Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 44 (29.10.1897)
- Date
- 1897-10-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 878 Vr. VLmtz's VochensttzrM. Nr. 44 Da man den Juden ebenso wie den christlichen Staatsbürgern die Pforten zur höheren Bildung geöffnet hat, hätte man auch alle Cousequenzeu hieraus ziehen müssen. Statt dessen schafft mau mrter den Juden ein geistiges Proletariat und wundert sich dann, wenn diese unzufriedene Intelligenz auch die Blinden sehend macht. Ja wohl, mit den Fortschritten des Airtisemitismus schreitet auch die Kampf-Organisation der Juden fort, mit der zunehmenden „wirthschastlichen Jsolirung" nimmt auch die politische Reife unserer Glaubensgenossen zu. Das haben sie bei den Wahlen in die Erwerbsteuer-Commissionen bewiesen, wo sie ihre Interessen trefflich zu wahren wußten, das werden sie auch künftighin bei anderen Arllässen in noch viel höherem^Maße beweisen. Die widerliche Heuchelei, die in dem Artikel der „Gazeta Narodowa“ zum Ausdruck kommt, wird die antisemitischen Fanatiker nicht klüger und vorsichtiger machen — denn der Antisemitismus lebt vom Fanatismus — aber er wird vielen bisher vertrauensseligen Juden die Augen öffnen. Der Kampf hat begonnen, mtb in Galizien liegen die Dinge doch etwas anders wie in Wien und Niederösterreich. Das Polenthum mag zusehen, wie es sich ohne die Bundesgenossenschaft der Juden im Laude behauptet! Ein Erfolg des Antisemitismus. Zwei Nachrichten aus der Geschäftswelt haben kurze Zeit nacheinander das Wiener Publicum in Aufregung, ja sogar in Bestürzung versetzt. Im Verlauf von wenigen Tagen erfuhr man zuerst, daß ein rühriger Gastwirth, ein Restaurateur, der sich vermessen hatte, Wien als Weltstadt aufzufassen und hier ein Restaurant nach dem Muster solcher von Paris oder London oder auch nur Berlin zu errichten, seinen Optimismus, was die Auffassung heimischer Verhältnisse betrifft, mit dem Zusammenbruch seines Geschäftes bezahlen mußte; und dann wiederum, daß eines der ältesten und angesehensten Häuser der Confeetions- und Modewaarenbranche in seiner Grundlage erschüttert sei und seine Gläubiger um ein Moratorium angehen müsse. Es ist lehrreich, die antisemitischen Blätter über diese beiden Ereignisse zu studiren. Es kann Niemanden wundern, daß diese sauberen Herrschaften die Situation des Herrn Brunarius, des Eigenthüwers des Restaurant „Moderne", ganz anders auffassen, als jene der Brüder Hirsch, der Eigenthümer des „Louvre". Brunarius und — Hirsch. Der Unterschied dieser beiden Namen bedeutet für die Verganis ein Progranun. So hat denn auch das „Deutsche Volksblatt" die Situation der Brüder Hirsch aus das Tendenziöseste besprochen und rohe Schadenfteude durchblickcn lassen, während es ihm keineswegs eingefallen ist, Herrn Brunarius dafür verantwortlich zu machen, daß in Wien bei den gegenwärtigen wirthschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen keinerlei Lust vorhanden ist, gut zu essen und gut sich zu kleiden. Brunarius und Hirsch sind zwei Bilder in demselben Kaleidoskop, ' in dem Kaleidoskop der inonotonen, grau düsteren, wirthschaftlichen Lage, der Verbitterung der Untenstehenden, der krampfhaften Angst und Sorge, ihren Wohlstand zu verbergen, welche die materiell besser Situirten beherrscht. Ohne dem zügellosen Luxus das Wort zu reden, ist es doch für jeden wirthschastliÄ denkenden und national-ökonomisch Gebildeten klar, daß ohne Luxus keine wirthschaftlich gesunden Verhältnisse gedacht werden können, ja daß er der Maßstab der civilisatorischen Entwicklung genannt werden kann. Ueberall, wo sich ein mißgünstiges, mit einer Niedrigkeit und unculturellen Bedürfnißlosigkeit selbstzufriedenes Kleinbürgerthum in den Vordergrund drängt, muß sich die Lage aller Classen verschlechtern. Es ist ein Kreislauf, der bei den Besitzenden, die sich die Bedürfnisse abgewöhnen, beginnt und bei den Producirenden, die ihre Maaren nicht absetzen können und dementsprechend ihre Consumption einschränken, sich abschließt. Ja wohl, daß die Juden Hirsch zu Grunde gehen, ist ein Erfolg des