Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 46 (12.11.1897)
- Date
- 1897-11-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 922 Mr. Vlvrtz's Mochrnsttzrtfl Nr. 46 Kritiker, aber wenn eine antisemitische Gans ihm schnatternd in den Weg läuft, rupft er ihr gern eine Feder aus, selbst wenn sie sich ihres die Christlich-Socialen führenden Gatten rühmt. Bon den Bedrängnissen der Juden Italiens in früheren Zeiten sprechend, läßt er sich von einem Italiener sagen: „Die Bestie im Menschen stirbt nicht aus, nur hat sie in unserem Lande keine Nahrung mehr und ist über die Alpen zu Euch nach Oesterreich gegangen.jetzt rumort, .Jute man hört, die Bestie in Wien." In Italien sind jetzt die Juden nicht blos auf dem Papier, sondern auch im öffentlichen Leben und in der Gesellschaft vollkommen gleichgestellt. Ein Jude ist Finanzminister und — hier sieht man den Fortschritt — vor einem Vierteljahrhundert hat. dort ein anderer Jude das ihm angebotene Portefeuille der Finanzen ausgeschlagen. „Er wollte als Jude im Hintergründe bleiben und sich nicht in zu große Nähe des Thrones wagen, um nicht unduldsame Geister und scheelsüchtige Mäuler herauszufordern." Dieser Mann, deffen Grab Münz auf dem jüdischen Friedhof in Venedig besuchte, war Isaak Pesaro M a u r o g on a t o, von dem man sagte volle I'onere, NOQ 1'onore — „er wollte nur die Bürde, nicht die Würde." Beinahe dreißig Jahre lang saß er in der italienischen Deputirtenkammer und wiederholt war er Präsident der Budgetcommission. Er war kein Schönfärber, kein parlamentarischer Stutzer, sondern eher ein Cato, schon in jungen Jahren; aber seine scharfe Kritik schädlicher oder ungeschickter Maßregeln der Finanzminister theilte er ihnen in vertraulichem Gespräche mit. Er wollte nicht, daß die Finanzen Italiens in offenen? Parlament durch herabsetzende Reden vor dem Auslande erniedrigt würden. — Freilich gehören dazu auch Minister, welche für guten ehrlichen Rath empfänglich sind. Maurogonato hat eine gute Schule als Finanzmann gehabt. Er leitete im Jahre 1849 die Finanzen der Republik Venedig, des belagerten, von der Cholera heimgesuchten Venedig. Er übernahm fast leere Kaffen, bestritt die Kosten des Krieges, und als Venedig capitulirte, fanden die einziehenden Oesterreicher 700.000 Lire in der Staatscafse. „Ich hätte nie geglaubt", sagte der Militärgouverneur General Gorzkowsky, „daß die Canaillen von Republikanern solche ehrliche Leute wären." Die Ehrlichkeit, Ordnung und Energie waren Maurogonatos Tugenden, aber daß er so viel Geld auftreiben konnte, das hatte er dem Patriotismus der Venetianer zu verdanken. Dabei wird, nicht von Münz, sondern von der Engländerin Evelina Martinengo, geborene Carrington*), die besondere Opferwilligkeit der jüdischen Kaufleute Venedigs hervorgehoben. Und noch eins: Dieser Patriotismus der Venetianer, die Tapferkeit in der Vertheidigung der Stadt wurden zum großen Theile durch die beispiellose Popularität Daniel Manin's und das Vertrauen, das die Bevölkerung Venedigs zu ihm hatte, rege erhalten. Die wohlgefüllte Casse den einziehenden Oesterreichern zurücklaffend. ging der kranke Manin mit seiner Tochter ins Exil, wo er vom Unterrichtgeben im Italienischen lebte. Er starb im Exil. Erst im Jahre 1867 wurde sein Leichnam von Paris nach Venedig zurückgebracht und neben der Markuskirche mit denen seiner Frau und Tochter in prächtigem Grabmal beigesetzt. Und vor diesem Denkmal hat man beim Leichenbegängniß Maurogonato's die Bahre vorbeigetragen, „damit sich die Seelen der Beiden, die im Leben vereint für die Vaterstadt gewirkt hatten, noch einmal vor dem Volke umarmten". Wer aber war Daniel Manin? — Der Sohn eines Juden! Italien zählt diesen „Judenstämmling" zu seinen größten Patrioten und edelsten Märtyrern. Glücklicher, erfolgreicher und viel weitwirkender als Manin war ein anderer aus Italien stammender Sohn Judas, von dem uns Münz erzählt. Mehr als zwei Jahrhunderte hat eine aus Spanien vertriebene jüdische Familie in Venedig gelebt. Im Jahre 1748 übersiedelte einer von ihr nach England. Er nannte sich Benjamin Disraeli. Sein Sohn Isaak, der zum Christenthum übertrat, gelangte dort zu Reichthum und schickte noch bis zu seinem Tode Unterstützungen an in Venedig lebende arme Verwandte. Deffen Sohn wurde nach dem Großvater Benjamin Disraeli genannt; später nannte man