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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-11-05 · 45 (5.11.1897) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
45 (5.11.1897)
Date
1897-11-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 45 Vn Vlortz's Mortzrnschrifi Seite 90 s des heiligen Landes anstreben und zu fördern trachten. Endlich wird sie periodische Mittheilungen, welche auf die Geschichte der Wissenschaft und Kunst im Judenthum Bezug haben, herausgeben und wissenschaftliche Vorträge veranlassen. Der Vorstand richtet daher an die Mitglieder der Wiener Cultusgemeinde, welche Interesse für die Wissenschaft und Kunst des Judenthums, sowie an alle Diejenigen, welche warmen Sinn für historische Denkmäler und Alterthümer besitzen, die Bitte, die neue Schöpfung, sei es durch Widmung von Objecten, welche in den Rahmen der Sammlungen Passen, sei es durch den Beitritt zur Gesellschaft zn unterstützen und dadurch zur Gründung einer Sammelstelle für jüdische Kunst und Alterthümer beizutragen. Der Katalog der Sammlungen, welcher dem Berichte beigegeben ist, hat folgende Einteilung: I. Graphische Darstellungen. 1. Darstellungen nach der heiligen Schrift. 2. Darstellungen aus dem religiösen und bürgerlichen Leben der Juden. 3. Abbildungen von plastischen Werken des Alterthums und der neueren Zeit. 4. Abbildungen von Bauwerken für rituelle und communale Zwecke. 5. Landkarten und Stadtpläne. 6. Grabschriften und Abklatsche von Grabsteinen. 7. Porträts. II. P l ast i s ch e D a r st e l l u n g e n. 8. Inschriften in Stein oder in Gypsabgüssen, Modelle in Thon oder Gyps. 9. Büsten und Porträt-Medaillons. III. Gegen st ände für rituelle Zwecke. 10. Arbeiten in Metall: Silber, Bronce, Messing. 11. Arbeiten in Fayence, Majolica, Porzellan, Thon. 12. Textilarbeiten. IV. M ü n z e n und Medaillen. 13. Münzen und Medaillen. V. Handschriften. 14. Handschriften zn rituellen Zwecken. 15. Handschriften zu allgemeinen Zwecken. 16. Hebraica und Judaica. 17. Zeitschriften. 18. Bücher von jüdischen Autoren. 19. Publicationen von jüdischen Gemeinden. 20. Publicationen von jüdischen Vereinen. 21. Musikalien. 22. Diverse Bücher, Zeichnungen, Stiche. Eine Zierde des Berichtes bilden die wissenschaftlichen Beiträge: Neben einer kleinen interessanten Abhandlung von Abraham Epstein: „lieber eine Simeon-Münze", welche sich im Besitze des Verfassers befindet und aus der Zeit des Aufstandes unter Hadrian herrührt, lesen wir eine überaus kostbare und wichtige Untersuchung von Professor Dr. David Kaufmann: „Zur Geschichte der Kunst in den Synagogen": I. Die Löwen unter der Bundeslade von Ascoli und Pejaro. II. Besprechung eines Gutachtens des 1611 verstorbenen Rabbiners von Mailand, Samuel Archevotti, über Pflanzenornamente an Synagogenwäuden. III. Die Kunst in den Holzsynagogen Polens. Eingesendet. Von einer Dame erhalten wir folgende Zuschrift: Geehrter Herr Redacteur! Die hohen Feiertage sind vorüber, verklungen die schönen Melodien des Schir Zion, verhallt die ermahnenden und tröstenden Worte des Seelsorgers. Das Alltagsleben zieht wieder ein, und nimmt uns gefangen mit seinen Sorgen und Gewohnheiten. Nur mehr der Schein der Erinnerung bleibt uns Menschen im Allgemeinen von allem Selbsterlebten übrig und regt unwillkürlich zu Betrachtungen an, die sich in gewöhnlichen Stunden nicht so merklich der Aufmerksamkeit eines Beobachters aufdrängen. Diese Betrachtungen gewinnen erst Bedeutung durch auffallende Erscheinungen. Es sei mir gestattet, eine solche hier anzusühren. Wenn ich eine fremde Stadt besichtige, so wird auch der Tempel zu den Sehenswürdigkeiten einbezogen, für welche ich ein Interesse habe. So sah ich die Gotteshäuser in Zürich, Frankfurt, Dresden, Hamburg, Stockholm, Paris, London, Berlin, Venedig, Rom rc., welche sich im Ritus wohl alle unterscheiden, Eines aber gemein haben: die lautlose Stille der Andächtigen, die Ehrfurcht vor der geweihten Stätte durch stille Andacht und ruhiges Gehaben — welche Wahrnehmung besonders auf der Frauengalerie auf mich einen frappirenden Eindruck machte. Der Vergleich mit unseren heimischen Verhältnissen fällt sehr zu Ungunsten der Frauengalerien in den Wiener Tempeln aus. Unwillkürlich denkt man an den lateinischen Satz: Mulier taceat in ecclesia. Diese Wahrworte sollten nebst einer anderen Bedeutung noch die Aufgabe haben, der angeborenen Schwatzhaftigkeit, sagen wir Geschwätzigkeit der Frauen, dort einen Damm zu setzen, wo unbedingte Ruhe Bedingung ist. Gehen wir einmal in eine Kirche. Welch' weihevolle Stimmung erfüllt uns da. Die Besucher treten lautlos