Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 45 (5.11.1897)
- Date
- 1897-11-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 904 Vr. KUntz*» Wortzrnfchrist Nr 45 wesentlichen Theile die Veranlassung dazu ist. Vor allen Dingen bleibt die Kluft unausgefüllt, die dadurch vorhanden ist, daß in der wirthschastlichen Hauptthätigkeit der Bodencultur der israelitische Volkstheil nur wenig aufttttt. Die Ueberführung einer größeren Anzahl geeigneter jüdischer Elemente zum Ackerbau, zur Obstcultur, Gärtnerei u. s. w. erscheint von recht vielen Gesichtspuntten aus als patriotische Pflicht der Befestigung ethischer, socialer, wirthschastlicher Gegensätze zwischen Nichtjuden und Juden. In allen diesen Beziehungen wird sie sich als vottheilhast erweisen. Die Angelegenheit ist in mehreren Drucksachen behandelt worden, so u. A. von Alphonso L e v Y (Die Erziehung der jüdischen Jugend zum Handwerk und zur Bodencultur), Gustav Tuch (Innere Colonisation). Mehrere große jüdische Vereinigungen und eine Anzahl mit der Sache vertraute Personen haben sich nun in dem Bestreben der Förderung der Land-Seßhastmachung deutscher Israeliten auf vaterländischem Boden derart zusammengefunden, daß sich die Zusammenkunft hervorragender Männer, die für die Sache ihrer Stammesgenossen im Allgemeinen, für ihre sociale Stellung, sowie ihr Verhältnis zur Landwirthschast im Besonderen Herz und Sinn haben, als dringendes Bedürfnis ergibt. Die Eonferenz fand am 24. d. M. Morgens 10 Uhr, in den Räumen der Berliner Logen U. O. B. B., Wilhelmstraße 118, statt. Die Tagesordnung war zunächst wie folgt festgesetzt: Die Betheiligung der deutschen Juden an der heimischen Landwitthschast von statistischen, wirthschastlichen, socialen, ethischen Gesichtspuntten bettachtet; Zweckmäßigkeit und Mittel der Vermehrung der Siedelungen; Att und Form der Siedelungen; Erziehung der Jugend zur Bodenbewirthschaftung; Organisation einer Bewegung für innere Colonisation." Das einladende Comite bildeten folgende Herren: Rechtsanwalt Dr. Max Cohen-Hamburg, Charles L. Hallgarten -Frankfurt a. M., Rechtsanwalt G. H e i n e m a n n - Hannover, Alfons Jacobson Leipzig, Rechtsanwalt Dr. Julius Kahn-München, Eug. Rosenstiel- Berlin, Consul A. M Simon- Hannover, Gustav Tuch- Hamburg und Josef W i s lo ch - Frankfurt a. M. In gerechter Würdigung der Wichtigkeit des Gegenstandes war die Betheiligung an der Conferenz, welche gestern Vormittags stattfand, eine recht rege. Das Comitä war durch die Herren Tuch, Rechtsanwalt G. Heinemann, Alfons Jacobson, A. M. Simon und Eugen Rosenstiel vertreten; vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebund waren die Herren Professor Dr. Philippson und Syndicus Dr. Minden erschienen, vom „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" der Vorsitzende, Rechtsanwalt Dr. Max Horwitz, von der Großloge des B'nei Brith-Ordens die Herren Sigmund Berget und D. Wolf; ferner bemerkten wir die Herren Rabbiner Dr. Plaut- Frankfurt a. Di., Commercienrath Julius Jsaar u. A.; auch der Verband der jüdischen Lehrervereine Deutschlands hatte Vertreter entsandt. Nach einer kurzen Begrüßung durch Herrn S. Bergel und der Eröffnungsansprache des Herrn Tuch wurde das Bureau constituirt, das sich wie folgt zusrmmensetzte: Gustav Tuch t. Vorsitzender, Rechtsanwalt Heinem a n n 2. Vorsitzender, Director Manfred Berliner- Hannover Schriftführer, Eugen R osenstiel -Berlin zur Führung der Rednerliste. Auf Vorschlag des Herrn Tuch wurde zunächst über den ersten Punkt der Tagesordnung berathen und beschlossen, die folgenden drei Punkte sollen combinirt und der Schluß der Berathung der „Organisation einer Bewegung für innere Colonisation" gewidmet werden. Der erste Punkt enthält die wissenschaftliche Begründung, die drei folgenden befassen sich mit den Mitteln und Wegen, während der letzte Punkt als Eülleitung zur That betrachtet werden kann. Alsdann erstattete Herr Tuch ein sehr ausführliches, anderthalbstündiges Referat zu Punkt I der Tagesordnung: „Die Betheiligung der deutschen Juden an der heimischen Landwirthschast von statistischen, wirthschaftlicheu, socialen, ethischen Gesichtspunkten betrachtet": Die deutschen Juden erscheinen noch nicht in genügender Anzahl in der Landwitthschast. Während unter den russischen Juden bei einer Gesammtzahl von 5 Millionen 95.000 Ackerbauer vorhanden seien, weise die Stattsttk bei uns nur eine Betheiligung von 1-6 Percent auf. In sämmtlichen russischen Kolonien werden die Aecker und Felder sorgfältig bestellt und reichliche Erttäge erzielt. Der physische Zustand der Colonisten erwies sich als ein sehr guter. Wie hierdurch, werde der Emwand von der physischen Schwäche des Juden zum Ackerbau, der m Deutschland ebenfalls erhoben wird, durch die Statistik widerlegt. Von einer Förderung der Bestrebungen, wie sie in Rußland biswellen zu Tage