Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 47 (19.11.1897)
- Date
- 1897-11-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47 Vr. Bloch'» Mochrnschrtfl. Seite 945 arretirt. Der Entführer ist der Hilfsarbeiter Otto Grünfeld, in Wien geboren, nach Neu-Rausnitz in Mähren zuständig, 24 Jahre alt, katho lisch, verheiratet, Rudolfsheim, Dreihausgasse 9 wohnhaft. Grünfeld gab bei der Polizeibehörde an, den Knaben auf einem Felde gefunden und mit sich genommen zu haben. Das Kind wurde vollkommen gesund der Mutter übergeben. Die ärztliche Untersuchung Grünfeld's ergab, daß der Mann übermäßig Alkohol genossen hat. Die That dürfte er daher in unzurechnungsfähigem Zustande begangen haben. Trotzdem wurden, wie die „Corr. Wilh" mittheilt, die bezüglichen Acten zur eventuellen Einleitung des Strafverfahrens nach § 96 des Strafgesetzes (öffentliche Gewaltthätigkeit durch Entführung) an die Staatsanwaltschaft geleitet. Grünfeld, welcher nicht fluchtverdächtig ist, wurde auf freien Fuß gesetzt. Es scheint zweifellos, daß man es hier mit einem antisemitischen Bubenstück, welches gegen die Juden versucht worden, zu thun hat. Zur neuesten Judendebatte im Reichsrathe. (E i n g e s e n d e t.) Anläßlich der Debatte über die Nothstandsanträge that der christlich-sociale Abgeordnete Dr. Scheicher in dem gewohnten Bemühen, den dummen Kerl von Wien über die thatsächlichen Verhältnisse irrezuführen, folgende Aeußerung: „Er sei ein Gegner der Juden aus dem Grunde, weil diese hauptsächlich bei dem Capitalismus betheiligt sind. Es helfe nichts, wenn man hundert Mal auf den Großgrundbesitz und den alten Adel Hinweise. Redner will den letzteren nicht vertheidigen. aber es sei doch ein großer Unterschied. Wenn eine Familie seit Jahrhunderten einen riesigen Besitz hat, so sei da Niemand dadurch geschädigt worden, wenn aber ein Jude, der vor zehn oder zwanzig Jahren als ganz gewöhnlicher Schnorrer ans Galizien hiehergekommen ist, mehrfacher Millionär geworden ist, so sind es wir selbst, die dadurch geschädigt werden; unsere eigenen Geschwister und Eltern haben dafür gearbeitet, daß diese Millionen Zusammenkommen. (Beifall bei den Christlich- Socialen.) Wieder mußte es dem socialdemokratischen Abgeordneten Schrammel allein Vorbehalten bleiben, auf diese handgreiflichen Lügen mit den Zurufen zu antworten: „Was ist's denn mit dem Krupp?" „Wer betreibt die Plusmacherei in England und Amerika?" Wie dankbar wäre bei diesem Anlasse die Mission eines jüdischen Abgeordneten gewesen, wenn er in Ermanglung präciser Daten wenigstens auf die protokollirten Firmen des „Wiener Adreßbuches" hingewiesen hätte, wo sich Namen christlicher Großindustrieller, wie Lobmayer, Sarg, Miller von Eichholz, Baron Liebieg, Offermann, Braß, Dreher, Schoeller, Jäger, Geipel, Zuleger, Franz Schmidt, Haschke, Haymerle, Leitenberger, Schroll, Wagemann, Ginskey, Meinl, Medinger, Salcher, Faber, Harpke rc. rc., vorfinden, die Alle vor kaum einem Menschenalter als arme Teufel alias Schnorrer begonnen haben und sich daher nach der Theorie Scheicher's gleichfalls auf Kosten des Volkes bereichert haben! Daß der Reichthum all' dieser Großindustriellen und Großhändler nicht auf Kosten des Volkes erworben wurde, sondern daß thatsächlich mit der Schaffung und Entwicklung dieser Industrien und des Exportes der Volkswohlstand und der Nationalreichthum in den letzten 50 Jahren eine enorme Steigerung erfahren haben, was auch daraus hervorgeht, daß die Steuereinnahmen des Staates sich in dieser Epoche verzehnfacht haben, ist jedem einsichtigen Kopfe klar, wird aber von den Christlich-Socialen absichtlich dem Volke verschwiegen. Während England, Deutschland und Frankreich miteinander wetteifern, ihre Industrien und den Export zu vergrößern und auszuweiten, den Weltmarkt immer umfassender zu erobern, wird bei uns jedes industrielle Unternehmen als ein Raub an dem Volke verunglimpft und gebrandmarkt, der Unternehmungsgeist verschüchtert und gelähmt und auf diese Weise zur Auswanderung nach Ungarn gedrängt. C. M. Die Martini-Gänse. Geehrter Herr Redacteur! Ein falscher Bericht bezüglich der Martinigänse schleicht fast alljährlich durch die Blätter, und obwohl ich ihn bereits vor vielen Jahren in einem Journal berichtigte, so kehrt er doch in verschiedener Version immer wieder, wie er auch diesmal aus dem „Pesti Hirlap" in Ihr geschätztes Blatt Nr. 46 übergegangen ist. In dem betreffenden