ihn Lord Beaconsfield. Auch ihn zog es in die alte Heimat seiner Familie, in das Ghetto von Venedig, zurück. Er kam dahin noch als junger Mann, lange bevor er der berühmte Minister der Königin Victoria geworden, die er zur-Kaiserin von Indien Machte. Er kam, nicht wie so viele reiche Engländer nach der Lagunenstadt, blos um ihre Kunstwerke, ihre märchenhafte Schönheit zu bewundern. Stundenlang trieb er sich, wie'Münz sich erzählen.ließ, im Ghetto herum, blickte träumerisch zu den hohen verwitterten Häusern auf, in denen die Hebräer wohnen. Er scheute nicht die Mühe, in einem alten achtstöckigen Hause über die dunklen, feuchten, hölzernen Treppen, auf denen die Matten spazieren, zu den armen Juden, unter denen noch sein Großvater gelebt hatte, hinaufzusteigen und sich mit ihnen zu unterhalten. Signor Benjamino, der Abenteuer liebte, plauderte gern mit den Töchtern Zions auf den sonnigen Terrassen, von denen man den Anblick Venedigs mit seinen vielen Thürmen genießt. Er sagte sich: So wie diese hier, lebten einst meine Urgroßmutter und deren Mutter. Er war aufmerksam und liebenswürdig gegen die jungen Damen des Ghetto, brachte der einen einen Strauß feuriger Nelken vom Lido und der Anderen gar eine weiße Katze. Er hing mit allen Fasern an der Vergangenheit. „Signore! Im Ghetto seht Ihr eine marmorne Tafel, fast 200 Jahre alt, auf der geschrieben steht, daß die Mächtigen von Venedig beschlossen haben, kein Jude, der Christ geworden, keine Jüdin, die Christin geworden, dürfe dieses Ghetto oder gar ein jüdisches Haus betreten, widrigenfalls ihnen das Gefängniß oder die Galeere oder gar der Galgen drohe. Benjamin, selbst Convertit, las mit Thränen in den Augen diese drakonische Maßregel, durch welche die Obrigkeit von Venedig die Bande der Verwandtschaft zwischen den Inden und ihren getauften Angehörigen zu zerreißen gesucht. Pietätvoll besuchte er auch die spanische Synagoge, in der noch sein Großvater als Jüngling gebetet hatte. Ein vornehmer Baumeister, vielleicht Longhena, hat das Haus, das mehrere hundert Jahre alt ist, mit den vier großen Bogenfenstern -gebaut, die nach dem Campiello delle scuöle gehen. Benjamin verweilte mit Rührung an der Andachtsstätte seiner Väter und Vorväter. In den Opferstock, unter dem die Worte „Pobre8 vergonzosos" stehen, warf er einen reichen Obolus für die verschämten Armen. Er stand nicht wie ein Fremder vor der marmornen Bundeslade, vor der das ewige Licht brennt und Oellämpchen zum Andenken an die Todten flackern. Sein Auge weidete sich an dem stimmungsvollen hellen Raume, in dem die messingenen Candelaber festlich leuchten. Er stieg auch zu der säulengetragenen Tribüne, diesem Tempelchen im Tempel empor, das der Bundeslade gegenübersteht. Dort hatte noch sein Großvater den Segensspruch angesichts der Thora recitirt. Er schaute zu der hölzernen Galerie hinauf, wo die Frauen ihren Platz haben und wo einst seine Urgroßmutter gesessen. Dann stieg er hinunter auf den großen Platz, wo die drei marmornen Cisternen stehen, schäkerte mit den Töchtern Juda's, die mit kupfernen Eimern Wasser schöpfen kamen. Wenn nun solch' eine Schöne ihre Stimme erhob und ein Lied voll Sehnsucht sang, das italienisch lautete und spanisch klang, und doch ein Lied von Zion war, fühlte sich Signor Benjamino im Geiste nach Spanien entrückt, wo einst die großen Scheiterhaufen für seine Ahnen loderten ..." Doch wir können hier nicht Alles ausschreiben, was Münz noch von Disraeli und den Juden Venedigs erzählt. Es mag genügen, auf sein Buch hier aufmerksam gemacht zu haben, von dem die I u d a i c a nur einen sehr kleinen Theil bilden und das auch sonst viel Interessantes enthält. L. Die Ohrenkrankheit des Herrn Abrahamowir;. Die Ohrenärzte von Wien dursten sich eine Nacht lang auf eine ehrende, auf eine auszeichnende Kundschaft gefaßt machen. Herr v. A b r a h a m o w i c z, der erste Vicepräsident des Abgeordnetenhauses, war schwerhörig, nein, er war taub geworden. Stocktaub! Das war zu jener zweiten Obstructionsnacht, da die deutschnationalen Pultdeckelritter den Herrn von Wien nicht zu Wort kommen ließen. Da hörte der armenische Vorsitzende nicht, wie Strobach mit papageienhafter Beharrlichkeit „Schandbube" brüllte, wie der Syphon-Gregorig unzählige „Bordellritter" zum Besten gab, *) Patriotti italiani, Milano 1890, cap. IV. Daniele Manin.