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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-11-05 · 45 (5.11.1897) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
45 (5.11.1897)
Date
1897-11-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 45 9t. Vloch » WochenMrM Seite 907 H. Steinthal. (Zum 50jährigen Doctorjubiläum.) Eben kommt mir das neue und als erster Versuch sehr werthvolle „Deutsche Wörterbuch" von Paul in die Hand; es ist da zum ersten Male klar und bewußt der Sprachgebrauch psychologisch-historisch erklärt. Da fällt mir ein, daß Professor H. Steinthal, dessen Schriften bahnbrechend gewesen sind für die gegenwärtige psychologisch vertiefte Sprachwissenschaft, am I. November das 50jährige Jubiläum seines Doctorates feiern kann. Da darf ihm wohl ein dankbarer Laie ein Wort des Grußes widmen, umso eher, als das Publicum sich sonst so wenig um das wissenschaftliche Gebiet Steiuthal's kümmert und als ihm von seinen geehrten Collegen in Deutschland nur selten volle Gerechtigkeit geworden ist. Steinthal hat in seinen Schriften oft den kritischen oder gar den polemischen Ton der Philologen angenommen; auch sein Spürsinn hat einen philologischen Charakter. Seine Leistungen aber gehen weit über das Feld der Philologie und auch der Linguistik hinaus. Wohl gilt seine „Charakteristik der hauptsächlichsten Typen des Sprachbaues" (in der ersten Fassung 1850 erschienen) heute noch für das beste Werk über diesen Stoff; wohl ist seine „Geschichte der Sprachwissenschaft bei den Römern" ein vorzügliches Werk; seinen Rang in der Geschichte der Geisteswissenschaften beansprucht Steinthal jedoch durch das, was er durch seine Anregungen für die tiefsten Fragen der Sprachphilosophie gethan hat. Es wird wohl sein Name an keine geringeren als an die von Herder und Wilhelm von Humboldt geknüpft bleiben. Er ist der erste unter den deutschen Denkern, die nach ihnen die Frage nach dem Ursprung der Sprache behandelt haben. Es ist natürlich nicht möglich, in wenigen Zeilen einen Begriff von Steiuthal's Lebensarbeit zu geben. Nur eine Andeutung sei gestattet. Dem alten thörichten Streite, ob die menschliche Sprache eine göttliche Schöpfung oder Menschenwerk sei, hatte Herder ein Ende gemacht; als Aufllärer lehrte er, daß der Mensch sich dieses Werkzeug selbst geschaffen habe, aber er überwand die seichte Aufklärung durch Aufstellung einer Hypothese darüber, wie die Sprache entstehen konnte, und dadurch, daß er sich von dem Denken der Urzeit eine Vorstellung machte. Er hatte den Begriff der Entwicklung schon erfaßt; die Sprache war ihm ein Werkzeug, das erst nach Jahrtausenden zu seiner gegenwärttgen Vollkommenheit gelangt war. Wilhelm v. Humboldt war weiter gegangen; für ihn war die Sprache kein Werkzeug mehr, sondern selbst ein Organismus, ein lebendes Wesen mit einer eigenen Geschichte. Genial aber unklar ist Humboldt der eigentliche Begründer der Sprachwissenschaft geworden. Steinthal, der Herausgeber und Erklärer von Humboldt's sprachwissenschaftlichen Werken, ist sein bedeutendster Nachfolger. Er forscht ebenfalls nach dem Ursprung der Sprache; aber er verfolgt das Räthsel nicht mehr in der Weisheit eines Spracherfinders, nicht mehr in der unnahbaren Urzeit, sondern da, wo die Sprache immer noch täglich neu entsteht: beim Volke, beim Lied. Steinthal ist der wichtigste Anreger der Volkspsychologie. Es ist ja den Denkern niemals gegeben, letzte Fragen zu beantworten; oft können sie nur neue Fragen stellen. Steinthal hat die alte Frage nach dem „Ursprung der Sprache" in seinem Hauptwerke zum ersten Mal als Aufgabe der Psychologie gefaßt; und was auf diesem Gebiete in den letzten Jahrzehnten gearbeitet worden ist, das steht unter dem Einflüsse dieses hervorragenden Mannes. Außerhalb Deutschlands ist seine Bedeutung oft und willig anerkannt worden, der Amerikaner Whitney bekennt sich als sein Schüler, der Franzose Renan macht vor ihm eine ttefe Verbeugung und der Halbengländer Max Müller schuldet ihm mehr, als er ihm durch Dank bezahlt. Zu Hause ist Steinthal nicht durch Anerkennung verwöhnt worden; er hatte äußerlich immer eine' bescheidene Stellung, die vielleicht seinem Sinne zusagte. Schrieb er doch vor 40 Jahren in der