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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-11-12 · 46 (12.11.1897) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
46 (12.11.1897)
Date
1897-11-12
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 46 Vr. BLortz's MochonschrM Sette 939 Wahrheit wurde zu allen Zeiten von allen Coufeffionen neidlos anerkannt. Beweis dafür, daß selbst für die Küche unserer Könige die Juden die Gänse lieferten, wofür der noch bis heutigen Tag bestehende uralte Brauch spricht, nach welchem die Preßburger Juden mit den Martini-Gänsen sogar vor die Person unserer Majestät hintreten dürfen. Heutzutage ist dies nur noch bloße Ceremonie; denn mit der französischen Küche des Hofes ist dieser bürgerliche Braten nicht mehr compatibel und die Preßburger Gänse gelangen auf den Tisch der Dienerschaft. Allein es gab eine Zeit, in der die Könige den Braten für den Martinstag als Steuer forderten. Davon gibt es in den alten Schriften genug Spuren. Weniger klar ist der Zusammenhang zwischen dem heiligen Martin und der Gans. Vergebens schrieb gerade vor 200 Jahren der deutsche Gelehrte Frommann sein heute schon so seltenes Werkchen: Tractatus curiosus de ansere Martiniano, wir wissen noch immer nicht mit Bestimmtheit, wie der pannonische Heilige zu seinem Namenstagbraten gekommen ist. Daß der gute Martin sich in die Gänsesteige verkrochals man ihn zum Bischof erwählte, das Schnattern der Gänse aber den unerwarteten Gast verrathen hätte,' ist pure Mähr, denn wann hätte sich Jemand je vor einem Bisthum versteckt? Steht ja geschrieben: „Wer ein Bisthum erkürt, gut Ding sich erkürt." Einen viel verläßlicheren Commentar dazu gibt uns die Biologie: Die Gans erreicht nämlich Mitte November den Culminationspunkt ihrer Entwicklung. Vorher ist sie noch jung, später schon alt. Um den Martinstag herum ist sie die größte Tafelzierde und die angenehmste Herzensfreude. Unsere Vorderen führten die Monatstage nicht nach Zahlen an, so wie wir; das Fest des heiligen Martin war ihnen die Bezeichnung für den elften Monat und möglicherweise kam der Bischof mit der Gans auf diese Weise in der Tradition zusammen. Das aber wissen wir schon ganz und gar nicht, warum gerade die Preßburger Juden die Martini-Gans dem König darbringen. Das Gemeindearchiv, worin etwelche Daten darüber sein mochten, wurde im Jahre 1809, während der Belagerung Preßburgs ein Raub der Flammen. Nur einige wenig glaubwürdige Anekdoten sind darüber im Umlauf. So z. B. daß zur Zeit der Tartarennoth die Preßburger getreue Judenschaft dem herumirrenden König Bela IV. die'Gänse durch das verheerende Barbarenvolk zuschmuggelte, und bei dieser Gelegenheit solche Wunder geschahen, wie zur Zeit Mosis im Lande Egypten: die Tartaren wurden von 9 Plagen heimgesucht. Nach der Version Anderer entstand der Brauch unter Karl dem III. (Kaiser Karl VI.) : die königlichen Truchsesse konnten nämlich zum Martinstag keine Gänse auftreiben und als dies der Preßburger jüdischen Gemeinde zu Ohren kam, so schickte sie für die königliche Küche eine schöne Gans. Der gute Braten fand großen Beifall und Karl der UI. gab den Preßburger Juden das Privilegium, daß sie alljährlich dem Könige selbst die Martini-Gans überreichen dürfen. Andere wieder behaupten, daß der Brauch noch jüngeren Ursprunges wäre: Kaiser Franz hätte nämlich im Jahre 1805, als er vor den Franzosen nach Preßburg flüchtete, im Auslagefenster eines jüdischen Gänsebraters eine solch prächtige Gans gesehen, daß er am andern Tag den Befehl ertheilte, daß ihm die Mische Gemeinde in Zukunft jährlich einen solch elastischen Braten liefere. Diese neueren Versionen klingen aber unglaublich. Während der Herrschaft der spanischen Etiquette konnte diese Tradition, deren Patriarchalität auf einen sehr alten Ursprung hinweist und der Rest mittelalterlicher Natursteuer zu sein scheint, unmöglich entstanden sein. Die Martinigänse werden dem Könige von den orthodoxen Juden überreicht. Vor Jahren, als in der Preßburger Gemeinde die Spaltung eintrat, entstand ein langwieriger Wettstreit: Die Neologen reclamirten das Privilegium für sich, der Streit wurde jedoch zu Gunsten der Orthodoxen entschieden. Alljährlich werden 30 bis 40 ausgewählte Gänse in die Maststeige eingestellt, woraus aber nur die größten, schönsten sechs Stück vor den König gelangen. Unter diesen hat auch die geringste ihre zehn Kilo. Wunderdinge werden vom Rupfen dieser Gänse erzählt; obwohl dabei weder Sengen noch Weißpech angewendet wird, könnte man dennoch selbst mit dem Mikroskop kein Fläumchen auf der blendend weißen Haut dieser gewaltigen Vögel entdecke;!. Die