Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 46 (12.11.1897)
- Date
- 1897-11-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 928 Dr. »lmk's WottzrnkchrM Nr. 46 Eingesendet. Sehr geehrter Herr Redacteur! Zur „Entgegnung" der Frau Regina N e i s s e r möchte ich Folgendes bemerken: Die allgemein verbreitete Annahme, daß die „berühmte" Rahel bei jeder Gelegenheit warm für die Juden eiugetreteu sei, ist durchaus irrig. Sie stützt sich auf eine mißverstandene Stelle in Varnhagen's Buch über Rahel. Rahel habe demnach vor ihrem Tode sich dahin geäußert, das, was sie zeitlebens als die größte Schmach betrachtet — nämlich als Jüdin geboren zu sein — sei jetzt ihre größte Erhebung. Es geht also auch aus dieser Renommirstelle hervor, daß sie zeitlebens sich ihrer Abstammung geschämt hat. Aber selbst, daß sie auf dem Todtenbette andere Gefühle gehegt, kann man aus der Stelle nur dann herauslesen, wenn man sie nicht zu Ende liest. Denn sie freut sich, wie der weitere Text ergibt, auf ihrem Todtenbette der jüdischen Abstammung nicht schlechthin, sondern nur in dem Sinne, daß sie aus der Niedrigkeit der jüdischen Abstammung zu der Höhe des christlichen Glaubens erhoben worden sei — dadurch, d ß der zweite Theil der Stelle in den Citaten, die Einer dem Anderen ohne Quellenstudium gewöhnlich nachschreibt, weggelassen zu werden pflegte, ist Rahel zu dem unverdienten Ruf gelangt, zumindest auf ihrem Todtenbett Sympathien für ihre Stammesgenossen gehabt zu haben. Im Uebrigen hat sie die Judenhetze allerdings in einem Privatbriefe an ihren Bruder Robert beklagt, ans dem büläufig zu ersehen, daß von ihr als Träger der judenhetzerischen Bewegung bezeichnet werden: die Professoren, wie Fries, Ruhs, „unser Verkehr." (Diese Worte „unser Verkehr" enthalten vielleicht eine gleichzeitige Anspielung auf den Titel eines damaligen antisemitischen Theaterstückes von Lessa.) Aber Rahels Bedauern blieb geheim, daß sie warm für die Juden eingetreten ist und gar bei jeder Gelegenheit, wie Regina Neisser angibt, dafür finde ich nirgends einen Anhalt. Von Jemand, der so schmerzlich seine jüdische Abstammung empfunden hat, ist eine derartige Handlungsweise ja auch nicht zu erwarten. Schleiermacher, Henriettens Seelensreund — bei der Verbindung ihrer Namen dachte ich nicht an eine eheliche Verbindung — war zwar nicht ein Antisemit im Sinne Schönerer's, aber etwas ähnliches: Kein Nationalitätsprotz, aber ein Religionsprotz. Von der Anhänglichkeit der Damen an ihre Stammesgenofien kann man also mit einem bekannten Witzwort sagen: „Sie ist historisch, aber nicht wahr". Zugegegeben, daß Henriette Herz gebildet war. Oderrichtiger unterrichtet, denn um gebildet zu sein, war sie zu sehr snob. Auch Bildung'ist für die Unsterblichkeit nicht ausreichend, man muß dazu doch schon irgend etwas geleistet haben. Eine Generation von Juden, die darauf stolz war, daß die Juden chrer Umgebung Bildung nachmachen konnten, hat die getauften drei Grazien bewundert. Wir sind der Meinung, daß wir eigene Ideen haben und selbst schöpferisch sein müfien, um die Berechtigung eigener Existenz zu haben. Hochachtungsvoll Die neue Alliance - Schule in Alexandrien. Alexandrien, 28. October. Neulich ivurde in diesen Blättern die Nachricht von der Neueröffuung einer Alliance-Schule in Alexandrien gebracht. In diesen wenigen Worten bestand, trotz der eigentlichen Bedeutung einer solchen Gründung, die ganze Mitteilung, und mit keinenl Worte wurde gesagt, aus welchem Grunde und zu welchem Zwecke die philantropische Gesellschaft in dieser Stadt, wo es durchaus keinen Mangel an sehr guten Schulen gibt, eine neue Anstalt ins Leben gerufen hat. Es ist jedoch nicht, wie man glauben könnte, die erste jüdische Schule, die hier existirt. Seit vielen Jahren bestehen vielmehr deren zwei, die nach ihren Begründern Menasce- und Aghion-Schule heißen. In beiden werden die Schüler unentgeltlich unterrichtet. Trotzdem besucht die Mehrzahl der jüdischen Kinder christliche Schulen, deren Zahl sehr groß ist. Es ist wahr, sie empfangen in denselben eine in weltlicher Hinsicht wirklich gediegene Ausbildung, so daß sie bei ihren! Austritt leicht Aufnahme in hiesige große Handelshäuser und Verwaltungen finden. Dagegen werden sie dem angestammten Glauben ganz und gar entfremdet. Ist nun die Alliance-Schule in der Absicht gegründet worden, diesem thatsächlich