Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 44 (29.10.1897)
- Date
- 1897-10-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 44 Vr Bloch's Wochenphris). Sette 887 Christen anstrebenden Antrag, in dessen Begründung, unter bewußter Jgnorirung der ein Gemeingut der ganzen civiksirten Welt bildenden Sittengesetze der Inden, denselben gleichwohl das Verställdillß und das Gefühl für das sittlich-religiöse Empfinden der Christen in Bezug aus die Heiligkeit des Eides in geradezu frevelhafter Weise abgesprochen wird; mit weiterer Rücksicht darauf, daß derlei sich regelmäßig erneuernde, böswillige Verleumdungen offenkundig dazu bestimmt sind, im Interesse der antisemitischen, demagogischen Führer zu Feindseligkeiten gegen die jüdische Religionsgesellschaft und zur Verachtung ihrer Lehren und Einrichtungen aufzureizen, beschließt die heutige Plenarversammlung des Politische n Bolksvereines unter dem Ausdrucke der Empörung über derlei das Rechtsgefühl des Volkes untergrabende Umtriebe auszusprecheu: daß derselbe den Verrath und die stetige Verleugnung, deren öffentliche christliche Functionäre an ihrer altehrwürdigen jüdischen M u t t e r r e l i g i o n sich i m m e r wieder schuldig machen, nicht minder beklage, als das Passive Verhalten der strafrechtlichen Staatsgewalt, welche es vermeidet, zur Ahndung und Verhütung solcher öffentlicher Attentate die Machtmittel des Gesetzes zur Geltung zu bringen. Nachdem noch der ehemalige Abgeordnete Dr. Bloch und Gemeinderath Herr Lucian Brunner gesprochen, wurde die Resolution einstimmig angenommen. Dr. Benjamin Rippner. In den „Sprüchen der Väter" (2, 10) wird berichtet, daß Rabbi Jochanan ben Sakai fünf hervorragende Schüler hatte, deren Vorzüge er einmal besonders specialisirte. Das höchste Lob erhielt R. Eleasar ben Arakh, denn er wurde mit „einem immer reicher aussprudelnden Quell" verglichen. Der Meister soll sogar gesagt haben: Wenn man seine Jünger gegen einander abwägen uikd man sie alle auf die eine Wagschale und den Eleasar ben Arakh auf die andere legen würde, der Letztere allein die übrigen aufwiegen dürfte. Hat der Erfolg die Voraussage des Lehrers bestätigt? Wie haben die Studiengenoffen des Eleasar ben Arakh das Urtheil des Lehrers aufgenomnlen, das diesem die geistige Ueberlegenheit vor ihnen allen zuerkannte? Der Talmud schweigt davon. Vereinzelte und versprengte Thatsachen geben zu Folgerungen nur schwachen Anhalt, und diese sind geeignet, zu ungünstigen Vermuthungen zu führen. Viel günstigere Thatsachen bietet uns ein analoger Fall, „ein immer reicher sprudelnder Quell", dessen frisches Wasser viele Leser, oft ohne den Ursprung zu kennen, mit Genuß geschöpft und getrunken haben. Denn Dr. Benjamin R i p p n e r, der heute eine gesegnete, von allgemeiner Liebe und Verehrung getragene Amtswirksamkeit von 25 Jahren als Rabbiner der Gemeinde Groß-Glogau vollendet hat, der in weilen Kreisen sich zahlreicher Freunde und großer Sympathien erfreut, darf von sich rühmen, daß ein ähnlicher Ausspruch in seiner Lehrzeit seitens zweier Lehrer über ihn ergangen ist. Zwei unserer Lebrer, aus deren Urtheil wir ein hohes Gewicht gelegt, Jacob Bernays und Heinrich Grätz, Gelehrte von europäischem Ruf, haben sich über Rippner in einer solchen, ihn über seine Mitschüler erhebenden Weise geäußert. Was aber noch mehr zu bedeuten hatte, wir, seine Commilitonen, befanden uns mit diesem Urtheil in Uebereinstimmung und haben es neidlos anerkannt. Denn er war uns Allen ein lieber, trauter Genosse, der Niemandem im Wege stand, Niemandem seine Ueberlegenheit fühlen ließ, der vielmehr Jedem sofort aushalf, der dabei gar keine Prätensionen stellte, ausschließlich nur verlangte, daß man ihn in seiner Art gewähren ließ. Als er in jugendlichem Alter, im Beginne der Sechziger- Jahre, aus seiner Vaterstadt Lissa (Posen) nach Breslau kam und in das jüdisch-theologische Seminar eintrat, verstand er es sofort, durch sein einfaches und natürliches, dabei doch selbstbewußtes Auftreten, durch seine witzigen Bemerkungen und schnurrigen Einfälle, durch sein fügsames Eingehen auf etwaige Wünsche und Unternehmungen sich feinen Mitschülern zu insinuiren, sogar den älteren Jahrgängen, welche den jüngeren Genossen gegenüber sich sonst sehr exclusiv verhielten, und imponirte uns Allen durch seine geistigen Gaben, durch sein allgemeines Wissen und besonders durch seine große Belesenheit in der deutschen Literatur, .Merkwürdig war die Schnelligkeit seiner Auffassungsgabe, dazu verfügte er über ein glückliches GedÜchtniß und besaß ein seltenes Stittalent; trotzdem war er frei von jeder Ruhmredigkeit