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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-10-22 · 43 (22.10.1897) · page 20

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
43 (22.10.1897)
Date
1897-10-22
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Seite 876 Vr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 43 Ist er auch draußen auf fremdem Boden, wie selten findet sich Jemand, der sich liebevoll seiner annimmt. Er steht als aufge- ' drungen überflüssig da, man möchte sich nun seiner entledigen. Er muß zu Grunde gehen. Wie viele gehen auch unter. Der allgütige Gärtner umfaßt und pflegt sie in seinem Garten, diese verlassenen Menschenbäume, die dastehen zur Freude Aller, zum Zeichen, daß in allen der göttliche Keim wohnt- Ein eisig kalter Wind weht durch die Straßen der Stadt R ... z, nicht weit von der Hauptstadt Petersburg. Im Anfang des Monates März 1836, Schnee und Regentropfen fallen auf den Boden nieder, der Kampf des Winters mit dem Frühling beginnt. Einzelne Ziegel, alte Schindeln fallen von den Dächern. Vermummte Gestalten laufen ängstlich hin und her, Schutz suchend In ein Häuschen am Ende des Ghettos huschen auffallend Viele hinein. Es dringen manche Lichlstrahlen durch die verhangenen Fenster spärlich .hindurch. Innen ist's recht hell, traut und feierlich. In diesen kleinen Räumen wird eine Hochzeit gefeiert. Juda Kornblum, der schönste, reichste und gelehrteste Jüngling des Ghetto, mit Ruth Gottlober, dem armen, aber schönsten und geistreichsten Mädchen des ganzen Kreises. Als Kinder nannten sie die Leute schon das Ehepaar und sie selbst, die Beiden, konnten sich gar nicht denken, daß Eines ohne das Andere sein könnte. Beide Eltern waren zufrieden, ihre Kinder glücklich zu sehen. So standen sie unter dem Trauhimmel. Der Jüngling in ein weißes Sterbegewand gehüllt, ein weißes Käppchen mit Goldborte auf dem Haupte umrahmte die schönen schwarzen Locken. Das Sterbegcwand ist bei uns ein Symbol, das anzeigen soll, daß man bei dem größten Glücke stets des Wechsels eingedenk sein soll. Um die schöne jugendlich schlanke Gestalt der Braut schmiegte sich ein weißes Kleid. Ihren Kopf bedeckte ein seidenes Tuch mit langen Goldfpitzen, das das ganze holde Gesicht bedeckte, bei den Juden „Decktuch" genannt. Hinter dem Brautpaar standen die Eltern und dann all die lieben Freunde und Bekannte, die überhaupt noch ein Plätzchen finden konnten, denn Alles nahm au diesem Freudenfeste den innigsten Antheil. Sie hielten fest zusammen in Freud und Leid die Juden in ihrer Sonderstellung — die Oellampen und Lichter brannten und athemlos lauschten Alle dem Lobgesang des Vorbeters und den Segensprüchen des Rabbi. Als dann der Bräutigam den Ring seiner Braut an den Finger steckte und laut die Worte nachsagte Lare at mekudesclies ii.als sie dann gemeinsam den ersten Trunk Wein aus dem heiligen Becher nahmen, legte der Rabbi segnend seine Hände auf das Allen so theure Paar und das Amen klang vielfach wieder von allen Lippen. Da, plötzlich ging ein Windstoß durchs Zimmer, verlöschten die Lampen, die Thüre wurde aufgerisien und herein stürzte gerade auf den Bräutigam zu eine große starke Männergestalt, warf einen langen Mantel und Kapuze über ihn und trug ihn förmlich fort.- Gelähmt, sprachlos vor Entsetzen stand die ganze Gesellschaft. Es gibt Qualen, die noch viel ärger sind als der Tod. Der Mond beleuchtete dieses unnennbare Leid. Die Gäste zerstreuten sich einzeln, gramgebeugt, jeder Trost war hier vergebens. Die beiden Eltern blieben nun bei ihrem Kinde und endlich machten Judas Eltern auch den Versuchen gehen, da warf sich die liebliche Ruth ihnen in die Arme. Ich gehe mit Euch, nehmt mich mit, bei Euch werde ich ausharren, bis Inda wiederkehrt — gewährt mir meinen Wunsch, auch Ihr, meine theuren Eltern, wir sehen uns ja täglich, wir sind doch so nahe. Gott allein wird Dir die kindliche Liebe lohnen, sagten die Eltern. So zog Ruth allein ein in das neue Heim, das die liebenden Eltern für ihre Kinder so schön ausgestattet hatten — sie sollten sich einige Zeit ganz und voll ihres Glückes freuen und dann sollte Juda das Geschäft übernehmen. David Kornblum war ein wohlhabender Mann. Tr kaufte Getreide und Salz, war Lieferant in kaiserlichen Diensten. Er genoß das Vertrauen seiner Auftraggeber, seine Frömmigkeit, Rechtschaffenheit und Klugheit waren so anerkannt, daß, trotzdenl viele auch Andersgläubige sich um die Lieferungen bewarben, diese ihm stets zugetheilt wurden, wie viele auch aus Neid so Manches gegen ihn vorbrachten, er blieb immer in Ehren in seiner Stellung. Er war Vorsteher-in der Gemeinde, Freund, Berather und Wohlthäter wo er nur helfen konnte, nur eines fehlte ihm, ein Wissen auf talmudischem Gebiete. Er war früh verwaist, kannte weder Vater noch Mutter, noch Heimat. Sie wurden vertrieben — er wußte sich nur zu erinnern daß ihm, wenn es ihn fror, Menschen irgend ein abgelegenes Kleidungsstück