Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-10-29 · 44 (29.10.1897) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
44 (29.10.1897)
Date
1897-10-29
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021213--07247-3031566
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 896 Ar. Vloch's »ochrn»chrtfl Nr. 44 wurde nämlich der hochverdiente Präsident der israelitischen Religionsgemeinde, Großgrundbesitzer Herr Adolf I ü n ä s, mittelst Allerhöchsten Handschreibens vom 15. October d. I. „in Anerkennung seiner um das Gemeindewohl und die öffentlichen Angelegenheiten erworbenen Verdienste, für sich sowohl, als für seine Nachkommen in den erblichen ungarischen Adelsstand mit dem Beiworte „von B e r v e" erhoben." Selten noch war man Zeuge einer solch spontanen und begeisterten Kundgebung seitens der Bevölkerung gewesen, wie es hier der Fall war. Alle Blätter und Kreise jenseits des »Kiralyhagö« geben einmüthig der Ueberzeugung Ausdruck, wonach Herr v. Jünäs den hohen Beweis der Huld seines erhabenen Königs und Herrn vollauf verdiene. Einmüthig ward es betont, es seien geradezu unvergängliche Verdienste, die sich Herr von I ö it ä § um seine Vaterstadt sowohl, als um die Religionsgemeinde erworben habe. Herr Adolf Iünäs Edler von Berve wirkt seit einem Bierteljahrhundert bereits — lange schon ehe noch die liberale Aera in Siebenbürgen voll und siegreich zum Durchbruch gelangte — als eifriges hervorragendes Mitglied der Vertretung jener Stadt, in deren Geschichte die Lichtgestalt des erleuchteten Kirchenfürsten Ludwig H a y n a l d hochseligen Angedenkens die Flammenzeichen seiner Wirksamkeit schrieb, und entfaltet von I 6 n ä g seit zwölf Jahren eine wahrhaft segensreiche Wirksamkeit an der Spitze der jüdischen Gemeinde, mit Feuereifer eintretend für die hehren Errungenschaften des ungarischen Judenthnmes! Seiner uneuttvegten Thatkraft gelang es, die im Schoße der „von der Parteien Haß und Gunst entstellten" Cultusgemeinde präponderirenden crassen Gegensätze mit einander zu versöhnen und trug sie von den düstere» Niederungen wühlenden Parteihaders zur hellen Zinne einer »Kehilo kedoschohx empor. Der unversiegbare Born seiner Wohlthätigkeit erschloß sich sonder Zaudern allezeit ergiebig allen Bedrängten und Stiefkindern an des Lebens überreichem Mahle, bei öffentlichem Elend sowohl, als auch allerorten, wo das Gespenst der Noth erschien, war es sein Herz, das väterlich sich aufgethan ... es haben anläßlich des von der Stadtvertretung zu Ehren ihres allververehrten Mitbürgers veranstalteten Festbankettes alle Vertreter der Stadt und des Bezirkes, jene der Gemeinde, der Lehr- und Geldinstitute die selten hohen Bürgertugenden dieses-nach jeder Richtung hin edlen Menschen in flammenden Worten gekennzeichnet. Bürgertugenden, welche er verdienstlich niit seiner ihm würdigen Gattin, der Frauen Trefflichste, theilt. Frau von I ö n ä s übt edles Wohlthun und Milde als gefeierte Präsidentin des Karls bürg er „Frauenvereines", in Hochherzigkeit wetteifernd mit dem Gatten, dessen sonniges Charakterbild der Schreiber dieser Zeilen schon in jenen Tagen bewunderte, als es ihm vor nahezu zwei Jahrzehnten gegönnt war, als Lehrer der Söhne des Herrn von Iünas — nun zu wackeren trefflichen Männern herangereift — zu wirken. Professor E. Nascher. Effeg. Der in Ihrem geschätzten Blatte vom 15. October 1897 erschienene Bericht über