Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 44 (29.10.1897)
- Date
- 1897-10-29
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021213--07250-3031569- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Skr. 44 Vr. VLoch» MochrrMtzrM Seile 899 habe ich verloren, ich werde wohl nicht im Stande sein. Alles genau auszuführen. Sein hartes Los rührte die Herren. Wir wollen Dir in Allem behilflich sein, um den Aufenthalt Deines Sohnes zu erforschen und fein Los erleichtern, aber mehr denn je bedürfen wir Deiner treuen Dienste. Er bot den Herren einen kleinen Imbiß an und als Ruth an der Hand der trauernden Mutter die Gäste zu begrüßen kam, waren Beide sprachlos vor Ueberraschung. Die würdige Matrone ertrug ihren Schmerz und lächelte freundlich und das kindlich reine Mädchenantlitz mit von Thränen umschleierten Augen war überirdisch schön, ihre Unterhaltung war geistreich, denn sie war nicht nur der russischen, sondern auch der französischen Sprache mächtig. Ihre kindliche Liebe zu den Eltern all das machte einen Liefen Eindruck auf die Herren. Ist es eine Jüdin? eine von dem so verachteten Volke? wenn sie doch alle ihr glichen. Es muß doch nicht Alles so schlecht sein bei diesem Volke, dachten sie. Ruth gegenüber benahmen sie sich auch als echte Cavaliere, versicherten sie und ihr Hans ihres besonderen Schutzes. Der Gouverneur küßte ihr die Hand, nahm einen Ring vom Finger mit seinem Namenszug und sagte: „Es sollte wohl ein anderes Hochzeitsgeschenk sein, behalten Sie diesen Ring zum Andenken an diese Stunde — sollten sie in die Lage kommen, ihn irgendwie zu benöthigen, er öffnet Ihnen alle Thüren. Sollte ich irgend auch nur eine Spur entdecken, wo ihr Mann sich befindet, seien Sie meiner Hilfe sicher." Ruth und die Eltern dankten dem edlen Mann. Der zweite Schlag, als ihnen auch Jona fehlte, traf sie ebenso hart — nun hatten sie eigentlich im Hause Niemanden, der ihnen beistehen konnte. Ruth tvar mit einem Male und in einer Nacht zu einem Willensstärken Weibe herangereift, ein Kind von 17 Jahren. Sie war nicht nur die treue Pflegerin ihrer Eltern,^sie half dem Vater bald so, als wenn Juda da gewesen wäre. Sie war der hebräischen, polnischen und russischen Sprache mächtig in Wort und Schrift. Oft sagte der alte Kornblum: „Dies Kind ist ein Wunder Gottes!" Auf seinen Reisen begleitete ihn die geliebte Tochter stets in schwarzer Trauerkleidung und dicht verschleiert, es sollte sie Niemand sehen, und dann eilten sie nach gethaner Arbert nach Hause zu der armen einsamen Mutter. Doch in der Gemeinde genoß sie, die fromme, edle Tochter des Gelehrten, einen Ruf und eine Liebe und Verehrung wie selten eine Frau. Im Hause war sie ja der einzige Sonnenstrahl — So lebten sie nun 4 Jahre zusammen, ohne daß eine Nachricht von Juda kam und jetzt standen sie am Sterbebett des geliebten Vaters! Er sollte ihn in diesem Leben nicht mehr sehen, den so heißgeliebten Sohn! Seine Lippen bewegten sich zu heißen Segenswünschen für die geliebte Tochter, ihren treuen Händen übergab er sein edles Weib. Ruth sollte die alleinige Erbin bleiben und dann wenn es Gottes Wille ist, vereint mit ihrem Manne glücklich sein. „Seid stark, hoffet auf Gott!" mit dem Schma Jsroel auf den Lippen hauchte der Edle seinen Geist aus. Mit Ruth und ihrer Mutter trauerte die ganze Gemeinde, die ganze Stadt, wohlthätige Stiftungen ohne Unterschied der Religion hatte er schon bei seinem Leben festgesetzt. Ruth hatte nun ganz allein das Geschäft zu führen. Sie hatte treue Diener zur Seite und doch dachte sie, es nicht durchführen zu können, denn noch war die Trauerzeit um den Vater nicht beendet, als die Mutter eines Tages erwachte und mit einem Angstschrei rief — Ruth! mein Kind! ich sehe nichts — ich bin blind — Der Arzt kam und meinte, wenn sie erst körperlich kräftiger und seelisch ruhiger würde, vielleicht in ein bis zwei Jahren, wenn der Staar reif sein wird, könnte man an eine Operation denken — mit beispielloser Geduld und Liebe waltete Ruth nun auch dieses Amtes — bei all' den Kämpfen auch nicht das kleinste Zeichen von dem Geliebten. Wieder vergingen zwei.Jahre, und keine, auch nicht die entfernteste Spur von dem Geliebten. Eine Mißernte kam — es war unendlich schwer, den Verpflichtungen nachzukommen, selbst mit großen Verlusten — sie wendete sich an den Gouverneur und bat, wenn die Lieferung zu Ende, sie von den weiteren Verbindlichkeiten zu entheben — sie müsse das Geschäft aufgeben, da sie allein zn schwach, von ihrem Manne keine Nachricht und die Stütze ihrer blinden Schwiegermutter sein muß. Der Gouverneur sei auf längere Zeit nach