gaben, wenn es ihn hungerte, ein Stück Brvd --in den Scheuern fand er da und dort ein Nachtlager, und wenn der Morgen kam wanderte und bettelte er weiter. Endlich nach langem Herumirren kam er in das Haus eines „Randaren", Brantweinschenkers, der hatte selbst eine zahlreiche Familie und nahm den Kleinen auf. Anfangs hütete er die kleinen Kinder, die Frau benützte ihn zu manchen Gängen, dann beaufsichtigte er die Hühner und später wurde er zum Ausschank verwendet und als ein Lehrer ins Haus kam, durfte er den Unterricht mitnehmen, das war freilich sehr kärglich, doch er fühlte sich glücklich und wuchs und gedieh zur Freude Aller kräftig und stark und wurde geliebt wie ein Kind von den Pflegeeltern. Da kam die Ausweisung — alle mußten fort — wohin? Niemand wußte es. Er selbst wurde auf einem Wagen fortgeschafft und dann abgesetzt, wo, wußte er selbst nicht. Er hat die Theuren alle nicht wieder gesehen. So kam er müde und elend nach R . . z . . . Er ging zum Vorsteher der Gemeinde. Dieser nahm sich des Verlassenen an und fand bald, daß der Knabe gute Anlagen habe; so behielt er ihn bei sich und verwendete ihn in seinem Geschäfte. Mit unendlicher Dankbarkeit hat David an seinen Herrn und dessen Haus gehangen und vertrat überall im Geschäft — und dies Haus, es wurde sein Elternhaus — die einzige Tochter wurde sein Weib und die Eltern freuten sich ihres Glückes, sahen noch den einzigen Enkel Juda erblühen, und als Beide kurz nach einander starben, war David Besitzer des Hauses und leitete nun allein im Sinne seines Vaters das Geschäft weiter. Juda, sein Juda sollte nun lernen, viel lernen; was ihm nicht gegönnt war, sollte seinem Kinde in vollem Maße gewährt werden. Juda war auch ein glückliches Kind, angebetet von seinen Eltern, geliebt von allen Leuten, ausgestattet mit hervorragenden Geistesgaben, mit einer für einen Knaben fast zu großen Schönheit, einem liebevollen Gemüth und frommen Herzen. Zn welch schönen Hoffnungen waren die Eltern berechtigt! Dicht neben Kornblum als nächst gute Nachbarn wohnten mit ihrem lieblichen einz'gen Töchterchen Familie Gottlober. Vater Gottlober war schon wie sein Großvater Rabbiner in der Gemeinde, er lehrte und unterrichtete und waltete seines Amtes unentgeltlich mit besonderer Liebe, seine Frau betrieb einen Handel mit fertigen Kleidern, auch Büchern, und so wurden die bescheidenen Bedürfnisse gedeckt, es war ihr Stolz, wenn ihr Mann nur dem Studium obliegen konnte, ihm die sonstigen Sorgen fernzuhalten, und da Ruth viel um den Vater war, nahm sie theil am Unterricht und wurde so eine kleine Gelehrte. So lebten die Nachbarn und ihre Kinder Jahre hindurch trotz aller Bedrängniß von Außen in Glück und Frieden in ihrem bescheidenen Heim. Juda war 18 Jahre und bekam den Rabbinatstitel zu seiner Verlobung mit der 16jährigen Ruth. Er sollte sich nach der Hochzeit langsam in das Geschäft einleben, Reisen machen mit dem Vater, der ihn überall vorstellen wollte, damit er dann weiter die Lieferungen fortsetzen könnte. Der Vater fühlte sich nicht mehr so kräftig und die gute Frau litt an einem Augenübel. Sie wollte die Kinder vereint sehen und den Abend ihres Lebens mit ihnen in Ruhe genießen. (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. Prof. E. T., Auspitz. Wir haben Ihre Anregung der zuständigen Stelle übermittelt. G. H., Wien. Herr Lueger vergleicht sich mit einem Wanderer, dem sich auf seinem Wege da und dort ein Weggenosse angeschlossen hat, der dann rechts oder links abbog. So erklärt Herr Lueger seinen vielfachen Gesinnungswechsel. In Wahrheit hat aber Lueger jedem seiner Weggenossen, den Liberalen, den Demokraten re., gesagt, daß er das gleiche Ziel verfolge, wie sie. Das ist das wesentliche Moment, an das Herr Lueger vergessen hat. Berthold F., Wien. Wir haben ein Regiment dieses „Amazonen-Heeres" im vorigen Jahre gesehen, als es aus dem Prater heraufmarschirte. Wenn solcke Märsche sich in Wien wiederholen, dann kann es ja in Wien recht nett werden. T. K., Wien. Der Bürgermeister Wiens wird bald eine - D a m p f r e i n i g u n g s a n st a l t für seine befleckten Parteigenossen errichten müssen. A. M., Franz Josefs-Quai. Jom Kipur 1846 war am 30. September. Herr Cantor I. Schiller, Wien. Wir nehmen gerne zur Kenntniß, daß das zweite der von Herrn Dr. Heinrich Bloch gespendeten Gebetbücher bei dem Sofer Herrn Mayer Brunner am 9. Jänner 1897 bestellt wurde und erst seiner Vollendung harrt, während das erste schon im Jahre 1891 gespendet wurde. Herr Emanuel P«, Zabreck. Maurus Jokai ist christlicher Confession.____ Heiraten in reichen nnd feinsten Kreisen vermittelt höchst discret eine gebildete vertrauenswürdige Persönlichkeit. Israelit. Man - wende sich vertrauensvoll unter P. 0. 775 hanptpostlagernd Wien gegen Schein. fiertmigebn u. ertmto. Redakteur: Josef G. Bloch. — Druck v. L. Beck sc Sohu, Wie», VIEL, Lercherffüderstr 46.

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