Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 47 (19.11.1897)
- Date
- 1897-11-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 948 Vr. Blortz's Wochrnschrty. Rr. 47 die im Rahmen des Wirkungskreises besorgt werden können, um die Besserung der bestehenden Zustände zu erreichen. Ist die Versammlung mit diesem Programm einverstanden, so werde sie auch im kleinen Kreise zur Verbesserung der socialen Verhältnisse beitragen. Die Mitglieder des Vereines und die Gäste haben schon durch ihr zahlreiches Erscheinen zu erkennen gegeben, daß sie der Reform der Armenpflege günstig gesinnt sind. Er sei überzeugt, daß sie sich dabei von der Nächstenliebe, welche dem Juden durch seine Religionsgesetze vorgeschrieben, durch Traditionen geheiligt, in Fleisch und Blut übergegangen ist, in zahllosen Wohlthätigkeitsacten, Stiftungen, Vereinen sich kundgibt, leiten lassen. Als zweites Leitmotiv diene die gewonnene Erfahrung, welche in Allen die Ueberzeugung wachgerufen habe, daß die Armenpflege in ihrem jetzigen Zustande eine unzweckmäßige, unsystematische, nicht erfolgreiche sei. Diese Anschauungen wurden bereits in Wählerversammlungen, sowie in engeren Kreisen von Glaubensgenossen zum Ausdruck gebracht und der politische Volks verein, sowie die Mitglieder, jenes Comits, welches schon vor Monaten eine Eingabe an die Cultusgemeinde gerichtet haben, erachten nunmehr den Zeitpunkt für gekommen, eine öffentliche Kundgebung zu veranlassen und dadurch der einzuberufenden Enquete ein reiches Material vorzubereiten. Sie sind überzeugt, daß die Vorschläge, die heute erstattet werden, nicht erschöpfend sind, und erwarten neue Anregungen aus dem Kreise der auf dem Gebiete der Armenpflege an Erfahrungen reichen Gäste. Auch die israelitische Cultusgemeinde hat die Nothwendigkeit der Reform anerkannt, indem sie selbst die verlangte Enquete einberufen hat. Es müsse auch ausgesprochen werden, daß bisher schon mancherlei Reformbestrebungen aufgetaucht sind. Der Referent weist auf die großartigen grundlegenden Arbeiten des Vereines gegen Verarmung und Bettelei, auf die trefflichen Publicationen des Herrn Dr. Kunwald, auf die Vorarbeiten, welche im Wiener Gemeinderathe — freilich in früherer Zeit — von Nikola, Prob st Land st ein er, Bäche r, Rath Trabau er ausgeführt worden sind. Allein alle diese Bestrebungen haben den gewünschten Erfolg nicht erzielt. Ohne in die Ursachen näher einzugehen, müsse er doch hervorheben, daß „die Anderen" nicht wollten! Leider waren es zumeist confeffionelle Ursachen, welche der angestrebten Reform entgegenwirkten. Allein gerade hieraus gehe hervor, daß man nun an die Reform selbstständig herantreten müsse, und sich um die Anderer: nicht zu bekümmern brauche. Dieses selbstständige Vorgehen sei durch die gegebenen Verhältnisse bedingt und dürfe nicht als einseitiges betrachtet und ungünstig beurtheilt werden. Es sei auch durch den großen Umfang der jüdischen Armenpflege begründet, durch den Bestand so vieler für sich allein wirkenden Vereine und der eigenen Armensection der Cultusgemeinde. Es sei ferner begründet, durch das stark entwickelte religiös-nationale Gefühl unter den Juden, unter denen aus ethischen Gründen die Brüderlichkeit, Zusammengehörigkeit, gegenseitige Hilfeleistung noch mehr gefördert und gestärkt werden müsse. Es sind aber auch leider äußere Gründe vorhanden, welche dieses Vorgehen bedingen. Der Referent verweist auf Dr. Arnold A s ch e r's Aufsatz über „die Juden im statistischen Jahrbuch der Stadt Wien" in Dr. Bloch's Wochenschrift, in welchem der Nachweis geführt wird, wie gering der Antheil ist, der für jüdische Arme verwendet wird. Dem Rechte derjenigen, die auf die Unterstützung der Heimatsgemeinde Anspruch haben, darf nicht Eintrag geschehen, es muß vielmehr geschützt und gestärkt werden und auch in dieser Richtung werde sich die Reform nützlich erweisen. Die inneren Gründe, welche für die Nothwendigkeit der Reform sprechen, seien die Zersplitterung der Wohlthätigkeit in zahllosen, in keinem Zusammenhänge stehenden Institutionen, die unsystematische Verwendung der Mittel, die unzweckmäßige Form der Ausübung und die zahlreichen Mißbräuche, zu denen die bestehenden Verhältnisse Anlaß geben. Der Referent vergleicht die Armenpflege mit einem Thale, in dem sehr viele Quellen aufgehen, die mit einander keinen Zusammenhang haben. Die Quellen versiegen an einer Stelle, versumpfen an einen anderen, gehen in unfruchtbarem Stein verloren und wo sie uneingedämmt reich fließen, verursachen sie locale Ueberschwemmungen, während anderwärts Wassernoth herrscht. Zusammengefaßt und eingedämmt, durch Schleußen regulirt, würden sie das ganze Tbal fruchtbar machen. So müsse es auch mit der Armenpflege geschehen. Der Wohlthätigkeitssinn