sehr großen Uebelstande dadurch abzuhelfen, daß man den jüdischen Kindern neben einem nützlichen weltlichen Unterrichte auch eine gute religiöse Erziehung augedeihen lassen wolle? Wer die edlen Ziele und hohen Bestrebungen des israelitischen Weltbundes kennt, wird, es gar niemals wagen, hiervon das Gegentheil anzunchmen. Und doch macht diese neue Anstalt eine Ausnahme. Warum . werden b l o s zahlende Kinder ausgenommen? Warum beträgt das Minimalschulgeld monatlich 6'50 Francs? Wer diese Summe nicht entrichten kann, für dessen Kind bleiben die Pforten dieser Bildungsanstalt verschlossen. Das ist auf jeden Fall sehr traurig, wenn man bedenkt, daß alle christlichen Schulen jüdische Kinder unentgeltlich aufnehme», sobald nur die Eltern erklären, daß sie nicht zahlen können. Diese abweisende Haltung der neuen Schule bringt also den ariüen Kindern der Glaubensgenossen nicht nur keinen Nutzen, sondern schadet denselben noch in großem Maße, weil es selbstverständlich für die anderen Anstalten verdrießlich ist, zu sehen, wie die jüdische Schule jüdischen Kindern ihre Thüren zumacht, wenn sie nicht zahlen können. Wenn im eigenen Lager Duldsamkeit und Menschenliebe nicht obwalten, wird in Zukunft ein ablehnendes Betragen auch ihrerseits einen solchen Vorwurf nicht mehr Hervorrufen können. Thatsächlich ist dies seit Wiederbeginn des Unterrichtes in nianchen Schulen bereits der Fall, wo bei dem Wunsche um unentgeltliche Aufnahme auf die neue Alliance-Schule in bezeichnender Weise verwiesen wurde. So liegen die Dinge, aber warum? Warum werden arme Kinder nicht in derselben Zahl aufgenommen.!vie vermögende? Vielleicht deshalb, weil hier vorläufig allgemein die Ansicht herrscht, daß die Allianz-Schule gute Erfolge aufweisen werde? Dieser guten Meinung soll nun durchaus nicht widersprochen werden. Im Gegentheil, dieser Umstand bildet einen Grund mehr, um Klage zu führen gegen die ausschließliche Aufnahnie von bezahlenden Kindern. Denn was sollen die jüdischen Eltern thun, die nicht in der Lage sind, für ihre Kinder das nöthige Schulgeld zu entrichten, denen aber das Judeuthum noch so sehr am Herzen liegt, daß sie den innigsten Wunsch hegen, auch ihre Kinder in der jüdischen Religion und Geschichte gut unterrichtet zu sehen? Ja, Schulen blos für zahlende Kinder reicher Eltern zu errichten, kann unmöglich die Aufgabe der philantropischen Allianc sein. Auch muß ein solches Tbun ganz gewiß in nassem Widerspruche mit ihren fundanientalen Priucipien stehen. Und dann: solche Schüler, die zahlen können, suchen ja gewöhnlich lieber christliche Anstalten auf, um da, wie überall, für ihr gutes Geld, wenn auch nicht iminer blos unzweideutige Hänseleien und Spöttereien zu erleiden, so doch sehr oft einen Unterricht von in mancher Beziehung recht zweifelhaftem Werthe zu erhalten. Schon darum sind die Alexandriner Juden, die in der Gesellschaft eine sehr schöne Stellung eiunehmen und die, als meist noch warme Anhänger ihrer Religion und eifrige Verfechter ihres Glaubens, auf ihre Ehre viel halten und auf ihre Menschenrechte für keinen Preis verzichten, in der That sehr froh, eine Schule ihr eigen zu nennen, wo ihre unschuldigen Kinder keiner verwerflichen Behandlung von Seiten der Lehrer und Mitschüler ausgesetzt sind. Solche Gefühle sind sehr lobenswerth und jeglicher Ausdruck derselben verdient hohe Anerkennung. Aber warum soll der arme Mann nicht eben auch in diese Möglichkeit versetzt werden, soll er sich nicht ebenfalls dieser angenehmen Lage erfreuen? Leidet sein jüdisches Vaterherz nicht gleichviel, vielleicht noch mehr unter den kränkenden Erwiederungen, die sein Kind oft unschuldig ertragen muß? Ist es ihm etwa minder unangenehm, wenn dasselbe in der Missionsschule wiederholt von zahllosen unverständlichen Ueberredungsversuchen gequält und in den jesuitischen Anstalten gezwungen wird, alle religiösen Uebungen mitzumachen und am Sonntag dem Gottesdienst in der Kirche beizuwohnen? Um nun in dieser Richtung nach Kräften Abhilfe zu leisten, ist dazu nicht eben unser philantropischer Weltbund vorhanden? Seit beinahe vier Jahrzehnten erfüllt derselbe seine Pflichten in dieser Weise, und jetzt soll plötzlich Aenderung hierin eingetreten sein? Die segensreiche Thätigkeit vieler Jahre soll mit einem Male andere Bahnen einschlagen? Es wäre eine ungeheuerliche Unterschiebung, dergleichen Behauptungen auch nur