Antisemitismus, aber ebenso auch, daß Herrn Brunarius und Hunderte von Christen das gleiche Schicksal trifft. Unter der Menge zu Grunde gehender christlicher Existenzen verschwinden die vereinzelten Juden, deren Sturz das „Deutsche Volksblatt" mit mißtönenden Posaunenstößen begrüßt. Uebrigens ist noch zu bedenken, daß mit dem Zusammenbruch eines jüdischen Hauses so und so viele Familienväter mit ihren Angehörigen, die ihren Lebensunterhalt durch den Unternehmungsgeist und Jdeenreichthum des jüdischen Geschäftsmannes erhielten, selben verlieren und einbützen. Es bleibt den Verganis unbenommen, sich über derlei Erfolge zu fteuen. „Echt jüdisch." Verschiedenes ist bereits „echt jüdisch" genannt worden Die Arroganz und der Größenwahn. Zielbewußte Antisemiten nennen es auch so, wenn einer sich so arrogant und größenwahnsinnig benimmt, wie Doctor Lueger m den Wählerversammlungen. Auch der ungezügelte Erwerbstrieb, die Habgier, die vor keiner Moral zurückscheut, die Vergani-Mittermayer'sche Scrupellosigkeit heißt im antisemitischen Jargon echt jüdisch. Die Feinde des Judenthum haben auch der Charakterlosigkeit, die in dem Ehrenbruch etwas Zufälliges sieht, den ironischen Beinamen echt jüdisch gegeben, ebenso wie die Lüsternheit, die sich in Chambre separees mit Syphonflaschen breit macht, echt jüdisch heißt. Dem Dr. Pattai, dem Salon-Antisemiten, ist es Vorbehalten geblieben, etwas Neues mit Echt jüdisch zu bezeichnen, ein Ding, von dem bisher noch kein Antisemit behauptete, daß es jüdisch sei. H um a n i t ä t, sagt Dr. Pattai, Humanität das klingt jüdisch. Und da hat Herr Pattai Recht, das ist einmal ein Antisemit, der auf die Gefahr hin, von seiner Partei ausgeschlossen zu werden, die Wahrheit sagt. Daß die Humanität etwas Jüdisches sei, bezeigen die Stiftungen, die von Juden gemacht sind, die Wohlthätigkeitsanstalten, die von Juden erhalten werden, die philantropischen und Humanitären Ideen, deren Verwirklichung dem jüdischen Herzen und den jüdischen Brieftaschen zu danken ist. Freilich hat es der Herr Pattei verabsäumt, aus seiner richtigen Erkenntuiß die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Er hat sehr unklar seinen Zuhörerinnen, den Amazonen des Dr. Lueger, verkündet, daß an Stelle dieser jüdischen Humanität die Charitas treten müsse, ohne sich darüber deutlich auszusprechen, wie er diese Humanität und Charitas mtterscheidet. Es sei denn, daß Dr. Pattai jene christliche Opferwilligkeit, die das glänzende Resultat der Luegerischen Sammlung für die Ueberschwemmten zeitigte, als Charitas im Gegensatz zur Humanität als echt christlich im Gegensatz zu echt jüdisch anerkennt. Deckert & Comp. Der Pfarrer Deckert in Weinhaus rührt sich wieder. Dieser große Schacherchrist, dem der Judenhaß ebenso ein geschäftliches Speculationsobject ist, wie Waggonkuppelungen, Luftvillen, Keuschheitsgürtel, Erbschaften, Devotionalien, fromme Tractätlein und Hetzschriften, hat sich natürlich die durch den Antrag Neumayer gegebene Gelegenheit nicht entgehen lassen, um wieder einmal für zwei seiner buchhändlerischen Unternehmungen auf Kosten der Juden Reclame zu machen. Er veröffentlicht im „Vaterland" vom 20. d. M. einen Artikel „Jüdische Richter", der alle in den Talmud hineingefälschten Lügen über die Heiligkeit des Eides bei den Juden und den Gegensatz zwischen christlicher und jüdischer Rechtsanschaunng wiederholt. Im letzten Grunde hat der Artikel keinen anderen Zweck, als dem antisemitischen Publicum die von Deckert besorgte Uebersetzung des Buches: „Das Christenthum im Talmud der Juden" und die gleichfalls von Deckert besorgte Neuausgabe des von Heinrich G. F. Löwe übersetzten Schulchan-Aruch anzupreisen. Der Geschäftsgeist des Pfarrers Deckert verleugnet sich doch keinen Augenblick. Aber wie der Unternehmer, so seine Geschäftsfreunde! Die sittlichen Qualitäten des Pfarrers Deckert kennt man aus mannigfachen Vorfällen, welche die Oeffentlichkeit beschäftigten, von denen wir hier nur seine falsche Angabe vor Gericht, daß er unbescholten sei, und den Versuch, einem armen Mädchen das