Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-11-12 · 46 (12.11.1897) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
46 (12.11.1897)
Date
1897-11-12
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021215--07283-3031604
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 930 Dr. BUntz's Woltzrnschrtfr lltr 46 Dieses scheußliche Verhältnis; blieb nicht ohne Folgen. Dreimal war sie schwanger und dreimal verstand es dieser Unmensch, das keimende Leben abzutödten und zu beseitigen. Aber die Juden sind „unmoralisch". Als sie zum viertenmal schwanger ward, half ihm seine Kunst nicht mehr: „Der Krug wollte nicht mehr Wasser tragen". Es war auch höchste Zeit! Diesmal wollte das Kind den Weg seiner Geschwister nicht gehen, es capricirte sich darauf, seine unnatürlichen Erzeuger kennen zu lernen und damit die Welt von einem Monstrum zu befreien. Als die Stunde der Entbindung da war, und Bojidaroff sich dennoch entschließen mußte, weibliche Hilfe zu reqniriren, sperrte er die sich in Schmerzen Windende allein im Zimmer ein und ging in irgend eine entlegene Vorstadt, um eine Hebamme zu holen. Durch diese wurden Bojidaroff's Schandthaten entdeckt. Eine Stunde darauf war der Verbrecher, der „von Gott Geschenkte", der Chef der antisemitischen Partei, verhaftet. Ter Gerichtshof trat zusammen, der heilige Synod hielt eine besondere Sitzung; die Tochter stand als furchtbare Anklägerin ihrem Vater gegenüber; sie entdeckte die haarsträubendsten Details, die wiederzugeben mir das Sittlichkeitsgefühl verbietet. Man berieth, was mit diesem Kinde eigentlich zu geschehen habe. Im vorigen Jahrhundert hätte die Kirche dieses Kind sicherlich mit dem Feuertode bestraft. Es hieß, daß man es in einem Kloster fern von der Welt erziehen werde, und wohl wäre ihm gewesen, wenn dies geschehen wäre. Ebenso sprach man davon, die Mutter dieses Kindes in ein entlegenes Kloster zu verweisen u. s. w., u. s. w. Man sprach und combinirte allerlei mittelalterliches Zeug. Aus dem Ganzen wurde nichts. Das Kind wurde einer Amme übergeben, die Matter ging zu Verwandten und der unmenschliche Vater wurde wegen Unzucht und gewaltsamer Schändung einer Minderjährigen zu 12 Jahren schweren Kerkers vernrtheilt. Er starb noch vor Abbüßung seiner Strafzeit. Was aber that die Tochter, die ihrem Kinde Mutter und Schwester war? Anstatt sich von der Welt gänzlich zurückznziehen, anstatt in strengster Zurückzogenheit ihr geschändetes Leben zu verbringen, fand sie, daß sie noch za jung sei, um der Welt zu entsagen und stellte sich auf Freiersfüße. Und es fand sich in Bulgarien noch ein dunkler Ehrenmann, der sie zum Altäre führte. Und wiederum war es ein berüchtigter Antisemit, ein Herr I ..ff mit Namen, ein Advocat, der sich zu dieser Ehe entschloß. Die Hochzeit fand durchaus nicht in aller Stille, so wie es sich geziemt hätte, statt; die Braut streute sich nicht Asche auf ihr so würdiges Haupt! Tic Trauung fand in der Kirche statt. Die Braut erschien in Seidentoilette, in Myrthenkranz und Schleier. Jahre sind vergangen; ich hatte an den ganzen Vorfall längst vergessen. Ich bezog eine andere Wohnung. Das Haus hatte einen Hof und Garten, die Nachbarschaft im Erdgeschoß hatte Kinder und da kamen die Kinder der anderen Nachbarn, um mit Jenen zu spielen. Unter den Kindern bemerkte ich Eines, das mir durch seinen Schmutz auffiel. Es war ein Knabe von ungefähr 4 Jahren mit einem aufgedunsenen, durchaus mit Wunden bedeckten Gesicht, der trotz seines Alters unverständliche Worte stammelte, widerwärtigohne gleichen. Jetzt nach so vielen Jahren, wenn ich mir es vorstelle, schaudert es mich ebenso, als ob ich es leibhaftig vor Augen sähe. Er war das sogenannte „Kaporehändel" der Kinder; er wurde zu keinem Spiel zugelassen, geschlagen, mißhandelt, so daß cs wahrlich ein Jammer war. Er wurde nie anders als „Copil", im Bulgarischen „Bastard", genannt. Es interessirte mich, zu wissen, wer denn dieser Sündenbock sei, und da erfuhr ich, daß es der Erbe und Stammhalter des ehrcnwerthen Bojidaroff'schen Hauses und daß er berufen sei, einst diesen würdigen Stamm fortzupflanzcn, damit ja nicht der Antisemitismus zu Grunde gehe. Und seine Mutter, die Frau Dr. I ...... ff? Sie schämte sich ihres Kindes durchaus nicht, sie besuchte es so oft als möglich. -i- * -i- Dies ist in kurzen Worten die Geschichte des berüchtigsten Antisemiten Bulgariens; dies ist der Lebenslauf eines Individuums, das sich erfrechen konnte, die allgemein anerkannte Moralität der Juden zu verlästern. Dies ist das Walten eines Menschen, der vom Scheitel bis zur Sohle eine Cloccke war, und der den Muth, die Schamlosigkeit hatte, einen Monat zuvor die Feder zu ergreifen und vor die Oeffentlichkeit zu tteten, um zu verkünden, die Inden feien „schmutzig und