Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 46 (12.11.1897)
- Date
- 1897-11-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 46 Vr Vlvch's WochrnfchrM Sette S25 Aber sie hat etwas Anderes gethan! Wenn auch nicht durch Juden, so hat sie auch mit Juden Geschäfte gemacht, und in allen Fällen, wo es sich um Auszahlung der versicherten Beträge an Juden handelte, hat sie es versucht, den Versicherten die Seele abzudrücken. Da wurde gefeilscht und geschachert, commissionirl und processirt in der unwürdigsten Weise. Sie bewies dagegen eine überraschend leicbte Hand, wo es sich um die Interessen der adeligen Gutsbesitzer handelte. Da wurden die Versicherungssummen nicht blos ohne nähere Untersuchung und ohne jedm Abzug ausgezahlt, die Gesellschaft gewährte auch Hypothekarcredite auf so unsichere Grundlagen, daß man sich fragen muß, wie dies mit dem Versicherungs-Regulativ vereinbar war? Die „Wechselseitige" gewährte Credite als zweite Hypothek und sie belehnte selbst solche Objecte noch mit hohen Summen, die oft schon bis zu 75 Perent ihres Wertstes belastet waren. Das Institut war ein großes Waschbecken, in welchem sich die Schlachta gegenseitig die Hände wusch, und wenn man heute eine ehrliche Bilanz aufstellen wollte, die Verluste würden wahrscheinlich weitaus den Betrag der von K i e s zkowski und seinen Complicen defraudirten Million übersteigen. Die „Wechselseitige" war für ihre adeligen Protectoren und deren gleichfalls adelige Proteges ein großer Schwamm, mit welchem sie das bürgerliche, zum Theil auch das jüdische Capital aufsaugten, um es dann befruchtend auf ihre überschuldeten Latifundien rieseln zu lassen. Der Abgrund, in den wir da hinabblicken, ist durchaus j u d e n r e i n, man hat es mit unverfälscht a r i s ch e r Spitzbüberei zu thuu. Man wird vielleicht jetzt das Wort „Krakauer Moral" prägen, wie man seinerzeit aus einer Affaire, an der gleichfalls arische Ehrenmänner vom Caliber des „lieben Ignaz" den Hanptantheil hatten, das Wort „T a r n o p o l e r M o r a l" geprägt hat, das dann der Antisemitismus lächerlicher Weise auf die Juden angewendet hat. Es ist deshalb wichtig, heute schon festzustelleu, daß die Inden auch mit der „Krakauer Moral" nichts zu thun haben. Vvm Jahrmarkt des Lebens. Ein Opfer des Antisemitismus. In unserer letzten Nummer berichteten wir von den hervorragenden Verdiensten, welche sich der ehemalige jüdische Bürgermeister von Sol in Galizien, Herr Samuel Nesselroth, in dieser amtlichen Stellung um das Wohl seiner Gemeinde und des ganzen Bezirkes, um die Förderung der Schule, um Verbreitung von Tugend, Sitte, Moral und Religiosität ohne Unterschied der Confession erworben hatte — Verdienste, die durch hochehrende Zeugnisse der Gemeindevorsteher, der Geistlichkeit und des Bezirkshauptmannes anerkannt wurden. Zu unserem aufrichtigen Schmerze müssen wir heute mittheilen, daß dieser edle, außergewöhnliche Mann wahrscheinlich ein Opfer-der gegenwärtig im Wiener Rathhause betriebenen antisemitischen Hetze geworden ist. Herr Nesselroth kam, als er vor vier Jahren sein Hab und Gut durch einen Brand verloren hatte, nach Wien und hoffte hier auf die Verleihung einer Cantine, die ihm zugesagt worden war. Das antisemitische Regime im Rathhause ertheilt jedoch principiell keinerlei Concessionen an- Bewerber jüdischer Confession und all' die ehrenden Belobungen, welche der Mann vorzulegen im Stande war, nützten ihm nichts — seinem Gesuche wurde keine Folge gegeben. Das Gefühl der Abhängigkeit und Hilflosigkeit gegenüber den antisemitischen Machthabern wirkten auf Nesselroth so tief ein, daß er gemüthskrank wurde. Am 6. d. M. entfernte er sich aus seiner Wohnung, Brigittenauerlände 18, und wird seither von seinen Angehörigen vermißt, die befürchten, daß sich der erbitterte Mann ein Leid angethan hat. Arische Nächstenliebe. Am 3. d. M. wurde ein junger Mann in der Schwarz- Lackenuu bei Floridsdorf erschlagen aufgefunden. Wenige Stunden vorher wurde der Unglückliche von Passanten noch lebend und mit dem Tode ringend gesehen. Diese Passanten waren Patres und Zöglinge des Jesuitenpenfionats Strebersdorf. Der amtliche, auch vom „Deutschen Volksblatt" veröffentlichte