getreten, weiß allerdings die vaterländische Geschichte kaum etwas zu berichten, während sie genug Momente zur Erwerbsbeschränkung aufzuweiseu vermag. Die Existenzbedingungen für die Mehrzahl der Handeltreibenden werden immer schwerer, die jüdische Wohlthätigkeit sei nicht im Stande, dem chronischen Nothstande abzuhelfen. Nur ein kleiner Bruchtheil halte sich auf den Höhen des witthschaftlicheu Lebens, die Lage der Mittelclassen sei aber eine recht traurige. Es müsse deshalb an ihrer Errettung aus schwerer Bedrängniß durch Ueberführung in andere Berufe gearbeitet werden. Hier können nur Jndusttie und Landwirthschast in Betracht kommen. Die industriestaatliche Entwicklung Deutschlands sei an einem Wendepuntt angelangt, der Industrie sind bereits die Grenzen gesteckt. Also bleibe nur die Landwirthschast übrig. Deutschland müsse wieder dahin gelangen und habe auch die Befähigung dazu, die Ernährung seiner Bewohner selbstständig beschaffen zu können. Zu intensiverem Betttebe sei jedoch auch eine vermehrte Verwendung von Menschen erforderlich. Die Zukunft werde dem gehören, der auf diese Entwicklung, vorbereitet sei. Auch die hygienische Seite komme für die Ueberführung zur Landwirthschast in Betracht. Die Arbeit auf dem Lande stehe uns als das beste Mittel für die Besserung der physischen Entwicklung zu Gebote; den gegenwärtigen und künftigen Geschlechtern thue es Roth, Muskeln, Knochen und Nerven zu stärken, die Widerstandskraft zu stählen. Dies gelte auch ganz besonders für die Frauen, für welche gleichfalls eine Zeit der Mitarbeit an den Zweigen der Landwirthschaft kommen werde, für die sie sich besonders eignen. Vom socialen Standpunkte aus betrachtet sei es fraglos, daß es keine stärkeren Anttiebe zur Betätigung des Antisemitismus gebe, als die Entfremdung Israels von der ländlichen Scholle. Der städtische Jude werde stets als der Ausbeuter der landbearbeitenden Bauern hingestellt. Mit der Ueberführung der Juden zur Landwirthschast würde somit ein Werk sittlicher Erlösung vollbracht werden: aus dem Banne der Vorurtheile — und das sei der ethische Gesichtspuntt — werde Israel befreit werden, wenn es zu den Berufen zurückkehrt, die den Stolz der Vorfahren ausgemacht haben. Es sei nicht nur eine sittliche Erlösung im passiven Sinne, sondern auch activer Art, eine vollständige ethische Regeneration würde daraus ersprießen können. Staatsbürgerliche Rechte und Pflichten, die Rücksichten auf die Zwangslage und diejenigen auf dauernden sittlichen Fortschritt unserer Stammesgenossen mahnen uns, für dieses große die deutsche Judenheit betreffende Werk einzutreten. Wo ein Wille ist, werde sich auch ein Weg finden, wenn es auch ein langer und schwieriger Weg sein werde, bis Erfolge erzielt werden können. Lebhafter Beifall folgte diesen Ausführungen, welche für die Sachkenntniß und den Hilfseifer des verdienstvollen Redners ehrendes Zeugniß ablegten. Eine Discussion schloß sich an diesen Punkt nicht an, und so gelangte der Antrag I. mit zwei von den Herren Dr. Karpeles und Dr. Heinrich Meyer Cohn vorgeschlagenen stylistischen Aenderungen in folgender Form zur Annahme: „Die aus allen Theilen Deutschland's in Berlin am 24. October 1897 zusammengettetene Conferenz spricht ihre Ueberzeugung dahin aus, daß die Betheiligung deutscher Israeliten in größerer Anzahl an der heimischen Landwirt hschaft mit allen zu Gebote stehenden Kräften erstrebt werden muß." Für den Punkt II a) 1—4 schlägt Rechtsanwalt Horwitz - Berlin 6n blae-Annahme vor. Nach zwei stylistischen Aenderungen, die von den Herren Dr. Horwitz und Dr. Karpeles beantragt wurden, erklärt sich die Versammlung mit diesem Anträge einverstanden und nimmt den Punkt in folgender Fassung an: „II. Die Conferenz will zu diesem Zwecke, um die Erziehung der Jugend zur Bodenbewirthschaftung und den sonstigen ländlichen Gewerben zu fördern, 1) für die kräftige Unterstützung und Hebung der israelitischen Erziehungsanstalt in Ahlem eintreten; 2) die Erttchtung von Schulgärten bei allen israelitischen Knaben-, Mädchenschulen und Warsenanstalten herbeizuführen suchen; 3) die Lehrer veranlassen, in den Sommerfetten Gartenbaucurse zu absolviren; 4) auf die Einrichtung obligatorischen Unterrichts in Obst-, Gemüse- und Blumenpflege in allen israelitischen Lehrer-Seminarien Deutschland's hinwirken." Eine recht lebhafte Discussion schloß sich noch an die Berathung des Punktes b) 5), in dem bestimmt wird, „eine Erforschung über Eignung und Lust der Juden zu den ländlichen Beschäftigungen zu veranlassen". Während die Herren Dr. Horwitz, Dr. Heinrich Cohn, Dr. Hirsch Hildesheimer, Dr. P. Nathan den Punkt ganz streichen wollen, weil dessen Durchführung prakttsch unmöglich und auch zwecklos sei, treten die Herren Professor Philippson und Dr. Minden für die Aufrechterhaltung desselben ein, weil sie in ihm den Schwerpunkt der