den sehr schönen und gelungenen Toast, den Se. Ehrwürden Herr Oberrabbiner S. Winter ans Nasice anläßlich der Jnstallationsfeier unseres geehrten Herrn Landesrabbiners Dr. Kaminka gehalten hat, hat uns Esseger freudig überrascht, da wir hierin ein Zeichen sehen, daß der gelehrte Nasicer Rabbiner, der eine Zierde der Slavonischen Judenheit ist, endlich einmal aus der unbegreiflichen Bescheidenheit, in der er bislang zurückgezogen gelebt hat, herauszutreten gedenkt, das gewiß im Interesse der religiösen und geistigen Entwicklung des Slavonischen Judenthums gelegen wäre; denn Herr Oberrabbiner Winter ist einer der besten Kenner des Talmud und der Decisoreu. Er beschäftigt sich aber auch sehr fleißig und eingehend mit dem Studium der jüdischen Religionsphilosophie. Saadja Gaons »Emunoth Wedeoth« ist sein Lieblingsstudium. Unser geehrter Herr Landesrabbiner Dr. Kaminka freut sich auch unendlich darüber, daß er in seiner nächsten Nähe einen solch gelehrten Mann, von der wissenschaftlichen Bedeutung des Herrn Oberrabbiners Winter hat, mit dem er wird verkehren können. Vor etwa zwei Jahren machte bereits ein Bruder der Ww. Heim, ein bekannter Ehrenmann Slavoniens, den Veröczer Rabbiner auf den gelehrten Oberrabbi Winter aufmerksam. Uj-Feh6rt6. Am Tage vor Jom-Kippur verschied hier der berühnrte Rabbi Nastali Silbermann H e r tz k a im 73. Lebensjahre. Dem Dahingeschiedencn widmet der Oberstuhlrichter Paul von Moritz junior, ein Katholik, im Großwardeiner »Nagyvarodi einen begeisterten Nachruf, dem wir folgende Stellen entnehmen: „Den greisen Rabbi hat der Todesengel an dem dem Versöhnungstage vorangegangenen Nachmittage abberufen, als er im Ge- ' bete vertieft in seinem Lehnstuhle saß. Telegramme wurden sofort nach allen Richtungen der Windrose befördert; überall hin, wo das Jndenthum bedeutendere Gemeinden und Anhänger hat und die Juden von Uj-Fehärtü eilten jammernd nach der Wohnung ihres Rabbiners, der in Wirklichkeit ihre Stütze, ihr Vater war. Aber auch die christliche Bevölkerung nahm innigen Antheil an diesem Todesfälle, da dieser an Erfahrungen reiche Gelehrte Jedem ohne Unterschied der Religion mit Rath und That bereitwilligst beistand; außerdem bildete er eine Quelle des Einkommens und des Verkehrs für diese kleine Gemeinde vermöge seiner zahlreichen Besucher und Verehrer, die täglich zu Hunderten aus allen Landestheilen ihn besuchten und den Ort fteguentirten. Rabbi Hertzka verwahrte sich immer dagegen, wenn man ihn als Wundermann bezeichnete und wenn ihm seine Glaubensgenossen übermenschliche Fähigkeiten vindicirten. Sein Scharfsinn und seine Kenntniß der heiligen Bücher ging so weit,, daß er den um Rath und Hilfe Ansuchenden in jedem kritischen Momente des Lebens sofort entsprechenden Rath ertheilen konnte. Seinen eigenen Tod ahnte er voraus, und mit dreitägigem Fasten bereitete er sich vor auf diese unausbleibliche Wanderung. Bei der Bestattung hielten sechs Rabbiner Leichenreden, darunter auch der berühnite Rabbiner aus Berettyo-Ujfalu, aber am rührendsten war die Ansprache des Rabbi Schreiber aus Nanäs, eines achtzigjährigen Greises, der nur schluchzend seine Rede beendigen konnte. Was Rabbiner Hertzka als Gelehrten und Juden anbelangt, kann man mit Recht behaupten, daß bezüglich seiner der Name „Jude" in jenem gehässigen Sinne, in welchem er von mancher Seite gebraucht wird, am wenigsten gerechtfertigt tvar. Er