der jüdischen Glaubensgenossen gibt sich insbesondere dadurch kund, daß nach der Heimat gar nicht gefragt wird. Wie wir alle Menschen als Kinder eines Gottes anerkennen, so sehen wir in jedem Glaubensgenossen einen Bruder, stehen ihm hilfreich zur Seite, so weit es die Mittel gestatten. An diesem Grundsatz wird nichts geändert, wenn wir dennoch darauf bestehen, daß die zur Unterstützung der heimatsberechtigten Armen gesetzlich verpflichtete Gemeinde ihre Pflicht in vollem Umfange übe. Die von uns angestrebte Reform der Armenpflege auf dem Gebiete der israelitischen Cultusgemeinde soll demnach die Verpflichtung der politischen Gemeinde in keiner Weise berühren, kein Präjudiz schaffen, keinen Rechtsanspruch aufheben. Was wir anstreben, ist nichts anderes, als daß die bis jetzt und fernerhin von der israelitischen Cultusgemeinde, von den israelitischen Wohlthätigkeitsvereinen und von unseren Glaubensgenossen zu Armenzwecken verwendeten Mittel systematisch verwendet werden. Diese systematische Verwendung glauben wir in den in der Resolution angegebenen, hier näher zu beleuchtenden Vorschlägen skizzirt zu haben. Wir streben aber anch den ethischen Zweck an, auf dem Gebiete der praktischen Nächstenliebe jene Einigung hervorzurufen, die unseren religiösen Gefühlen, unseren Traditionen entspricht und geeignet ist, das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu kräftigen und insbesondere durch die Familien auf die Jugend zu wirken, damit sie dereinst dem Beispiele der Väter folge, wie wir auf dem Boden fortbauen, den unsere Vorfahren gut besäet haben. Verhütung der Verarmung. Damit der präventive Charakter der Armenpflege in vollstem Umfange zum Ausdruck gebracht werde, ist die A r b e i t svermittlung in umfassendster Weise zu organisiren. Dieselbe kann vorerst nur eine centralisirte sein. Sie muß sowohl die Vermittlung von Arbeit für Gewerbetreibende zum Gegenstände haben, wie auch als Vermittlungsstelle für Arbeiter aller Kategorien dienen, damit Jenen, die anderwärts von Arbeit ausgeschlossen werden, die Gelegenheit zur ununterbrochenen Fortsetzung ihrer Erwerbsthätigkeit geboten werde. Das Arbeitsvermittlungsamt wird nicht nur den mit der Armenpflege betrauten Beamten ein umfassendes Gebiet zur Bethätigung ihrer Kenntnisse, ihrer Erfahrung und ihres guten Willens überliefern, sondern auch den für die Besorgung der Armenpflege heranzuziehenden Mitgliedern der israelitischen Gemeinde, sowie im weiteren Sinne allen Glaubensgenossen ein großes Feld bieten, auf dem sie mit nachhaltigster Wirkung zur Verbesserung der Lage der erwerbsfähigen Armen, zur Förderung der Arbeitslust auf gewerblichem Gebiete, zur Bethätigung edelster Nächstenliebe Mitarbeiten können. Wirksame und rasche Unterstützung. Die Erhebungen über die Ansprüche, welche von Armen all die Gemeinde oder an die Vereine gestellt werden, sind iit den meisten Fällen Beamten überlassen, zum Theile werden sie von den Vereinsvorständen besorgt. Bei allem Eifer und aller Sachkenntnis dieser Persönlichkeiten sind diese doch schon mit Rücksicht auf die große Zahl der Petenten, sowie auf die kurze, ihnen zur Verfügung stehende Zeit nicht im Stairde, den Dienst in so intensivem Maße zu versehen, als es die Erforschung der Bedürfnisse der Armen und die richtige Auswahl der denselben zu bietenden Unterstützung erheischt. Wenit man auch meinen könnte: „Der Arme will nur Geld" — so ist das doch nicht richtig. Er will auch gehört sein, will sein Leid klagen können und ein mitempfindendes Herz kennen lernen. Auch ist oft Geld nicht das richtige Mittel, seiner Roth zu steuern. Zu diesem Zwecke bedarf er der Mitwirkung einer größeren Zahl freiwillig sich der Armenpflege widmender Mitglieder der Gemeinde und deshalb haben wir die Bestellung von Armenvätern und Armenmüttern oder Armen Pflegern und Armenpflegerinnen durch den Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde vorgeschlagen. Daß wir die Mitwirkung der Frauen empfehlen, ist nicht nur darin begründet, daß wir die Frauen für besonders befähigt halten, auf dein Gebiete der Humanität thätig zu fein, sondern auch in der Wahrnehmung, daß sich arme Frauen, und ihre Zahl ist leider eine sehr große, viel vertrauensvoller au ihre Geschlechtsgenossinnen wenden, daß ferner Frauen in der Beschaffung von Arbeit eine ungemein praktische Verwendung finden und endlich, daß wir im Wirken der israelitischen Frauenvereine einen so musterhaften Dienst kennen, daß wir aus allen diesen Gründen die Verwendung von Frauen in der systematisch organisirten öffentlichen Armenpflege als eine ebenso nützliche als nothwendige erachten. Wir sind der Ansicht, daß der Cultusvorstand eine solche Zahl von Armenpflegern und Armenpflegerinnen ernennen sollte,