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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-11-05 · 45 (5.11.1897) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
45 (5.11.1897)
Date
1897-11-05
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 45 Vr Vloch's WochrnschrM Seite 919 scheinung. Juda gab in beredten Worten seinen Gefühlen Ms- I druck und verglich dieses Haus als eines der Patriarchenhäuser! und ihre Frauen ähnlich unseren Erzmüttern. Der Morgen graute schon, als sie noch mit gläubiger Zuversicht das Schlußgebet sangen: „Gott wird zurückführen die Zerstreuten aus allen Enden, alle seine Kinder, die ganze Menschheit; der Tempel Salomons wird neu erstehen und Glauben und Friede bringen über Israel und die ganze Menschheit." Die Diener geleiteten die Gäste in die für sie bestimmten Zimmer und unsere beiden Freunde schliefen diesmal zum ersten Male traumlos, glücklich, als ob Gott wirklich ihnen seinen Himmel geöffnet und das Paradies — —. Herrliche Festtage folgten. Die Familie Mendeß behielt Juda bei sich. Der Doctor nahm ihn mit zu seinen Patienten las und studirte mit ihm. Juda faßte schnell auf und zeigte viel Liebe zum Beruf eines Arztes. Dr. Mendeß war glücklich und betrachtete Juda als seinen Sohn, Jona war bei seinem Schwager, dem Banquier David de Castra, gut untergebracht. Beide haben die Familiennamen ihrer Beschützer annehmen dürfen. Die Zeit der Thätigkeit und Arbeit begann und ließ sie oft vergessen, wie und wie viel sie gelitten und was sie entbehrten — trotz all der Liebe, die ihnen zu Theil ward. Jona lebte wie im Rausch, ein Familienleben wie bei de Castra, eine edle fromme Frau und Benveuida, die einzige Tochter, das liebreizendste Mädchen, nun sie konnte er mit Ruth gleichstellen. Drei liebliche Knaben vervollständigten das Glück dieses Hauses und Alle liebten den Fremdling. Wieder vergingen mehrere Jahre. Judas Arbeiten wurden preisgekrönt und er wurde zum Doctor promovirt. Einige glückliche Augenoperationen verschafften ihm das Vertrauen. Mit einem der ersten geistlichen Würdenträger machte er eine Reise nach Egypten wegen seines Augenleidens, erweiterte seine Studien und Kenntnisse und war als Begleiter und Arzt von ganz besonderem Bortheile für den Leidenden. Bei seiner Rückkehr vertrat er schon fast ganz seinen Pflegevater. Die Geduld und die Liebe, die er den Kranken und leidenden bewies, sein bescheidenes Benehmen, seine rührende Theilnahme für die Armen machten den jungen Doctor Mendeß überall beliebt. Was oft dem Meister nicht gelang, vollbrachte der Schüler. Er hat ja Alles erreicht, was nur je ein Menschenherz sich wünschen kann, und doch die Sehnsucht nach der Heimat, den Eltern, der geliebten Frau, von der er keine Kunde hatte, sie ließen das Glück in seiner Brust nicht aufkommen. Die Familie Mendeß saß einmal mit Juda im trautem Familienkreise und erwartete den Vater, der heute aber länger als sonst ausblieb. Da hörten sie schon die Schritte des Vaters. „Juda mein Sohn! Eine frohe Nachricht! Ich komme eben von dem russischen Gesandten der Dich an den Gouverneur nach Petersburg empfohlen, an seiner jugendlichen einzigen Tochter eine Augenoperation vorzunehmen. Du reisest morgen schon. Gott wird Dir Gelingen geben. Der Graf ist eben mit der Tochter von der Reise zurückgekehrt und hat schon viele Aerzte und Professoren consultirt." Sie mochten ihn nun schwer vermiffen die beiden Frauen und doch waren sie stolz auf ihren Sohn und beteten für sein Wohl und hofften, daß es ein Fingerzeig der Vorsehung ist. Von der Hauptstadt könnte er vielleicht eine Kunde hören von den Seinen. Sie konnten und fühlten so innig mit ihm. Von tausend Segenswünschen begleitet, reiste er. In Petersburg vor dem Palaste des Gouverneurs stehen unzählige Diener. Wagen fahren hin und her, bleiben vor dem Portale stehen. Die Kommenden geben ihre Karten ab und flüstern leise. Die schöne Tochter, jugendliche Tochter des Fürsten wird operirt. Aus Wien, Paris, Petersburg sind Professoren hier vereint und berathen schon seit 3 Tagen über den Fall. Endlich wurde entschieden, der Pariser Arzt soll die Operation vornehmen. Unter den vorgefahrenen Wagen war auch einer ohne Wappen, zwei Frauen entstiegen demselben. Eine junge, schöne, schlanke Frau, eine alte blinde Frau an der Hand führend, übergab dem Diener eine Karte. „Was!" rief der Diener. „Ihr wagt's? Juden — und noch heute? Es wird Niemand vorgelassen — macht daß ihr fortkommt." Es kam ein Herr aus dem Palaste, herrschte den Diener an, daß er so laut spreche und hier die Ruhe störe. „Zwei Judenweiber sind so frech, wollen durchaus hinein und