war ein seltener Geist, der ausschließlich für die jüdischen Wissenschaften lebte, und zugleich ein wirklicher Weltweiscr und ein großer Menschenfteund, der, während er in seiner strengen asketischen Lebensweise mit frugaler Kost sein Leben fristete, sein ganzes Einkommen im Betrage von jährlichen 40.000 bis 50.000 Gulden bis auf den letzten Pfennig unter Nothleidende vertheilte, so daß jetzt nach seinem Tode seine im Krankenbette befindliche Ehehälfte ganz unbemittelt hinterblieb und ihr zu Gunsten unter dem versammelten leidtragenden Publicum eine Collecte veranstaltet werden mußte. Rabbi Hertzka hatte vor kaum vierzehn Tagen den Armen in Palästina 8000 Gulden eingesendet, und erst vor Jom- Kippur neuerdings 800 Gulden. Auf diesen Menschenfteund ist mit vollem Rechte die Charakteristik jenes Heiligen anwendbar, von dem es heißt, daß er selbst die Hälfte seines Mantels dem elenden Bettler hingegeben hat. Seine Schüler, denen er im Talmud Unterricht ertheilte, und dreißig jüdische Familien lebten ausschließlich von ihm. Außerdem sorgte er für die Erziehung vieler Waisen, unterstützte Witwen und versah arme Mädchen mit der erforderlichen Mitgift. Seine Herzensgüte ging so weit, daß er in Geldverlegenheit gerathenen Familienvätern, so oft sie sich an ihn wendeten, Wechsel unterschrieb, welche Accepte die Geldinstitute überall bereitwilligst honorirten, in der bestimmten Ueberzeugung, daß, falls kein Anderer, Rabbi Hertzka seinen Verbindlichkeiten bestimmt Nachkommen werde. Rabbi Hertzka nahm nie Geld für die von ihm ertheilten Rathschläge. Sammelbüchsen waren an den Wänden seines Zimmers befestigt, auf denen einzeltveise die nähere Bezeichnung schriftlich angegeben war, welchem menschenfreundlichen Zwecke diese Sammelbüchse bestimmt war. Auch Grafen und Magnaten besuchten ihn oft in seiner bescheidenen Behausung. Seine Bescheidenheit ging so weit, daß, so oft seine schwärmerischeil Anhänger sich seinen Segen erbaten, er diesen nie ertheilen wollte und nur stets versicherte: „Ich bin nur ein Mensch, werde aber zu Deinen Gunsten zu Gott beten." Das einzige Bestteben Rabbi Hertzka's ging nur dahin, daß er seinen Mitmenschen nützlich sei, und deswegen ließ er sich nie mit Jemandem in eine Discussion über Politik oder andere Tagesfragen ein. In Rabbi Hertzka verlor das Judenthum einen ausgezeichneten Schriftgelehrten, die Menschheit ein gefühlvolles warmes Herz, welches empfänglich war für alle Leiden seiner Mitmenschen, und mit größter Bereitwilligkeit Hilfe leistete, wo es helfen konnte. Ihr aber, meine christlichen Glaubensgenossen, unter denen viele den Juden mehr oder weniger abgeneigt sind, rechnet es ihm nicht an, daß er als Jude geboren wurde, denn selten lebte ein Christ solch ein uneigennütziges, dem höchsten Berufe geweihtes Leben wie er." Berlin, 20. October. Die Freie israelitische Vereinigung hat nunmehr die Einladungen zur C o n f e r e n z, betreffend innere C o l o n i s a t i o n, ergehen lassen. Es heißt in dieser Einladung: Jeder Mann israelitischer Herkunft, gleichviel welche weltpolitischen, nationalen, religiösen Anschauungen er hege, welcher Partei er angehöre, muß sich in seinem Ehrbewußtsein tief berührt fühlen, daß wir im öffentlichen Leben und ebenso im bürgerlichen Verkehr von einer allgemeinen socialen Würdigung der Juden noch weit entfernt, sind.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.