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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-11-12 · 46 (12.11.1897) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
46 (12.11.1897)
Date
1897-11-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 46 Seite 929 . Pr. Vlorh's Wochrnsitzrifl. aufstellen zu wollen. Im Uebrigen kann es ja unmöglich im Interesse der Alliance liegen, noch ihre Absicht sein, sich durch eine solche Handlungsweise fortan auszuzeichnen, die geradezu eine eigenhändige Bloßstellung vor aller Welt wäre. Darum ist nur anzunehmen, daß der Leiter der neuen Alliance-Schule in Alexandrien falsch verstandene Bestimmungen befolgt, wenn auch die Ansicht statthaft wäre, daß er, von allzu großem Eifer getrieben, die Einkünfte möglichst hoch zu schrauben, nur zahlfähige Kinder aufnehmen will. Wie dem nun auch sei, eine Thatsache, die nicht länger verschwiegen und verborgen bleiben konnte schon in Folge der lauten und berechtigten Klagen vieler armer Leute, ist somit in aller Oeffentlichkeit zur uöthigeu Kenntnißnahme gebracht und eine heilige Pflicht zugleich erfüllt worden. Nun liegt es einzig und allein all dem guten Willen der Centralleitung' in Paris, in die Sachlage eine Wendung zu bringen und Besserung zu schaffen. Die neue Schule muß von der falschen Bahn, die sie gegenwärtig einschlägt, noch rechtzeitig abgelenkt werden. Dann wird mich der Fehler, welcher begangen, und der Uebelstand, welcher geschaffen wurde, schnell beseitigt sein. Indem schließlich der Hoffnung Ausdruck gegeben wird, daß die vorgebrachten mißlichen Thatsachen Abhilfe findeil, mag noch der Wunjch ausgesprochen werden, daß i it Zutuns t dieselbe m e n s ch e n f r e u n d l i ch e T h e i l n a h m e und dieselbe w o h l w o l l e nd e Behandlung d e n armen aschkenasis ch e n, wie den bedürftigen s e p h a r d i s ch e n Kindern widerfahren möge! Denn in dieser Beziehung ist im ganzen Oriente schon sehr viel gefehlt worden, und es wären Einzelheiten zu berichten, die aus die deutschsprechende Judenheit der ganzen Welt einen nicht geradezu angenehmen Eindruck macheir würden. Aber auch die „Alliance Jsraölite Universelle" würde ihre Rechnung nicht dabei ftubeir. Felix F r i e d e n st e d t. Ein bulgarischer Antisemitensührrr. Es mochte ungefähr im Jahre 1884 oder 1885 gewesen sein, als ich während meines Aufenthaltes in Sofia einen Bulgaren fast täglich in eine Buchhandlung, die sich in meiner nächsten Nachbarschaft befand, kommen sah. Der Inhaber dieser Buchhandlung, ein Herr K.... ff. gehörte der damaligen Oppositionspartei an und daher war sein Laden mehr der Versammlungsort jener Umstürzler, die später in Bulgarien schreckliche Wirrnisse angerichtet haben, welche mit der Entthronung weiland des Fürsten Alexander, des berühmten „Helden von Slivnitza", endigten. Der größte Theil aller Derjenigen, die an dieser Schandthat theilgenommen haben, hat ein nur zu verdientes, trauriges Ende gefunden. Gleichzeitig aber war diese famose Buchhandlung auch der Mittelpunkt der. antisemitischen Hetzereien und der Hculptagitator auf diesem so fruchtbaren Boden, der Chef dieser Partei, war nun jener Bulgare. Dieser Mensch flößte mir gleich von Anfang an, und ohne daß ich überhaupt noch wußte, wer und was er sei, einen unüberwindlichen Abscheu ein. Jnstinctiv. ahnte ich in ihm einen Feind und einen schlechten Menschen. Außerdem war sein Aeußeres schon darnach. ihn widerwärtig erscheinen zu lagen. Er war von mittelgroßer, untersetzter vlmnper Statur, mit einem großen