Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 47 (19.11.1897)
- Date
- 1897-11-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021216--07301-3031623- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 47 Vr. Vlmtz's WochenfchrM Seite 947 tischen Cultusgemeinde in Wien für die Protestkundgebung gegen den N e u m a y e r'schen Antrag tiefgefühlten Dank und vollste Anerkennung aussprechen, andererseits sich der von dem Vorstande der Wiener israelitischen Cultusgemeinde in der öffentlichen Sitzung vom 10. October d. I. angenommenen Resolution vollinhaltlich anschließen. Von den zahlreichen Rednern erregte der ehemalige Abgeordnete Dr. Bloch nicht geringes Aufsehen, als er die jüngste Interpellation des Abgeordneten Schneider erwähnte. Der Redner erzählte die Entführungsgeschichte des kleinen Schestak durch den vazirenden Kellner Grünfeld und coustatirt, daß auf den Klang des Namens hin sofort das Blutmärchen erzählt und verbreitet wurde, obzwar Grünfeld gar kein Jude ist, ja nicht einmal von jüdischen Eltern abstammt. Dr. Bloch erklärt, für ihn bestehe kein Zweifel, daß der Mechaniker Schneider u m diesen Umstand gewußt habe, als er seine Interpellation einbrachte. Dr. Bloch behauptete auch — und er übernahm ausdrücklich die B e r a n twortung für die Richtigkeit seiner Angaben — daß Gesinnungsgenossen Schneider's mit Grünfeld unter einer Decke gespielt, ja daß Grünfeld den kleinen Schestak auf An stiften der Wiener antisemitischen Agitatoren entführt habe, damit diese Gelegenheit haben, „den Juden Eins zu versetzen", wie dies auch bei der berühmten Tisza-Eszlarer Affaire der Fall gewesen sei, wo die Antisemiten die Ester Solmossy umgebracht haben, um den Inden die Schuld in die Schuhe zu schieben. Redner verweist aus einzelne Facten in der agitatorischen Vergangenheit Schneider's, welche. Entrüstungsrufe bei der Versammlung Hervorrufen, citirt auch die Zeugnisse von Päpsten, daß wiederholt unbarmherzige christliche Eltern ihre Kinder ermordeten, um die Juden des Mordes anzuklagen, und erinnert auch an die jüngsten Vorfälle in einer kleinen Stadt im Regierungsbezirk Posen und kommt zu dem Resultat, daß der Fall Schestak ein geplantes Bubenstück antisemitischer Hetzer gewesen. Dr. Bloch schloß mit den Worten: „Diesmal ist das Schelmenstück nicht geglückt, aber es ist traurig, daß solche Leute in Oesterreich Gesetzgeber sind." (Lebhafter Beifall.) Kaufmann H o f b a u e r gab seinem Bedauern über die von jüdisch-nationalen Studenten provocirten Auftritte an der Universität Ausdruck, zog dasselbe jedoch zurück, als die Herren Dr. Landau und Stud. S ch a l i t im Namen der zahlreich anwesenden jüdischen Studenten die Aufklärung gab, daß diese Demonstration jenen jüdischen Studenten galt, die als Mitglieder liberaler Studentenverbindungen sich an der bekannten Ovation vor dem Parlamente betheiligten. Zur Deform der Armenpflege an der Wiener Cultusgemeinde. (Plenar-Derfammlung des Politischen Dolks-Vereines vom 11. November 1897.) Vorsitzender: Vereinspräsident Herr Dr. Hermann Fi alla. Tagesordnung:Discussion und Beschlußfassung „Zur Reform der Armenpflege in der Wiener israelitischen Cultusgemeinde." Nach Begrüßung der ungemein zahlreich besuchten Versammlung, in welcher sich als Gäste Mitglieder des Cultusvorstandes, Vorstandsmitglieder der „Union", die Obmänner einer Reihe israelitischer Wohlthätigkeitsvereine, unter diesen insbesondere Frau Regine K o p st e i n als Vicepräsidentin des „Frauenhort" und Frau Sofie Grünfeld als Präsidentin des „Ferienheim", eingefunden hatten, widmete der Vorsitzende Herr Dr. F i a l l a dem actuellen Gegenstände der Tagesordnung einige einleitende Bemerkungen, in welchen er unter Anderem betonte, daß es nicht Zweck der heutigen Berathung sei, uns etwa gegenseitig zum Wohlthun zu ermuntern und den Quell der Nächstenliebe zu beleben, obgleich die auffällige Thatsache nicht verkannt werden dürfe, daß die freiwilligen Spenden zu den Wohlthätigkeitsanstalten der Gemeinde inl heurigen Jahre einen ungewöhnlich großen Ausfall gegen früher bekunden. Wenn, sagte der Redner, von mancher Seite dieser Ausfall auf die eingetretene erhöhte Besteuerung der Gemeindemitglieder zurückgeführt werden will, so möchte ich denn doch zur Ehre unserer wohlhabenden Steuerträger diese Erscheinung aus anderen, in den