Polizeibericht meldet hierüber: „Der Mord war in den ersten Nachmittagsstunden des 3. d. M. begangen worden, und um viertel 5 Uhr Nachmittags haben sechs Personen zu gleicher Zeit, freilich in Zwischenräumen, die Stelle passirt. Es waren Lehrer und Zöglinge des Pensionates zu St. Josef in Strebersdorf bei Wien. Sie Alle sahen den Unglücklichen noch in seinem letzten Ringen. Erst saß er noch blutüberströmt und den Kopf haltend auf dem steinigen Damm, dann legte er sich nieder und fuchtelte mit den Händen. Grauen erfaßte die Vorübergehenden. Sie fürchteten sich vor dem Mörder, der nahe sein konnte, und eilten rasch weiter, da auch der Tag zur Neige ging und sie früh nach Hause kommen wollten." Jedes Commentar zu dieser ungeheuerlichen Meldung ist überflüssig. Dr. Lueger einst und jetzt. Mit der Tagesordnung: „Dr. Lueger einst und jetzt" fand gestern Abends im Saale „Zur Bretze" eine massenhaft besuchte Volksversammlung statt, in welcher Arbeiterführer S ch u h m e i e r das Referat erstattete. Redner führte aus, daß Doctor Lueger einst Demokrat gewesen sei, und daher kein Stiefelwichspatriot gewesen sein konnte. Allein die Demokratie war kein gangbarer Artikel beim Bürgerthum Wiens, es war nicht möglich, mit ihr ein Geschäft zn machen und ein berühmter Mann in Oesterreich zu werden. Dagegen war der Antisemitismus die leichteste Kost für einen gewissen Theil des Wiener Bürgerthums. Das hat Dr. Lueger erkannt, er hat plötzlich sein antisemitisches Herz entdeckt, und über Nacht wurde aus dem Demokraten ein A n t is e m i t. (Heiterkeit.) Antisemit zu sein ist noch nicht so viel, daß man etwas für das Volk leistet. An der wirthschaftlichen Entwicklung wird das gar nichts ändern, wenn alle Juden nach Palästina wandern. Die Wurzel des Nebels liegt nicht in Confession und Race, sondern in der gesellschaftlichen Einrichtung. Der Arbeiterschaft müsse daher die Confession des Ausbeuters gleichgiltig sein. Dr. Lueger hat versprochen, seinen Mitbürgern auf die Beine zu helfen und Prinz L i e ch t e n st e i n ist so weit herabgestiegen, daß er bei einem Tapezierer in Ottakring sogar ein Sofa gekauft hat. Dr. Lueger hält eine Rede nach der anderen, besser ist es jedoch nicht geworden. Die Kleingewerbetreibenden wiffen es ganz genau, daß sie die Dupirten sind, aber sie schämen sich, es vorläufig einzugestehen. Dr. Lueger rühmt sich, den Liberalismus zu Boden geworfen zu haben und dasselbe will er nun mit der Socialdemokratie versuchen. Dr. Lueger hat sich in den Kopf gesetzt, die Arbeiterschaft vor sich knien zu sehen; denn so lange ist sein Ehrgeiz nicht gestillt. (Stiirmische Pfuirufe.) Der ehemalige Demokrat Dr. Lueger sitzt heute im Gemeinderath, und wenn man die letzten Protokolle liest, glaubt man seinen Augen nicht, daß ein Mann sich so ändern kann. Dr. Lueger hat seinerzeit behauptet, er werde nie die Minorität vergewaltigen. Und wer ihm nicht parirt, wird von ihm hinausgeschmissen, und wenn er nicht gehen will, ruft Dr. Lueger den Diener, um einen ihm unangenehmen Gemeinderath Hinausweisen zu lassen. (Pfuirufe.) Dr. Lueger hat an all das, was er der Arbeiterschaft versprochen hat, längst vergessen. So ist das System des einstigen Demokraten. Im Jahre 1886 wollte Dr. Lueger den Ausgleich mit Ungarn für ewige Zeiten abgeschlossen wissen und heute wettert er gegen den Ausgleich. Dr. Lueger von einst und jetzt! Ein Mann, der einmal so und das anderemal so ist. kann kein Volksvertreter sein. Als S ch ö n e r e r vor neun Jahren seine Strafe antrat, fuhren H u n d e r t e v o n Wagen vor der Wohnung Schön e r e r's vor, darunter Dr. Lueger, Schneider, Dr. G e ß m a n n, Dr. P a t t a i, welche Blumen überbrachte rr. Und Dr. Lueger küßte damals der Frau Schönerer die Hand. Und heute nennt Dr. Lueger Denjenigen, dem er seinerzeit Blumen gespendet, einen Schurken, einen politisch E h r l o s e n rc. Wer mehr von den Beiden politisch ehrlos sei, das zu entscheiden falle sehr schwer. An der Socialdemokratie, schloß Redner, wird Dr. Lueger seinen hochmüthigen Schädel einrennen. Wir Arbeiter bleiben unter uns, aber von Dr. Lueger und seinesgleichen wird sich kein vernünftiger Arbeiter mehr irreführen lassen. (Stürmischer Beifall.)