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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-10-29 · 44 (29.10.1897) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
44 (29.10.1897)
Date
1897-10-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 44. Dr■ Bloch’s Jahrgang XIV. Centralorgsn für die gefammtrn Interesten des Iudenthums. -- ' - - — Wien, 29. Ortober 1897. -—>.« «■<■- Erscheint jeden Freitag. ->— -» <■ —- Brief-Adresie: Wien. I., Hauptpostamt — Fach. Teleyramm-Adresie: Dloch'S Wockenslbrist Wien. - Veprg»vrri» für Srstrmkch: j] Halbjährig 4 fl. » Jfc. |i Einzelexemplare 2& kr. || Für'» »ualanb: i halbjährig » st. — l» Kr. ganzjährig »0 „ 30 „ j Anzeigen: Die 4mal gespaltene i Pelitzeile IS kr. j X ... — -U K. ft. Postsparkaffen-Aml Clrartngvrrkrtzr Nr. 810.976. Drd actio n und Administration: Vien ll.» Untere Augartenfir. ta. Totophon - Nr. 6535. C —* Inhalt. Leitartikel: Unsere guten Freunde — die Polen. — Ein Erfolg des Antisemitismus. — „Echt jüdisch." — Teckert & Comp. — Das Zehngebot und der Talmud. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Der Eid des Juden. „Kauft nicht bei Juden." Wegen „Beleidigung der jüdischen Religionsgemeinschaft." „Reichthnm der Juden." Badeni — Taaffe — Plener. Eingesendet. Ministerial-Entscheidung bezüglich der religiösen Trauung ungarischer Staatsbürger und die Jmmatrikulirnng derselben in Oesterreich. Ein jüdisches Sprichwort im Reichsrath. Die Sammelbüchsen des „Ferienheim". — Plenarversammlang des Politischen Volksvereines vom 23. Oktober 1897. — Dr. Benjamin Rippner. — Ein Work über den jüdischen Religionsunterricht an Mittelschulen. — Die konfessionelle Schule. — Ich suchte Dich! — Der „Liberalismus" in England. — Correspondenzen: Wien, Lemberg, Krakau, Budapest, Karlsbad, Kolin, Kremster, Prag-Smichow, Prag, Mähr. - Weißkirchen, Pohrlitz, Karlsburg, Esseg, Uj-Fehärtü, Berlin, Frankreich, Algier. — Vermischtes: Wien, Brünn, Olmütz, Peterswald bei Orlan, Aden, Holland, Odessa, London, Rom, Philadelphia, Teheran, Chicago. — Feuilleton: Tie Aushebung. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Unsere guten Freunde — die Polen. Lemberg, 34. Oktober. (Original-Correspondenz.) Vor wenigen Tagen brachte die hiesige ,, Gazeta Narodowa“ einen Aufsehen erregenden Artikel. Das genannte Blatt rühmte sich in demselben, die älteste Vorkämpferin des Antisemitismus in Galizien zu sein, beklagte aber, daß die Bewegung in jüngster Zeit Formen angenommen habe, welche die Juden zur Gegenwehr reizen und dadurch die nationalen Interessen der Polen gefährden. Die Ausführungen der „Gazeta Narodowa“ gipfelten in dem Satze, daß man die Juden wohl in der Stille wirthschaftlich isoliren, sich jedoch davor hüten solle, sie zu werkthätiger Abwehr und zu geschlossenem Vorgehen bei den Wahlen in die öffentlichen Vertretungskörper zu reizen, wie dies bei den jüngsten Wahlen in die Erwerbsteuercommiffionen schon der Fall gewesen sei. Man muß der „Gazeta Narodowa" für dieses offene Geständniß jesuitischer Niedertracht sehr dankbar sein. Was sie propagirt, ist der gesellschaftliche und wirthschaftliche Meuchelmord an den Juden. Das Opfer soll hinterrücks gefaßt und erdrosselt werden, ehe es sich noch zur Wehre setzen kann. Man verlangt von den galizischen Juden, daß sie die nationalen und politischen Ambitionen der herrschenden Partei unterstützen, und zum Danke dafür sollen sie „wirthschaftlich isolirt", das heißt aus allen Erwerbszweigen hinausgedrängt werden. Bei der Ausübung ihrer politischen Rechte sollen sich die Juden als Bundesgenossen des Polenthums fühlen, in allen Belangen des wirthschaftlich en und socialen Lebens aber will dieses Polenthum die Juden als Parias betrachtet und behandelt wissen. Fürwahr, ein sublimer Plan, würdig der ritterlichen Vergangenheit und der traditionellen Toleranz der polnischen Nation! Nur schade, daß unsere Glaubensgenossen diesen Plan zu durchschauen und sich darnach einzurichten beginnen. Die Hintermänner der „Gazeta Narodowa“ kennen eben die Natur des Antisemitismus nicht, wenn sie von demselben erwarten, daß er sich nach Belieben eindämmen, lenken und auf Schleichwege führen lasse. Der Racenhaß. ist eine geistige Epidemie, die mit stillen Wahnvorstellungen einsetzt und mit Tobsuchtserscheinungen endigt. Das hat ja der Verlauf der Wiener antisemitischen Bewegung, auf welche sich die „Gazeta Narodowa“ beruft, zur Genüge erwiesen. Die Juden in Galizien sind durch eine systematisch betriebene politische Corruption noch vielfach in ihrem selbstständigen Urtheile beschränkt, aber in den Eentren der Intelligenz gehen ihnen doch schon langsam die Augen auf und sie erinnern sich des Wortes, das Seneca den römischen Sclaven zurief. Und es geschieht just das, was die „Gazeta Narodowa“ so sehr fürchtet: sie beginnen sich zu organisiren, chre Feinde zu erkennen und sich für chr gutes Recht zur Wehre zn setzen. In den Augen der Hintermänner und Gesinnungsgenossen der „Gazeta Narodowa“ sind die Juden ein schädliches Ungeziefer, das man langsam ausräuchern wollte. Jetzt, da das ganze Haus brennt, rufen die edlen Polen nach der Feuerspritze. In den letzten Monaten hat die antisemitische Hetze in Galizien rapide Fortschritte gemacht und naturgemäß eine Gegenbewegung hervorgerufen, die den polnischen Machthabern sehr unbequem wird. Es geht ihnen, wie dem braven Schönerer. Die Juden wollte er schlagen und Freiheit und Deutschthum hat er getroffen; die angestrebte wirthschaftliche Jsolirung der galizischen Juden führt mit Sicherheit zur politischen und nationalen Jsolirung des Polenthums. Darob das Zetergeschrei der „Gazeta Narodowa“. Hat man denn im Ernste geglaubt, daß sich unsere Glaubensgenossen geduldig wie die Lämmer abschlachten lassen werden? Lange genug haben sie das schreiendste Unrecht ertragen. Vor wenigen Tagen wurde eine Eingabe an den Justizminister Grafen G l e i s p a ch gerichtet, welche darüber Klage führt, daß in den Sprengeln der beiden galizischen Oberlandesgerichte die jüdischen Rechtspraktikanten systematisch übergangen werden und daß bie Verdrängung der jüdischen Candidaten aus dem Justizdienste, zumal das Erwerbsgebiet der jüdischen Bevölkerung von Tag zu Tag immer mehr eingeengt wird, auch auf die ökonomischen Verhältnisse schädigend zurückwirke. Hier gilt mit entsprechender Variation das Wort Goethes: „Ihr laßt den Menschen schuldig werden, dann überlaßt Ihr ihn der Pein!"

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