Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 44 (29.10.1897)
- Date
- 1897-10-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 890 Vr. Vloch's WmtzrnkchrM Nr. 44 Berathungskörpern, in den Volksmeetings und in den Redactionsjj bureaux das Gewerbe der Judenverfolgung in lucrativer Weise.! Da das Strafgesetzbuch wenigstens jetzt noch die Juden! in Schutz nimmt und man ihnen ihren Besitz ebensowenig I rauben kann als ihre Intelligenz, so sucht man sie aus ihren jj Positionen hinauszuwerfen und in isolirte Stellungen zu drängen, jj Dem Justizminister wird die Aufnahme von ein paar jüdischen, \ gewiß auserlesenen Auscultauten in den Justizdienst zum Bor- <j wurf gemacht, als ob dadurch das Christenthum gefährdet und \ das Judenthum sonderlich gefördert worden wäre. Ferner soll die Volksschule clericalisirt und die jüdischen Kinder in eigene Classen oder Anstalten — in Kinderghettos — zurückgedrängt j werden, um da separat durch die Anfänge des Lebens geführt - zu werden. Diese Drohung ist gar nicht so schrecklich! Stellt in jj Gottes Namen Eure Schulen unter geistliche Leitung, sühret sie jj gemächlich hinunter auf jenes Niveau, wo sie früher, im Schatten ) breitkrämpiger Hüte, eine kümmerliche, von Aberglauben und Unduldsamkeit überwucherte Existenz hatten und laßt uns in unseren Anstalten schalten. Es wird sich bald Herausstellen, auf weffen Seite der Vortheil sei. Es gehört wahrlich nicht zu den Freuden des Lebens, in jeder Sitzung des Wiener Gemeinde- und Bezirksschulrathes Beleidigungen und Anwürfe zu hören, den armen Kindern jede Aushilfe verweigern zu sehen, zu wissen, daß in den der Volksaufklärung geweihten Räumen unsere Kleinen verhöhnt, verspottet, moralisch und Physisch mißhandelt werden, während sie in jüdischen Anstalten vor solchen Rohheiten geborgen blieben. Zumeist in gedrückter, trüber Stimmung betritt das jüdische Kind die Schwelle der allgemeinen Volksschule, schüchtern und scheu setzt es sich in die Bank, von höhnischen Zurufen der zur christlichen Milde erzogenen Classengenossen begrüßt; thränenden Auges, einsam, ausgeschlossen aus dem fröhlichen Kreise tummelnder und lachender Kinder, verläßt es die Anstalt, wo ihm keine frohe Stunde blüht. Wie ganz anders lebt und lernt sich's in freundlicher, kameradschaftlicher Umgebung, unter den Augen eines wohlwollenden Lehrers und einer humanen Leitung! Auf Grund gemachter Wahrnehmungen und gesammelter Erfahrungen als mehrjähriges Mitglied des Ortsschulrathes und vieljähriges Mitglied der Leitung der vortrefflichen, von mehr als tausend Kindern besuchten Cultusgemeindeschule in Brody, schwärme ich, namentlich bei jetziger Zeitströmung, für die confessionelle Volksschule der Juden, weil die Kinder hier nichtMeleidignngen und Zurücksetzungen, den gehäffigen Verfolgungen ausgesetzt sind; weil sie hier einen sorgfättigeren Religionsunterricht genießen, die hebräische Sprache besser pflegen und mehr Stammesbewußtsein erlangen können. Der selige Moriz Baron Königswarter sagte mir einmal, daß er humanitäre und culturelle Anstalten stets unterstütze, nur nicht Cultusschulen, weil sie die Annäherung - zwischen christlichen und jüdischen Kindern und die Assimilirung ' der Letzteren hindern. Ja, das war zu einer Zeit, als Dr. Felder Bürgermeister von Wien war, als der Autor der Februar-Verfassung, Schmerling, den Obersten Gerichtshof zierte und der jüdische Bankier Königswarter ins österreichische Herrenhaus berufen wurde. Wie sich die Zeiten seit damals geändert und verfinstert haben! Wenn Baron Königswarter jetzt leben und sehen würde, daß man selbst glaubenseifrigen, gebildeten und geachteten Christen die Salons und Ehrenämter schließt, wenn man in ihrem Stammbaum eine jüdische Urgroßmutter entdeckt, — daß man braven, unschuldigen Kindern den Weg durch die allgemeine Volksschule mit Dornen bestreut und ihr junges Leben durch Feindseligkeit jeder Art trübt — er wäre der Erste gewesen, der die Initiative zur Errichtung von jüdischen Cultusschulen, in welchen unsere Jugend, unangefochten von finsterem Racenhaß, friedlich ihren ersten Unterricht genießen könnte, ergriffen hätte. Ich erinnere mich bei dieser Gelegenheit folgender Episode: Als Ende der Sechziger-Jahre die vorhandenen Mittel zur Erhaltung der israelitisch-deutschen Schule in Brody wegen steigender Frequenz und der nothwendigen Errichtung