dem Süden gereist, war die Antwort, bis zu seiner Rückkehr muß Alles pünktlich geliefert werden, sein Vertreter wird bald nach dort kommen. Er kam auch nach einigen Wochen, ein brutaler Mensch, fuhr Ruth zornig an und meinte, so seid Ihr Juden — jahrelang habt Ihr Euch bereichert und Schätze Goldes gehäuft; nun es nicht io ergiebig ist, zieht ihr Euch zurück, aber es wird sich zeigen; das ist Betrug gegen den Staat u. s. w. Ruth reiste nach Petersburg zu einem Advocaten, zu dem auch der Vater stets Vertrauen hatte, und übergab ihm die Rechtssache. Er rieth ihr, Alles zu verkaufen und zu Geld zu machen. Sie wollte aber das Haus behalten und darin harren auf den Gatten — das waren wieder harte Zeiten für die Dulderin. In einem abgelegenen Viertel in Paris lebten so viel polnisch-russische Flüchtlinge, jetzt nun schon eingebürgert und Frankreich als ihre Heimat anerkennend; eine stattliche Zahl, so daß sie eine ziemlich große jüdische Genkeinde bildeten, sie hatten ihren Tempel und sonstige religiösen Einrichtungen. Das Wandervolk fängt ja allenthalben an, sein Nest zu bauen, und wenn es nun endlich mit Mühe und Noth gelungen, sich festzusetzen, muß es wieder fort, immer weiter, immer von Neuen! beginnen. Unter Kaiser Napoleon waren sie nicht nur geduldet, sondern ' sie hatten auch ihre Freiheit und Menschenrechte erhalten, so sammelten sich die Zerstreuten von allen Enden Spanien, Portugal, Holland, Alles war dort vertreten. Die Geschichte weist die edelsten Namen auf, die auf allen Gebieten sich hervorgethan haben und stets treu ihrem Vaterland und Herrscher sich bewiesen. Der Vorabend des Peßachfestes ist eiugeleitet im Tempel, der hellerleuchtet in ernster feierlicher Pracht strahlt, alle Anwesenden, festlich gekleidet, lauschen andächtig den Gesängen des Vorbeters. Gelobt seist Du Ewiger, unser König der Welt, der uns diese Zeit erleben ließ und uns bis hieher erhalten. Amen! rief die ganze Gemeinde. Das Fest der Befreiung aus der Knechtschaft, das Fest der Wunder, da uns Gott mit starker Hand durchs Rothe Meer geführt! Das schöne Frühlingsfest ist eingekehrt. — Ob wir schon befreit sind? Ob wir erlöst sind? Die Hoffnung, der Frühling ist da und mit ihm kommt Trost und Heil und Glück und Segen und inniger Glaube an Gott den Einig-Einzigen, den Vater aller Menschen, an den Wunderthäter, an den alleinigen Herrscher, den Schöpfer aller Welten, an den König aller Könige, der da gebietet über das All. Er läßt entstehen, er läßt vergehen, er aber ist unwandelbar ewig, vor ihm sind 1000 Jahre wie ein Tag — Geschlechter gehen und erstehen nach seinem Willen — ec offenbart sich durch seine Gesetze in Ewigkeit. Die Gemeinde ist gehoben von dem Gottesdienst. Zn Hause wartet sie meist ein trautes Heim, wo Jeder, auch der Aermste heute Abend sich als König fühlt in seinem Hause. Am Eingang des Tempels stehen zwei jugendlich schöne Gestalten, sie sind fremd, heimatslos, arm, unglücklich, getrennt von Allem, was ihnen lieb und theuer, ausgestoßen, verfolgt, flüchtig, ja todt bei einem Leben, das sie noch weiter fristen müssen, unter Qualen, wenn sie es sich nicht selbst nehmen wollen, wenn sie nicht ausharren wollen in den Prüfungen die Gott ihnen auserlegt, deren Gott sie gewürdigt. Wie haben sie so oft im Kreise ihrer Lieben, so schön, so glücklich gelebt. Juda, der vergötterte Liebling seiner Eltern, der hochbegabte Schüler seiner Lehrer, ihr Stolz, und Jona, sein treuer Jngendgespiele als Pflegekind seiner Eltern, die liebliche Ruth mit den Ihrigen und viele Freunde und arme Gäste zierten den Tisch im Elternhause und sangen im Chor das Lied der Lieder, einHallelujah, dem Allmächtigen zu Ehren. Sie aßen zum Andenken die bittern Kräuter und das Brod des Elends. Mazzos, theilten getreulich mit ihren Brüdern Wenn auch noch lange in Bedrängniß, so doch die gläubige Hoffnung auf frohe kommende Tage. — Alles dies zog durch Juda's Seele — die unnennbare Sehnsucht nach Ruth dem heißgeliebten, ihm angetranten Weibe.- (Fortsetzung folgt.) Literatur. Je gedrückter die Stellung unserer Glaubensgenossen in Rumänien, umso nothwendiger ist es, das allgemeine Bildungsniveau derselben zu heben. Es sind in den letzten Jahren zahlreiche jüdische Schulen entstanden und eine der besten ist die Schule „Luca Moise" in Plojeschti, an welcher der Prediger und Director Herr A. S. Gold in überaus verdienstvoller Weise wirtt. Herr Director Gold hat namentlich auf die Pflege des hebräischen Sprachunterrichtes sein Augenmerk gerichtet und diesen Zweck durch die Herausgabe einer Reihe methodischer Werke eifrig gefördert. Es sind dies eine s y st e-