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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-11-12 · 46 (12.11.1897) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
46 (12.11.1897)
Date
1897-11-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 924 Dr. Bloch « »ochenfchrifi Nr. 46 Wenn inan bedenkt, welche Stellung den Juden seit Jahrhunderten im Staate eingeräumt war, so erscheint es leicht begreiflich, das die papierene Gleichberechtigung, welche gesetzlich ausgesprochen wurde, noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen ist. Die kurze Spanne Zeit, welche seit der Emaucipation vergangen ist, hat auch noch nicht im Entferntesten ausgereicht, um unter den seit undenklichen Zeiten Entrechteten selbst das Gefühl der Gleichberechtigung zu erwecken. Man braucht sich nur j die Haltung der österreichischen Juden anzusehen, namentlich der galizischen, und man wird gewiß zu dem Schlüsse kommen, diese müssen sich die Gleichberechtigung erst selbst erkämpfen, indem sie vor Allem sich die Selbstachtung und die Achtung ihrer Mitbürger erwerben, dann wird auch die Gleichberechtigung Nachfolgen. Dieser Kampf ums Recht wird den Juden nicht erspart bleiben und kein Mittel gibt es, ihn zu vermeiden, als etwa die vollständige Capitulation. d. h. die Taufe. Aber auch dieses Mittel würde vielleicht versagen. Der Zionismus will nun die Armen unter den Bedrückten diesem Kampf entziehen durch eine Colonisation derselben in Palästina. Es wird darauf hingewiesen, daß sich dort schon blühende jüdische Colonien befinden. Aber das beweist gerade das Gegentheil. Die ungeheuren Mittel, welche einer der reichsten Leute der Menschheit für diesen Zweck zur Verfügung gestellt hat, konnten nur äußerst Wenigen nützen und es bedürfte geradezu unermeßlicher Summen, um die gleichen Bedingungen für eine Colonisation von Millionen zu schaffen. Daß Palästina, politisch genommen, ein sehr gefährlicher Aufenthalt für die Juden wäre, daß dort möglicherweise die Herrschaft des Sultans an Rußland übergehen würde, von dessen Herrschaft man doch hauptsächlich die Juden befreien will, das Alles ist schon oft und mit den besten Argumenten gegen die Besiedlung des Landes gebraucht worden.*) Die Idee, den Juden ein nationales Vaterland zu schaffen, wo sie nicht mehr das Object der Unterdrückung und des Hasses anderer Völker sind, ist ja eine recht schöne, aber praktisch nicht ausführbar. Sie behandelt die Judenfrage rein mechanisch, die faktischen Verhältnisse werden dabei nicht genügend berücksichtigt. Zweierlei Haupttriebfedern stärken und nähren den Judenhaß. Eine ist das religiöse Vorurtheil, die andere der wirthschaftliche Kampf. Das religiöse Vorurtheil hat es hauptsächlich bewirkt, daß eine Annäherung der beiden Confessionen bis jetzt nicht stattfinden konnte. Trotz momentaner Scheinerfolge gehen jedoch die religiösen Anschauungen ihrem Verfall entgegen, die jüdischen selbstverständlich mit inbegriffen. Zwar hat der Clericalismus augenblicklich große Erfolge erzielt, indem er sich einen ungeheuren politischen Einfluß durch geschickte Nährung der wirthschaftlichen Unzufriedenheit zu verschaffen wußte, aber die Ausnützung der Religionen zu politischen Zwecken muß auf die Dauer die Religion selbst schädigen. Denn, indem die Kirchen Religion und Politik verknüpfen, muß der politische Mißerfolg auch die Religionen selbst erschüttern. Im Zeitalter der Presse gibt es keine Reaction auf diesem Gebiete von langer Dauer und der religiöse Judifferentismus schreitet unaufhaltsam vor. Bedeutend größeren Einfluß auf die jetzige antisemitische .Bewegung üben die wirthschaftlichen Interessen. Die Antisemiten -ehen in den Juden den erfolgreichen Concurrenten und deshalb bekämpfen sie ihn mit allen Mitteln. Die Juden, welche von Alters her in ihrem Erwerbsleben beschränkt waren, denen namentlich der Besitz von Grund und Boden untersagt war, wenden sich immer noch mit Vorliebe dem Handel und Gewerbe, besonders aber den gelehrten Berufen zu und vermehrten das ohnehin schon bedrückte sogenannte geistige Proletariat. Dies war gewiß die stärkste Triebfeder des Antisemitismus. Wir sprechen also nichts Neues aus, wenn wir sagen, daß die Frage des Antisemitismus zum großen Theil eine Frage der Berufswahl der Juden ist. Kennt man aber die Ursache eines Uebels und will man dasselbe beheben, so muß man eben jene beseitigen. Der