sittenlos". Es geht dem Judenthum, wie dem stolzen Schwan, der den Neid und die Bosheit der Raben erregt hatte. Es that ihnen weh', ihn so weiß und sich so schwarz zu sehen, und da beschlossen sic, ihn auch schwarz zu machen. Und da thaten sie sich zusammen und bewarfen ihn mtt Koth über und über und konnten niemals ihr Ziel erreichen, denn er tauchte jedesmal unter und kam immer wieder schneeweiß hervor, während sie infolge deffen, daß sie ihre Schnäbel in den Koth eingetaucht hatten, über und über besudelt waren. (Korrespondenzen. Wien. (Die er st e S ch l ap p e.) Die Christlich-Socialen haben die erste empfindliche Niederlage erlitten, die sich zudem noch als eine persönliche Schlappe Dr. L u e g e r's qnalificirt. Bei der Gemeinderathswahl in Baden, wo die Christlich-Socialen in den letzten Jahren eine dominirende Stellung einnahmen, ist nicht ein einziger Anhänger Dr. Luegers gewählt worden, obwohl dieser persönlich die Agitation geleitet und vor dem Wahllocale die Wähler abgefangen hat. Allerdings wurde dieser Erfolg nur durch ein Bündniß der Liberalen mit den deutschnationalen Antisemiten erzielt, aber er ist immerhin ein Symptom dafür, daß der „Herr von Wien und Niederösterreich" die Souueuhöbe seiner Siegestage überschritten hat. Wien. (Israelitisches Altersversorgungshaus.) Donnerstag den 4. November 1897 versammelten sich die Mitglieder des Cnltusvorstandes und zwar, Präsident H. Klinger, die Bice-Präsidenten Dr. Alfred Stern und Dr. Gustav Kohn, die Vertreter I. Hieldburghäusser, Baurath Th. von Goldschmidt, Baurath Wilhelm Stiaßny, die Vorstands- Mitglieder Dr. Alfred Berger, Dr. Josef Grünfeld, Carl Cohn, Salo Cohn und Arthur Edler von Mises im Altersversorgungshause der israelitischen Cultusgemeinde, IX., Seegasse 9 um die zur Aufnahme von Pfleglingen hergestellten Räume im II. Stockwerke zu besichtigen. Nach erfolgter Besichtigung begaben sich die Vorstandsmitglieder in das im selben Hause befindliche Betlocale, woselbst Herr Baurath von Goldschmidt als Obmann der III. Section dem Präsidium für die energische Durchführung dieser Angelegenheit, sowie dem Erbauer des Hauses Herrn Banrath Stiaßny für die mustergiltige und selbstlose Ausführung der einschlägigen Bauarbeiten den wärmsten Dank zum Ausdrucke brachte. Präsident kais. Rath Klinger sprach namens der Gemeinde dem Erbauer des Hauses, der sich hierdurch ein bleibendes Denkmal in der Cultusgemeinde errichtet hat, den Dank aus und gedachte bei diesem Anlasse der Verdienste des Herrn Philipp Thorsch, welcher über Vermittlung des Vice-' Präsidenten Dr. Stern durch die munificente Spende von 12.000 fl. in thatkräftiger Weise dazu beigetragen hat, daß das Haus nunmehr in allen seinen Räumen seiner wohlthätigen Bestimmung zugeführt werden kann. In tiefgefühlten Worten sprach Baurath Stiaßny für die ihm widerfahrene Ehrung seinen Dank aus. Das Haus, welches bis nun 92 Pfleglingen Obdach und volle, gute Verpflegung gewährt hat, wird nunmehr in der kürzesten Zeit 142 Greise und Greisinnen beherbergen. -Baden, 9. November. (Zur Gemeindewahl.) Nach dem Falle Prof. M a r ch e t s bei der letzten Reichsrathswahl waren die Anhänger F o l l e r's auf dessen Thätigkeit und Erfolge sehr gespannt, indeß was man von ihm hörte, war nichts weniger als erfreulich. Auf das Programm der „Deutschen Volkspartei" gewählt, mußte er bald aus dem Club dieser Partei austreten. Da ließ ein großer Theil der Anhänger Foller's die Köpfe hängen und nach der von Foller durchgeführten Sprengung und Auflösung der Badener Gemeindevertretung verdunkelten sich die schönen Aussichten Foller's, der glaubte, er werde mit mindestens 20 Christlichsocialen wieder in die neue Gemeindevertretung einziehen und die Bürgermeister- und Gemeinderathsstellen nach seinen; Belieben vertheilen. Knapp vor der Wahl im III. Wahlkörper versammelten sich die jüdischen Wähler im Hotel „Ransnitz" und beschlossen einstimmig für die fortschrittlich-nationalen Compromiß-Candidaten umso gewisser energisch einzutreten, als die persönlichen Eigenschaften dieser Männer volle Beruhigung boten. Die jüdische Wählerschaft war sich bewußt, daß diesmal viel von ihrer Haltung abhänge und bestrebt, eine ruhige, sachliche, die Hebung Badens anstrebende Gemeindevertretung schaffen zu helfen, darum bot die jüdische Wählerschaft alles auf, um den Compromißparteien zum Siege zu verhelfen. Daß die christlichsocialen Hetzer und ihr Obergott Lueger wie vom Blitze getroffen, von dem überraschenden Resultate des Verlustes ihrer bisher festen Burg des III.-Wahlkörpers ganz betäubt zusammenknickten, ist selststredend. Umso freudiger ist aber die Stimmung in der Badener Bevölkerung. Wie von einemMpendrucke befreit, athmet Alles auf.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.