Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 45 (5.11.1897)
- Date
- 1897-11-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 908 Vr. Nlvch'» MorhrnlrtzrM Nr. 45 Osman Bey. In ihrer Nummer vom 20. October kündigt die „Deutsche Zeitung" an, daß der gegenwärtig in Wien weilende Major OsmanBey Kibrizli-Zade, der „auf einen seltsam verschlungenen, romantischen Lebenslauf zurückblicke" und als „Apostel der antisemitischen Bewegung im Orient" gilt, in dem antisemitischen Wien von seinen Irrfahrten Ruhe und Schutz suchen und dem Kampf gegen die Judenschaft manche schneidige Waffe liefern werde. Wer ist dieser Major mit dem langmächtigen und so durchaus echt türkisch klingenden Namen? In dem Eideshelfer, welcher den antisemitischen Lügnern neuerdings aufgetaucht ist, haben wir es mit einem alten Bekannten zu thun. Osman Bey, der in Wirklichkeit Millinger heißt und leider jüdischer Abstammung, aber zur Zeit Christ ist, beschäftigte ursprünglich nur die Gerichte in Italien. Im Jahre 1870 wurde er durch ein Decret des Präfecteu Torelli von Venedig aus Italien ausgewiesen und jetzt, als er mittellos durch die Welt zog, entdeckte er sein antisemitisches Herz und schrieb eine Schmähschrift gegen die Juden „Die Welteroberung der Juden", welche in der That sehr raschen Absatz fand und ihn zu weiteren Hetzschriften ermuthigte. In dieser Broschüre findet sich auch zum ersten Mal die Angabe, daß auf einem Sanhedrin in Krakau im Jahre 1840 beschlossen worden sei, in Folge einer Rede einer unbekannten sehr bedeutenden Persönlichkeit, die Presse aller Länder zu erobern, um damit die Völker zu beherrschen. Wir haben daher Osman Bey alias Millinger als den Erfinder dieser Lüge anzusehen, während der Zusatz, daß Moutefiore diesen Rath gegeben habe, von einem anderen antisemitischen Lügner herstammt. Dagegen hat Osman Bey eine Reihe von Fälschungen, welche die ^lliauee Israelit« universell« betreffen, in die Welt gesetzt. Der Erfolg seiner Hetzschrift machte ihm zu Anderem Muth, allein die späteren Schanderzeugnisse seiner Feder hatten nicht mehr den ftüheren Erfolg. Wir nennen denn eine von den gröbsten Ausfällen gegen die Juden triefende Beschreibung des Processes von Damaskus. Als sich zeigte, daß er den erwarteten materiellen Erfolg nicht erreichte, kehrte er nach Italien zurück, wurde aber im Jahre 1880 nochmals ausgewiesen. Seitdem durchzog er ohne Subsistenz die halbe Welt. Er will, wie er in einem Buche über den Tod Alexander IL und Alexander III. von Rußland erzählt, bei Kars gegen die Türken mitgefochten, ja den Sieg der Russen entschieden haben, Graf Loris Melikoff habe ihn aber um die wohlverdienten Lorbeeren betrogen und ihn sogar, als er auf die nihilistische Gefahr aufmerksam machte, aus dem Czarenreiche ausweisen lassen. Auch aus Dänemark ist er ausgewiesen worden und er taucht wieder einmal in Italien auf. Aber hier blühte ihm niemals das Glück. Am 11. März 1891 verfügte der italienische Minister des Innern seine Ausweisung, er wurde in Mailand verhaftet, nach Novarra gebracht, dort zwar freigelassen, aber am 13. November 1891 in Florenz abermals festgesetzt, von dem Untersuchungsrichter Pagnori in Mailand verhört, wo er erklärte, daß Millinger sein richtiger Name sei und er von Juden abstamme, schließlich nach Udine transportirt und nachdem er eine Strafe von 17 Tagen abgesessen, per Schub über die Grenze gebracht. Er schlug sich nach Syra durch, und hier ließ ihn Ahlwardt durch den deutschen Consul als seinen Zeugen vernehmen. Die Aussagen waren aber derart unsinnig, daß der Richter, der alle Phantastereien von Ahlwardt ruhig angehört und zur Beweisaufnahme zugelasseu hatte, in diesem Fall die Zeugenaussage Osman Bey's mit dem Ausdruck „Ammenmärchen" bezeichuete. Von Syra zog unser trauriger Held nach Athen, wo er die Korsu-Affaire zu einer Hetzschrift ausschlachtete. Dann ging es nach Constantilwpel, als aber hier die Polizei sich mit ihm beschäftigte, flüchtete er nach Alexandrien. Im November 1894 erschien er in der Schweiz, um mit Enthüllungen über russische Verhältnisse und mit einem Buche über die Czaren Alexander II. und III. zu