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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-10-29 · 44 (29.10.1897) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
44 (29.10.1897)
Date
1897-10-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 44 Nr. DUmr'» Woaxemarrlfr. Verte 831 Schwur, dessen Uuwahrhaftigkeit die ganze Weltordnung erschüttere. Durch die ganze Natur sei ein Erbeben und Erzittern, ein schrecklicher Schauer gegangen, als vom Sinai die Heiligkeit des Eides verkündet wurde. Der Gott, der das Geschlecht der Sündfluth ob seiner Gewaltthätigkeit so schwer heimgesucht habe, der müsse es Jedem heimzahlen, der sein Wort nicht erfüllt gegen Freund oder Feind, gegen Namensbruder oder gegen den Fremdling. Falsches Wort, täuschendes Versprechen, falscher Schwur sei ja die allerschlimmste Gewaltthätigkeit, sei Diebstahl, Raub, Mord, zerstöre die Grundlage, auf welcher sich der ganze Verkehr und das vertrauensvolle Zusammenleben der Menschen aufbaue. Wir wollen es deshalb auch keineswegs unterschätzen, wenn alle diejenigen, die gelegentlich ihres Amtsantrittes ihren heiligen Eid abgelegt haben, ihre Ehrfurcht vor dem biblischen Zehngebot erklären, und wären umso mehr beruhigt, wenn sie zugleich auch der talinudischen Auffassung dieses Zehugebotes ihre Anerkennung nicht versagen wollten. Wir sagen es auch ohne Scheu, der Talmud erhöht sogar noch und bringt dem menschlichen Gemüthe die biblische Moral noch näher. Die biblische Moral leuchtet wie die Sonne in voller Wahrheit, ist aber auch glühend, sengend, verzehrend und unerbittlich wie Diese. Die Wahrheit kann das Verhältniß von Schuld und Sühne nicht aus dem natürlichen Welteugange auslöschen. Die Schuld wirkt zerstörend, ist in gewissem Grade tödtlich, darum kann es die Bibel, als der getreue Reflex der wirklichen Natur, nicht vermeiden, vielfach den Grundsatz der Todesstrafe gelten zu lassen. Ein verkommenes Gemeinwesen geht dem Uittergange entgegen, ein lasterhaft und wollüstig angelegtes Kind ist dem Verderben ausgeliefert. — Die Bibel der Wahrheit kann von dem Gesetze über den widerspenstigen Sohn, über die abirrende Stadt nicht absehen — sie enthält die wahre Moral, aber nicht die höhere. Der Talmud jedoch besetzt mit seinen zahllosen Normen zur Verwirklichung der andern moralischen Grundsätze das Gebiet so sehr, daß für Todesstrafe und Aehnliches kaum mehr Raum bleibt. Ist Hinrichtung nicht eine Art Mord? Damit es nicht sei, stellt er Normen ans, die einer gänzlichen Abschaffung der Todesstrafe gleichkommen, die Hinrichtung des lasterhaften Kindes und die Zerstörung eines verwilderten Gemeinwesens ganz unmöglich machen. Insofern bleibt die Verwirklichung einzelner biblischer Sätze, — und das wird im Talmud besonders erörtert — außer Acht. Etwas von der Bibel Verbotenes jedoch wird vom Talmud u i e erlaubt. Das möge zur Beruhigung aller Antisemiten und ihrer Führer dienen. Die Moral der Bibel und des Zehngebotes ist dieserseits für die Moral des Talmud völlig und ausreichend maßgebend. Die Animosität gegen den Talmud jedoch, die schon eine uralte ist und die wir nun einmal nicht wegleugnen dürfen, hat einen tieferen Grund. Das Christenthum hat mit vollem Rechte, zumal seine Schöpfer nicht ganz unkundig des Talmud waren, den Talmud als das größte Hinderniß seiner Anerkennung seitens der Juden erkannt. Talmud und Christenthum sind die zwei divergirenden ans dem gemeinschaftlichen Ausgangspunkte, welchen die Bibel vvrstellt. Der Talmud bedeutet die skrupulöseste, volle und allseitige Verwirklichung der Bibel — das Christenthum, deren Lockerung in dogmatischer, moralischer und ceremonieller Beziehung. In früheren Zeiten mag sich nun die Verlästerung des Talmud für das Christenthum mannigfach bewährt haben, in unserer Zeit scheint mir diese Methode im Interesse des Christenthumes nicht nur überflüssig, sondern auch nicht ganz unbedenklich. Das Christenthum bedarf ja heute nicht mehr des Judenthums als Folie, und wir leben auch in einem Zeitalter der wissenschaftlichen Kritik. Die Verlästerung des Talmud muß früher oder später die Aufmerksamkeit auf ihn lenken, und insofern ich den Talmud kenne, möchte ich dem Christenthume entschieden abrathen, denselben herauszufordern. Was würden selbst alle lügenhaften, aus dem Zusammenhänge heraus gerissenen Rohling'schen, Eisenmenger'schen, Wagenseil'schen Citate, was einzelne, vielleicht harte Urtheile über alte wilde Bölkerschaaren, welche, die Weltbühne durchschreitend, so viele Laster