von Parallelen nicht mehr langten und die Gemeinde, welche sich damals in mißlichen finanziellen Nöthen befand, dieselbe nicht subventioniren konnte, wandte sich die Jnspection der Anstalt an den galizischen Landesschulrath mit dem Ersuchen, zur Aufnahme der Kinder, die wir nicht unterbriugen konnten, in Brody eiue Volksschule mit deutscher Vortragssprache zu errichten. Selbstverständlich ohne Erfolg. Wir ließen es dabei nicht bewenden. Der Reichsrathsabgeordnete Nathan Ritter von Kallir, zu jener Zeit Mitglied der Schulverwaltung, bettat durch Dr. Heinrich Jacques den Klageweg an den Verwaltnngsgerichtshof und ersiegte auf Grund des Artikels 19 des Staatsgrundgesetzes vom 21. December 1867 die Entscheidung, daß der Landesschulrath gehalten sei, mit Rücksicht auf die überwiegend jüdische, deutsch sprechende Bevölkerung Brodys daselbst eine deutsche Schule zu errichten. Die Situation war für denselben peinlich; es hieß den allgemeinen Polonisirungsproceß aufhalten und möglicher Weise auch anderen Gemeinden zu einem gleichen Vorgehen den Anstoß zu geben. Es wurde daher das damalige Mitglied der galizischen Unterrichtsbehörde, der Historiker Henryk Schmid entsandt, mit uns ein Abkommen dahin zu treffen, daß die bestehende Cultusschule, gegen unseren Verzicht auf die Neuerrichtung aus Landesmitteln ausgiebig subventionirt und so zur Aufnahme aller sich meldenden Kinder erweitert werde. Herr von Kallir wollte seinen Sieg ausnützen und auf der Errichtung der deutschen Lehranstalt beharren, während ich für die Ausgestaltung und Consolidirung unserer eigenen Schule vermöge der uns angebotenen Subvention eintrat. Henryk Schmid, ein leidenschaftsloser Pole und ruhiger Denker, sagte uns damals: „Behalten Sie lieber Ihre Schule, bleiben Sie Herren Ihrer Anstalt, des Unterrichtes u n d d e r I u g e n d; es i st besser f ü r S i e u n d sie — man weiß nicht, was die Zukunft bring t." Wir haben schließlich diesen Rath befolgt und niemals bereut, es gethan zu haben, denn unsere Kinder sind nirgends so gut aufgehoben, als bei uns selbst; gewissermaßen im Vaterbause. Innerhalb der bestehenden Unterrichts normen können da unsere Religion und Sprache kräftiger gepflegt, jüdische Lehrer augestellt, die Kinder vor Feindseligkeiten bewahrt werden und was wir unseren armen Kleinen schenken, Kleidung, Bücher, Nahrung, wird ihnen nicht von engherzigen Racenwütherichen vorenthalten, wie dies jetzt in Wien und wohl auch in anderen Städten mit geringerer Publicitäl geschieht. T e p l i tz, 25. September. Leo H e r z b e r g - F r ä n k e l. Ich suchte Dich!*) Der Bekenntnißdrang und die Bekenntuißfreude, welche unter den Männern nur zu oft durch Nützlichkeitserwägnugen.verdrängt werden, haben sich unter die Frauen geflüchtet. Eine Bertha von Suttner, eiue Lili G i z y c k i, eine'.Nahida Ruth Lazarus haben etwas von jenem heiligen Feuer in sich, welches an die Propheten und Apostel der alten Zeit erinnert. Auch das nun vorliegende Buch trägt den Stempel des Bekenntnisses. Die Verfasserin bezeichnet es als biographische Erzählung. Wäre der Ausdruck nicht in unserer traurig platten Zeit fast veraltet, so könnte man es auch als Bekeuntniß einer schönen Seele bezeichnen. Die Grnndzüge dieses Bekenntnisses hat das Wiener Publicum aus dem eigenen Munde der Dulderin vernommen, die auch des Schmerzes Schmerzlichstes, seine Bloßlegung, gerne als Opfer darbringt. Doch erhält das Lebensbild durch zahllose neue Züge und den bald sinnigen, bald sarbeirprächtigen Styl der Darstellung neuen Reiz. Man kennt das Martyrium des Kindes bei einer bigotten italienischen Gräfin, welche dasselbe zur Liebe und zu mechanischen Gebetübungen zwingen wollte. „Doch dieses Märtyrerthum war der Boden, aus dem der jungen Seele ungeahnte Kräfte erwuchsen, auf dem besonders ihre ungehinderte Denkkraft keimte, wuchs und sich entwickelte. Freilich, damals ahnte noch Niemand, welche kostbaren Früchte diese unkindliche Kindheit der kleinen Nahida einbringen sollte." Eine außerordentliche und pädagogisch hochinteressante Rolle spielt in dieser unglücklichen Kindheit auch ihre Kurzsichtigkeit. Wenn sie beim Baden über den für Nichtschwimmer zulässigen Raum hinaus gerieth, beim Gehen Stufen übersah oder beim Clavierspiel die Noten bei gerader *) Biographische Erzählung von Nahida Ruth Lazarus, Berlin 1898, Siegfried Croubach.