und Eitelkeit, selbst seines Fleißes, wozu man doch ein freies Recht haben soll, hat er sich nie geäußert. Natürlich wurden die Lehrer des Seminars bald auf ihn aufmerksam. Der Director Frankel, der jeden seiner Schüler daraufhin ansah, ob er nicht aus ihm einen vollendeten Talmudisten Herstellen könne, etwa einen Chacham Zewi, der das ganze rabbinische Schriftthum im Kopfe mit sich herumgetragen haben soll, nahm mit Freuden die dialectische Gewandheit des Liffaer Schülers wahr; obschon er zu seinem Bedauern erkannte, daß Rippner nicht gesonnen sei, seine ganze Kraft auf den Talmud zu concentriren, zeichnete er ihn doch bei jeder Gelegenheit aus. Bei Bernays und Grätz war er nun vollends das enfant gate.- Vor Bernays hatten wir alle den aufrichtigsten und tiefsten Respect; waren wir ja Augenzeugen, wie Männer von der Bedeutung eines Mommsen, Westphal, Hertz u. A. sich vor ihm neigten, ja wie ordentliche Professoren zu seinen Vorlesungen über Lukrez und über die Geschichte der Philologie — er war Privatdocent an der Breslauer Universität — in seinem Hörsaal erschienen. Ihm stand ein ganz bedeutendes Lehrgeschick zu Gebote und er hielt stramme Zucht. Er schraubte seine Ansprüche so hoch, daß wir förmlich darunter seufzten; aber wir arbeiteten gerne für ihn, wir setzten unseren Ehrgeiz darauf, von ihnr ein Lob zu erhaschen, das er sehr sparsam austheilte, und waren schließlich zufrieden, ohne einen Tadel davonzukommen. Dankbar gedenkt Jeder, der das Glück batte, zu seinen Füßen zu sitzen, dieses Lehrers, der die tiefste, und nachhaltigste Wirkung auf uns geübt hat, der leider allzufrüh aus dem Leben geschieden ist. Rippner war wohl der erste, der es wagte, die Schulordnung bei ihm zu durchbrechen und blieb der einzige, dem er es mit ungemindertem Wohlwollen nachsah; allerdings pflegte Rippner dann jedesmal den Lehrer, der ein Feinschmecker für edle und correcte Wortform war, durch ein Entschuldigungsschreiben zu versöhnen, dessen glanzender Wortführung derselbe nicht widerstehen konnte. Nur die „Bravheit" hat er ihm in diesem Punkte abgesprochen. Es war dies um so spaßiger, weil wir, die wir mit unserem Schülerwitz auch den gefeierten Lehrer nicht verschonten, herausgefunden hatten, daß Bernays ganz unbewußt die Menschheit in zwei große Classen theilte, in „brave Menschen" und solche „mit philologischer Akribie". Als Bernays einmal in seiner Vorlesung über die Geschichte der Philologie auf Jöcher und sein Gelehrteulexikon zu reden kam und den Vortrag mit den Worten „Der brave Jöcher" eröffnete, ging eine unbezähmbare Heiterkeit durch unsere Bank, die von den airderen Hörern gar nicht begriffen wurde; wir aber wußten, daß Jöcher damit gerichtet war. Vor seinem strengen Richterspruch hat Rippner, wie sonst kein Anderer, mit seiner Darstellungsgabe und Ausdrucksform volle Gnade gefunden, er hat ihn stets als einen Schüler behandelt, der sich zu einem Menschen von philologischer Akribie entwickeln könne. Der Letztere hat später in einem trefflichen und lesenswerthen Nekrolog, „Bernays" überschrieben, (Frankel-Grätz, Mvnatsschr. Jahrg. 30, 1881) der Pietät und erkenntlichen Gesinnung für den Lehrer einen warmen und beredten Ausdruck gegeben. Bei Grätz endlich, der in seinem Unterricht daraus zielte, jeder Individualität möglichst gerecht zu werden und jedem Schüler das volle Maß geistiger Bewegungsfreiheit zu überlassen, war Rippner in seinem vollen Element. Weit ausschauende Gesichtspunkte, große historische Combinationen, blendende Cvnjuucturen, flüssiger, frischer Ausdruck, wie sich dies in seinen Ausarbeitungen zeigte, das war ganz nach dem Geschmack des berühmten Historikers, der ihn bald als seinen Jünger betrachtete und förderte und ihm am liebsten die Nachfolge in der jüdischen Geschichtsschreibung übergeben hätte. Aber es entsprach nicht Rippner's Neigung, auch nicht seiner durch die ungewöhnliche Begabung bestimmten Geistesrichtnng, in den versteckten Winkeln historischer Rumpelkammern herum zu kramen; die frische Gegenwart,_ das warm pulsirende Leben war's, was ihn anzog und in seinen psychologischen Manifestationen ihn interesfirte. Es fehlt nicht an Menschen, denen es schon bei ihrem Entwicklungsgang schwer wird, sich in das landläufige Schema zu fügen, welche in ihrem Thun unb Lassen an die hergebrachte Regel und Ordnung sich nicht binden und ihre eigenen Wege wandeln wollen, welche darum leicht mit den üblichen Formen des Schulwesens wie der Gesellschaftsordnung in Conflict gerathen können. Es muß eben schon eine bedeutende Natur sein, wenn wir chr das Recht einräumen sollen, nur ihrem eigenen