Deputation — Vorsteher, Rabbiner und ein bis zwei würdige alte Gemeindemitglieder — gelaugt iminer in der Reihe der öffentlichen Audienzbewerber vor den König. Die Gänse, mit nationalfarbigen Bändern und Blumen geschmückt, werden auf Silberschüsseln dargereicht. Auch betreffs dieser Schüsseln gehen die Meinungen auseinander. Das alte Preßburg ist die Stadt der Curiositäten und in ihrer Mitte gibt es immer wenigstens Einen Menschen, der sich mit den interessanten Sonderbarkeiten abgibt. Dieser vortreffliche Mann ist derzeit der gelehrte junge Professor Wilhelm Tolnai. Bon ihm habe ich erfahren, daß die Gemeinde prächtige alte Schüsseln besitze, welche zu dieser Ceremonie dienen. Hofleute indessen behaupten, daß den Juden immer Schüsseln aus der königlichen Küche geliehen werden. Die Ansprache vor Sr. Majestät hält der Gemeindevorsteher. Hernach bittet der Rabbiner um Erlaubniß, den üblichen Segen auf den König bedeckten Hauptes sagen zu dürfen. Wie bereits gesagt, gelangen die Gänse jetzt in die Küche der Dienerschaft. Denn — ich muß wieder auf diese Elegie zurückkommen — der Gänsebraten ist schon aus der Mode gekommen; er ist nunmehr blos der Feiertagsbraten der minderen Leute. Hie und da hängt noch ein vornehmes jüdisches Haus an der Tradition. — In Preßburg würde man mich, den Sänger uralten Ruhmes, vielleicht gar zu einer solchen glänzenden Mahlzeit laden — Budapest aber ist schon zu modern. Jüdische Gänsebrater gibt's wohl noch da, sie stehen jedoch nicht mehr im Dienste der edlen Gourmandise. Ich schäme mich gar nicht, es zu gestehen. Dann und wann bleibe ich vor einer Auslage stehen, über welcher jene gewissen drei hebräischen Buchstaben prangen, und schaue die im Becken bräunenden Gänse traurigen Blickes an. Es sind prächtige Exemplare — ich würde mich gewiß versündigen, wenn ich es leugnen wollte — und die Spur der mästenden Kunst erkennt man leicht an ihnen; aber Kunst — Kunst ist nicht mehr daran. Das Braten ist nur mehr Werk der Speisefabrication, dieses fürchterlichen, modernen Handwerkes. Dieser Braten ist nur dazu da, um von dem armen Mann nach Dekagewicht gekauft, in Zeitungspapier gehüllt und unter der Achsel nach Hause getragen zu werden. Die patricische Pracht, das Wohlleben, mit einem Worte, die Aristokratie verbreitet nicht mehr Glanz über den rosafarbigen Dicht — leugnen Sie es nicht, Herr Doetor, auch das verstehen Sie — aber ach, das war die eigentliche Vornehmheit. Darum verfalle ich am Tage des heiligen Martin in wehmüthige Erinnerung, wenn ich vor einem sehr noblen und sehr geschmacklosen Kalbsfilet sitze, der mit einer aus Liebig's extractum camis bereiteten Apothekersauce übergossen ist. (»Pesti Hirlap .«) Bela T6th. Deutsche Hiebe für die Antisemiten. Wenn man das immer frecher und gesetzloser werdende Auftreten der Antisemiten betrachtet; wenn man sieht, wie nach und nach so viele sogenannte Liberale sich den Geboten der ultranationalen Judenfeinde fügen oder ein clericales Mäntelchen umhängen, so möchte man fast an der Zukunft Oesterreichs verzweifeln. Aber noch ist die Finsterniß nicht ganz hereingebrochen und zu unserem Tröste erscheint noch hie und da ein glänzender Stern, Aufklärung und Menschenliebe ausstrahlend. Wie ein solches, die Finsterniß durchbrechendes, das Treiben der Dunkelmänner grell beleuchtendes Gestirn erschien mir ein eben erschienenes Biichlem, klein an Umfang, aber reich an edlem Gehalt, an treffendem Witz und scharfen Geißelhieben für dumme Rückschrittler, politische und religiöse Heuchler und Antisemiten. „Wasser-Ringe. Zeitgedichte aus Oesterreich", ist der Titel des beim Berlagsmagazin in Zürich erschienenen Buches und als Verfasser ist Chillonius ans dem Titelblatte genannt. Ich glaube nicht zu fehlen, wenn ich verrathe, daß sich unter diesem Pseudonym Baron Josef Doblhoff, ein Mann unbezweifelt reinster deutscher Abstammung aus einer gut christlichen Familie verbirgt, ein Mann, der Liberalismus und Ehrenhaftigkeit von seinem Vater geerbt hat und den selbst der frechste Antisemit nicht zu verleumden oder zu beleidigen wagen würde. Wie er über die Leute denkt, die jetzt bei uns das große Wort führen, sich bald für die frömmsten Christen, bald für die reinsten Deutschen od r patriotischesten Oesterreicher ausgeben, das mögen einige Gedichte aus seinen „Wasser-Ringen" beweisen. Ich wählte sie auf's Gerathewohl, wie ich in seinem Büchlein blätterte. Politische Mode. Alles ist Mode, wozu sich quälen? Jetzt ist es Mode, schwarz zu wählen, Juden zu braten oder unverhohlen Sich von Fürst Bismarck Fußtritte zu holen.

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