Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 45 (5.11.1897)
- Date
- 1897-11-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 45 Vr. Vloch's WochrnfttzrM. Sette 913 „Ich bin kein Jud', ich bin ein Ehrenmann!" Der gegenwärtige Fabriksreisende Felix Witt annoncirte in der Zeitung den Verkauf eines Gemischtwaarengeschäftes in der Eberlgasse Nr. 6 im II. Bezirk. Der Schneidergehilfe Martin S k o p i k kaufte das Geschäft um 300 fl. und leistete eine Zahlung von 180 fl. aus seinen Ersparnissen. Als er das Geschäft übernommen hatte, machte er aber eine sehr unangenehme Wahrnehmung. Die Behältnisse im Local waren leer oder enthielten verdorbene Maaren, der Wein in den Flaschen war ungenießbar, in einer Lade, in der sich Canditen befinden sollten, fanden sich zerknitterte Papierfragmente vor. In einem int Schaufenster befindlichen Zuckerhut befand sich statt Zucker Gyps, endlich war auch ein Sack vorhanden, der statt Soda nur außen mit diesem Stoffe belegt war, innen aber verdorbene Erdäpfel enthielt. Als der arme Teufel sich um sein mühsam erworbenes Geld geprellt sah, erstattete er die Anzeige bei der Staatsanwaltschaft, diese trat die Sache jedoch an das Bezirksgericht ab, wo vorgestern der Strafrichter Dr. P o l l a k darüber verhandelte. Der Angeklagte gab an, von dem eigentlichen Zustande des Waarenlagers nichts gewußt zu haben; der Käufer hätte sich die Sache anschauen sollen. — Der Beschädigte bemerkte, Witt habe zu ihm gesagt: „Ich werde Sie nicht anschmieren, ich bin k e i n I u d', ich bin e i n E h r e n m a n n." Er habe vertraut und sei nun um sein Geld gekommen. Witt habe das Geschäft um 95 fl. gekauft und es ihm um 3OO fl. angehängt. — Der Richter sprach den Angeklagten vom Betrüge frei, weil die Schädigungsabsicht nicht erwiesen sei und nur ein civilrechtliches Berhältniß vorliege. Der arme Schneidergehilfe hat nicht nur sein Geld verloren, er ist außerdem von Witt auf Zahlung der restlichen 120 fl. geklagt. Wenn der saubere Verkäufer auch der gerichtlichen Bestrafung entgangen ist, sein Vorgehen wird jeder anständige Mensch als ein höchst verwerfliches bezeichnen, das verdient, angenagelt zu werden. Krakau, 1. November. Der neuerliche Erlaß des Cultusministeriums über die weitere Einhebung und Ausdehnung der Domesticalsteuer, der hier erst durch die „Oesterreichische Wochenschrift" bekannt wurde, hat hier großes Aufsehen und Beunruhigung hervorgerufen. Und dies umsomehr, als es bekannt ist, daß unser Cultusvorstand seit mehr als 15 Jahren, sowohl durch Deputationen als Petitionen sich für die Aufhebung dieser drückenden Steuer einsetzte und daß trotzdem das Ministerium die weitere Ausdehnung dieser Steuer aufträgt. Dieser Erlaß ist die Folge eines Schrittes, den einige unbesonnene Bürger vor Jahresfrist auf eigene Faust unternahmen,, indem sie nämlich eine Petition wegen Aufhebung dieser Steuer überreichten und die Folge davon ist der erwähnte Erlaß, der den stricten Auftrag enthält, diese Steuer noch weiter anszudehnen und mit aller Strenge einzuhebeu. Nun ist es Sache unseres Cultusvorstandes, der sich schon so oft in schweren Zeiten bewährt hat. Alles nochmals aufzubieten, um die Gefahr, die dadurch den Cultusgemeinden erwächst, abzuwenden. Dieser Erlaß ist von großer Tragweite und wäre