Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 47 (19.11.1897)
- Date
- 1897-11-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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^>cite 946 Dr. Vloltz's Wochenschrift. Nr. 47 Jahren tauchte der junge Hubermann mit seinem geradezu genialen Biolinspiel auf, und alle Welt schreit von Mirakel .... Kaum hat man sich vom ersten Staunen erholt, so wiederholt sich dieselbe Erscheinung in dem eben jetzt der Oeffentlichkeit übergebenen Max W o l f s t h a l. Vor Kurzem trat er in einer Symphonie-Aufführung des Neuen Orchesters auf und machte gerechtes Aufsehen. Am Montag hörten wir ihn nun iu einem eigenen Concerte, wo er Max Bruch's erstes Geigenconcert, Wieuiawsky's „Faustphantasie" und ein paar Sarasatesche Stück nicht nur technisch durchwegs meisterhaft, sondern mit vollendetstem Geschmacke, mit tiefstem Verständniß und mit jener Kühnheit und Freude an Schwierigkeiten spielte, die den echten Virtuosen kennzeichnen. Der Wunderknabe Wolfsthal ist nur mit dem größten Maße zu messen. Der Erfolg des jungen Künstlers war ein großartiger. Max Wolfsthal ist ein 12jähriger jüdischer Knabe aus Galizien, als Violinkünstler ein Rivale von Hubermann; er wurde ausgebildet durch den vortrefflichen Meister Herrn Prof. I. M. Grün. _ Oesterreichisch - Israelitische Union. Mit einem Vortrage Seiner Ehrwürden des Herrn Obercabbiners Dr. G ü d e m a n n leitete die Oesterreichisch-Jsraelitische Union Samstag den 13. d. M. die Reihe ihrer Plenarversammlungen in der diesjährigen Vereinssaison ein. Zu dieser hatten sich nebst zahlreichen Mitgliedern viele Gäste eingefundeu, unter welchen man die beiden Vicepräsidenten der israelitischen Cultusgemeinde Dr. Alfred Stern und Landesschulrath Dr. Gustav K o h n, die Cultusvorsteher Salo Cohn, Dr. G r ü n f e l d, von Mises und Baurath Stiaßny, den Präsidenten des „Politischen Volksvereines" Dr. F i a l l a u. A. bemerkte. Herr Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n sprach über „Die inneren Ursachen der Blüthe und des Verfalles in der Geschichte der Juden" und erntete lebhaften Beifall, der sich erneuerte, als der Vorsitzende, Präsident Wilhelm A n n i n g e r, Herrn Dr. G ü d e m a n n den Dank der Versammlung, sowie des Vereinsvorstandes votirte. Hierauf entwarf der Vorsitzende ein Bild der Thätigkeit des Vorstandes während der Sommermonate. Wir entnehmen demselben, daß der Vorstand die Verdienste seines Ehrenmitgliedes und früheren Präsidenten Herrn Cultusvorsteher Dr. G r ü n f e l d durch die Anbringung dessen Bildnisses im Sitzungssaale des Vorstandes ehrte. Zu Beiräthen des Vereines wurden ernannt die Herren: Dr. Bloch, Baurath Theodor Ritter von Goldschmidt, Landesschulrath Dr. Gustav K o h n, S. H e i t, Ignaz Kantor und Universitätsdocent Dr. S. E h r m a n n, der frühere Präsident Universitätsdocent Dr. Jos. Grünfeld. Veranlaßt durch eine Reihe von Verletzungen der Staatsgrundgesetze durch den n.-ö. Landtag und Stadtrath hielt der Verein im Mai d. I. im großen Saale der Handels- und Gewerbekammer eine Protestversammlung ab, in welcher die Herren Landtagsabgeordueter Dr. O f n e r, Gemeinderath Dr. Alfred Stern und der Bicepräsident des Vereines Herr Sigmund M a y e r die Referate erstatteten. Das Rechtsschutz-Comite des Vereines hatte Gelegenheit, in mehreren Angelegenheiten eine rege Thätigkeit zu entfalten. Nebst mehreren wichtigen Fällen ist es hauptsächlich das bekannte Schächtverbot der Gemeindevertretung von Rumburg, das dem Rechtsschutzbureau durch seinen Vertreter Dr. Wilhelm P a p p e n h e i m Gelegenheit gab, der Cultusgemeinde in Rumburg vor dem Cassationshofe zu ihrem Rechte zu verhelfen. Die am 24. Mai d. I. im Abgeordnetenhause eingebrachte Interpellation des seither verstorbenen Abg. Dr. Ambros Mayr bezüglich der Confeffionslosigkeits-Erklärung jüdischer Mittelschüler veranlaßte den Vorstand, sich mit dieser Angelegenheit eingehend zu beschäftigen. Aus den statistischen Daten, die die Cultusgemeinde dem Vereinsvorstande bereitwilligst zur Verfügung stellte, gewann derselbe die Ueberzeugung, daß diese Sache, wie soviele andere, aus bekannten Gründen aufgebauscht wurde und beschloß, an den Cultusvorstaud mit der Bitte heranzutreteu, diese Daten au competenter Stelle zur Kenntniß zu bringen. Aus dem Materiale wurde festgestellt, daß von durchschnittlich 2550 jüdischen Mittelschülern in den Jahren 1892 — 11, 1893 12, 1894 — 15, 1895 — 10, 1896 - 11, 1897 — 6 sich confessionslos erklären ließen. Von diesen 2550 Mittelschülern sind es im Ganzen IV, Percent, welche die Note „nicht genügend" in Religion hatten. Auch bezüglich des Stadtraths-Beschlusses wegen Nichtvermiethung eines der Commune Wien gehörigen Hauses in der Währingerstraße an Israeliten wurde des Principes halber der Beschluß gefaßt, an den Cultnsvorstand mit der Bitte heranzutreten. bei der Statthalterei vorstellig zu werden, daß dieser Beschluß mit den bestehenden Staatsgrundgesetzen im crassen Widerspruche stehe. Diese Mittheilungen wurden von der Vermmlung mit lebhaftem Beifalle entgegengenommen. Namens des Vorstandes der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union erstattete der Hof- und Gerichtsadvocat Dr. S. Elias in der Vereinsversammlung vom 13. d. M. das Referat über den dritten Punkt der Tagesordnung: Stellungnahme zum Anträge des Vicebürgermeisters Dr. N e u m a y e r, betreffend die Ernennung von Richtern jüdischer Confession. Dr. Elias bekämpfte sowohl den diesbezüglichen Antrag des derzeitigen Vicebürgermeisters Dr. N e u m a y e r als auch die Motivirung desselben, indem er behauptete, daß die Heiligkeit des Eides zu allen Zeiten und unter allen Völkern nicht blos lebhaft gefühlt, sondern auch klar erkannt und ausgesprochen worden ist. Nicht blos bei dem Volke, das Gott einer ganz besonderen Offenbarung würdigte, vernehmen wir wiederholt die erschütternde Warnung: „Ihr sollt nicht falsch schwören bei meinem Namen und entheiligen den Namen Eueres Gottes; denn ich bin der Herr", sondern auch bei den Heiden, denen eine vollkonimene Erkenntniß des allein wahren Gottes abging, sehen wir den Eid bei den Götterbildern mit heiliger Ehrfurcht behandelt, den Meineid aber mit den fürchterlichsten Flüchen belegt. Allerdings ist diese Ansicht von der Heiligkeit des Eides einem nicht unbeträchtlichen Theile unserer Zeitgenossen, namentlich wenn es sich um uns Juden handelt, fremd geworden^ Die Geringschätzung des Eides hat jedoch bei uns Juden nie platzgegriffen. Denn die jüdische Religion gebietet, daß nicht blos der vor Gericht abgelegte Eid, sondern auch der im gemeinen Leben, im Verkehre mit Nebenmeuschen, in unseren Gesellschaften rc. geleistete Eid heilig gehalten werden müsse. Die Motivirung des Antrages des Dr. N e u m a y e r, daß den Juden das Verständniß fehle, daß das religiöse Gefühl der Christen durch die Abnahme des Eides durch jüdische Richter auf das Empfindlichste und Rücksichtsloseste verletzt werde, widerlegt Dr. Elias dadurch, daß er nachdrücklichst betont, daß der Eid ein Act der Gottesverehrung sei, ganz unabhängig von der Sprache, in welcher der Eid' abgelegt wird und von der Person, welche ihn abgenommen hat. Der Referent bemertt, daß nicht alle Arier so ungerecht über die Juden urtheilen wie Dr. Neu m a y e r, und beruft sich auf den bedeutenden Schriftsteller Ludwig S p e i d l, der, um das Andenken des verstorbenen jüdischen Freundes — Ludwig Porges — zu ehren, am Allerseelentage in einem Feuilleton in gerechter, objectiver und unbefangener aber in entgegengesetzter Weise wi'e Dr. N e u m a y e r über das Judenthum, über die jüdische Religion, über die Moral der Juden und insbesondere über das Buch der Bücher sich ausgesprochen hat, fügt aber zugleich den Worten S p e i d l's hinzu, daß auch der Talmud nicht gestatte, was die Bibel verbiete und daß auch der Talmud betreffs der Moralität nicht hinter der Bibel zurückstehe. Dr. Elias bemerkt, daß der Antrag Dr. N e u m a y e r, sowie alle im Wiener Gemeinderathe von den Consorten Dr. N e u m a y e r's gestellten Anträge keineswegs geeignet sind, die Juden als schlechte Menschen erscheinen zu lassen, denn gerade die durch Leiden geführten Menschen sind gewöhnlich die weisesten und besten — und daß die Juden die durch Leiden geführten Menschen sind, beweisen die ebenerwähnten Anträge, die Geschichte unseres Lebens und die Geschichte der Juden überhaupt. Schließlich glaubt der Referent, aus der Seele aller anstäudigeu Juden zu sprechen, wenn er dem Wunsche Ausdruck gibt, daß der derzeitige Bicebürgermeister Dr. Neumayer sich den heiligen Eid, den er geleistet imd der ihn allen Bürgern gegenüber ohne Unterschied der Confession verpflichte, stets so vor Augen halten möge, wie jeder anständige Jude und beantragt sohin namens des Vorstandes die Resolution". „Die heutige Vereinsversammlung der Oesterreichisch- Jsraelitischen Union^möge einerseits dem Vorstande der israeli-