Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 45 (5.11.1897)
- Date
- 1897-11-05
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 916 Vr. Vlortz's MochrnfchrM Nr. 45 gekommener Israeliten officiellzur Festivität einzuladen. Programmgemäß sollte dem Vereine eine gleichartige Participation wie den anderen hierortigen Corporationeu eingeräumt werden. Als man jedoch Herrn S t u r d z a das Festprogramm zur Einsicht vorlegte, fand unser Premier in seiner bekannten Hebräphobie nichts Befferes zu thun, als die Juden gänzlich zu eliminiren mit dem Bemerken: „Wir brauchen diese Leute nicht." Man denke sich unsere Empfindung! Wir gaben nicht nur unser Geld her, sondern in dem betreffender! zweiten Jägerbataillon dienten zur Zeit des Krieges von 1877 mehrere hiesige Glaubensgenossen und bei der Erstürmung der Grivitzaredoute, die das errichtete Monument verewigen sollte, sind einige unserer Kinder den Heldentod gestorben. Nicht wahr, eine schöne Ermunterung sür unsere Jugend, ihr Gut und Blut pro xatria herzugeben! St. Petersburg. Wie bekannt, ist im hiesigen Justizministerium eine Comniiffion damit beschäftigt, ein neues Gesetz für die niedere Gerichtsbarkeit auszuarbeiten. Bei dieser Gelegenheit kommt auch die Zulassung zum Rechtsanwaltstand wieder einmal zur Discuffion. Nach dem jetzt veröffentlichten Projecte dürfen zu Geschwornen Advocaten, Juden nur bis zu zehn Percent der Gesammtzahl zugelassen werden. Dieselbe Einschränkung gilt für die Angestellten der Advocaten, während zu Privatadvocaten, (solche, welchen kein Universitätsdiplom besitzen) in Polen 50 Percent, tut übrigen Rußland nur 10 Percent zugelassen werden dürfen. Uebrigens heißt es, daß einige Mitglieder der Commission, darunter der berühmte Moskauer Advocat Plevako, sich gegen jede Beschränkung bezüglich der Zulassung von Juden erklärten, mit der Begründung, daß nach allgemeiner Uebereinstimmung die jüdischen Advocaten den christlichen in Nichts nachstünden. Diese tolerante Ansicht erlangte leider nicht die Majorität, und es dürsten die alten Beschränkungen in Kraft bleiben. Der Domänenminister hat ebenfalls ein Gesetzproject in Arbeit, welches sich mit jüdischen Verhältnissen befaßt. In den Colonien im Gouvernement Cherson, deren Gründung in das Jahrzehnt 1808 bis 1818 fällt und im Gouvernement Katerinoslaw, wo dieselben in den Jahren 1849 bis 54 angelegt wurden, hatten die Juden das ihnen zugewiesene Land an die Regierung abzuzahlen. Dies ist schon lange geschehen, dennoch erhielten die jüdischen Colonisten keinen Besitztitel über ihr Land. In dem neuen Gesetzentwurf heißt es: der Staat bleibt Eigenthümer des Landes; jeder Bauer wird als permanenter Pächter angesehen und hat nicht das Recht, sein Land, sei es zu verkaufen,-sei es mit Hypotheken zu belasten. Jeder Bauer muß sein Land selbst bebauen, andernfalls verliert er sein Recht auf dasselbe. Es ist höchst bedauerlich, daß die Bestrebungen, die Juden zu Bauern zu machen, von der Regierung durch solche harte Maßregeln durchkreuzt werden. — Der Districtsrath von Odessa hatte an den Gouverneur eine Petition gerichtet, den Juden zu erlauben, in den Dörfern Heniewka und Olgino zu wohnen, aber der Gouverneur hatte diese Bitte abgelehnt. Die beiden Dörfer sind Curplätze in der Nähe von Odessa und leiden sehr durch die gezwungene Abwesenheit der jüdischen Curgäste. In Folge dessen haben kürzlich die gesammten Districtsräthe des Gouvernements Cherson beschlossen, neuerdings dem Gouverneur dieselbe Petition noch einmal zu unterbreiten. Der Erfolg bleibt abzuwarten. — Der Gouverneur von Taurien hat den Juden erlaubt, sich in Sudak und anderen kleineren Plätzen des Districts von Jalta aufzuhalten, solange die Weinlese dauert, weil durch die jüdischen Händler höhere Preise für den Wein zu erzielen sind. London. Die durch die antisemitischen Artikel im „Daily Chronicle" verursachte Discuffion ist noch nicht zum Abschluß gekommen. Claude Mont-fiore hat sich mit einem Brief an diese Zeitung gewendet, in dem er den radicalsten Assimilationsstandpunkt vertritt und damit sogar den Widerspruch von Zangwill wachruft, wenn er sagt, daß alle leitenden jüdischen Ideen in der arischen Civilisation absorbirt worden sind. Viel bemerkenswerther, als die einzelnen Details dieses öffentlichen Streites ist es aber, daß in England eine solche Discussion über das Bürgerrecht der Juden überhaupt möglich ist, und es ist die große Aufregung der englischen Juden über dieses erste Auftauchen einer judenfeindlichen Bewegung wohl begreiflich. Seltsam muß die Haltung des Gladstone'schen Organes berühren, welches offen sagt: wenn die Juden nicht die liberale Partei, Fraction