es von Wichtigkeit, wenn sich auch andere Cultusgemeinden den zu unternehmenden Schritten anschließen würden. Bei der letzten unter Vorsitz des Präsidenten der Cultusgemeinde Dr. Leon Horowitz stattgefundenen Plenarsitzung des Cultusvorstandes hat der Vtcepräsident der Cultusgemeinde Hirsch Landau in Betracht des großen Mangels an Religionslehrern den Antrag wegen Errichtung dreier Stipendien von je 100 fl. jährlich für Religionslehrer-Candidaten gestellt. Gleichzeitig hat Cultusvorstand Dt. I. A. Propper den Antrag gestellt, 100 fl. für die neu zu errichtende Analphabeten-Schüle für Juden zu spenden, welche Anträge einstimmig unter lebhaftem Beifalle angenommen wurden. Lemberg. Am Montag den 25. d. M. referirte im Gemeinderathe der Delegat desselben für den k. k. Landesschulrath, Professor Ciecielski, über seine Thätigkeit während eines dreijährigen Zeitraumes. Ein Theil der sehr interessanten Berichte galt auch dem jüdischen Religionsunterrichte an Volks- und Mittelschulen. Vor Allem erhielten wir die freudige Nachricht, daß der auf Grund des Memorials des Herrn Rabbiners Dr. Caro gefaßte Landtagsbeschluß, bezüglich der Einführung eines Specialcurses für jüdische Religionslehrer am k. k. Lehrerseminar in Lemberg, sehr bald zur Ausführung kommen wird. Der Referent betonte ferner, daß sämmtliche jüdische Gemeinden Galiziens die im Aufträge des Landesschulrathes von Herrn Rabbiner Dr. Caro ausgearbeiteten Lehrpläne für den jüdischen Religionsunterrichte genehmigt hätten. Eine einzige Gemeinde erhob zuerst Einwände, acceptirte aber auch schließlich die Pläne. Endlich erwähnte der Herr Referent den günstigen Verlauf, welchen die Verhandlungen des k. k. Landesschulraths mit dem obengenannten Herrn Rabbiner von Lemberg über die Einführung, respective Ausarbeitung passender Lehrbücher für den israelitischen Religionsunterricht nehmen. Die vom Herrn Rabbiner Dr. I. Caro verfaßte biblische Chrestomathie mit grammatischen Bemerkungen und einem hebräisch-polnischen Wörterbuche (Krakau bei Josef Fischer) sei in heutiger Sitzung des k. k. Landesschulrathes in lobendster Weise besprochen und für öffentliche Schulen approbirt worden. Schließlich drückte Herr Professor Ciecielski die Hoffnung aus, es werde durch den einzuführenden Specialcurs die Möglichkeit geboten werden, passende Lehrkräfte heranzubilden und hiedurch den israelitischen Religionsunterricht im Lande auf eine höhere Stufe zu heben. So weit der Bericht an den Gemeinderath. Es bleibt immerhin zu bedauern, daß ausnahmsweise in Galizien die jüdische Religionsgenossenschaft einen Vertreter in den Landesschulrath zu entsenden nicht das Recht besitzt. Umsomehr muß die jetzt mehr als je bethätigte Fürsorge der höchsten Landesschulbehörde für den jüdischen Religionsunterricht dankbar anerkannt werden. R. L. Lemberg. Am Samstag den 30. October d. I. erschien der hiesige Landes- und Gerichtsadvocat Dr. Ritter v. Szalei beim hiesigen Oberrabbiner Dr. S ch m e l k e s mit dem Ansuchen, derselbe möge in einem Rechtsstreite, welchen Herr Dr. Szalei mit einem hiesigen angesehenen Kaufmanne auszufechteu hat, das Amt eines Schiedsrichters annehmen, da ihm dessen Unparteilichkeit sowohl gegenüber Juden als Christen und dessen Rechtlichkeit bekannt sei. Herr Oberrabbiner Dr. Schmelkes