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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-10-29 · 44 (29.10.1897) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
44 (29.10.1897)
Date
1897-10-29
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 44 Vr. Vlvch's WvchrnschrM Seite 889 Ein Wort über den jüdischen Religionsunterricht an Mittelschulen. Von Dr. Adolf Brach, Rabbiner in Brüx. Der Aufsatz „Uebelstände des israelitischen Religionsunterrichtes" in der letzten Nummer Ihrer geschätzten Zeitschrift beweist die Nothwendigkeit eines Verbandes der israelitischen Religionslehrer an Mittelschulen. Ein solcher wurde auch im December vorigen Jahres gegründet. Der ersten Versammlung der Religionsmittelschnllehrer in Brünn wohnte ich bei und stellte damals den Antrag, eine Fachzeitschrift zu gründen, in welcher Fragen, den israelitischen Religionsunterricht betreffend, seien sie pädagogischer, didaktischer oder sonstiger Natur, besprochen werden sollten; daß dieser Antrag, der angenommen wurde, bisher nicht zur Reälisirnng kam, mag in den schwer aufzubringenden materiellen Mitteln liegen. Allein ich bin überzeugt, daß beispielsweise die „Oesterreichische Wochenschrift" gerne bereit wäre, hin und wieder im Interesse der Wichtigkeit der Sache Aufsätze über verschiedene Fragen des Religionsunterrichtes zu veröffentlichen. Mancher Uebelstand würde dadurch verhütet und der Religionsunterricht sehr gefördert werden. Diesem Zwecke sollen auch folgende Zeilen dienen. Es mag ja oft das Haus Schuld sein, daß der Schüler es mit der „Religion" weniger streng nimmt als mit anderen Gegenständen; die Strenge des Lehrers ist da wohl am Platze; aber keineswegs darf sich der israelitische Religionslehrer — auch kein anderer tüchtiger Lehrer — zum Grundsätze machen „oderint dum metuant“. (Sie mögen hassen, wenn sie nur fürchten.) Es wird hoffentlich nicht als Ueberhebung oder Eitelkeit angerechnet werden, wenn ich hier die Worte aus meiner Programmarbeit citire, die im Juli 1894 am hiesigen k. k. Staats- Obergymnasinm erschienen ist. „Als Grundregel muß ansgestellt werden: Der israelitische Religionsunterricht werde so ertheilt, daß der Schüler m i t Liebe und Freude diesen Gegenstand lerne. Damit dies der Fall sei, darf der Religionsunterricht dem Schüler nicht allzuschwer gemacht werden. Wenn Herbart (I. F. Herbart's pädagogische Schriften, heransgegeben von O. Willmann, Leipzig 1880, I. Band, Seite 549) im Allgemeinen bemerkt: „Der Unterricht darf nicht zu schwer sein, dem Zögling keine Thränen kosten, die Hoffnung des Gelingens nicht schwinden lassen", so gilt dies gewiß vor Allem von dem Religionsunterrichte, der sich ja nicht nur an den Verstand und das Gedächtniß, sondern auch und sogar vorzugsweise ans Herz zu wenden hat. Ich wage es deshalb, hier offen ansznsprechen, daß der Religionslehrer gut daran thun wird, weniger aufzugeben, als er, entsprechend den Anforderungen in den anderen Gegenständen, anfgeben dürfte. Dies geschehe aus dem Grunde, um in dem Schüler Liebe zur Religion nicht nur zu wecken, sondern auch für die Zukunft zu erhalten. Denn lernt ein Schüler Religion mit Widerwillen, so können die nachtheiligen Folgen viel schwerer werden als bei anderen Gegenständen, denen der Schüler keine Lust und Liebe entgegenbringt. Ein Widerwille gegen den R e l i g i o n s u n t e r r i ch t in der Schule kann leicht eine Abneigung gegen die Religion selbst fürs ganze Leben zur Folge haben." Wenn der jüdische Religionslehrer diese Worte beherzigt, dann wird er auch vom Schüler nicht verlangen, daß er hebräische Grammatik ebenso treibe wie lateinische Grammatik. I m A ns ch l u s s e an d i e L e c t ü r e mögen und sollen verschiedene Bemerkungen über die hebräische Grammatik gemacht werden; ja man kann auch auf Analogien der hebräischen Sprache zur lateinischen und griechischen aufmerksam machen, wie ich dies in meiner Programmarbeit gezeigt habe; die Aufmerksamkeit des Schülers wird dadurch erhöht und der Unterricht belebt. In e r st e r Linie aber sollte darauf gesehen werden, daß der Schüler die hebräischen Texte geläufig lesen kann und ich habe es schon in dieser geschätzten Zeitschrift einmal ausgeführt, daß man bei der Aufnahmeprüfung ins Gymnasium hauptsächlich ein geläufiges und correctes Lesen der Gebete verlangen sollte. Die hebräische Sprache soll der Schüler kennen; denn sie muß — von einzelnen Gebeten in der Landessprache abgesehen — die Sprache des Gottesdienstes bleiben. Andererseits kann bei einer zweistündigen wöchentlichen Unterrichtszeit die Beherrschung