auf den Fußspitzen in den geweihten Raum, ebenso vorsichtig einen Platz wählend, wo sie ihre Andacht verrichten können. Was weltlich ist, blieb draußen, und nur mit seinem Gott beschäftigt, stehen die Beter vor den Altären in Andacht versunken. Mit welcher an Fanatismus grenzenden Inbrunst liegt manche Frau am Boden, Alles vergessend, was um sie her vorgeht! Wie so anders ist das Bild in unserer Heimat und bei unseren jüdischen Frauen in den Tempeln! Ich hatte Gelegenheit in den Feiertagen den Leopoldstädter Tempel zu besuchen und zwar am Scheminiazerat, an welchen sich ein Maskir anschloß. Das Haus war allerdings gedrängt voll, allein es herrschte ein Hin- und Hergetrippel wie in einem Theater. Die Thüre flog jeden Moment mit lärmendem Geräusch auf und zu, so daß man fortwährend gestört wurde. Was aber am meisten störte und absolut von jeder Andacht ablenkte, das war die Lebhaftigkeit, mit der sich die Frauen begrüßt, da sie sich gewiß über den Sommer nicht gesehen hatten und ihrer Freude laut Ausdruck gaben. Erst das ergreifende Seelengebet unterbrach ein wenig die Conversation und den Ausdruck der so lange zurückgedrängten Freude des Wiedersehens und ließ die Hoffnung aufkommen, daß man von da ab mit seinem Gotte sich werde beschäftigen können. Ja weit gefehlt! Es begann der Seelsorger, und mit seltener Gemüthsfrische sprach er von den Verstorbenen und hat alle Fibern meines Herzens erschauern gemacht. Er knüpfte seine Predigt diesem Trauergvttesdienste an und ich freute mich aufrichtig, beit geistvollen Redner einmal hören zu dürfen. Ich lauschte gespannt auf seine Worte, aber es war ein vergebliches Bemühen. Ich blickte umher, da hatte ich einen merkwürdigen Anblick. Je zwei Köpfe in ehrbarer Annäherung sich anschmiegend. Hände und leider auch Lippen in lebhaftester Action; ein tete ä tete in optima forma! Die Unterhaltung war im Gang und bewegte sich in den verschiedensten Tonarten. Die Galerie glich einem Conversationssaal und selbst ein energisches Pst! hat höchstens Einige gestört, um bald wieder das abgebrochene Gespräch anszunehmen. Ein chaotisches Gemurmel ringsumher soll für die Akustik auch des kraftvollsten Rednerorgans nicht förderlich wirken, erst wenn ein bejahrter Mann seine Stimme ertönen läßt! Die geistvollen Worte eines so würdigen Redners finden doch die größte Aufmerksamkeit und vor Allem Ehrfurcht vor einem greisen Seelsorger, dessen Anblick allein schon würdig wirkt. Ich kritisire nicht weiter, ich sage nur, daß ich mit Galle das Haus verließ, in das ich in Gottesfurcht eintrat. Wir sind nicht mehr Frauen des Ghetto. Wir haben uns Bildung und Wissen angeeignet, ja, man hat uns Akademien und Universitäten erschlossen. Dies bedingt auch so viel ethisches Gefühl, seinen Gott und die ihm geweihte Stätte zu ehren. Muiier laceat in ecclesia! S. G. ^Entgegnrrng.^ Der geehrte Einsender X. betreffend den Aufsatz über Henriette Herz ist nicht gut unterrichtet. Henriette Herz war niemals mit Schleiermacher verheiratet, hieß also niemals Herz- Schleiermacher; ferner .war sie nicht nur eine schöne Frau, sondern eine ungewöhnlich gebildete Frau. Jüdisches Empfinden bekundete sie, indem sie, sogar oft und vielfach unter eigenen Entbehrungen, werkthätig Nächstenliebe übte, und da Fürst, Keyserling, Karpeles, Ludwig Geiger, Größen der modernen jüdischen Literatur, sie für würdig genug hielten, ihr literarisch biographische Denkmäler zu widmen, so wird sich wohl der geehrte Einsender zuftieden geben, daß die „Oesterreichische Wochenschrift" der bedeutenden Frau anläßlich ihres fünfzigsten Todestages gedachte. Auch der berühmten Rahel rühmt man nach, daß sie, ebenso wie Fanny Lewald, welch' letztere Jahrzehnte später dem Judenthume den Rücken kehrte, bei jeder Gelegenheit warm für die Juden eintrat; dies scheint der geehrte Herr Einsender ebenfalls nicht zu wiffen. Wenn wir auch tief schmerzlich bedauern, daß alle diese Frauen, insbesondere die Tochter Moses Mendelssohn's pietätlos den angestammten Glauben verlassen konnten, was ja auch am Eingänge der biographischen Skizze ausdrücklich betont wurde, so müssen wir ihnen doch Gerechtigkeit widerfahren lassen. Auch daß in dem Herrschen Salon Antisemiten der damaligen Zeit verkehrten, stimmt nicht. Zu den eifrigsten Besuchern desselben zählten die Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt und Wilhelm von Humboldt war durch die innigsten Freundschaftsbande mit David Friedländer, dem Freunde und Schüler des Sokrates von Berlin, Moses Mendelssohn, verknüpft. Regina Reißer, Breslau.

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