Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 44 (29.10.1897)
- Date
- 1897-10-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 880 Vr. VLord's Woltzenlchrtfl Nr. 44 (Band V, Seite 181) sagt, daß die Juden im vierten Jahrhundert bei den Streitigkeiten zwischen Westgothen und Römern in Spanien „besonders bäiebt waren als Richter", für derartige Stellen umso geeigneter schienen, als man ihnen „mehr Unparteilichkeit und Neutralität zuschrieb, als den feindlich gegenüberstehenden Romanen und Westgothen" und daß ich diese Constatiruug Dahn's auf den nationalen Zwist zwischen den arischen Czechen und Deutschen in Oesterreich exemplificirte. Es ist unwahr, daß ich, Rabbi Bloch, zugebe oder zugeben werde, daß alle Juden als „Talmudjuden" sich zu dem Grundsätze bekennen, als auserwähltes Volk seien sie besser als die anderen und zur Herrschaft über alle Völker bestimmt. Es ist unwahr, daß im Talmud Baba Kama 113 a. eine Stelle mit dem Inhalt vorkommt: „Es ist Lehre, wenn ein Israelit und ein Goj zu Gericht kommt und Du kannst chn (den Juden) lossprechen nach dem Gesetze Israels, so sprich ihn los; beklagt sich der Goj, so sprich, unser Gesetz will es so. Wenn aber (der Jude freigesprochen werden tat) nach den Gesetzen der Völker des Landes, sprich ihn frei und sage: so will es euer Gesetz. Wenn aber keines von beiden möglich ist, so gehe er gegen ihn (den Goj) schlau vor, wie R. Jschmael will. R. Akiba aber will, man solle nicht betrüglicherweise Vorgehen, damit nicht etwa der Name Gottes enthelliget werde" (das heißt, der Betrug zur Schmach Israels entdeckt werde). Es ist unwahr, daß es in einer Randglosse zu dieser Stelle heißt: „Es ist keine Entehrung des Namens Gottes, wemr (der Goj) nicht bemerkt, daß jener (Jude) lüge!" Wahr ist vielmehr, wie die vom k. k. Wiener Landesgerichte beeideten Sachverständigen Professor August Wünsche mrd Professor Theodor N ö l d e ck e im Processe Rohling-Bloch in ihrem beim k. k. Landesgerichte erliegenden Gutachten unter Nr. 139 deponirten: daß Baba Kama 113a eilte aus dem 2. Jahrhundert nach Christi Geburt herrührende Controverse enthält darüber, ob in Rechtsstreitigkeiteu zwischen einem heidnischen Römer und einem Juden das römische oder jüdische Gesetz zur Anwendung gebracht werden soll, ähtllich wie das österreichische bürgerliche Gesetzbuch in § '35 verfügt, daß ein von einem Ausländer in Oesterreich unternommenes Rechtsgeschäft, wodurch der Ausländer Anderen Rechte gewährt, ohne dieselben gegenseitig zu verpflichten, entweder nach österreichischem Gesetz oder nach dem des Ausländers zu beurthellen sei, je nachdem das eine oder das andere Gesetz die Giltigkeit des Geschäftes am meisten begünstigt. Die weitläufigen Auseinandersetzungen des Talmuds gipfeln, wie die Sachverständigen wörtlich constatiren, in dem schließlichen Resultate der gesammten Controverse: „Also darf man auch dem Götzendiener keinen Vermögensschaden zufügen." Es ist u n w a h r, daß wir Juden der mosaischen Confession nicht mehr angehören, unwahr, daß die Juden von heute nur Einiges aus dem theokratischen Gesetze Mosis beibehalten! Wahr ist vielmehr, daß für uns Juden heute wie vor Jahrtausenden die hebräische Bibel das unverrückbare Grundgesetz für Religion und Moral bildet, und daß, wie der Erzbischof von Canterbury im englischen Oberhause wörtlich erklärte, „der Juden Sittengesetz aus der reinsten Quelle, aus dem Gesetze Mosis und der Propheten geschöpft, aus der Quelle der Heiligkeit selber! Ungeachtet menschlicher Einwirkungen hat es seinen ursprünglichen Glanz nicht eingebüßt und es ruht bis auf einen gewissen Grad auf derselben Grundlage mit den Vorschriften des Evangeliums." Dr. Josef S. Bloch Herausgeber und verantwortlicher Redacteur der „Oesterreichischen Wochenschrift" Centralorgan für die gesammten Interessen des Judenthums« Vas Zehngrbot und der Talmud. Von Dr. M. L. Stern. Es klingt überaus verheißungsvoll, daß sich der Herr Bürgermeister von Wien doch nun schon zu dem mosaischen Zehngebote gütigst bekennt. Vor Menschen, die sich zu diesem Zehngebote bekennen, es ernst und heilig damit nehmen, ist uns gar nicht bange. Dieses