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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-11-12 · 46 (12.11.1897) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
46 (12.11.1897)
Date
1897-11-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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«Seite 926 Nr. 46 Dr. Vlvrh's Wochenschrist. Unsere arischen Sittenrichter. TePlitz Sch önau, den T.; November. Sehr geehrter H err Redacteur! Wenn ich bis jetzt Ihre Ausfälle gegen die'Häupter der Antisemiten gelesen habe, so dachte ich mir immer, daß Sie als Parteimann gegen diese Ehrenmänner wohl etwas zu scharf ausgetreten seien. Jetzt aber haben diese Ehrenmänner ihr gegenseitiges Urtheil selbst gefällt, diesen Ehrenmännern glaube ich ohne jeden Zweifel Alles aufs Wort. So sagte: Abgeordneter Wolf (zu Kletzenbauer und Wohlmeyer): Gebirgstrotteln! Abgeordneter Bielohlawek (zu Wolf): Sie Ehrenwortbrecher! Abgeordneter S t ro b a ch (zu Wolf): Schandbube, elender! Abgeordneter Dr. Lueger (zu Wolf): Sie sind ein persönlich ehrloser Gassenjunge! Abgeordneter Bielohlawek (zu Wolf): Schandkerl! (zu Schönerer): Schmul Leb Kohn! Abgeordneter Dr. Lu e g e r (zu Wolf): Schandbube, ruhig! Abgeordneter Steiner (zum Präsidenten über Wolf): Ich gebe Ihnen einige Zwangsjacken, Herr Präsident, um diesen gewaltthätigen Kerl abzuschüffen! Abgeordneter Greg orig (zu Schönerer): Haderlump! Abgeordneter Schneider (zu Schönerer): Bordellritter! Abgeordneter Dr. Lueger (gegen die Schönerergruppe): Buben! Abgeordneter Geßmann (zu Wolf): Elender Lausbub, infamer! Abgeordneter W o l f (gegen Lueger): Der Gaukler von Wien! Abgeordneter Dr. Lueger (gegen die Schönerergruppe): Die Partei der Ehrlosen! Abgeordneter G r e g o r i g (zu Schönerer): Politischer Hanswurst! Maul halten! Abgeordneter Dr. Lueger (zu Schönerer): Ruhig, Schandbube! Abgeordneter Prochazka (zu Schönerer): Besoffener Hanswurst! Abgeordneter S t e i n e r (zu Schönerer): Politische Lumpe! Abgeordneter Bielohlawek (zu Schönerer): Schmul Leb Kohn! die Großmutter auf dem Misthaufen gezeugt. Eine Stimme aus den Christlich-Socialen (zu Schönerer): Besoffener Schweinkerl! Eine andere Stimme ebendaher (gleichfalls zu Schönerer): Dieser alte Süffel! Abgeordneter Dr. Lueger (zu Wolf): Der Gassenjunge ist jetzt ruhig. Abgeordneter Ritter v. T r o l l: Hier ist ja eine Menagerie; gebt ihnen etwas zu effen, sie haben Hunger, die Bestien! Abgeordneter Dr. Geßmann (zu der Schönerergruppe): Hallunken seid Ihr! Abgeordneter Bielohlawek (zu Türk): Ehrloser Schuft! Abgeordneter Dr. G e ß m a n n (zu Schönerer): Bordellritter! Abgeordneter Gregorig (zu Schönerer): Besoffener Kuppler! Abgeordneter Schneider (über die Schönerergruppe): Die Bier-Lausbuben-Partei. Ihr ergebener Bruno Samel. Der Czar und der jüdische Bäcker. E y d t k u h n e n, 1. November. Wie die öffentliche Presse mittheilte, waren für die Durchfahrt, des ruffischen Kaiserpaares durch den benachbarten Grenzort Wirballeu auf der Heimreise nach Petersburg ganz außerordentliche Borsichtsmaßregeln getroffen worden. Ächten Freitag traf die kaiserliche Leibwache ein, bestehend aus Tscherkeffen, hohen, schön gewachsenen Menschen in nicht unkleidsameu phantastischen Uniformen, bewaffnet mit Stich-, Hieb- und Schußwaffen. Sonnabend Früh begann im Nachbarorte Wirballen eine fieberhafte Thätigkeit. Alle Kellerräüme des Bahuhofes, der nahen fiscalischen und Privatgebäude wurden nochmals besichtigt, die meisten Thüren wurden verschlossen oder durch Posten unter Beobachtung genommen. Wer Zugang, jeder Wegübergang, jedes Loch am Wege wurde nochmals scharf besichtigt. Um 2 Uhrmußten die gewaltigen Zollräume Wirballens vop allen- Beamten verlaffen'-und geschloffen; werden, die Gebäude,' sowie der Bahnhof wurden'von Posten umgeben.