Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 44 (29.10.1897)
- Date
- 1897-10-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 888 Vr. VIvch'r» MvltzrnschrM Nr. 44 Gesetz folgen zu dürfen. Als eine solche Natur erkennen wir Rippner an, und wiewohl er dem Zug seines Ingeniums stets nachgegeben, so hat er es doch schon durch sein Pflichtbewußtsein, durch seine wohlwollende Gesinnung verstanden, jebe Klippe, jeden Conflict zu meiden. Mit Vorliebe widmete er sich der modernen Literatur und der classischen Belletristik, dabei hatte er weder seine theologischen noch philosophischen Studien vernachlässigt. Er galt unter uns als Aesthetiker und Schöngeist, ohne daß man seine Fähigkeit der pilpulisüschen Dialectik unterschätzte. Er las alle hervorragenden Journale und Pflegte dann die Mandeln und Rosinen, die er dort gefunden, auch uns vorzusetzen, wodurch er uns nicht wenig anregte und vor Einseitigkeit bewahrte. Besonders gewann hierbei sein außerordentliches Darstellungsgeschick. Aber geradezu verblüffend war die Schnelligkeit, mit der er arbeitete, wobei nicht etwa die Gedanken und ihre Darlegung, nur die Buchstaben der Handschrift zu Schaden kamen. Ebenso rasch und zuweilen recht glücklich war er mit seinen Scherzworten, deren Jagd er zeitweise eifrig oblag, freilich nicht immer von gleichem Jagdglück begünstigt. Doch hütete sich sein Witz vor böser, verletzender Spitze, wenn er nicht zur Abwehr loszuschlagen gezwungen war. Eine mit solchen geistigen Mitteln ausgestattete Kraft, welche noch überdies von trefflichen Herzenseigenschasten und von dem regen Drang, sich zu bethätigen, geleitet wurde, mußte als Prediger, wie als praktischer Theologe Treffliches, ja Hervorragendes leisten; 25 Jahre amtlicher Wirksamkeit legen in der That für Rippner ein solches Zeugniß ab. Nachdem er-seine Studien beendet hatte, stellte er sich im deutsch-französischen Krieg der Militärbehörde als jüdischer Feldprediger zur Verfügung. Er hatte kaum seine Instructionen in Berlin 1871 entgegengeuommen, als Frankreich seinen Frieden mit Deutschland schloß. 1872 ging er nach Glogau, um dort einstweilen den schwerkranken Rabbiner Dr. Klein zu vertreten, nach dessen Tode er in die erledigte Stelle eintrat. Es ehrt die Glogauer Gemeinde, die ja von jeher viel Intelligenz und Bildungsstreben in sich vereinigte, aus der Männer ersten Ranges wie Munk, Sachs, Zedner, Kassel u. A. hervorgegangen, daß sie in so wenigen Monden die ungewöhnlichen Vorzüge des jungen Theologen erkannte und seit dieser Zeit kein Opfer gescheut hat, um diese Kraft, sich zu erhalten. Rippner versteht es aber auch, durch seine persönlichen Eigenschaften, besonders durch sein menschenfreundliches, edel denkendes, jedem kleinlichen Wesen abholdes Herz alle Gemüther zu gewinnen; nur wenige Rabbiner dürsten sich in ihrer Gemeinde so unbegrenzter Popularität bei Alt und Jung erfreuen, wie er, in dessen Achtung und Würdigung die gesammte Stadt mit seiner Gemeinde einig ist. Wo und wie er nur kann, sucht er in versöhnlichem Sinne zu wirken, und seiner friedlich ausgleichenden Einwirkung fehlt auch niemals der Erfolg. ' Zu diesen großen Erfolgen innerhalb wie außerhalb der Synagoge hat namentlich die Macht seiner geistvollen Kanzelberedtsamkeit viel beigetragen. Er hält sich in seinen Predigten nicht immer an die schulgerechte Disposition, aber er bleibt stets von klarer und verständlicher Durchsichtigkeit. Er spricht niemals abstract, sondern greift in das volle Menschenleben hinein, verwerthet feine psychologische Bemerkungen, benutzt Erfahrungen des täglichen Verkehrs, die er selbst -mit scharfen Blick um sich her beobachtet und zur Deutung von Bibel- und Talmudstellen heranzieht, und verschmäht selbst nicht Anspielungen und vorsichtige Anführungen aus modernen Dichterwerken. Dadurch erhält seine geistliche Rede einen gar eigenen, auf Alle ohne Unterschied wirkenden Reiz, sie ist im edelsten Sinne populär und erscheint bisweilen wie ein intereffantes homiletisches Feuilleton, ohne ihrer Würde dadurch zu vergeben. Selbstverständlich können nicht alle Predigten gleichwerthig sein; die meisten jedoch zeichnen sich aus durch den Glanz der Worte, die Fülle und Originalität der Gedanken, die Klarheit und Frische der Ausführung, die überraschende uud doch natürliche Auslegung, wobei der Redner mit wahrer Meisterschaft es versteht, die biblische und talmudische Anschaunng in das moderne Fühlen und Denken umzusetzen, so