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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-10-22 · 43 (22.10.1897) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
43 (22.10.1897)
Date
1897-10-22
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 43 Vr Vloch's WochrnfchrM Seite 875 Leben in sie zu kommen. Sie raffte sich ans itnb_ lief, als ob sie mit eins junge Beine bekommen hätte, spornstreichs in ihre Wohnung. Dort angekommen, stürmte sie in die Kammer ihrer Ziehtochter und dnrchstöberte alle Winkel, umsonst, Gitele war nirgends zu finden. Aber auf dem Tische ihrer Kammer lag ein Brief, geschrieben mit jüdischen Schriftzeichen, im besten Deutsch, und dieser lautete: ..... „Liebe Ziehmutter! Es ist mir sehr peinlich, Dir mancherlei Kränkung verursachen zu müssen. Aber es ist wahrlich nicht meine Schuld. Ich habe genug lange und schwer mit mir gekämpft, aber endlich konnte ich nicht anders, als die unerträglich schwer drückenden Feffel geistiger und körperlicher Knechtung gewaltsam abschütteln. Daß es so kam, so kommen mußte, ist — ich wiederhole es — nicht meine Schuld, sondern die uothweudige Folge einer ganz verkehrten, das Herz vertrocknenden und jede jugendliche Regung erstickenden Erziehung, gegen welche sich mein ganzes Wesen unzähligemale aufbäumte, und welche geeignet war, die heiligsten religiösen Gefühle, die Liebe zum Nebenmenscheu, worauf ja die ganze Religion abzielt, abzutödten. Liebe Ziehmutter! Ich kam als junges, lebensfrohes Mädchen in Dein Hans und Du solltest mir die Mutter ersetzen. Aber meine selige gute Mutter hat niemals mein Denken und Fühlen in Fessel geschlagen. Sie ließ mich die größtmögliche Freiheit genießen, aber schönes Beispiel wirkte so mächtig auf mich, daß ich die Freiheit nie mißbrauchte, nie zügellos wurde. Ich kannte, so lange ich unter ihrer fürsorglichen Obhut stand, keinerlei religiösen Zwang, keinerlei inquisitorische Ueberwachung, wurde nicht auf Schritt und Tritt zu Ausübungen von äußerlichen, geist- und gemüthlosen Ceremonien und lästigem Formdienst gezwungen, und doch war ich damals — und vielleicht gerade deshalb — wahrhaft religiös, wahrhaft fromm. Daß ich es fürder so geblieben wäre! . . . . Was aber mußte ich erfahren, kaum daß ich die Schwelle Deiner düstern, mittelalterlichen Behausung übertrat! Was litt ich nicht Alles in den vielen Jahren, die ich unter Deiner „frommen" Zucht vergeudete! Das war kein Leben, das war ein ewiger Tod. Was waren das für qualvolle Tage, grauenvolle Nächte, bis ich mich endlich entschließen konnte, die mir gewaltsam aufgezwnngene Maske der Heuchelei auzulegen! Nun, nach langem und schweren Ringen, unter welchem ich mein Bestes einbüßte, ging es endlich, und ich brachte es allmälig zu solcher Fertigkeit, daß ich meine Nolle bis zu dem heutigen, verhängnißvollen Tage mit Vollendung spielte. Ich kam in den Ruf großer Frömmigkeit, war tadellos „fromm" nach den Begriffen meiner Ziehmutter! Welche Ironie! . . . . In meinen Augen war ich schlecht und verderbt, und ich litt Höllenqualen. Diese steigerten sich bis zur Unerträglichkeit, so oft ich mit nleinen Jugeudgespielinnen ans Jaremcza zusammenkam und sah, wie ungebunden frei sie sich bewegen durften, wie lvenig sie die mich unausgesetzt folternden sogenannten religiösen Ceremonien kannten! Die Glücklichen! Sie brauchen nicht zu heucheln, nicht zu lügen, mtb waren in Wirklichkeit weit, weit frommer und besser als ich, die ich von Religionswegen zur Heuchelei, zu Lug und Trug gedrängt wurde .... Und als ob der Qualen nicht genug wären, sollte ich nun gar noch an einen alten Mann verkauft werden, und wurde mir dabei vorgelogen, daß Gott mich wegen meiner großen „Frömmigkeit" fiir würdig eines so seltenen Glückes befunden habe! Lange, lange sann ich auf Rettung aus diesen! endlosen Wirrsal. Sie wollte mir nicht erscheinen. Endlich nach langem Hangen und Bangen winkte mir die erlösende Hand. Sie kam von meinem Jugendgespielen, dem jetzigen Stadt-' schreiber Christian in Jaremcza. Er hatte sich meines Jammers erbarmt und war mir mit großer Liebe entgegengekommen. In wiederholten Zusammenkünften, die theils in Jaremcza, theils auch nächtlicherweile im Garten hinter Deiner Wohnung stattfanden, wurde meine Befreiung berathen und beschlossen. Wir verlobten