Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 45 (5.11.1897)
- Date
- 1897-11-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Gelte 906 Vr. Vlmtz's WochenlchrM. Nr. 45 kauten: Morris Joseph, Julius Behrens (Manchesterwaaren); Sir Benjamin, Samuel Philipps, der Vater des jetzigen Lord-Mayor's von London (Galanteriewaarenhändler); David de Paß, Samson Wertheimer (Kunsthändler); Mrss. Joshua, Samuel Hyam (Tuchhändler) und Simeon Marburg (Tabakhändler); Joseph Moses Levy, Gründer und Eigenthümer des „Daily Telegraph"; Sir Albert David Sassoon, indischer Großhändler; Hermann Ludwig Eckstein und Barnett Jsaacs Barnato, südafrikanische Goldminenbesitzer; Jonas Levy, Eisenbahn-Director; endlich die zwei weiblichen Millionäre: Baroneß Betty de Rothschild (377.000 Psund Sterling) und Baroneß Hannah de Rothschild, Tochter des Baron Meyer de Rothschiü) und an Lord Roseberry verheiratet, die im Alter von 39 Jahren starb und die enorme Summe von 719.875 Pfund Sterling hinterlassen hatte. Die Baron Maurice de Hirsch'sche Verlassenschaft von 1,372.163 Pfund Sterling bezieht sich blos auf sein in England registrirtes Vermögen und Gleiches gilt von den Testaments-Ausweisen des Sir Albert David Sassoon und Barnett Jsaacs Barnato, die in Indien, respective in Südafrika große Reichthümer zurückgelassen haben. Interessant zu erwähnen ist es, daß die Mehrzahl der genannten jüdischen Millionäre in England in dem verhältnißmäßig jugendlichen Alter von 35 bis 45 Jahren gestorben sind. („Ludwig Schö'nberger's Börsen- und Handelsbericht".) Vom Jahrmarkt des Lebens. Bon dem Wiener Mark Twain. Der Journalisten- und Schriftsteller-Verein „Concordia" hat vergangenen Sonntag dem amerikanischen Mark Twain zu Ehren ein Bankett veranstaltet, über dessen Verlauf die Wiener Blätter ausführliche Berichte brachten, ohne jene Momente genügend zu würdigen, die dem Fest sowohl literarisch als auch social sein eigentliches Gepräge aufdrückten. Auch die Wiener Journalistik hat ihren Mark Twain, auch Wien nennt mit Stolz einen König im Reiche des Humors sein Eigen. Das ist Julius Bauer, der geistvolle Kritiker, der Librettist, dessen Texte die Runde um die deutsche Welt gemacht haben. Daß Julius Bauer in Wien eigentlich nicht so sehr in den weitesten Kreisen bekannt und gewürdigt ist, wie er es verdiente, das ist, so sonderbar es auf den ersten Blick ausschauen mag, auch eine Folge jener Volkskrankheit, durch die Wien vergiftet ist — des Antisemitismus. Julius Bauer ist zufällig ein Jude und seine prächtigsten Satyren enthalten die schärfften Angriffe gegen den Antisemitismus und dessen traurige Wortführer. Auch die Dichtung, mit welcher er an jenem Mark Twain-Abend der Concordia das Publicum mit sich fortriß, hat mit blutiger Satyre, in die sich nur stellenweise elegischsentimental stimmende Reflexe mischen, das heutige antisemitische Wien geschildert. Julius Bauer hat Mark Twain darauf aufmerksam gemacht, wie gefährlich es für ihn sei, Samuel zu heißen, in Wien Forschungen anzustellen, müsse er doch gewärtigem an einer Straßenecke per „Saujud" titulirt zu werden. Er hat das prächtige Wort Luegeria für die „Damen" der antisemitischen Frauenversammlung gemünzt. Er hat ferner den amerikanischen Gast davon unterrichtet, daß Wien gegenwärtig an Kloudyke erinnert. Ueberall gräbt Lueger Gruben, nur findet man darin kein Gold, sondern höchstens das goldene Wiener Herz, das einem bereits beim Hals herauswächst. Der geistvolle Satyriker hat auch nicht das „Deutsche Volksblatt" und seinen Herausnehmer vergessen. Er hat mit Rücksicht auf die bevorstehende Biertheuerung darauf aufmerksam gemacht, daß es nunmehr erklärlich sei, warum diese Zeitung theuerer sei als die anderen Wiener Blätter, sei doch die —Preßhefe im Preise gestiegen. Wir hielten es für angezeigt, einige der geistvollen Schlager des Wiener Mark Twain unseren Lesern nicht vorzuenthalten, umsomehr als die Wiener Zeitungen der Mehrzahl nach eine heilige Scheu d avor haben, dem Mannesmuth, der Ueberzeugungstreue eines der B esten von den Ihrigen entsprechenden Raum Md verdickte Würdi- “ ung zutheil werden zu lassen. Zählte die Wiener Journalistik einige