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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-10-29 · 44 (29.10.1897) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
44 (29.10.1897)
Date
1897-10-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Hcke 883 Vr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 44 »Kauft nicht Lei Juden/ Görkau in Böhmen war bisher von dem Krebsschaden des Antisemitismus verschont geblieben. In jüngster Zeit macht sich rmn derselbe in überaus auffallender Weise geltend. An der -Spitze der Bewegung steht ein gewisser K l i n g e r, Comptoirist bei der Baumwollspinnerei Gustav Tetzner in Görkau, welcher in den Versammlungen der dortigen Ortsgruppe des Bundes der Deutschen und auch bei anderen Gelegenheiten die Leute haranguirt, keinen Juden zu grüßen, bei keinem Juden einzukaufen und mit Juden auch nicht gesellschaftlich zu verkehren. Klinger hat mit seinen Hetzereien bereits große Erfolge erzielt und sogar die Firmatafeln jüdischer Geschäftsleute wurden schon wiederholt ganz oder theilweise zerstört. Allgemein besteht die Ansicht, daß Klinger sowie ein zweiter Comptoirist dieser Firma, Namens Taschek, es gewiß nicht wagen würden, in so offener auffallender Weise gegen die Juden zu Hetzen, wenn sie nicht der vollsten Zustimmung und Billigung ihres Chefs, insbesondere dessen Sohnes, sich erfteuen würden. Nach eingezogenen Recherchen müssen wir darauf Hinweisen, daß ein großer Theil des Kundenkreises der oben genannten Baumwollspinnerei Gustav Tetzner in Görkau Juden sind, die von den hier geschilderten Thatsachen kaum eine Ahnung haben dürften. Wir erwarten daher mit vollster Zuversicht, daß die jüdischen Kunden der Firma Gustav Tetzner in Görkau der letzteren die gute Lehre ertheilen werden, daß ein Antisemit nicht zugleich mit jüdischen Kaufleuten in Geschäftsverbindung stehen kann. Wege« »Beleidigung der jüdischen Religionsgemeinschaft/ Es soll eine Anklage erhoben werden wegen Beleidigung der jüdischen Religionsgesellschaft. Aber nicht gegen einen Schneider oder einen Gregorig oder einen Vergani, die uns gewerbsmäßig beschimpfen, sondern gegen den Freidenker Bruno Wille soll wegen eines solchen Reates vorgegangen werden. Uns liegt nicht der Wortlaut seiner Rede oder Schrift, auch nicht der Text der Anklage vor. Darf man aber aus Zeitungsnotizen schließen, so hat der Privatmann Wille über das Alte Testament weit wohlwollender sich geäußert, als zum Beispiel der staatlich angestellte Professor Wahrmund oder der Pfarrer Deckert. Wir kennen den Aufenthalt des Herrn Wille nicht, auch nicht den Namen seines Vertheidigers, vielleicht bekommt er oder einer seiner Freunde aber dieses Blatt zu Gesicht, dann mag er den Rath daraus entnehmen,' sich zu seiner Vertheidigung auf die Conferenzreden des Pfarrers Deckert zu berufen. Wir meinen, daß man billiger Weise einem Privatmann mindestens dasselbe Maß von Kritik als erlaubt zugestehen muß, welches man bei einem Prediger auf der Kanzel nicht gerügt hat. Die Gerichte, deren Beruf es ist, gerecht zu sein, würden sich wohl auf diesen Standpunkt stellen, der Staatsanwalt ist indessen indirect nur ein Organ der Rechtspflege, in erster Linie ein politischer Beaulter. Er hat mehr nach der Förderung des vermeintlichen Staatswohles zu streben, als nach der Gerechtigkeit und deshalb ist für den Staatsanwalt bei den sogenannten politischen Vergehen anscheinend wichtiger das »Wer?" als das »Was?". Indessen : »Justitia est fundameDtum fegnorum«. Die Anklage wegen Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft ist ein Hohn gegen Wille, ein Hohn gegen uns Juden, ein Hohn gegen jedes Gerechtigkeitsgefühl. > „Reichthum der Jude«/ Der »Frankfurter-Zeitung" schreibt man aus Amsterdam : Die Fabel von dem ungeheueren Reichthum der Juden wird eigenthümlich beleuchtet durch eine Zusammenstellung, welche sich in einem soeben veröffentlichten Werke des Directors des Amsterdamer Statistischen Bureaus Dr. Falkenburg über die Armenpflege im Haag findet. Daraus ergibt sich nämlich, daß z. B. im Haag auf je 1000 Mitglieder jeder Confession bei den Protestanten 41'7, bei den Katholiken 55'9, bei den Juden hingegen 98 3 Armenunterstützung genießen. Daß die Juden in Holland mit Ausnahme einiger eingewanderter deutscher Familien arm sind, ist bekamrt, wenn auch die oben angegebenen Zahlen quantitativ überraschen. Die Vermögensverhältniffe der holländischen Juden bieten aber deshalb besonders großes Interesse, weil dort die Jud.eu seit