Artikel, Seite 939, heißt es: „Die Martinigänse werden dem Könige von den orthodoxen Juden überreicht. Vor Jahren, als in der Preßburger Gemeinde die Spaltung eintrat, entstand ein langwieriger Wettstreit: die Neologen reclamirten das Privilegium für sich, der Streit wurde jedoch zu Gunsten der Orthodoxen entschieden." Wie bei allen derartigen Begebenheiten dichtet auch hier die Phantasie viel Unwahres hinzu. Es ist nämlich nicht wahr, daß die „israelitische Religionsgemeinde", als sie sich vor 26 Jahren gründete, sich das Recht des „Gänseüberreichens" vindiciren wollte und diese Sache auch nur vorübergehend den Gegenstand eines Wortwechsels abgegeben hätte. Der orthodoxen Cultusgemeiude kostet dieser Brauch schweres Geld, und die neue Gemeinde, die alle Institutionen: Tempel, Schule, Friedhof, Fleischbank, anznschaffen und Beamten anzustellen hatte, hatte wahrlich dringendere Ausgaben, als daß sie sich einen solchen Luxus gestatten durfte. Die fortschrittliche Gemeinde hat also diese Ausgabe gerne den Orthodoxen überlassen und nie daran gedacht, auch nur an dem Acte des Ueberreichens theilnehmen zu wollen. Auch ist es unwahr, daß „nach der Ansprache des Gemeindevorstehers der Rabbiner um Erlaubniß bittet, den Segen sprechen zu dürfen", da der Rabbiner überhaupt nicht mit der Deputation nach Wien mitgeht. Ueber den Brauch selbst habe ich schon vor mehreren Jahren einige Versionen in Dr. Bergl's „Geschichte der ungarischen Juden" und in Zeitschriften mitgetheilt. Bor wenigen Wochen hat sich auch der in dem Artikel erwähnte Professor Tolnai in Budapest an mich um Daten gewendet, die ich ihm, soweit ich sie für wichtig hielt, mittheilte. Er scheint diese Angelegenheit zu einer culturhistorischen Studie machen und allen Minutiositäten nachgehen zu wollen, die nach meiner Meinung weder für die Cultur noch für die Geschichte von irgend welchem Belang und Werth sind. Herr Bela Toth aber, der Verfasser des Originalartikels, der denselben mit dem Geständniß schließt, daß er am Tage des heiligen Martin in wehmüthige Erinnerung verfällt, wenn er „vor einem sehr noblen und sehr geschmacklosen Kalbsfilet sitzt, das mit einer aus Liebig's extractum camis bereiteten Apothekersauce übergoffen ist", hat selbst seine Mittheilungen mit einer Sauce seiner frei spielenden Phantasie übergossen. Mit der Bitte, diesen Zeilen in Ihrem geschätzten Blatte Raum zu geben, bin ich in Hochachtung Dr. Julius David, Preßburg, 14. November 1897. Rabbiner. Zu Ehren Professor Ferdinand Cohn s, der bekanntlich in Breslau sein fünfzigjähriges Doctorjubiläum gefeiert, hat Felix Dahn ein Tischlied in deutscher und lateinischer Sprache gedichtet. Der deutsche Text des hübschen Carmens lautet: Freuen wir uns isrirnr, Meister Cohn zu haben! Alle Jubeljahre nur Bildet uns die Frau Natur Solchen alten Knaben. Aber doch in einem Stück Ist er fast zu hassen: Plötzlich hat er ohne Zahl Grimme Beester auf einmal Auf uns losgelassen. Heiter lebten wir dahin, Wie in ew'aen Ferien. Plötzlich schickt uns dieser Mann — Wie man nur so bös sein kann - Zahllose Bakterien. Er und jener.Höllenkoch Haben sie erfunden. Was nützt uns die Wissenschaft, Bei der schönen Kennerschaft Kann man nicht gesunden. Seitdem ist der Teufel los Und nicht mehr zu stillen. In dem Wein und in deni Bier, In der Lust, bald dort, bald hier Wimmeln die Bacillen. Aber heut' vergessen sein Soll es und vergeben. Er und sein Paulinelein, Ohne Dorn ein Röschen fein, Beide sollen sie leben! Bei der letzten Zeile der ersten Strophe „Solchen alten Knabeit" findet sich in den Druckexemplaren des Liedes, welche, diesen prosaischen Ausdruck gewissermaßen entschuldigend, besagt: Wollt ihr's feiner haben — Setzt: „So weiße Raben." Zum fünfzigjährigen Doctorjubiläum des berühmten Botanikers trafen Telegramme aus allen Ländern ein. Dem Jubilar wurde im Aufträge des Kaisers der Rothe Adler-Orden dritter Claffe mit der Schleife überreicht. Der Cultusminister sendete Glückwünsche. Der Rector der hiesigen Universität feierte Ferdinand Cohn als Nachfolger Alexander Humboldt's. Oberbürgermeister Bender übergab dem Jubilar den Ehrenbürgerbrief der Stadt Breslau. Die gesammte Breslauer Studentenschaft veranstaltete eine feierliche Auffahrt vor der Wohnung des Jubilars. Max Wolfsthal. An Wunder glaubt unsere nüchterne Zeit nur ungern. Vollzieht sich aber ein Wunder zwei m a l vor unseren Augen, dann heißt es d'ran glauben! Vor ein paar