hat diesem Ansuchen Folge gegeben, das Schiedsgericht jedoch des Samstags wegen auf Dienstag den 2. November angesetzt. Als bei dieser Gelegenheit die Rede auf den Antrag Neumayet kam, verdammte Herr Szalei denselben mit dem Bemerken, daß ihm in seiner ganzen Praxis nie der Fall vorgekommen sei, daß ein Jude einen Meineid geschworen habe. Ja, es habe sich wiederholt ereignet, daß ein Jude lieber seine gerechten Ansprüche fallen ließ, ehe er sich überhaupt zur Eidesleistung entschloß. Was sagt Herr Dr. Neumayer dazu, daß ein hochgeachteter Christ, wie Dr. Szalei, in solcher Weise über seinen Antrag urtheilt und einen jüdischen Rabbiner zum Schiedsrichter wählt? Lemberg. (S o l d a t e n b e e i d i g u n g, S Y n a g o g e naufgebote, Holzverein, Schule für hebräische Sprache.) Zufolge Ansuchens des hiesigen k. k. Platz-Commandos an den Oberrabbiner Herrn Jsaac Schmelkes wurden die Recruten israelitischen Glaubens in diesen! Jahre, 280 an der Zahl, am Samstag den 30. October in der Vorstadt-Synagoge versammelt, wo sie der Herr Oberrabbiner in trefflicher Rede über die Bedeutung des Fahneneides, welchen sie am 1. November zu leisten haben, belehrte. Der Gottesdienst wurde unter gleichzeitiger Absingung der Kaiser-Hymne vorgenommen. Nach diesem feierlichen Acte wurde Oberrabbiner Schmelkes vom k. k. Hauptmanne im Namen des k. k. Commandos der Dank ausgesprochen. — Ferner hat Se. Ehrwürden zufolge Auftrages der k. k. hohen Statthalterei an den hiesigen israelit. Cultusvorstand die Aufgebote vorgenommen und wird jeden Samstag gemäß dem Gesetze die Aufgebote persönlich vornehmen. — Die in den armen Schichten der hiesigen israelitischen Bevölkerung eingeschlichene Noth und Arbeitslosigkeit veranlaßte die Herren Dr. Wilhelm Holzer, Julius Hochfeld, David M a s ch l e r, M. S. G o l d b a u m, Jacob D i s ch e, Osias Dornzweig, Sammlungen für Holzbedarf und Wohnungsbeitrüge für verschämte Arme einzuleiten. — Hier wurde unter Leitung des Schriftstellers L. Awin eine Schule für hebräische Sprache errichtet, und da diese Neuschule unter der bewährten Leitung Fortschritte macht, so dürfte ihr eine Subvention zutheil werden. — Die hiesige Cultusgemeinde beschloß, sich dem Proteste der Wiener Cultusgemeinde gegen die Kundgebung des Wiener Gemeinderathes in Angelegenheit der Ernennung jüdischer Richter anzuschließen. Lemberg. Die Lemberger Statthalterei beauftragte den hiesigen Cultusvorstand, die Aufgebote für die Parteien auch in der vorstädtischen Synagoge vorzunehmen, wozu der Oberrabbiner Herr Isaak Schmelkes delegirt wurde. Am letzten Samstag hat bereits Herr Rabbiner Schmelkes seine Function angetreten. Diese neueste Anordnung hat die hiesige conservative Partei sehr befriedigt. Auch die Einführung eines unentgeltlichen Abendcurses für hebräische Sprache seitens des hiesigen Schriftstellers Herrn Awin für arme Schüler hat in der hiesigen jüdischen Bevölkerung freudig berührt. Der hiesige Cultusvorstand hat sich der Kundgebung des Wiener Cultusvorstandes. betreffs der Beschimpfungen der jüdischen Richter seitens des Wiener Gemeinderathes angeschlossen. Unter Aegyde der Herren Dr. Wilhelm Holzer, David M a f chl e r, Julius H o ch f e l d, Osias Dornzweig und M. S. Goldbaum wird der herrschenden Noth und Arbeitslosig-