Gladstone, itnterstützen, sondern die Conservativen und die liberalen Unionisten, so verdienen sie die Emancipation nicht, sondern sollten wieder in das Ghetto gesperrt werden. Bor der Erregung durch solche Äusbrüche alten Judenhasses tritt alles Andere in den Hintergrund, auch die frühere Discussion über den Zionismus. Die Zionisten hielten in der letzten Zeit zwei Versammlungen ab, die eine am 23. September in der Bnei Zion-Gesellschaft, wobei Haas präsidirte, und eine große Volksversammlung unter dem Vorsitze Prag's in der Canon Street Synagoge, welche überfüllt war. Prag, Hyamson, Dr. S. A. Hirsch und Jsch-Kischor waren die Hauptsprecher und führten aus, daß die praktische Arbeit der Colonisation langsam, aber sicher zum Ziele führe. Eine Menge neuer Mitglieder sind in dieser Versammlung den Chawawe Zion beigetreten. Für die praktische Arbeit der Colonisation erhebt auch Rev. Gaster seine einflußreiche Stimme in der „Asiatic Quaterly Review", und die Gründung einer Import-Gesellschaft für die Producte Palästinas, welche Herr Prag in die Wege geleitet hat, geht in derselben Richtung. Zu diesem Unternehmen ermuthigen die diesigen Herren besonders die hier bekannt gewordenen großen Erfolge, welche der Karmel in Warschau und die Import-Gesellschaft „Palästina" in Berlin erzielt haben. Andererseits heißt es wieder, daß hier ein Zionistencongreß in einigen Monaten stattfinden soll, um die politische Seite dieser Frage zu berathen. Gegen die kaum begonnene kleine Colonisation von Ostend-Juden in Essex erheben sich schon gewichtige Stimmen, die befürchten lassen, daß die armen Teufel die Opfer von Landschwindler geworden sind und schlechten Boden, auf dem sich alte Bäume nicht behaupten konnten, zu theueren Preisen gekauft haben. Ein solcher Fehlschlag wäre sehr zu bedauern. Der Lordmayor Sir Faudel Philipps hat bekanntlich für seine Bemühungen bei Aufbringung des indischen Hungersnothfonds den Orden der indischen Krone und zwar in der Würde des Großcommandeurs erhalten. Dies ist eine sehr hohe Auszeichnung, denn es bestehen nur 25 solcher Würden und Collegen von Philipps in diesem Range sind Lord Roberts, der Marquis of Dufferin, Lord Landsdowne und einige indische Fürsten. Diesen Rang des Ordens der indischen Krone hat bisher noch kein Jude erhalten, niedrigere Classen dagegen 4, nämlich Sir Albert Sassoon, Sir Barrow Ellis, Ney Elias und Dr. Haffkine. London. Sehr ungünstige Nachrichten kamen neuerdings aus Korfu, wo die Juden wiederum Angriffen ausgesetzt sind, welche sie nach keiner Richtung hin provocirt haben. Die jüdische Gemeinde in Korfu erfüllt ihre Pflichten gegenüber dem griechischen Staate auf die beste Weise. Während des Krieges mit der Türkei fochten alle waffenfähigen Leute im griechischen Heere und die Zurückgebliebenen sammelten einen Fond für die Kranken und Verwundeten der ganzen Armee, der in wenigen Tagen die Höhe von 2400 Lire erreicht hat. Mit Rücksicht darauf, daß die ganze Gemeinde keine reichen Leute zählt, ist der Betrag ein sehr respectabler. Trotz dieser Leistungen werden die Juden von dem griechischen Pöbel auf den Straßen fortwährend insultirt, ohne daß die griechische Regierung eingeschritten ist. Selbst in ihrem abgeschlossenen Quartier im Ghetto leben die Juden in steter Furcht vor größeren Excessen, während kleinere Belästigungen kaum noch auffallen. Mr. F. D. Mocatta hat die Aufmerksamkeit der Anglo Jewish Association auf diese Vorfälle gelenkt. London. Die Western - Synagoge feierte bereits ihr 100jähriges Jubiläum, denn am 23. Elul 1797 wurde sie eingeweiht. Während der Dauer ihres Bestehens hat die Londoner Gemeinde einen Aufschwung genommen, wie ein solcher nur äußerst selten Vorkommen wird. London. Am Mittwoch den 20- October fand eine Ceremonie in Colchester, bekanntlich einem Vororte von London, statt, welche allgemeines Interesse beanspruchte durch die dabei mitwirkenden Personen mehr als durch die Sache selbst. Der Lordmayor von London, Sir Faudel Philipps und seine Gemahlin besuchten den kleinen Ort, wo Philipps in seiner Amtspflicht einen Eid zu leisten hatte. Als Jude kann er den Eid nur auf das Alte Testament schwören, und ein solches war in dem kleinen Nest, wo keine Juden wohnen, nicht aufzutreiben und mußte unter großen Umständen aus der Nachbarschaft erst geholt werden. Im selben Dorf ist die Mühle Marriage and Son, welche für die vereinigten Londoner Synagogen, das Mazzosmehl liefert. Da in diesen Tagen gerade unter Aufsicht einer Anzahl von Dayanim der Londoner Synagogen das Mahlen beginnen sollte, ließ es sich die Frau Bürgermeisterin nicht nehmen, eigenhändig die Mühle für das zu religiösen Zwecken bestimmte Mehl in Bewegung zu setzen.