Vorrede seiner Hauptschrift: „Ohne eigenen Ursprung, ohne eigene Bewegung, nur mitten im gewaltigen Strom der Wissenschaft möchte ich sein, von ihm gedrängt, wenn auch die kleinste Welle." Heute darf Steinthal stolz zurückblicken auf das Werk seines Lebens: „Die That ist Alles, Ruhm ist nichts". Die Juden in öffentlicher Stellung. Ein Freund unseres Blattes sendet uns als Beitrag zu diesem Thema folgende Zeilen: Vor wenigen Jahren lernte ich in der Sommerfrische einen Mann kennen, dessen vornehme Umgangsweise, Biederkett und Rechtlichkett mich im hohem Maße anzogen. Als ich ihm im Herbste wieder in Wien begegnete, zeigte er das Original des unten auszugsweise wiedergegebenen Zeugnisses. Schon vor 20 Jahren hatte ich in einem galizischen Blatte einen Artikel über einen jüdischen Bürgermeister gelesen, in welchem erzählt wurde, daß derselbe all' seine geistigen und physischen Kräfte daran setzte, um das Schulwesen seiner Gemeinde zu heben und die zurückgebliebene Jugend zu nützlichen Mttgliedern der Gesellschaft zu machen. Es war hervorgehoben, daß der Bürgermeister aus Eigenem arme Kinder speiste, bekleidete, sie mannigfach beschenkte, ihnen Nächstenliebe und Humanität einzuprägen suchte, daß er strenge daraus achtete, daß in der Schule keine Standesunterschiede sich geltend machten, daß Schule, Kirche und Haus einander in der Erziehung der Jugend mtterstützen; er beschaffte der Schule die nöthigen Requisiten und versäumte keine Gelegenheit, die Kinder darauf aufmerksam zu machen, welchen Dank, welche Treue wir Gott, Kaiser und dem Vaterlande schulden. Es war eine Prüfung besprochen, deren glänzende Resultate den anwesenden k. k. Landesschulrath bestimmten, im Einverständnisse mit der hochw. Geistlichkeit der Umgebung dem Bürgermeister Dank und volle Anerkennung für seine erspießlichen Leistungen öffentlich, im Wege der Presse, auszusprechen. Ich war freudig überrascht, in meinem Bekannten diesen überaus verdienstvollen Mann, Herrn Samuel Nesselroth, wiederzufinden, der zu jener Zeit der einzige in Sol ansässige Jude war. In dem erwähnten, am 1. Juli 1897 über Ersuchen des Herrn Nesselroth ausgestellten Zeugnisse bestätigen der Gemeindevorsteher von Sol, Herr Josef P l o w u ch a, der Pfarrer von Milowka, Herr Ciszek der Pfarrer von Rajcza, Herr P a l e c z n y. und der Bezirkshauptmann von Saybusch, Herr F l e ch n e r, daß Herr Samuel Nesselroth sich im Jahre 1854 in Sol etablttte, daß sein Betragen, seine moralische Lebensweise so musterhaft waren, daß er im Jahre 1867 zum Gemeinderath, im Jahre 1870 zum Geschwornen und vom Jahre 1873 ab wiederholt zum Bürgermeister, Bezirksschulrath, Obmann des Ortsschulrathes und Mitglied der Grundsteuer - Schätzungscommission gewählt wurde. Wörtlich heißt es dann: „Er bekleidete alle diese Ehrenämter ganz unentgeltlich; gleichzeitig hat Herr Nesselroth die Steuereinhebung und alle Aemter derart zur Zufriedenheit geleitet, daß er zum ersten Bürgermeister des Bezirkes ernannt wurde und die hochlöbliche k. u. k. Bezirkshauptmannschast sich veranlaßt sah, demselben im Jahre 1877 eine schriftliche Anerkennung zu verleihen, in welcher seine mustergiltige Function und die Verdienste um seine Aemter hervorgegehoben wurden. Schließlich wird betont, daß Herr Nesselroth in wahrhaft väterlicher Weise für seine Ortsarmen, Leidenden, Hilfsbedürftigen und mittellosen Schulkinder handelte, er förderte mit Umsicht die rituell chri st katholischen religiösen Tendenzen, schaffte viele Mißbräuche ab. war beflissen, Tugend, Sitte, Di oral und Religiosität ohne Unterschied der Confession selbst mit Aufopferung seiner Zeit, seines materiellen Vermögens zu fördern, zu heben, war besonders umsichtig für das Schulwesen, so daß er sich die vollste Anerkennung der hochwürdigen Geistlichkeit der ganzen Umgebung und deren Achtung, Liebe, vollstes Vertrauen und Verehrung erwarb. Die meisten Mttglieder unserer Gemeinde bedauern das Scheiden dieses berühmten Mannes aus dem Verbände unserer Gemeinde und erlheilen infolge seiner Verdienste für seine Heimatsgemeinde gerne dieses wohlverdiente Zeugniß als Entgelt für dessen redlich rechtschaffenes Wallen nach allen Richtungen."

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