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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-11-12 · 46 (12.11.1897) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
46 (12.11.1897)
Date
1897-11-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 46 Vr. Vlorh's WochrnttzrM Seite S23 wie B i e l o h l a tv e 5. die Versicherung abgab, vor jedem Juden den Hut ahzunehmen, nur nicht vor der Schönerer'schen Ehrenwortbruchs- Partei. All' das Md vieles Andere prallte ungehört von Herrn Abrahamowicz ab, als läge er in einem lethargischen Schlaf, wie ihn höchstens eine Rede des Valuta-Schlesingers erzeugen kann. Auch wie Dr. Lueger die Beschimpfungsschlagworte gab, die christlich-socialen Kothkanonen gegen die Schönererbank dirigirte, die Munition der Partei-Mistkiibeln sorgsam austheilte, erfuhr Herr Abrahamowicz erst am uächsten Tag, all' das hat er erst in den Zeitungen gelesen. Und das, nur das ist der GrMd, daß erst eine halbe Woche später eine Massenrüge von wahrhafter evangelischer Milde, ein Gesammtordnungsruf, in dem der Name des „sehr verehrten Herrn Dr. Lueger", wie der Präsidialbüttel des Grafen Badeni zu sagen pflegt, vollkommen fehlte, den beispiellosen Ausschreitungen jener Beschimpfungsnacht zutheil wurde. Uns liegt sicherlich Nichts ferner, als in das Wotan'sche Nebelhorn der nationalen Tollhäusler zu stoßen; aber die Herren Germanen sollen nur dessen eingedenk sein, daß nicht „wälsche Türke" und nicht „semitischer Trug" von dem sie so gerne fuseln, sie zu Boden streckte, sondern daß es der Bürgermeister der deutschen Hauptstadt Wien, der „Deutsche" Lueger war, der sich als trefflichster Lehensmann des polnischen Grafen bewährte. Ehre wem Ehre gebührt! Dr. Lueger hat die goldene Bürgermeisterkette gezahlt, er ist dem Bestätigungsgrafen Badeni nichts mehr schuldig, er hat mit Zinsen und Zinseszinsen - seine Schuld zurückgezahlt. Daß er die Zinsen für den galizischen Shylock aus dem Leibe des Schönerer's und Wolf's geschnitten hat, ist ihre und seine Sache. Aber die Juden, die gegen ihr Interesse der deutschen Führerschaft folgen und gegen ein deutschfeindliches Regime am schärfsten Front machen, sind volksfremd und n i ch t n a t i o n a l. Der'Arier Lueger ist aber ein kerndeutscher Mann! Jedenfalls war es bon Herrn v. Abrahamowicz ein anerkennenswerthes Verständniß, daß er durch keinerlei Ordnungsrufe das niedliche Geschäftchen Lueger-Badeni störte, daß er zur rechten Zeit stocktaub wurde. Kundgebung gegen den Zionismus. Berlin, 26. October, Zu einer Kundgebung gegen den Zionismus kam es in der gestrigen Versammlung des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Auf eine Anfrage aus der Mitte der Versammlung erklärte der Bereinsvorsitzeude, Rechtsanwalt Dr. H o r v i tz, die deutsche I n d e ns ch a f t stände in ihrer Gesammtheit, wenige Ausnahmen abgerechnet, den zionistischen Be streb ungen durchaus ab lehn eud gegenüber. Dem ersten Zionistencongreß, an dem übrigens nur sehr wenige deutsche Juden theilgenommen hätten, werde sobald kein zweiter folgen. Eine ernste Gefahr für das Judenthum könne in dieser schon jetzt von allen vernünftig Denkenden abgethauen Bewegung kaum erblickt werden. Für den Verein erübrige es sich, eine besondere Protestversammlung gegen den Zionismus einzuberuken. Seine Stellung hierzu sei schon durch seinen Namen gegeben. Als Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens betrachte er es als seine Aufgabe, den zionistischen Versuchen, die Juden zu „entnationalisiren", ihnen ihr deutsches Vaterland zu nehmen, ebenso sehr entgegenzutreten, als den antisemitischen Bestrebungen, sie ihrer Staatsbürgerrechte zu berauben. (Beifall.) Paris, im October 1897. Die neueste Nummer des im 52. Jahre erscheinenden »L’univers israelite«. (Journal des!Principes Conservateurs du Judaisme) in Paris stellt an leitender Stelle eine Betrachtung über den jüngst stattgehabten Baseler Z i o n i st e n c o n greß an, die die Wiener „Z e i t" (9. October) auszugsweise wiedergibt. -Die bedeutendsten Blätter Europas, ja die Pariser Boulevardzeitungen haben sich beeilt, nach Basel ihre Reporter zu entsenden, um über diese sensationelle Premiöre ■ gut unterrichtet zu sein. Bor allen aber waren die braven Antisemiten entzückt. Es gibt also doch eine Judenfrage! riefen sie triumphirend aus. Und der begeisterte Mr. Drumont erklärte den Dr. Herzl für einen »homme