der hebräischen Sprache nicht verlangt werden, auch nicht genaue Kenntniß der hebräischen Grammatik. Wie wäre es nun mit folgendem Auswege? Es werde ein hebräisches Schulgebetbnch eingeführt mit guter Uebersetznng (in ähnlicher Weise wie das Gebetbuch von Fuchs); der Schüler werde nun dahin gebracht, den hebräischen Text ordentlich und correct zu lesen und mit Hilfe der Uebersetzung zu verstehen; ebenso führe man eine hebräische Schulbibel ein mit guter Uebersetzung; man wird dadurch den Schüler für den ganzen Gottesdienst würdig vorbereiten, während er heute blos einige Bruchstücke kennt und sich im Gotteshause nicht zurechtzufinden weiß. Diese Methode hätte auch den Bortheil, daß man sich auf den Inhalt tiefer einlassen könnte, was ja die Hauptsache ist. Wir haben ja die israelitischen Schüler nicht zu hebräischen Philologen heranzubilden; es muß vielmehr Hauptaufgabe des Religionsunterrichtes bleiben, auf das Gemüth des Schülers zu wirken, festes Gottvertranen in sein Herz zu pflanzen und — la3t not least — Begeisterung für die jüdische Vergangenheit zu erwecken. Diesbezüglich sei es mir erlaubt, auf folgende Worte in meiner Programmarbeit hinzuweisen. „Was Herbart von der Geschichte im Allgemeinen bemerkt, daß der Unterricht diejenige Wärme fühlen lasse, welche den historischen Personen und Begebenheiten gebührt", und daß man „die Geschichte nicht wie ein chronologisches Skelet erscheinen lasse" (Herbart a. a. O. II., S. 552 t), gilt auch vom Unterrichte in der jüdischen Geschichte und Literatur. Deshalb wird sich der israelitische Religionslehrer nicht auf das eingeführte Lehrbuch beschränken dürfen, sondern gnt daran thun, Vorträge in einfacher, leicht verständlicher und doch zugleich gewählter Sprache anszuarbeiten und dem Schüler vorzuführen. Bei bedeutenden historischen oder literarischen Persönlichkeiten darf sich der Unterricht nicht mit einer kurzen Biographie und Aufzählung der Werke begnügen, vielmehr muß der Schüler einen tieferen Einblick in das Leben und die Schriften derselben gewinnen. Zu diesem Zwecke ist es nöthig, Proben aus ihren Werken in deutschen Uebersetzungen vorzulesen und zu erklären. Es gilt dies nicht nur bei Besprechung der jüdischen Dichter Salomo ibn Gabirol, Juda Halevi, Abraham ibn Esra und Anderer, von denen wir sehr gelungene Uebersetzungen haben, sondern ebensogut bei Besprechung des Lebens und der Werke Saadias, Maimonides, Mendelssohns und Anderer." Ich übe diese Praxis seit 7 Jahren und darf ohne Ruhmredigkeit sagen, nicht blos die Liebe meiner Schüler zu besitzen — denn damit allein wäre noch nicht viel geleistet — sondern auch Liebe zur Religion und zur jüdischen Geschichte in meinen Schülern geweckt zu haben. Die ronsesstonelle Schule Der Wunsch nach der confeffionellen Volksschule klingt so reactionär wie die Sehnsucht nach vormärzlichen Verhältnissen, nach den Fleischtöpfen Egyptens und nach Abenddunkel aus Tageshelle. Ja, wenn es taghell wäre und dieselbe Sonne noch am Himmel schiene, die in den Sechziger-Jahren der österreichischen Verfassung und den Staatsgrundgesetzen in die Welt hinausleuchtete und den Völkern den Weg der Aufklärung und Humanität wies! Aber all' die schönen, farbenprächtigen Bilder Schmerling'scher Periode modern im Archiv und in den vergilbten Heften alter Reichsgesetzblätter; man erinnert sich, aber man denkt nicht mehr an sie; man ruft sie wie die Todten an, aber sie bleiben in ihren Gräbern. Wie die Juden in der Wüste wurden wir vierzig Jahre herumgeführt, um, statt in das gelobte Land bürgerlicher und politischer Freiheit, wieder nach Mizrai'm zu gelangen in die alte Bedrückung. Wir stehen nun in der Praxis dort, wo wir vor Aufhebung der Ghettos und der Sondergesetze standen, ja noch weit mehr zurück, weil der Judenhaß früher nicht so intensiv, nicht so provokant und rauflustig war und weil unter dem Regime Metternich-Sedlinitzky keine Volksversammlungen hätten abgehalten werden dürfen, um einen Theil der Bevölkerung gegen den andern ungestraft zu Hetzen. Damals war die gebildete Classe, auch der Adel die Schutzwehr für etwa verfolgte Juden; heute begegnet man der Verrohung und dem Verfall der guten Sitte auch in den oberen Regionen. Heute ist der Judenhaß salonfähig geworden und geradezu eine Erwerbsquelle für Jene, die sonst nichts gelernt, nichts können, nichts arbeiten. Man lebt von ihm, man versorgt durch ihn die Kinder, man erobert Mandate, man läßt sich für die Mit- und Nachwelt Photographiren, illustriren, componiren und betreibt so in den

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