^ Der Letztere durfte nur noch gegen LegitimaÜonskarten, die sehr spärlich ausgetheilt wurdenbetreten werden. Sodann fand die gänzliche Absperrung aller Zugänge und Zufahrten zum Bahnhof statt, die Haupt- und Seitenstraßen Wirballens wurden in Ausdehnung des circa 2 Kilometer langen Bahnhofes ffür jeden Wagen- und Personenverkehr abgeschlossen. . Beim Einlaufen des Kaiserzuges in Wirballen - läuteten die Glocken der griechischen' Capelle. Die kaiserliche Familie wurde durch die' Geistlichkeit empfangen'und nach den kaiserlichen Gemächern geleitet, wo die Darreichung, von Brot; und Salz stättfand. Dann wurden in Kürze die hohen Militärs und Beamten, die den russischen Zug nach Petersburg zu begleiten hatten, vorgestellt. Durch das Hofmarschällamt war bereits von Därmstadt aus ein armer j ü d i s ch e r B ä ck e r namens H i r sch vor den Kaiser befohlen worden. Man hatte den braven Bäcker, so gut es seine Figur zuließ, in schwarze Beinkleider, Frack u. s. w. gesteckt, ihn mit weißen Glaces, reiner Wäsche, Cravatte und Cylinder ausgestattet und den Zitternden vor den. mächtigen Selbstherrscher geschleppt. Hier wurde er gnädig empfangen, erhielt ein Geschenk und den Titel eines „Kaiserlich russischen Hofbäckers". Hirsch hatte seit langen Jahren die Gebäcke für die durchpaffirenden kaiserlichen Züge geliefert. Geldheiraten sind nach antisemitischer Auffassung nur durch die Juden eingeführt. Da ist es interessant, zu hören, was aus Scheeßel (Kr. Rothenburg in Hannover) dem „Rothenb. Anz." geschrieben wird: „Hier zu Lande, besonders auf' den umliegenden Dörfern, besteht noch vielfach die Sitte und der Brauch, daßwenn) der Junge oder das Mädchen das heiratsfähige Alter erreicht haben, die Alten, Freemakers genannt, losziehen von Ort zu Ort und ausspüren und Nachfragen — wo väl Geld dat Hinnerk oder Trina hett, wo väl Morgen Land und Wischen und wat süß noch all is. Da werden denn manchmal drollige Sachen erzählt. Unter Anderem soll eine alte Frau, zu der auch die Freemäkers gekommen sind, gesagt haben: „We Heft Hus und Hof, we Heft Land und Wisch, Göös und Aanten, we. Heft to leben und to geben, mich bucht see schöllen sick man nehmen." — Wenn die Alten dann die Sache abgemacht, gibts seitens der Jungen kein Wenn und Aber, und so kann es kommen,, daß Braut und Bräutigam sich vorher kaum kennen, ja sich manchmal in ihrem Leben noch nicht gesehen haben. Daß es wirklich vorkommt, zeigt folgender Fall. Also der Vater des Bräutigams und Letzterer fahren zusammen hin, um die Braut zu. besuchen. Im Hause der Braut angekommen, geht der Bräutigam in die Dönsen (Stube), da findet er denn ein Mädchen. Halt, denkt er, scholl se dütt woll wä'n, aber er getraute sich erst gar nicht recht. Schließlich rafft er sich zu der Frage auf: „Bist Du de Brut?" „Ja Junge, dat bün ick, Du bist wohl de Brögam?" Den Hannoveraner Bauern wird wohl kein Antisemit „Verjuduug" zuschreiben wolle». Die Exhorte beim Jugendgottesdienst. Seitdem der große Schriftgelehrte Esra die erste improvisirte Kanzel bestieg, um in richtiger Voraussicht von hier aus dem versammelten Volke das Gotteswort mundgerecht zu machen, erscheint die Predigt im weiteren Sinne, als ein wesentlicher und - wichtiger Bestandtheil des jüdischen Gottesdienstes. Der Gottesdienst ist die Bethätigung der Gottesverehrung,, sie führt den Menschen zur sittlichen Reife. Ein wahrhafter, nicht zum bloßen Formalismus herabsinkender Gottesdienst ist aber ohne wahre Gotteserkenntniß unmöglich. Mit Recht erklären daher unsere Weisen die Thora und die Aboda, das Wissen, d. h. die Erkenntniß und den Gottesdienst als Grundsäulen des Weltgebäudes und des Weltbestandes. So wenig man aber fragen kann, welche von beiden-Theilen einer Scheere mehr.schneidet, ebensowenig läßt sich bestimmen, welche von.Beiden, Thora oder Aboda, Gotteserkenntniß. oder Gottesdienst, nothwendiger erscheint zur Veredlung unserer Jugend.. Der Religionsuuterricht, wenn auch bei diesem schon in erster Linie das erziehliche Moment in den Vordergrund zu treten hat und der Zweck desselben nicht etwa im Memoriren grammatikalischer Formen oder in minutiöser Angabe von Jahreszahlen besteht-, so kann dieser sich doch nur mehr oder weniger mit der Theorie befassen; er'darf sich bei der karg zugemessenen Zeit nicht in Excursionen vergehen. Es muß also eine andere Gelegenheit geboten werden, um die erhabenen (.Lehren-der Religion noch in anderer Form für die Jugend, zum Ausdruck zu bringen.. Dies soll geschehen in der Exhorte. Die Exharte-beim Jugendgottesdienst bildet deninach gewissermaßen eine Fortsetzung) des'Religionsunterrichtes. Was in der Schule

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