wilden Kopfe, mit einem aufgedunsenen cyauotischen und, wenn ich nicht irre, auch blatternarbigen Gesicht, mit einem dichten, schwarzen, ungepflegten Bart. In Haltung und Kleidung nachlässig und schmutzig bis in's Extreme. Im Monate März jenes Jahres, es war vor unseren Osterfeiertagen, gewöhnlich die Hauptperiode, in welcher diese Clique am thätigsten ist, als aus der geistreichen Feder des Herrn „Bojidaroff" eine Broschüre erschien. „Bojidaroff" — welche Derision! Boje-Dar, der von „Gott Geschenkte"! Diese Broschüre hatte, wie gewöhnlich, den Zweck, die christliche Bevölkerung gegen unsere armen Glaubensgenossen aufzuhetzen. Und wie leicht ist es, eine solche Broschüre zu verfassen! Es wiederholt sich doch immer und immer wieder dasselbe. Der Styl ist doch stets derselbe, banal und abgeschmackt; aber mein Gott! es genügt, gegen die Juden zu hetzen, über die Juden recht tüchtig loszuziehen, um gleich einige Dutzend Seiten vollgeschmirt zu haben, und, wie Boileau in seinen Satyren über die Werke Scudery's sagt: »Mais ils trouvent pouitant quoi qu’on en puisse dire, un marchand pour les vendre et des sots pour les lire.« In diesem Pamphlet hieß es nun, daß die Christen energisch gegen die Juden auftreten müßten, da das Land sonst zugrunde gehen wird, ja gegen die Fremden überhaupt (der Verfasser vergaß aber, daß er bis vor einigen Jahren selbst in der. Fremde eine Zuflucht gefunden hatte!). Die Juden seien ein schmutzig Volk, habgierig. „sittenlos und unmoralisch" und — als Piece de resistance — „die Juden brauchen Ehristenblut Daraus ist leicht zu entnehmen, welch böses Blut diese Broschüre unter der Bevölkerung gemacht. Man braucht sich auch darüber nicht zu verwundern, kann doch ein solcher Blödsinn in einem Staate wie Oesterreich, bei einer Nation, die die Prätension bar, sich zu den civilisirtesien zu rechnen, noch Bliithen treiben, um wie viel mehr in Bulgarien, das kaum erst seit einigen Jahren vom türkischem Joche befreit ward. Zum Lobe der Bevölkerung von Anno dazumal muß es jedoch gesagt sein, sie hatte von all dem keine Ahnung. Tie fünfhundert Jahre, die sie unter türkischem Joche geschmachtet, hat sie in engem Aneinanderleben mit den Inden zugebracht, da ne beide aus gleiche Weise vorn Türken mit Füßen getreten waren. Als ein Beweis mag angeführt werden, daß ein großer Tbeil der unteren Volkselasse und der Bauern den spanischen Jargon sehr gut spricht. Heute ist es anders; heute kennt bereits jeder Bauer die Sage von dem Blutmärchen, und es vergeht kaum ein Jahr, wo nicht Hetzereien versucht werden, kaum ein Osterfest, das ruhig abläuft. Vieles kommt nicht an die Oeffentlichkeit, so z. B. der folgende Fall: Vor zwei Jahren wollten zwei Bulgarenweiber, welche dazu gemietbet waren, ein von ihnen erwürgtes neugeborenes Kind bei einem Inden hinterlegen, der ahnungslos seinen „Seder" feierte und ungestört drcns lossang. Die zwei Weiber irrten sich in der Hausrhüre, da im selben Hofe auch eine Bulgarin wohnte. Als diele im Hausflur herumgehen hörte und die Thürc aufmachte und zwei Weiber ein Bündel tragend sich entfernen sah—sie hatten nämlich ihren Jrrthum bemerkt — machte sie, in der Meinung, sie hätten etwas gestohlen. Lärm. Als darauf ein Wachmann herbeieiltc, der „zufällig" ganz in der Nähe war, und man das Bündel aufmachte und den „Jrrthum" gewahrte, da half ihnen nichts, der Wachmann mußte Meldung erstatten. Was daraus geworden ist, konnte ich nicht erfahren, io lehr ich mir auch Mühe gab. Das Ganze wurde mit Stillschweigen übergangen. Armer