uns, und es ward mir nicht schwer, eine Religion abzuschütteln, die mir nichts als Marter bereitet hatte .... Wenn Du, liebe Ziehmutter, diesen Brief liest, bin ich bereits zum katholischen Glauben übergetreten und die Gattin Christians geworden. Lebe wohl, ich verzeihe Dir in dieser feierlichen Stunde. Gitele." Die kleine Jitele las diesen Brief von Anfang bis zu Ende. Sie verstand zwar den Inhalt nicht, aber sie ahnte das Furchtbare. Tief ergriffen stützre sie sich krampfhaft auf den Tisch, um nicht niederznsinken. Eine nie gefiihlte Weichmüthigkeit chebmächtigte sich ihrer und schwere Thränen rollten über ihre fahlen Wangen. Es war das erstemal seit Menschengedenken, daß die kleine Jitele weinte. Sollte ihr etlva in diesem Augenblicke die Ueberzeugung aufgedammert haben, daß ein leiser Windhauch die Arbeit ihres ganzen Lebens weggefegt habe? . . . Die kleine Jitele war aber trotz ihre, körperlichen Gebrechlichkeit ein starkes Weib. Sie erholte sich bald wieder bestellte — zum erstenmal in ihrem Leben — einen Wagen und fuh nach Jaremcza. Sie kam jedoch zu spät daselbst an. Gitele hatte bereits die Taufe empfangen, und eben wurde unter ganz außerordentlicher Betheiligung der Bevölkerung das Bermählungsfest gefeiert. Ohne ihre Ziehtochter auch nur sehen zu wollen, fuhr die kleine Jitele wieder heim, schloß ihre Kammer hinter sich zu, legte die Schuhe ab und setzte sich in den bloßen Strümpfen auf die Erde, um nach hergebrachter Sitte Schiwoh zu sitzen, will sagen, die Tranerwvche zu begehen, wie nach einem verstorbenen Kinde. Von nun ab war Jitele ein stilles Weib. Man sah sie niemals wieder in der Gasse, obgleich sie noch manches Jahr unter den Lebenden weilte. Die Aushebung. Erzählung von Jda Oppenheim. Motto: Seid Eins und laßt Euch nicht zerspalten Durch Priesterzorn und Leugnerspott. Mag Jeder seiner Kirche walten, Wir glauben Alle an einen Gott. Es wird ausgehoben! Ausheben nennt man den U k a s ) in Rußland. Ein Entsetzen geht bei dieser Nachricht durch die ganze Stadt, durch das ganze Land. Eltern und Söhne, Alle kennen diesen Orakelspruch, der sich mit blutiger Schrift in ihre Herzen und in ihr Gedächtnis eingezeichnet hat, oft für Jahre, oft für's ganze Leben. Sie sollen Soldaten werden, sollen einberufen werden, treu ihrem Kaiser zu dienen und ihr Vaterland zu vertheidigen. Sie werden oft überfallen von den Dienern des Gesetzes auf offener Straße, in ihren Häusern, ja des Nachts ans den» Schlafe gerüttelt. Wehe! wehe! wenn sie sich der Pflicht entziehen wollten. Schande und martervoller Tod wartete ihrer. Die Juden thaten stets ihre Pflicht, trotzdem sie kein Plätzchen auf diesem Boden als ihre Heimat, für die sie ihr Blut opferten, eigen nennen durften. Sie liebten und verehrten stets ihren Herrscher und beteten nach ihrer Satzung für ihn zum König aller Könige, zu dem einzigen Gott. Ihre Feinde wollen behaupten, der Jude sei feige — aber die Bauern weigern sich oft hartnäckig, und suchen Mittel und Wege, diese Pflicht zu umgehen. -) Inden können kein Blut sehen und haben einen angeborenen Abscheu vor Gewaltthätigkeiten und Blutvergießen. Die russischen Behörden, die das wobl wissen, suchen ihnen in der ruchlosesten Weise Gewalt anzuthnn und stecken die Armen unter Verhältnissen, die jeden Christen oder Mohammedaner, ja jeden Menschen vom Militärdienst befreien würpen. Wenn sie 7 bis 9 Jahre, je nach Willkür, dienen, selten eine Anerkennung finden, meist mit Schmähungen und Verachtung überhäuft werden, wenn dann die Zeit vorüber ist und sie nicht gleichgestellt den Anderen, mit denen sie gekämpft und ebenso treu und aufrichtig gedient, wenn sie trotz alledem kein Plätzchen, keine Heimat finden, ja noch weiter verfolgt werden — wer kann es ihnen verdenken, wenn sie sich dieser Pflicht entziehen wollen? Ein Baum wird oft ansgehoben und auf eine andere Stelle versetzt. Wie schwer wird es, selbst wenn sich seine Wurzeln in anderer Erde verzweigt haben, an fremder Stelle zur Blüthe zu gelangen, vielleicht durch ganz besondere Pflege des Gärtners. Der Mensch, jählings fortgerissen von thenren Eltern, von Geschwistern, von der Heimat, von Allem, was ihm lieb und werth! ') Kaiserlicher Befehl. -) B a n g h i, italienischer Minister.

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