daß man diese Predigten den besten Erzeugnissen der jüdischen Homiletik zuzählen muß. Zahlreiche derselben flattern in einzelnen Blättern umher oder sind mit oder ohne seinen Namen veröffentlicht, theils in Rahmer's Predigtmagazin, theils in der ehemaligen„Jsraelitischen Wochenschrift", theils in der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" u. s. w. Rippner selbst achtet nicht mehr auf dieselben, sobald er sie gehalten oder aus der Hand gegeben; die Glogauer Gemeinde aber könnte sich ein Verdienst um das Judenthum erwerben, wenn sie zum Amtsjubiläum ihres Rabbiners sich entschließen würde, eine Sammlung derselben zu veranstalten und dieselbe durch den Druck allgemein zugänglich zu machen. Die jüdische Kanzelberedtsamkeit ist ja nicht übermäßig reich an homiletischem Gut von echtem probehaltigen Werth. Auch auf wissenschaftlichem Gebiet hatsich Rippner vielfach in größeren und kleineren Aufsätzen bethätigt, welche zumeist in der Frankel-Grätz'schen Monatsschrift, zum Theil auch in Rahmer's Literaturblatt niedergelegt sind. Diese Arbeiten gehen gar nicht darauf aus, neue Daten und Thatsachen auszugraben, wollen vielmehr nur das scheinbar Bekannte in die rechte, oft frappirende Beleuchtung rücken uud unter neue Gesichtspunkte stellen. Es sind abgerundete Essays, welche ihren Gegenstand mit fesselnder Formgewandtheit im Licht neuer Ideen behandeln, so „Elia del Medigo, ein jüdischer Popularphilosoph" (Monatsschrift Jahrg. 20, 1871), „Herder's Bibelexegese" (das. Jahrgang 21, 1872), „Steinheim" (das. JS. 347 ff), bei welch' letzterem Aufsatz man die Kunst bewundern muß, die dunkle und ungelenke Sprache dieses tiefen Religionsphilosophen in einem deutlichen und faßlichen Ausdruck zusammenzufassen. Als das Muster eines geistreichen und formschönen Essays können wir seinen Beitrag zur Jubelschrift (S. 112) anläßlich des 70. Geburtstages von Grätz erklären: „David Friedländer und Probst Teller", wenn wir auch seinem Urtheil über Friedländer, als einem zu einseitigen, nicht beipflichten können. Im Bereich der specifisch jüdischen Publicistik gehört, er zu ihren hervorragendsten Vertretern. Ein großer Theil der anregendsten und ausgezeichnetsten Artikel, Aufsätze und Recensionen in der ehemaligen Rahmer'schen Wochenschrift, deren fleißiger Mitarbeiter er stets gewesen, rührt von seiner Feder her, auch wenn er sie nicht gezeichnet hat. Erst neuerdings hat er in unserer „Oesterreichischen Wochenschrift" die sehr beachtenswerthen Artikel gegen den Zionismus veröffentlicht. Seine journalistische Kraft ist gesucht und vielumworben, mit vollem Recht! Auch in der Tagesliteratur bleibt sein Stil elegant, urban, instructiv und gedankenvoll, Wort und Gedanke verschmelzen so sehr ineinander, daß man nicht weiß, ob das Wort den Gedanken schmückt, oder der Gedanke dem Wort seinen Glanz verleiht. Er betheiligt sich mit Freude und Eifer an allen Tagesfragen, welche das Judenthum berühren. Ueber den allgemeinen Interessen vergißt Rippner jedoch auch seine einzelnen Freunde und Gemeindeglieder nicht; sein häuslicher Herd, an dem eine liebenswürdige Gattin als treuer Kamerad ihm aufmerksam zur Hand geht, ist eine ständige Zufluchtsstätte für Rath- und Hilfesuchende uud gewährt auch vollen Raum für gesellige Heiterkeit. Möge dem verehrten Collegen, welcher noch auf der vollen Höhe des Daseins steht, Kraft und Gesundheit und Glück zum Heil seiner Gemeinde wie des Judenthums noch recht lange, lange erhalten bleiben. Als R. Eleasar ben Arakh nach dem Tode R. Jochanan's selbststälidig auftrat und ein eigenes Lehrhaus begründen wollte, fand er weder Collegen, die sich ihm anschlossen, noch Schüler, die ihm folgten; in jener aufgeregten Zeit scheint der verheißungvollste Jünger R. Jochanan's wirkungslos verschollen zu sein. Rippner dagegen hat sich namentlich unter seinen Collegen zahlreiche Freunde erworben und erfreut sich einer großen Beliebtheit; seine Gemeinde ist für seine Person und sein Wort innerhalb wie außerhalb der Synagoge enthusiasmirt; es fehlt ihm nicht an Schülern und Schülerinnen, welche ihren Lehrer schwärmerisch verehren; auf weite Kreise seiner Glaubensgenossenschaft hat er durch seine publicistische Thätigkeit, oft anonym, jedoch weder unbekannt noch rühmlos, bedeutsame Einwirkung geübt. Es ist der innere Reichthum einer originalen, begnadeten Natur, die in allen ihren Ausströmungen sich jederzeit bekundet als „ein immer reicher aussprudelnder Quell".