hausiren; das Geschäft muß aber nicht sehr lohnend gewesen sein, er verschwand wieder und jetzt taucht er als Säule der antisemitischen Partei in Oesterreich aus. Wahrscheinlich soll er Mittermayer ersetzen. Da er indessen im Erfinden neuer Lügen unerschöpflich ist, wird es gut sein, ein scharfes Auge auf ihn zu behalten. W. B. Gesellschaft für Sammlung und Conservirung von Kunst- und historischen Denkmälern des Juventhums. Dem Berichte über die Thätigkeit der Gesellschaft in den Jahren 1895 und 1896 entnehmen wir folgende Daten: Zu Anfang des Jahres 1893 war eine Anzahl von Männern zusammengetreten, welche sich in der Liebe zur Kunst und Wissenschaft, sowie in der Pietät für die Vergangenheit des jüdischen Volkes vereinigt haben. Diese Männer hatten sich als Ziel die Gründung eines Museums gesetzt, in welchem die historischen Denkmäler, sowie die Erzeugnisse der Literatur, Kunst und Wissenschaft, insoweit dieselben auf die politische und Culturgeschichte der Juden Bezug haben, gleichviel ob sie von Angehörigen des Judenthums oder von solchen anderer Völker stammen, gesammelt und aufbewahrt werden sollen. Dieses Museum soll eine Lücke in den öffentlichen Sammlungen Wiens ausfüllendenn während die öffentlichen Museen in manchen' anderen Großstädten, wie in London, Paris und Berlin, auch viele Schätze jüdischer Alterthümer bergen, haben wir in Wien, mit Ausnahme der kostbaren Sammlung hebräischer Handschriften in der kaiserlichen Hofbibliothek, welche einen alten Ruhmestitel des kaiserlichen Hauses bildet, und der erst jüngst angelegten und rühmlichst bekannten Sammlung „Papyrus Erzherzog Rainer" — welche eine größere Anzahl von hebräischen und arabischen Documenten enthält, die dem Gebiete der jüdischen Literatur und Geschichte angehören — von werthvollen Kunst- und 'historischen Denkmälern so gut wie gar nichts. Diesem Mangel abzuhelfen, hat sich die neugebildete Gesellschaft zur Aufgabe gemacht. Am 2. Februar 1895 erfolgte die Constituirung der Gesellschaft; in dieser Sitzung wurden gewählt: zum Präsidenten Herr k. k. Baurath Wilhelm S t i a ß n y; zu Vicepräsidenten die Herren Adolf Ritter von Sou neuthal und Professor Dr. Adam Politzer; zum Schriftführer Herr Architekt Max Fleischer; zum Cassaverwalter Herr Baurath Theodor Ritter von Goldschmidt; zum Cassacontrolor Herr k. k. Ober-Baurath Sigmund T a u s s i g; außerdem wurden die Herren Dr. Moritz Güdemann, Oberrabbiner., und Professor Ignaz Brüll, Tonkünstler, als Mitglieder des Curatoriums cooptirt. Schon in der ersten Zeit ihres Bestandes wurden der Gesellschaft von verschiedenen Seiten zahlreiche werthvolle Gegenstände gespendet; insbesondere war es der Vicepräsident Herr Prof. Dr. Politzer, welcher dem Museum theils aus seinen eigenen Sammlungen geeignete Objecte widmete, theils auf seinen Reisen interessante Gegenstände erwarb, um sie sodann in großmüthiger Weise der Gesellschaft zu überlassen. Zur Aufnahme der Sammlungen wurde im November 1895 ein geeignetes Locale im Hause l. , Rathhausstraße Nr. 13, gemiethet und mit den erforderlichen Sicherheitseinrichtungen ausgerüstet. Am Schluffe des Jahres 1896 zählte die Gesellschaft fünf Stifter und 63 ordentliche Mitglieder, seither hat sich der Stand der Stifter und Mitglieder in erheblicher Weise vergrößert. Obwohl die Geldmittel, welche bisher zu Gebote standen, nur beschränkte waren, ist doch schon eine Anzahl von künstlerisch werthvollen und historisch denkwürdigen Gegenständen gesammelt worden, deren Besichtigung demnächst einem größeren Kreise von Personen, und zwar vorerst den Gesellschaftsmitgliedern zugänglich gemacht werden soll. Wenn der Gesellschaft ausreichendere Mittel zufließen sollten, dann wird sie im Sinne des Statutes daran gehen, Reisende und Gelehrte zu unterstützen, deren Bestrebungen auf Erforschung jüdischer Alterthümer und Kunstdenkmäler gerichtet sind. Die Gesellschaft wird sich ferner selbstständig oder im Anschlüsse an bestehende Vereine an Ausgrabungen zu archäologischen oder kunsthistorischen Zwecken, das Judenthum betreffend, betheiligen. I Sie wird insbesondere eine umfassende wissenschaftliche Erforschung