Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 44 (29.10.1897)
- Date
- 1897-10-29
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 44 Dr. Blvch's Wochenschrift. Körperhaltung nicht ausnehmen konnte, so erschien wie Lüge und Trotz, was doch nur ein verkannter Körperfehler war. Es ist überhaupt merkwürdig, daß gerade diese von Wahrheitsdraug gepeinigte, arme Seele als Kind das Nenomm6 ganz unausstehlicher Lügenhaftigkeit über sich ergehen lassen mußte; auch hat gerade ihre ungewöhnlich religiöse Anlage bewirkt, daß sie das Glaubensbekeuntuiß bei der Cousirmation nicht ablegen wollte und unter den größten Seelenkämpfen den größten Theil ihres Lebens konfessionslos, also nach der landläufigen Verwechslung religionslos verbrachte. Sie konnte die Dogmen des Christenthums nicht fassen und trug die Folgen ihrer Ueberzeugung, Folgen, deren schmerzliche Natur durch die Lectüre des Buches erst recht zum Bewußtsein gelangt. „Lieber Gott, mach' mein Mütterchen gesund und gib uns recht viel Sonne", ist das bezeichnende Gebet des Kindes, das von seiner Mutter getrennt leben muß und von Zweifeln an der Gerechtigkeit Gottes gequält wird, weil es — keine Puppe hat. Ein frühreifer Ernst entwickelt sich in dem ohne Spiele und Gespielen aufwachsenden Kinde. Kein Wunder, daß es gierig nach der Bibel greift, die es eines Tages in der Bibliothek der Gräfin entdeckt, ein Buch, das ihre ganze Seele gefangen nimmt, ein Buch, das ihr Freund und Führer für das Leben werden sollte. „Alle Stellen, die von Gottes Güte sprachen, von Wiedervergeltung, Geduld, Vertrauen, Zuversicht, daß Alles noch einmal besser werden würde, alle diese Stellen suchte sie auf, las sie mit Eifer und Inbrunst, stärkte und erquickte sich an tfjiteit. Wenn gar ihr kleines Herze wieder einmal recht weh that oder die Sehnsucht nach der fernen Mutter übermäßig wurde, dann griff sie zur geliebten Bibel, schlug die Psalmen auf, denn diese waren es besonders, in denen sie fand, was sie suchte, und oft genügte eine Zeile, ein Wort, um sie zu beschwichtigen." Es ist besonders das Alte Testament, welches diese Anziehungskraft auf sie ausübt. Für das, was sie darin besonders anspricht, findet die feine Beobachterin den treffenden Ausdruck: „Das Familienhafte". Besonders die Mütter der Bibel ziehen das mutterlos aufwachsende Kind an. Mau erhält erst beim Lesen dieser biographischen Erzählung den Schlüssel dazu, warum Nahida zur Bibel in einem viel vertrauteren Herzensverhältnisse steht als die meisten Töchter Israels! Die Bibel will unter Thränen geliebt sein, sie ist ein Balsam des wunden Gemüthes. Glück und Uebermuth brauchen keinen Balsam. Aus der Bibel schöpft das Kind Gottvertrauen. „Der liebe Gott wird schon helfen", antwortet das elfjährige Mädchen der endlich wiedergefundenen Mutter auf ihre Bedenken, als es die Flucht aus dem Orte gllt, den die zur Adoption des Kindes entschlossene Gräfin mit ihrem Einfluß beherrscht. Auch die Erziehung in einem Nonnenkloster und der Confirmandenunterricht bei Pastoren der verschiedensten Art vermag nichts über die religiösen Ueberzeugungen des Heranwachsenden Mädchens. Besonders anziehend durch Geistesschärfe und Bekenntnißmuth ist die Discussion der aufgeweckten Confirmandin mit dem gütigen, alten, herzensfrommen Superintendenten im 7. Capitel (104—142). Hier erwacht in dem jüdischen Leser die alte frohe Zuversicht der Ahnen wieder, daß das Judenthum die eigentliche Menschlichkeitsreligion ist, die keiner Mystik bedarf, nur des klaren Menschenverstandes und der reinen Andacht zu Gott. Es ist geradezu männlicher Geist, der aus diesen Denkerpartien des Buches spricht. Doch auch das weibliche Herz kommt nicht zu kurz. Wie schalkhaft ist ihr Zusammentreffen mit dem Gelehrten geschildert, dessen Gemalin sie werden sollte! Kaum vorgestellt, wendet er ihr sofort den Rücken, um mit Seinesgleichen weiter zu disputiren. „Er