Gesammtverhältnissen liegenden Ursachen erklären, denn so weit sind wir nicht gelangt, daß wir Juden den armen Geschwistern des Lebens Nothdurft entziehen, weil wir der Mutter leisten, was ihres Rechtes ist. (Beifall.) Doch darüber ein andermal mehr. Heute handelt es sich in dieser Berathung nicht um die Frage was, sondern wem und wie gegeben werden soll und darüber werden Vorschläge unterbreitet werden, welche unter Anderem auch die Heranziehung der Gemeindemitglieder selbst zur unmittelbaren und systematischen Ausübung der Wohlthätigkeit bezwecken, wodurch wir neben der Verbesserung der Armenpflege auch einen hohen ethischen Zweck zu fördern hoffen. Wenn wir durch einen solchen unmittelbaren Contact die Noth und das Elend unserer Glaubens- und Stammesgenossen uns selbst näher bringen werden, so zweifeln wir nicht, daß es dadurch auch gelingen wird, den Sinn für die Leistungen und diese selbst zu steigern und die heilige geweihte Tradition des Wohlthuns auch auf unsere Jugend und Nachkommen ungemindert zu übertragen. (Allgemeiner Beifall.) Wahrlich, die Zeit, in welcher man wiederum die confesfionelle Trennung in den Schulen durchzuführen beginnt, in welcher die Erwerbs gebiete unserer Glaubensgenossen immer mehr eingeengt und beschränkt werden, in welcher uns seitens der politischen Gemeinde, welcher „das fühlende Herz" für uns gänzlich abhanden gekommen zu sein scheint, die öffentlichen Wohlfahrtseinrichtungen immer mehr versperrt werden — diese Zeit und Verhältnisse verweisen uns auch auf dem Gebiete der Armenpflege auf engsten Zusammenschluß, auf eine umfassende Organisation, auf Sammlung aller unserer Kräfte, mit denen wir die Aufgabe lösen möchten, welche in zwei Worten sich zusammenfaßt : Der Armuth zuvorkommen und ihr aufhelfen! (Stürmische Zustimmung.) Als fernes, weitab liegendes Ziel schwebt mir das Ideal vor, daß einmal die Forderung eines Minimums für jeden unserer Stammesbrüder erfüllt werde — eine Forderung, die den socialistischen Strömungen unserer Zeit entspringt und in deren Würdigung ich ausrufen möchte: >8xerats miseri, cavete felices« — „Hoffet endlich ihr Armen und Elenden und seid gewarnt ihr Reichen und Glücklichen." (Bewegung.) In diesem Sinne wollen wir an die Berathung schreiten und in diesem Sinne will ich meine einleitenden Bemerkungen schließen mit den schwungvollen poetischen, der Wohlthätigkeit gewidmeten Worten des hochgesinnten, französischen Dichters, deren Geist völlig unserem Schristthume entnommen zu sein scheint und welche lauten: „Gebt, auf daß Gott an Eure Lieben denke, „Den Söhnen Kraft, den Töchtern Anmuth schenke; „Daß Euer Weinberg früchtebringend sei — „Daß Fülle herrsch' in Eurer Speicher Räumen, „Daß Ihr Euch bessert, daß in nächt'gen Träumen „Die Engel zieh'n vor Euch vorbei!" Nachdem sich der Beifall gelegt, welcher diesen Worten folgte, betrat die Tribüne als Referent für den Gegenstand der Tagesordnung Schriftsteller Herr Johann Lichtenftadt welcher sein Referat wie folgt erstattete. Derselbe knüpft an die Rede des Vorsitzenden an. der in überzeugender Weise die Wichtigkeit und Nothwendigkeit der Reform der Armenpflege auf dem Gebiete der israelitischen Cultusgemeinde dargethan habe. Er selbst werde sich deshalb die Beschränkung auferlegen, daß er sich mehr mit den Details beschäftige. Aber auch in der Richtung müsse er sich eine Beschränkung auferlegen, daß er sich nicht mit jenen Ursachen der Armuth befasse, die aus der herrschenden Wirthschafts- und Gesellschaftsordnung hervorgehen, durch welche die Ansammlung von Reichthümern in wenig Händen auf Kosten der Vielen, die Entziehung des vollen Ertrages des Arbeiters, und die ungenügende Arbeitsbeschaffung resulttren. Die Wichttgkeit und Nothwendigkeit, dagegen Abhilfe zu schaffen, leuchte Jedermann ein, und es müsse als Aufgabe der nächsten Zeit betrachtet werden, eine Lösung dieser Fragen herbeizuführen. Diese friedliche Lösung zu bewirken, bilde erst die Hauptaufgabe des nächsten Jahrhunderts und die besten und edelsten Kräfte müssen sich ihr zuwenden — aber auf dem engen Gebiete der Armenpflege einer Gemeinde könne man diese Lösung nicht suchen. In dem engen Kreise müsse man bestrebt sein, momentane Noth bestens zu lindern, jener Verarmung entgegenzuwirken, der man mit gegebenen Mitteln beikommen kann und solche Einrichtungen zu treffen,