Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 44 (29.10.1897)
- Date
- 1897-10-29
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 44 Vr. Bloch » Wochenschrift. Sette 893 Lemberg.(DasStaatsgrundgesetz bei den galizischen Obergerichten.) An den Jnstizminister Grafen Gleispach wurde am 19. d. M. eine Eingabe gerichtet, in der sich die jüdischen Rechtspraktikanten in Galizien darüber beklagen, daß sie bei Besetzung von Gerichtsstellen systematisch übergangen und von der Verwendung im Justizdienste principiell ausgeschlossen werden. Im Krakauer Oberlandesgerichtssprengel sei seit dem Jahre 1886 kein einziger Jude zum Gerichts-Auseultanten ernannt worden. In den meisten Fällen wurden, so wird in der Eingabe behauptet, die ablehnenden Erledigungen der Aufnahmsgesuche jüdischer Bewerber mit nicht näher bezeichneten „Hindernissen" begründet. Das Präsidium des genannten Obergerichtes mache auch kein Hehl daraus, daß der Ernennung jüdischer Competenten nur ihr Religionsbekenntniß im Wege stehe. Nicht viel besser sei es mit den jüdischen Rechtspraktikanten im Lemberger Ober-Landesgerichtssprengel bestellt. Die traurigen socialen Consequenzen eines solchen Vorgehens bleiben durch den Umstand überührt, daß die wenigen Juden, welche bereits richterliche Aemter voll früherher bekleiden, theilweise in der hierarchischen Stufenleiter vorrücken, denn es handelt sich hauptsächlich um die Berechtigung der Gesammtheit, für ihre Mitglieder den Zutritt zum Richteramte zu erlangen. Mit Rücksicht darauf, daß das Erwerbsgebiet der jüdischen Bevölkerung von Tag zu Tag immer mehr eingeengt wird, wirke die Verdrängung der jüdischen Candidaten aus dem Justizdienste auch aus die öconomischen Verhältnisse entsprechend zurück. Krakau, 25. October. Erst jetzt wurde der genaue Inhalt des Testamentes des vor einigen Tageir verstorbenen Kaufmannes Salomon Liebling bekannt, worüber die „Oesterreichische Wochenschrift" in ihrer letzten Nummer berichtet hat. Der Genannte hat nämlich zwei Häuser im Werthe von ca. 70.000 fl. zur Erziehung vorwiegend jüdischer Knaben und Mädchen in seinem Testamente vermacht, außerdem nachstehende Legate: 500 fl. für das israelitische Spital, 300 fl. für das Reconvalescentenheim dieses Spitales, 1000 fl. dem Greisenvereine, je 300 fl. dem Handwerkervereine und dem Tempel, 500 fl. zur Bertheilung an jüdische Arme, 200 fl. für christliche Arme, je 200 fl. für den Studentenverein und das allgemeine Kinderspital, 100 fl. für den St. I o s e f s v e r e i n und an- .dere . Legate. An dem Leichenbegängnisse betheiligten sich das Präsidium der Cultusgemeinde mit den Mitgliedern des Vorstandes, die Spitalssection, der Tempelverein sowie andere Vereine. Bor einigen Tagen fand hier im Spitale der Cultusgemeinde die feierliche Enthüllung der Gedenktafel für den verstorbenen Universitätsprofessor Dr. Josef Oettinger, Primararzt des israelitischen Spitals, statt. An der Feierlichkeit betheiligte sich die Witwe des Verblichenen, der Präsident der Cultusgemeinde Dr. Leon Horowitz mit den Mitgliedern des Cultusvorstandes, der Obmann der Spitalssection Hirsch Landau mit den Mitgliedern derselben, sowie ein zahlreiches Publicum. Im Namen der Cultusgemeinde sprach der Präsident Dr. Horowitz. Prof. Oettinger, der sich große Verdienste um die Entwicklung unserer Cultusgemeinde erwarb, der als langjähriger Cultusvorsteher mithalf zu dem glänzenden Aufschwünge unserer Cultusgemeinde, hat erfolgreich im hiesigen israelitischen Spitale, einer Musteranstalt Krakaus, gewirkt. Der israelitische Cultusvorstand hat schon früher auf dem Grabe des verdienten Mannes ein Denkmal errichtet. Krakau, 24. October. Am 16. d. M. starb die Gattin des Capellmeisters Müller vom Orpheum „Friedmann", nebst dem schwergeprüften Manne 6 unmündige Kinder zurücklassend. Als dies Director Greutzer vom Orpheum „Odeon" hörte, leitete derselbe sofort unter seinem zumeist christlichen Personale eine Collecte für die Kinder des Verstorbenen ein, welche das hübsche Sümmchen von 150 fl. ergab. Die Krone der Wohlthat aber setzte dieser edle Mann erst auf, indem er mit dem ganzen Personale in 8 Fiakern zu der Leichenfeier erschien und auf den Sarg der armen Jüdin einen Riesenkranz mit Schleife legen ließ und außerdem für die Hinterbliebenen in denk Restaurant Weinmann das Mittagessen auf seine Rechnung bestellte. Diese edle That eines Christen verdient in den Spalten Ihres geschätzten Blattes rühmend verzeichnet zu werden. Das Personale des Orpheums „Friedmann" glänzte durch seine Abwesenheit beim Leichenbegängnisse, was große Indignation hervorrief. Budapest. Entsprechend der Tendenz Ihres geschätzten Blattes, wird es Ihnen willkommen sein, zu erfahren, daß der Jude Peter von Herzog — so wie früher schon — in der Vorwoche den Hofjagden in Gödöllö zugezogen wurde. Eine liberale (Herneindevertretunq besitzt die von Angehörigen aller Confessionen und politischen Parteien bewohnte Stadt S z o l n o k. Die dortige israelitische Religionsgemeinde beabsichtigt, eine neue Synagoge und ein Schulgebäude zu errichten. Da aber hiezu die materiellen Mittel der israelitischen Gemeinde unzulänglich sind, wendete sich dieselbe an die städtische Repräsentanz, welche — wie man uns von dort berichtet — in ihrer Generalversammlung den einhelligen Beschluß faßte, eine städtische-Anleihe von 60.000 fl. anfzunehmen und die ganzen sechzigtausend Gulden der israelitischen Gemeinde znm obbenannten Zwecke als Darlehen zu überlassen. In der Sitzung der Repräsentanz wurde das Ansuchen der Judengemeinde vom Bürgermeister Dr. Julius Kludik und den Stadtrepräsentanten Stephan Scheftsik und Felix v. Gyömörey in von wahrer Toleranz und echtem Liberalismus zeugenden Reden befürwortet; gegen das Gesuch der israelitischen Gemeinde erhob sich keine einzige Stimme und die Beschlußfassung erfolgte, wie erwähnt, mit Stimmeneinhelligkeit. „Pesti Hirlap" bringt in seiner Nummer vom 19. October folgende Nachricht: In der im Torontaler Comitate gelegenen Gemeinde Mastort (Kis Toßeg) überfiel ein 70jähriger Greis, Namens Michael Szäp in seinem religiösen Fanatismus das vierjährige Svhnchen seines Nachbars und durchbohrte mit einem spitzen Eisenstück das Herz des unglücklichen Kindes. Als er eingezogen wurde, gab er an, das Kind deshalb getödtet zu haben, weil ihm die heilige Jungfrau erschienen sei und befohlen habe, das Leben des kleinen Knaben, behufs Verhinderung des Weltunterganges zu opfern. Karlsbad. Seit einiger Zeit macht sich auch in unserem Weltcurorte eine starke antisemitische Strömung bemerkbar. Den Anstoß dazu gab der sogenannte neue Turnverein, in welchem von unbedeutenden städtischenDiuruisten und Sparcassabeamten der Beschluß gefaßt wurde, den Verein, der seinerzeit von den Karlsbader Israeliten subventionirt wurde, zu „arisireu". Nach Abschluß der Saison wurde dann von dem Dr. Aug. Her m a n n, dessen rein arische Abstamnkung stark bezweifelt wird, ein deutschnationaler Verein mit dem Hauptzweck, den „jüdischen Einfluß" in unserem Weltcurorte zu bekämpfen, ins Leben gerufen. Bis jetzt haben die hiesigen Juden sich an allen nationalen Unternehmungen stramm und eifrig betheiligt und in jeder Richtung das Interesse des Curortes gewahrt. Es wurde ihnen jetzt vorgeworfeu, daß sie „angeblich" confessionelle Vereine gründen und bei der Wahl in der fünften Curie für den socialistischen Candidaten Dr. Verkauf eingetreten seien. Beide Vorwürfe sind unbegründet, da auch ernst denkende christliche Bürger die von Wien herbeigernfene Größe „Pacher" nicht gewählt haben und die Juden auch nicht wählen konnten. Die Karlsbader sollten sich, bevor sie sich von der deutsch-national-antisemitischen Strömung Hinreißen lassen, ein warnendes Beispiel au Baden bei Wien nehmen. Kolin. Wenn es recht düster ist, wirft der Fischer seine Netze aus, denn da verspricht der Fang ein lohnender zu werden; so beiläufig dachte auch jene Gesellschaft in London, welche sich „tue engiish hihie assoeiati 'Unennt, und schickte ibre Missionäre — nicht etwa nach dem dunklen Erdtheil, sondern nach Oesterreich, um — im Trüben zu fischen. Es ist dies nicht wörtlich aufznfassen, denn nicht für den Fischfang, wohl aber für den Seelenfang ausgerüstet, tauchten in den letzten Tagen zwei „Gentleinen" aus London in unserer Gemeinde auf, um — so war es ans ihrer Legitimation zu lesen . uns Juden zum Protestantismus zu bekehren. Nachdem sie dem hiesigen evangelischen Pastor ihre Reverenz — eine Art Meldung abgestattet, suchten sie exclusiv jüdische Gesellschaft auf und begannen ihre Arbeit. Wollte man glauben, baß mit solcher Mission Mitglieder des geistlichen Standes, welche, selbst überzeugt von der Wahrheit ihres Glaubens, mit Feuergluth dieser Ueberzeugung auf diejenigen, welche sie bekehren wollen, einzuwirken haben, betraut wurden, so irrt man gewaltig, denn wahrlich nicht mehr und nicht weniger als zwei getaufte Juden sind es, welche die hehre Aufgabe übernommen haben, uns zu bewegen, es ihnen gleich zu thun. Aber auch nicht flammende Begeisterung hat aus den Worten geklungen, mit welchen sie uns die zeitliche und die ewige Seligkeit ihres Glaubens zu schildern sich bemühten, sondern herangeschlichen kamen sie an Einen und an den Andern, wie der Paddler mit verbotener Waare, damit ihn der Zweite und der Dritte nicht hört, und boten von ihrem reichhaltigen Lager von Tractätchen» in hebräischer Sprache gedruckte neue Testamente und sonstiges Rüstzeug reichlich an. Glück hatten sie keines bei uns, dafür gingen sie nicht ganz ohne Spott fort, es richtete nämlich Einer aus der Gesellschaft die Frage an sie: Yon chnnged yonr name Moses, Why didn’t you change yoor noses?