Zehngebot schützt jeden Menschen, so lange er nicht durch hochnotpeinliches Gericht der schwersten Verbrechen überwiesen ist, vor dem Geköpft- oder Gehenktwerden, vor Mißgunst und Neid, vor Güterberaubung. Plünderung und Beschimpfung. Nun meint aber der Herr Bürgermeister, die Juden hätten überdies noch einen Talmud, der jeden Christen dazu berechtigt, den Juden gegenüber das Zehngebot außer Acht zu lassen, da dieser die Juden bindende Talmud das Zehngebot negirt. Wir wollen jedoch dem Herrn Bürgermeister nicht iusinuireu, daß er bewußt und absichtlich in gröblichster Weise gegen das neunte dieser Zehngebote: „Du sollst gegen deine Nächsten kein falsches Zeugniß ablegen" verstößt, indem er fälschlich den Juden einen Talmud zur Last legt, der überhaupt gar nicht existirt. Wir nehmen an, daß er nur dem famosen, mehrfach bereits gerichteten Professor Rohling auf den Leim gegangen sei und daß es ihm eben für seine Zwecke vortheilhaft erschien auf diesen Leim zu gehen. Es sei uns aber gestattet, hier noch einmal zu wiederholen, was diesbezüglich schon im vorigen Jahre in der Wochenschrift zu lesen war und dem Herrn Bürgermeister zur Aufklärung hätte dienen können. Es ist absolut ausgeschlossen, daß derTalmud etwas ge st atten sollte, was biblisch verboten ist. Es ist demnach auch völlig ausgeschlossen, daß das moralische Niveau des Talmud auch nur um etwas niedriger sei als das der Bibel, geschweige des Zehngebotes. Die Juden könnten ganz ohne Gefahr Jedem Millionen schwerer Goldstücke zusagen, dem es gelingen sollte, auch nur einen Satz im Talmud nachzuweisen, welcher betreffs Moralität hinter der biblischen zurückstehen würde. Der Talmud bedeutet, um es in einfachster Weise klar zu machen, die Umwechslung großer Noten in kleine Münzen. Er betrachtet die biblischen Vorschriften als große und bedeutungsvolle Lebensprincipien, die er zur Anwendung und Verwertung in den tausendfältigen Lebensfällen zu Normen umsetzt. Darum hat eben der Talmud verschiedenartige Schulen, d. h. verschiedenartige Methoden aufzuweisen, die im Streite darüber sind, wie sich jene großen biblischen Lebensgrundsätze, ja die ganze biblische Weltauffassung lebensvoll und wirksam im menschlichen Leben zum Ausdrucke bringen lassen. Ja, darnm hat die jüdische Wissenschaft auch manche anti-talmudische Geistesrichtungen zu verzeichnen, welche dieselben biblischen Grundsätze in noch anderer Form zur Geltung gebracht wissen möchten. Das gilt von allen ceremoniellen wie auch von allen moralischen biblischen Vorschriften. Jeder biblische Satz entfaltet sich zu einer weithin ausgebreiteten Blätterkrone, die aus einem starken Stamme, der tief im Leben wurzelt, herausschlägt. Ja, jeder Satz entwickelt sich da zu einem Wissensgebiete. Darum ist der Talmud so ausgedehnt, so inhaltsreich, so belehrend, so aufklärend, so lebensweise, für jeden Kenner, so berauschend, so fesselnd, so ungemein interessant. Er zerfasert das ganze menschliche Leben nach den mannigfachsten Richtungen, um überall und Allen das Siegel biblischer Grundsätze einzuprägen. Darum erscheint er aber auch in einzelnen Partien, insofern vom Kritiker der Plan des Ganzen außer Acht gelassen wird, so kleinlich; denn er baut eben das große himmelragende Gebäude aus den kleinsten Elementen auf, welche er unverdrossen und mit nie ermüdendem Eifer aus dem psychischen, physischen und praktischen Leben sorgfältig absondert. Der Talmud ist die scrupulöse Verwirklichuug der Bibel, dem Worte uud dem Geiste derselben gemäß. Er ist demnach strenger als der einfache biblische Wortlaut es an sich zu erheischen scheint. Er vertieft die biblische Moral. Mord sei auch schon die öffentliche Beleidigung eines Nebenmenschen, die ihn erblassen macht, erachtet der Talmud, denn es bedeute eine Art Blutvergießen. Hauptsächlich hinsichtlich des Eides, der Gelöbnisse gemachter Zusagen, Versprechungen, da ergießt der Talmud alle Schleußen der Strenge und der Gewissensängsten. Ein blos halb bewußt hingeworfenes Wort sei ein Gelübde, das, nicht eingehalten, schon die ganze Menschheit schände; , ein Ja, ein Nein, ein zustimmendes Schweigen schon sei heiliger Eid und