Jahrhunderten wirthsch.aftlfch frei waren. Die Hindernisse, die mau auderpiäxts, den Juhen in b.en Weg gelegt hat, waren die Ursache ihrer kaufmännischen Erfolge. Deutlich ergibt sich dies daraus, daß die Verhältnisse der Juden in der Türkei ähnlich sind, wo man ebenfalls den Juden das Leben nicht so schwer gemacht hat. Und die Armuth der Juden in Holland und der Türkei ist umso charakteristischer, als die Juden seinerzeit nach der Flucht aus Spanien mit ziemlichen Schätzen einwanderteu und reicher waren als ihre Mitbürger. Wunderbar ist das schließlich nicht, es entspricht vielmehr einer alten Erfahrung, daß die Menschen, denen man es zu leicht macht, zurückkommen, während Hindernisse den Willen stählen und somit erst recht zum Erfolg beitragen. In Holland ist in der That die Emancipation der Juden am weitesten gediehen. Vor einigen Jahren war dort ein jüdischer Diener im Reichsmuseum. Dieser beweist mehr als ein jüdischer Minister. Denn der jüdische Minister wird bestellt wegen seiner Fähigkeiten, weil man von ihm große Leistungen erwartet. Galeriediener kann aber Jeder seiir. Die Bestellung eines solchen ist daher eine Gnade, eine Art Geschenk. So mancher Jude ist Kaufmann geworden, weil es ihm an einer sicheren Lebensstellung gefehlt hat. Macht die Juden auch zu Galeriediener und dergleichen, dann gibt es sicherlich weniger reiche Juden. Badeni—Taaffe—Plener. In einer der letzten Reichsrathsverhandlungen erklärte einer der Herren Obstructionisten: »Man muß wirklich sagen, daß das Parlament immer tiefer und tiefer sinkt, wenn es sich gegenüber einer Regierung — verzeihen Sie den Ausspruch — schon auf den Grafen Taaffe berufen muß." Die Herren sogenannten »Liberalen" sollten daher nicht vergessen, daß sie den Taaffe gestürzt haben, weil er ihnen ein zu liberales Wahlgesetz vorgelegt hatte. Und wenn Oesterreich nicht gerade Grund hat, auf das Ministerium Badeni besonders stolz zu sein, so sollte man auf derselben Seite nicht vergessen, daß auch die Namen Plener und Wurmbrand nicht gerade geeignet sind, in einer österreichischen Wallhalla einen Ehrenplatz einzunehmen. Eingesendet. Sehr geehrter Herr Redacteur! Sie brachten in Ihrer letzten Nummer einen Aufsatz zum 50jährigen Todestag von Henriette Herz. Für uns ist sie indessen schon 1847 gestorben — bei ihrer Taufe — oder richtiger, für uns hat sie überhaupt nicht gelebt. — Getauften sollte man in jüdischen Zeitungen nur ausnahmsweise ein Loblied singen. Heine zum Beispiel, der Jemand war und in seinen jüdischen Melodien jüdisches Empfinden bewiesen hat. — Beides trifft auf die drei Damen Schlegel-Veit, Varnhagen-Lewin und Herz- Schleiermacher nicht zu. Ganz intelligente Damen, die nachempfinden konnten, von denen aber keine etwas geleistet hat, und deren Lebenswandel, vielleicht von Rahel Lewin abgesehen, nicht über jeden Tadel erhaben war. Als Nachempfinder, als --Snobs«, wurden sie passable Christinnen, in deren Salons sich die damaligen Antisemiten — die Rühs und Fries — sehr wohl fühlten. Sie waren Talmigrößen, Alexandriner, an denen nur ein Alexandriner Freude hat. Sie verdankten schließlich ihren Eintagsruhm nur der Thatsache, daß sie als Jüdinnen geboren waren. Adel und christliches Bürgerthum waren gesellschaftlich zurückhaltend und deshalb fand das Bedürfniß nach zwangloser Geselligkeit in Familien jüdischer Provenienz Befriedigung. Später haben Literaten jüdischer Provenienz mit einem gewissen Erfolg sie uns als geistige Heldinnen darstellen wollen, seitdem man sich in jüdischen Kreisen indessen wieder mit der jüdischen Vergangenheit beschäftigt, ist der Lorbeer ihres Ruhmes verwelkt. Henriette Herz ist nicht nur seit fünfzig Jahren todt, sondern als geistige Potenz hat sie überhaupt nie gelebt. Es scheint, daß sie sehr schön war, das war für die Zeitgenossen, insbesondere den guten Schleiermacher sehr angenehm, kann uns 50 Jahre nach ihrem Tode aber ziemlich gleichgiltig sein. Sie ist nicht einmal genug Individualität, um sie mit Vergnügen zu bekämpfen. Wenn ich Nachweisen wollte, daß Henriette Herz gespendetes Lob nicht verdient, so richten sich meine Zeilen nicht gegen sie — sie ist vielmehr so wenig Individualität, daß man sie unwillkürlich mit Dorothea Peit und Rahel Levin immer zusammen erwähnt Vielmehr sollte unser Mangel an Selbstgefühl an den Pranger gestellt werden. Ich glaube, dies bekommen nur wir Jpden fertig, aus mittelmäßigen Deserteuren Nationalheilige zu machen. HochacMpgsvoll X.

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