Julius Bauer, und wir denken da gar nicht an das Talent des Mannes, sondern an seinen Charakter, so würde es um das Ansehen und die sociale Stellung dieses Standes ganz anders ausschauen. Auf freier Höhe. Von Dr. Adolf B i a ch, Rabbiner in Brüx. * In einer seiner Schriften bemerkt einmal Auerbach: „Nur derjenige Mensch ist frei, der sich seiner Würde als Mensch genau bewußt ist, der es fühlt, daß er in sich einen Adel trägt, der das Höchste ist; nur der Mensch ist frei, der die Gesetze kennt, die Gott in seine Brust geschrieben hat, und ohne Menschenfurcht ihnen gerecht zu werden strebt." Daher kommt es auch, daß wir jenen Männern die größte Hochachtung entgegenbringen, welche auf freier Höhe stehen und unbekümmert um Menschenlob oder Menschentadel für Wahrheit, Liebe, Sittlichkeit und Gerechtigkeit eintreten. So war Ende voriger Woche der Name „Lecher" in Aller Munde; denn er hatte die Rechte einer Minorität mit dem Aufwande aller seiner Kräfte vertheidigt. Allein so sehr auch die seltene Ausdauer, das tiefe Wissen und die ungewöhnliche Rednergabe des Abgeordneten Lecher bewundert werden muß, — höher steht noch der Muth des weltbekannten Wiener Kritikers Ludwig Speidel, der im dieswöchentlichen Sonntags- Feuilleton der „Neuen Freien Presse" betitelt:„Auf freier Höhe" für die Juden eintrat. Hinter Lecher stand und steht das ganze deutsche Volk — hinter Speidel stehen nur wenige Männer, die den Muth hätten, seine Ueberzeugung zu theilen, geschweige offen auszusprechen. Für den „Allerseelentag" schrieb Speidel sein Feuilleton, wie uns scheint, nicht ohne Absicht; denn an dem Tage sollte der Friedhof die Mahnung bringen, nicht erst im Tode, sondern schon im Leben zu erkennen, daß wir alle Menschen nur einen Gott und einen Vater haben. Mit seltener Pietät sucht Speidel das Grab eines jüdischen Freundes auf und es ist ihm Herzenserleichterung, stille und heilige Zwiesprache mit dem „gerechten Israeliten" zu führen. Befriedigt tritt er den' Rückweg an. Plötzlich aber ergreift Bitterkeit sein edles Herz, denn er sieht einen mächtigen Kessel, in welchem Menschenhaß gebraut wird — die Haupt- und Residenzstadt Wien. Da entströmen dem gepreßten Herzen die Worte: „Es ist, als ob Oesterreich stets das Reich bleiben sollte, in welchem die Sonne nicht aufgeht. Jedem Versuche einer Reformation folgt eine Gegenreformation. Viel fröhlich aufsprossender Same des Guten ist schon wie oft gewaltsam niedergeschlagen worden. Aller massenhaft angehäuster Haß und Neid scheint sich gegenwärtig wider das Judenthum entladen zu sollen. Und doch — die Hand auf's Herz! — Wie Viele von uns müßten das beste Stück ihrer selbst hinwegwerfen, wenn sie vergessen wollten, was sie, sei es in der Religion, sei es in der Wissenschaft oder im Leben, den Juden verdanken. Die Juden haben uns einen Gott geschenkt, sie haben uns eine religiöse Entwicklungsgeschichte der Welt überliefert, sie haben uns eine Moral gegeben. Sie haben uns ein Buch in die Hand gedrückt, „Das Buch" schlechtweg, aus dem wir durch eine merkwürdige Verkettung der Umstände deutsch lernen." Der, Muth Speidel's muß umso höher angeschlagen werden, als er sich dessen bewußt ist, daß seine Worte wenig Anklang finden werden. Denn „es brodelt weiter und graues Gewölk erscheint über dem einsam gewordenen Friedhof". „Doch im Westen", so schließt Speidel seine herrlichen Ausführungen, „säumen sich die Wolken mit dunklem Roth, das seinen Widerschein ahnungsvoll über das Weingelände hinwirft. Und so bringe ich doch ein Stück Sonnenschein mit mir nach Hause." Diese letzten Worte scheinen uns kein bloßes Bild zu sein; viel« mehr glauben wir darin den Gedanken finden zu dürfen, daß die Sonne der Freiheit, die im meerumschlungenen Albion leuchtet, in Zukunft ihre Strahlen auch nach der Residenzstadt Oesterreichs senden werde. Dieser Gedanke, der im Herzen Speidel's lebt, ist das Stück Sonnenschein, das er mit sich nach Hause bringt. Speidel hat aber auch uns ein Stück Sonnenschein gebracht und den Gedanken in uns bestärkt, den der Prophet in die Worte kleidet: „Der Edle ersinnt Edles, Der Edelmuth muß siegen, List und Lügenworte erliegen." (Ps. 32, V. 8 und 7.)