ist durchaus kein Damenfreund", flüsterte man ihr zu. „Sie dürfen ihm das nicht übel nehmen". Kein Damenfreund? Das nahm sie ihm keineswegs übel. Sie war auch kein „Damenfreund". Sie Seite 891 bemerkt sein leidendes Aussehen. Als er ihr 14 Tage später seinen Besuch ankündigt, wird ihr eine Erleuchtung. „Also das wird mein Alaun", sagt sich die gefährliche Malerin, noch vierzehn Tage und es ist um seine Freiheit geschehe::, allerdings zum Heile des Schwergeprüften, der die treueste Pflegerin gewonnen hatte. Aus diesem Anlässe erfahren wir auch den Ursprung ihres seltsam klingenden Namens. Nahida hatte die Heldin eines Romaues geheißen, deren Charakter ihrem Großvater so gefallen hatte, daß er der Mutter Nahida's diesen Namen beilegte, der sich auf die Tochter vererbte, nicht ohne durch ihre romantisch-heroische Natur gerechtfertigt zu werden. „Nach sieben qualvollen Jahren allmäligen Absterbens der Kräfte endete der Dulder an einem frühen Maimorgen im Jahre 1881. „Das ist das traurige Resümee ihrer ersten Ehe. „Und wieder! wie schon so oft, tauchte die Ahnung in ihr auf, daß Alles, Alles nur Vorbereitung sei. Auch die sieben Lehr- und Leidensjahre waren nur Vorbereitung... Vorbereitung — worauf? Sie wußte sich noch keine Antwort zu geben, aber sie empfand es klar und scharf, daß Gott, der allmächtige, allwissende Vater sie immer noch in seine Schule schicke... Was es sein würde, ahnte sie noch nicht, aber sie war bereit. Wie eilt treuer Soldat würde sie den Posten nicht verlassen, auf den Gott sie gestellt. Sie fürchtete sich vor Nichts und vor Niemand. Am wenigsten fürchtete sie sich vor Jrrthum. Sie vertraute der inneren Stimme, die sie unbedingt für Gottes Stimme hielt." Eine tapfere und eine echt jüdische Gesinnung! Wie sie auch äußerlich eine Jüdin geworden ist, nachdem sie schon lange in der Vertheidigmrg des Judenthums ihren höchsten Beruf erkannt hatte, erzählt sie im zehnten Capitel: „Die neue Ruth". Gar manches gute Buch ist in diesem Abschnitt wohl nicht ohne Absicht angeführt, mittelst dessen man Liebe zum Judenthum in die Gemüther unserer Jugend pflanzen könnte, wie sie selbst in ihrem Gemüthe dadurch gestärkt wurde. Bei diesem Bildungsgänge war ihr bekanntlich die Führung durch einen Lazarus vergönnt. Wie durch ihn „die Vielgeprüfte zur Hochbegnadeten ward," schildert sie in dem vom Geiste seliger Liebe verklärten Schlüsse des Capitels. „Eine Frage, eine wunderbar zarte Frage schwebte zwischen ihnen wie die Libelle zwischen den Ufern. Frühlingsduft umwehte sie und die Dreisam rauschte zustimmend. Sie hatten den Muth, den Wink Gottes zu verstehen. Sie trennten sich nicht mehr." So ist die Künstlerin Nahida Remy zur neuen Ruth geworden. Sie schließt ihr Bekenntniß mit den dankerfüllten Worten: „Ich suchte Dich, mein Gott — und habe Dich gefunden. Ich suchte Dich, mein Judenthum — und habe Dich gesunden." Der „Liberalismus" in England. Mau schreibt aus London: Wir haben uns neuerdings hier auch viel mit der Haltung der Presse in der Jndenfrage zu beschäftigen, die leider nicht immer unseren Wünschen entspricht. Besonders der „Daily Chronicle" nimmt sehr oft eine antisemitische Haltung an, in der er mit den ärgsten Judenfresserorganen aus dem Continent concuriren kann. Allerdings kommt sein Aerger hauptsächlich daher, und er gesteht dies offen ein, daß die Juden, obwohl von den Liberalen emancipirt, doch sehr häufig conservativ wählen. In anderen Ländern wirft man den Juden vor, sie seien nicht conservativ genug, und möchte ihnen deshalb Beschränkungen auferlegen. Bei uns in England wiederum greift das angesehenste Organ der liberalen Parteien die Juden so heftig an, weil sie zu conservativ wählen. Man sieht, es kommt gar nicht daraus an, welcher Partei sich die Juden anschließen. Sie sind und bleiben nun einmal die Sündenböcke, ob liberal oder conservativ, der Jude wird verbrannt.