de Premier ordre« und den Congreß für eine Epoche in der Weltgeschichte. Diese Hoffnungen werden aber bald verfliegen. Wohl gab es auf dem Congreffe auch ausgezeichnete, aufopferungsfähige Männer, die autorisirten Repräsentanten des Judenthums aber sind ferngeblieben. Ja, in mehreren Ländern haben die Rabbinate gegen den Congreß protestirt. Es gehe eben nicht an, mit eineni Federzuge eine Geschichte von 20 Jahrhunderten auszulöfchen. Es sei eine Tollheit, über die ganze Welt zerstreute Bolksbeftände in eine Nation vereinigen zu wollen. Woher aber die Anhänger des Zionismus? Weil diesen bizarren Einfällen eine richtige Idee zu Grunde liegt. Die Ereignisse der letzten Jahre haben die empörende Thatsache an den Tag gebracht, daß einer Menschengruppe von einer erhabenen Moral und bemerkenswerthen intellectuellen Eigenschaften nur deswegen das angeborene Recht, ein Vaterland zu haben, abgesprochen wird, weil sie eine Religion bekennen, deren Principien die der ganzen civilisirten Menschheit geworden. Der afrikanische Schwarze hat ein Vaterland und die Anwartschaft auf den Schutz einer gewissen Gruppe im Verfolgungsfall. Für den Juden aber bildet der Himmel, unter dem er geboren, die Luft, die er sein ganzes Leben lang athmet, der Boden, welcher die Gebeine seiner Vorfahren birgt, noch immer nicht das genügende Substrat eines Vaterlandes. Der Antisemitisnms möchte diese Anomalie auch in jene Länder verpflanzen, welche dieselbe noch vor 100 Jahren im Namen des Rechtes und der Billigkeit verurtheilt haben. Dieselbe absurde Idee aber ist auch bei der Entstehung des Zionismus Gevatter gestanden. Unter dem Vorwände, daß den Juden, welchen man das Recht, ein Vaterland zu haben, abspricht, Unrecht geschehe, verlangen die Zionisten von allen Juden, sich in ihren bereits errungenen Vaterländern als Fremde zu betrachten. Sie beklagen das Uebel, gehen aber bei der Heilung desselben daran, es auszubreiten und zu generalisiren. Der Antisemitismus ist ein Stück Mittelalter, nein, das unverfälschte Mittelalter selbst, wie soviele andere, mittelalterliche Gespenster, die jetzt wieder aufleben möchten. Die Juden frage, wie andere wichtige Zeitfragen, kannnurim FortschrittederJdeen und Sitten ihre Lösung finden. Diese Lösung schmeichelt freilich nicht der Einbildungskraft, hat nichts Bezauberndes an sich, erfordert vielmehr Anstrengung, Mut h und Ausdauer. Aber jenseits von ihr ist die Illusion und die Lüge. , Wien, am 10. November 1897. Das Organ des Herrn Gemeinderathes Lucian Brunner, die „Volksstimme", schreibt in der letzten Nummer: Die Voraussetzung des Zionismus ist der Antisemitismus, und zwar die Frage, ob dieser als fortdauernde Erscheinung zu betrachten sei, welche nie aufhören werde, so lange die Juden unter anderen Völkern leben, mit einem Worte, ob eine Assimilation ausgeschlossen sei. Die Entwicklung der socialen und politischen Verhältnisse der letzten 25 Jahre besonders in unserem Baterlande sprechen anscheinend wohl für die Richtigkeit dieser Voraussetzung, trotzdem können wir dieselbe nicht gelten lassen. Es gibt keinen Menschen, der mit Sicherheit die Entwicklung der Menschheit Voraussagen kann, man könnte recht gute Argumente dafür anführen, daß unsere Cultur den Gipfelpunkt überschritten habe und daß sich die Menschheit der Barbarei wieder nähere, aber auch ebenso starke und noch glaubwürdigere Beweise für das Gegentheil. für die fortschreitende Entwicklung, und dieser letzteren Ansicht neigen wir zu. Bon diesem Standpunkte aus beurtheilen wir die Frage des Antisemitismus und bezweifeln seine Lebensdauer. Derselbe bedarf zu seiner Entwicklung die Unterdrückung der Gerechtigkeit und der Vernunft. Wenn aber solche Tendenzen im öffentlichen Leben herrschen, so leidet das ganze Volk darunter. Es ist noch sehr die Frage, ob der Antisemitismus überhaupt auf die Dauer den Juden schadet. Jedenfalls übt er aus dieselben aucheinr erziehliche Wirkung aus. Und in der That ist es wohl nicht schwer, zu beweisen, daß die Präponderanz des Antisemitismus jedesmal den christlichen Mitbürgern enormen Schaden bringt. Deshalb und nicht etwa, weil er den Juden schadet, halten wir den Antisemitismus für eine vorübergehende Erscheinung. Am allerwenigsten aber braucht man sich über das Auftauchen dieser Bewegung im Zeitalter der nationalen, politischen Kämpfe zu wundern.

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