Jude! wer weiß ob er den Morgen erlebt hätte und mit ihm noch viele Andere, wenn diese Megären sich nicht geirrt hätten! Und wie viele Andere noch! Ter scandalöse Proceß von Wrabza ist noch in Jedermanns Erinnerung, der leicht in eine Tisza- Eszlar-Affaire hätte ausarten können, wenn nicht Herr Toctor K. S t o i l o w, der jetzige Ministerpräsident, der dazumal als Advocat thätig war und ein ebenso tüchtiger Jurist als Staatsmann und viel zu aufgeklärt ist, um sich von blöden Borurrheilen leiten zu lassen, es übernonlmen hätte, diese schwierige Bertheidigung zu führen. Leider ist die Zahl Jener, die so wie er denken, viel zu gering, und diese Bulgaren, die fünf Jahrhunderte das schwere türkisch!' Joch getragen haben und die, um es abzuschütteln, entweder Katholiken oder Protestanten wurden, oder wenn sie das nicht wollten, heimlich das Land verlassen haben; diese Bulgaren, die überall im Auslande die freundlichste Aufnahme gefunden haben; die in allen Ländern Europas Geschäftshäuser gegründet und gewiß nicht zum Nutzen Anderer gearbeitet haben; die alle Schulen, Gymnasien und und Universitäten besuchen durften; diese Bulgaren, denen nirgends und niemals vorgeworfen wurde, daß sie heimatlos, daß sie Parias sind, daß ihre Eltern und Voreltern Sclavenketten getragen, und die oftmals draußen vor der Hausthüre dem Türken das Pferd hielten, während er selbst drinnen bei seinem Weibe eine angenehme Stunde verbrachte; diese Bulgaren, von denen Viele sich geschämt haben, cinzugestehen, daß sie es sind, und sich Serben nannten — sie sind heute das untoleranteste Volk. Vor einigen Jahren mußte der hochselige Großrabbiner Tr. Grünwald eintreten, weil man mehreren jüdischen Studenten die Aufnahme im Gymnasium mit der Motivirnng verweigerte, daß alljährlich zuviel Juden da wären; und die schändliche Affaire mit dem Rustschuker Teputirten, der sich zurückziehen mußte, obwohl seine Wahl eine gesetzliche gewesen, eben weil er ein Jude war, ist noch nicht vergessen. Bojidaroff war Witwer und Halle zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn. Seine Frau starb in Folge seiner barbarischen Behandlung, denn, da sein Vermögen ihr Heiratsgut war, so suchte er sich ihrer auf jedwede Weise zu entledigen. Doch die Juden sind „habgierig". Die Frau starb schweren Herzens, da sie wußte, in wessen Hände sie ihre Kinder zurückließ. Gleich nach ihrem Tode steckte er den Knaben in irgend ein Institut; die Tochter behielt er sich; uni sich des Vermögens ganz zu bemächtigen, um nicht einmal genöthig zu sein, sie zu verheirathen und ihr eine Mitgift zu geben, „schändete" dieses Scheusal sein eigen Fleisch und Blut, seine noch minderjährige Tochter! Doch die Juden sind „sittenlos". Und nicht gutwillig hat sie sich ergeben, nein! mit dem Dolche in der Hand, unter den schrecklichsten Todesdrohungen zwang er sie zu dieser Schandthat! Von der Stunde an hielt er sie von der Außenwelt abgesondert, sie konnte und durfte mit Niemand verkehren; er hielt keinen Dienstboten und besorgte alles zum Hausbedarf Nöthige allein. Da er im eigenen Hause wohnte und die damaligen Häuser Sofias nichts mit den Kasernen gemein hatten, so konnte er feisten Zweck sicher erreichen. Wie wett diese Tochter an diesen Ungeheuerlichkeiten schuld war, und ob es ihr wirklich während fast drei Jahre unmöglich war, sich Jemandem anzuverttauen, mag dahingestellt sein; genug an dem, drei Jahre lebte dieser entartete Mensch im sträflichsten Verhältniß zu seinem Kinde.

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