Zionismus anerkennt auch dies gewissermaßen, denn er bestrebt sich, in erster Linie Ackerbaucolonien zu errichten und so den übermäßigen und unnatürlichen Andrang zum Handel und den gelehrten Berufen unter seinen Glaubensgenossen einzu¬ *) Der jüdische Volksstaat in Palästina soll allerdings unter die Garantie der europäischen Mächte gestellt werden. Abgesehen aber davon, daß dies ein schwer, zu erreichendes Ziel ist, so würde dasselbe auch keine Sicherheit verbürgen. Die Schweiz, Belgien und andere derartige Staaten geben hievon ein Beispiel. dämmen. Hierin liegt nach unserem Dafürhalten die Aufgabe und das erreichbare Ziel der Bewegung. Aber nicht im-fernen Palästina soll er seine Wirksamkeit entfalten, sondern hier im eigenen Lande. Hier kann mit den gleichen Mitteln das Hundertfache erreicht werden, hier ist der Platz für eine erziehliche Wirkung der armen, gedrückten Menschenmassen und hier können sie auf Unterstützung für ihre Sache rechnen. Antisemitische Corruptivn. Krakau, 4. November. Die ungeheure Sensation, welche die Defraudationen bei der „Wechselseitigen Versicherungsgesellschaft in Krakau" und die Flucht des Directors Czeslav R. v. Kieszkowski erregten, wächst von Tag zu Tag in dem Maße, als die Höhe der defraudirten Beträge und die Zahl der hiebei mittelbar oder unmittelbar betheiligten Personen zunimmt. Während anfangs nur von fl. 100.000 die Rede war, ist es heute bereits zweifellos, daß die Malversationen die Summe von Einer Million Gulden übersteigen und daß sehr einflußreiche Mitglieder des Aufsichtsrathes von den verbrecherischen Manipulationen des Directors schon seit Langem Kenntniß hatten. Erst jetzt wird eine Thatsache bekannt, welche auf die hochadelige Verwaltung des Institutes ein sehr charakteristisches Licht wirft. Schon im Jahre 1892 hat Kieszkowski den Betrag von fl. 30.000 unterschlagen. Der Verwaltungsrath gewährte ihm eine Frist von drei Tagen zur Begleichung des Fehlbetrages und beließ sodann den unredlichen Director ruhig weiter im Amte Offen wird gegen zwei hocharistokratische und zwei bürgerliche Mitglieder des Aufsichtsrockhes die Beschuldigung erhoben, daß sie von den Malversationen des Directors Kemrtniß hatten und demselben zur Flucht verhalfen. Auch in den Filialen von Bochnia und Lemberg wurden Defraudationen entdeckt, deren Urheber gleichfalls nach Amerika entwischten. Ein Abgrund von Corruptivn ist da aufgedeckt worden, ein ungeheurer Sumpf, dessen Schlammwellen die stolzesten Wappen der polnischen Schlachta zu besudeln drohen. Im Aufsichtswie im Verwaltungsrathe sitzen die Träger der ältesten und erlauchtesten Namen, die heute alle schwer compromittirt erscheinen. Die polnischen Blätternennen diese Namen offen, im ganzen Lande deutet man mit Fingern auf sie. Man hat den Krakauer Scandal mit der Panama- Affaire vergleichen wollen, aber der Vergleich stimmt nicht ganz. An dem Panama-Schwindel waren zum größten Theile bürgerliche Elemente und darunter auch etliche jüdische Gauner betheiligt. Der Krakauer „Gächis“ aber ist dur chaus judenrein, er ist unverfälscht arischen Charakters und die Betheiligten sind fast ausschließlich Mitglieder der Schlachta. Die Krakauer Wechselseitige Versicherungsgesellschaft läßt sich auch in keiner Weise mit dem problematischen Panama-Unternehmen vergleichen. Sie genoß das unbegrenzte Vertrauen der galizischen Bevölkerung, sie unterstand der staatlichen Controle und sie verfügte über ungeheure Mittel. Jetzt allerdings wird es offenbar, wie diese Mittel verwendet und wie diese Controle geübt wurde. Der Hochmnth der Stanczycken-Clique, die unumschränkt das Institut beherrschte, duldete keinen Juden in dem Beamtenkörper und unter der zahllosen Agentenschaar der „Wechselseitigen". Wie sehr auch die geschäftliche Gewandtheit der Juden dem Institute hätte Vortheil bringen können — Juden waren von den Agenturen principiell ausgeschlossen. Die Organisation der „Wechselseitigen" war schon durch dieses Princip allein ein mächtiger Hebel des Antisemitismus in Galizien. Das Vertrauen, welches man der Gesellschaft in unbegrenztem Maße entgegenbrachte, drückte sich in den hohen Verdienstziffern ihrer Agenten aus. Die Gesellschaft war in der Lage, viel Elend zu mildern, manchem schwer ringenden Familienvater eine Existenz zu sichern — sie hat diese Wohlthat an Juden nie geübt.

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