm nicht beeinflußt und übt ihrerseits auch auf ihn keine Wirkung. Da sind schließlich die gewaltigen Probleme, die das moderne Judenthum lösen muß. Die Fragen seiner Orgmiisation, seiner politischen Stellungnahme und schließlich, aber nicht zuletzt, der Antisemitismus mit seinen Begleiterscheinungen, zu welchen auch die Abwehrfrage und der Zionismus gehören. Wie viel Anträge wurden gestellt, wie viel Zehn-Minnten-Pausen wurden beantragt, wie viele namentliche Abstimmungen wurden herbeigeführt, ohne daß auch ein einziges dieser Probleme gelöst worden wäre! Wie viel wurde berathen, wie viel hiu und her deliberirt, und das Endergebniß — daß wir auch nicht um einen Schritt vorwärts gekommen sind. Die Organisation läßt noch immer auf sich warten, und es ist heute wie in jenen Tagen, da Zerrüttung war in Israel. Wir sind politisch eine Null, eilt Factor, den Niemand ernst nimmt und der in die Staatsfragen wohl dreinreden kann, aber bei ihrer Lösung nicht mitthun darf. Es ist uns noch nicht gelungen, auch nur einen scheinbaren Erfolg gegen den Antisemitismus zu erringen, und unseren Abwehrbestrebnngen ist es noch immer nicht geglückt, auch nur eine antisemitische Katze aus dem Ofen zu locken. Es wird auch nicht über die Nützlichkeit oder Ausführbarkeit der zionistischen Idee berathfchlagt, nicht ihre Vor- und Nachtheile gegeneinander abgewogen, nur Schmähungen und Schimpfworte werden gewechselt, und anstatt mit Argumenten, wird mit Verdächtigungen und Verleumdungen gearbeitet. Was wir auf sämmtlichen Gebieten des modernen Judenthumes beobachten können, ist die in Permanenz erklärte jüdische Obstruction, die nunmehr fast ein halbes Jahrhundert dauert. Und was dabei ani traurigsten, ist der Umstand, daß die Folgen dieser Obstruction nicht auf einige zerbrochene Lineale, zerschlagene Prlltdeckel sich beschränken, daß sie nicht den leicht zu verschmerzenden Sturz eines leicht ersetzbaren Cabinets, sondern — es steht dies zu befürchten — den Sturz und den Untergang des Judenthums herbeiführen kann, tunäem? Proßnitz. Rabbiner Dr. L. Goldschmied. Correspondenzen. Wien. (A u s d e r Plenarsitzung d e s Borst a n d e s der Wiener israelitischen C u l t u sgemeinde vom 15. November 1897.) Unter dem Vorsitze des Präsidenten Herrn kaiserlichen R a t h e s K l i n g e r. Zur Verlesung gelangen: Zustimmungsschreiben zu der Protestkundgebung des Wiener Cultusvorstandes anläßlich der von Dr. Neumayer im Gemeiuderathe vorgebrackten Anwürfe gegen die jüdische Religion von den Cultusgemeiuden Friedek - Mistek, Böhmisch - Leipa, Klattau, Melnik. Der Präsident widmet dem verstorbenen Herrn Ignaz Bobelle, welcher durch 40 Jahre Vorsteher der Armenanstalt und Obmann derselben war, einen warmen Nachruf, er gedenkt der großen Verdienste, welche sich der Verstorbene um das Armenwesen erworben hat. Der Präsident erwähnt: An die Familie des Verstorbenen, sowie an den Vorstand der Armenanstalt wurden Condolenzschreiben gerichtet; der Vorstand der Cultusgemeinde war bei der Leichenfeier corporativ vertreten. Die Trauerkundgebung wurde dem Protokolle einverleibt. Der Präsident gibt sodann einen Ueberblick über die Cultussteuereingänge, welche noch immer gegenüber den gehegten Erwartungen weit Zurückbleiben und macht weiters nachstehende Mittheilungen: Anläßlich des 50jährigen Doctorjubilänms unseres berühmten Glaubensgenossen, des Geheimen Regierungsrathes Dr. Ferdinand Cohn in Breslau wurde über Anregung des Baurathes Stiaßny und einstimmigen Beschluß des Vertreter-Collegiums vom 12. November 1897 ein Gratulationstelegramm an den genannten Gelehrten gesendet. (Lebhafter Beifall.) Das Steuer-Bezirks-Collegium für den I. Bezirk hat sich neu constituirt und gewählt: Hof- und Gerichts-Advocaten Dr. Leopold Kohn zum Obmanne, Heinrich Teltscher zum Obmann-Stellvertreter und Hofuud Gerichts-Advocaten Dr. Jacob Löwinger zum Schriftführer. Anläßlich des Berichtes über die in der Vorwoche erfolgte Ueberuabme des III. Stockwerkes des Altersversorgungshanses