und Schandthaten ausübten, aus einem geistigen Riesenwerke zählen, in welchem mehr als ein -ahrtausend hindurch Weltanschauungen, Bibelauffassungen, Systeme, Methoden Hunderter Geistesheroen gegen einander ringen? Der eine oder andere Satz wird wohl hie und da dem Einen oder Anderen anstößig erscheinen, eine gute Absicht aber wenigstens wird kein Verständiger in keinem einzigen, selbst solcher Sätze verkennen und die Talmudredacteure hatten Furcht, diese Absicht zu schädigen, wenn diese Sätze weggelassen worden wären. Eine etwaige Schlauheit und Ueberlegenheit der Juden, wenn sie auch thatsächlich bestehen sollte, rührt keineswegs von dem durchaus idealen Talmud, sondern von dem den Juden stets aufgedrungen gewesenen Existenzkampf her. Im Gegcntheile haben ja die Talmudbeflissenen nie als geschäftliche Leuchten geglänzt und sind vielmehr als unbeholfene Idealisten die Zielscheibe so manchen Spottes stets gewesen. Bei irgend einer moralischen Ausschreitung eines Talmudkundigen, wo solche doch vorkam, schlug auch die ganze jüdische Welt verwunderungsvoll die Hände über dem Kopf zusammen ob solcher Unnatürlichkeit. Der Talmudkundige ist zumeist so vertrauenswürdig, daß Jedermann ganz sorglos sich mit ihm ins Bett legen kann. Was, rief einst ein Talmudkundiger ungläubig aus, Juden hätten am Sabbath das Geschäft offen? Wozu denn? Sie können ja nicht am heiligen Sabbath verkaufen und auf Gelderwerb ausgehen, da mögen sie ja lieber gesperrt halten. Die einzige Gefahr, die bei ernster Prüfung des Talmud diesem drohen könnte, wäre höchstens die, daß dessen ceremonielles System nicht allgemeine Anerkennung fände, das ist in unserer Zeit, wo sich bereits eine religiöse Gewissensemancipation herausgebildet hat. von geringer Bedeutung. Es setzt sich jetzt damit Jeder selbst zurecht und trifft seine Auswahl nach eigenem religiösen Bedürfniß. Dogmatisch und moralisch jedoch wird der Talmud unbedingt alles Gegnerische hell überstrahlen und nach mancher Richtung grell hinleuchten. Doch wie, sollte nicht schließlich jeder rechtschaffene Mensch, und wenn möglich auch der Bürgermeister von Wien, zur Ansicht gelangen, daß diese ganze Frage vor die gelehrten Fachmänner und Theologen, aber keineswegs in die Gemeindestube gehöre? Der Herr Bürgermeister und die Herren Stadtverordneten mögen sich doch mit dem Zehngebot begnügen und sich unentwegt den heiligen Eid vor Augen halten, der sie vor Gott, dem Kaiser und gegenüber allen Bürgern ohne Unterschied ihres Bekenntnisses verpflichtet! Vvm Jahrmarkt des Lebens. Der E»d des Inden. Angesichts der unqualificirbaren Verdächtigungen des jüdischen Eides von Seiten eines Wiener Vicebürgermeisters, der für sein Amt keine anderen Gaben und Fähigkeiten mitbrachte, als seine deutsche Abstammung, ist nachstehende Mittheilung des Prager Advocaten Herrn Dr. Theodor W e l t s ch (Prag, Karlsgasse 166-1.) umso bedeutungsvoller. Herr Dr. Theodor Weltsch schreibt uns: Sehr geehrter Herr Redacteur! Gelegentlich einer öffentlichen Gerichtsverhandlung, bei der ich als Vertreter intervenirte, handelte es sich um die Erweisung eines maßgebenden Momentes, die nur durch die eidliche Einvernahme des Klägers — eines jüdischen Kaufmannes in Wien — erfolgen konnte. Der Verhandlungsrichter — ein allgemein bekannter und geachteter Landesgerichtsrath — erkannte auch auf diesen Beweis, indem er vor den zahlreichen anwesenden jüdischen und christlichen Collegen hinzufügte: „Ein Israelit beschwört nichts Unwahres, das weiß ich schon, er nimmt es gewissenhaft" und als ich dem entgegnete: „Dieses Zeugniß ist für uns Juden sehr schmeichelhaft und werthvoller als das des Dr. Neumayer", wiederholte er, sich an die Anwesenden wendend: „Ja, ja, diese langjährige Erfahrung habe ich." Hiezu möge noch bemerkt werden, daß bereits vor mehreren Monaten in einem ähnlichen Falle und bei demselben Gerichte ein Gerichtssecretär, ebenfalls katholischer Confesfion, als ich ihn wegen der vorzugsweisen Würdigung einer Zeugenaussage befragte, öffentlich erklärt: „Auf diese Aussage lege ich Gewicht, weil sie von einem Israeliten herrührt und ich die Erfahrung habe, daß es diese mit ihren eidlichen Aussagen sehr ernst nehmen." Solche Aeußerungen gerade in jetziger Zeit und von so competenter Stelle gesprochen, verdienen meines Erachtens weitere Verbreitung. Genehmigen Sie, hochgeehrter Herr Redacteur, den Ausdruck vorzüglicher Hochachtung, mit der ich bin;^ergebenst Dr. Theodor Weltsch.

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