wollen den Fürsten selbst sprechen". Ruth war schon im Begriff zu gehen, als der alte Herr ihr winkte und leise nach ihrem Begehren frug. „Ihr sucht wohl den Professor für die Blinde?" — Ruth nahm den Ring von ihrem Finger und erzählte in fliegender Eile ihr Anliegen an den Fürsten. .Ihr seid so gut, edler Herr! ich vertrau' Euch, steht uns bei mit Euerer Hilfe, mit Euerm Rath" — „Ihr sollt' Euch nicht getäuscht haben. Fahrt hier in ein Hotel und wartet auf mich, ich werde Euch sobald als möglich Bescheid bringen. Die Tochter des Fürsten wird heute an den Augen operirt. Sobald die Operation glücklich vorüber ist, sollt Ihr Audienz erhalten". „Wie darf ich Euch nennen, edler Herr"! „Professor B.; ich bin hier in Petersburg der Leibarzt des Czaren." Ruth fuhr nun mit ihrer Mutter in's Hotel. Nach zwei Tagen kam ganz unerwartet der edle Mann und brachte die glückliche Nachricht von der gelungenen Operation der Prinzessin und auf Nachmittag die Erlaubniß zur Audienz. Ruth fand kaum Worte des Dankes. Sie mußte dem Arzte nun ihre ganze Geschichte erzählen. Er konnte sich nicht genug satt sehen an der eigenartigen Schönheit Ruth's und war erstaunt über ihre seltene Bildung und die Art ihres Benehmens, über ihre Energie in so jungen Jahren, die die eines gereiften starken Mannes übertraf. Vielleicht kommt auch das Augenlicht Ihrer Mutter wieder, tröstete sie der Arzt. „Meinen Mann werde ich wohl nie wieder sehen — nur möchte ich dem Fürsten Alles übergeben und den Namen meines seligen Schwiegervaters rein erhalten von jedem Makel. Er hat jahrelang treu dem Staate gedient, das weiß der Gouverneur. Ich will mit den Meinen bleiben und ausharren in dem Hause, das einst mir alles Glück barg." Es war um die Nachmittagsstunde eines schönen Märztages, die Wartesäle des Gouverneurs wimmelten vor Menschen, hier waren es Männer mit Ordenssternen, hier hohe Vertreter der Militärs, dort auch Damen — unter ihnen Ruth mit der blinden Mutter, die in einem Fauteuil saß; Ruth stand bei ihr, ihre jugendlich schöne Gestalt und das liebliche freundliche Antlitz, das sie der Blinden zuneigte, erregte die Aufmerksamkeit der Anwesenden — wer mag das sein? Da öffnete sich die Flügelthür und die Diener geleiteten ehrerbietig drei Herren in den Saal — „Die Professoren" — hieß es — Alle standen aus und verbeugten sich. Die Herren grüßten nach allen Seiten und schritten durch den Saal dem Ausgang zu. Ruth stand in einer Nische und folgte mit Interesse den berühmten Männern. Der Leibarzt nickte ihr freundlich zu, sie erröthete und wie gebannt und von einem unsichtbaren Magnet hingezogen, sah sie in die Augen eines der Professoren, so ganz voll ins Angesicht — Beider Blicke begegneten sich und wie ein Blitzstrahl kam über Beide ein Gefühl, von dem sie sich keine Rechenschaft zu geben wußten. Was war das? Ruth war einer Ohnmacht nahe. Sie dachte, die steten Aufregungen bringen ihr diese Schwäche. O, nur jetzt, mein Gott, laß' mich nicht erliegen! Sie faßte die Hand der Blinden. „Du bist so erregt, mein Kind! Du zitterst! Auch mir ist so eigen zu Muthe — wir müssen ruhig sein, mein Kind", flüsterte leise die Alte und wollte mit den Augen ihren Liebling sehen und trösten. — Nacht — finstre Nacht war um sie her — nur beten, leise, leise beten konnte sie — diese leisen Schmerzenslaute, sie öffnen die Thüre des Himmels — sie finden Erhörung bei Gott — — — — — — — — — An der Südseite des Palastes im dunklen Zimmer lag die schöne Prinzessin. Auch ihr Herz klopfte vor Erregung beim Eintritt der Aerzte. Nach den üblichen Fragen über ihr Befinden, Schlaf? u. s. w. schritt Dr. Mendeß auf sie zu, und nur einen Moment dauerte es, als er die Binde lüftete und den Aerzten mit den Blicken nun das Gelingen anzeigte — die Kranke dürfte es noch nicht wissen. — „Es geht vorzüglich, Prinzessin — nur Ruhe — bald wird Ihre Geduld vom besten Erfolg gekrönt sein. Im anstoßenden Salon standen die Eltern, und als Dr. Mendeß kam und das „Gerettet!" verkündete — fanden sie keine Worte — nur heiße Thränen des Dankes. Jetzt, rief der Fürst, kann ich empfangen und Viele ttösten und glücklich machen. Die Professoren selbst gratulirten Mendeß. Ruth war unter den Ersten, die empfangen wurden, sie trat mit der blinden Mutter an der Hand vor dem Gouverneur. „Erinnert Ihr Euch noch, edler Herr," fing sie ihre Rede an. „Gewiß, gewiß unterbrach sie der Fürst, „Du bist Ruth Kornblum und die Mutter — sie ist erblindet? Was ist's? Was hat man Euch gethan? Du siehst so elend aus. Du zitterst — setze Dich — erzähle." „O! Ich wußte es ja", sagte Ruth, „bei

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