Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 43 (22.10.1897)
- Date
- 1897-10-22
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 874 Vr. Vlortz's VochrnptzrM Nr. 43 auf diese Bermmhung brachte, war eine ganz unbedeutende Kleinigkeit. Die fromme Jitele pflegte immer wieder die Mädchen scharf zu tadeln, so oft sie bemerkte, daß dieselben sich am Sabbath das Haar mit dem Kamm richteten, und wies bei solchen Gelegenheiten darauf hin, daß ihre Gitele noch niemals am Sabbath einen Kamm auch nur in die Hand genommen habe, daß sie sich vielmehr jeden Freitag Nachmittag gründlich das Haar richte und es den ganzen andern Tag in tadelloser Ordnung behalte. Darüber aber wußten die Mädchen besser Bescheid. Sie hatten in diesen Dingen schärfere Augen als die kleine Jitele und wußten ganz genau, welche Frisur von heute, und welche von gestern war. Sie waren also überzeugt, daß die fromme Gitele sich am Sabbath hinter dem Rücken ihrer Ziehmutler kämme. Log sie aber in diesem einen Falle — so folgerten die Mädchen — dann log sie vermuthlich auch in allen ähnlichen Glaubensdingen. Und die Mädchen begannen die schöne Gitele scharf aus der Ferne zu beobachten, und fanden denn auch gar bald, daß ihre Frömmigkeit sehr fadenscheinig, daß sie aber vorzüglich zu heucheln verstehe. Aber beweisen konnten sie -es nicht und darum mußten sie, ob sie wollten oder nicht, es sich gefallen lassen, daß schön Gitele ihnen als Musterkind hingestellt wurde. War aber die Frömmigkeit Gitele's in Wirklichkeit nichts als eitle Heuchelei, dann heuchelte sie mit bewunderungswürdiger Nirtuosität. Galt doch ihre Frömmigkeit durch neun Jahre für unverfälscht! Gitele war jetzt dreiundzwanzig Jahre alt geworden, und noch hatte kein junger Manu um sie gefreit, obgleich sie so schön und fromm war. Noch mehr: Sie war ihrer neuen Heimat fremd geblieben, wie am ersten Tag, besaß daselbst keine Freundin und niemals hatte man sie mit einem jungen Manne verkehren oder sich auch nur unterhalten gesehen. Was Wunder dann, daß man allgemein zustimmte, wenn die kleine Jitele ihre Unverdorbenheit, Züchtigkeit und Frömmigkeit fortwährend pries und als mustergiltig hinstellte? Aber sonderbarer Weise gab es Mädchen im Orte — und sie gehörten nicht zu den Minderwerthigen — welche selbst der soviel gerühmten und über jeden Zweifel erhabenen, züchtigen Aufführung Gitele's nicht trauen mochten. Man hätte meinen sollen, daß unter der strengen und frommen Zucht der kleinen Jitele die schöne Gitele nicht anders als in nnschuldvollster Keuschheit sich auswachsen konnte, und daß sich an dieselbe die Verleumdung nie und nimmer heranwagen werde. Und doch erhoben sich gewichtige, wenn auch noch recht junge Stimmen im Orte, welche behaupteten, daß selbst die so greifbar zu Tage tretende weltflüchtige Züchtigkeit Gitele's nichts als gut gespielte Komödie sei. Es war nämlich aus dem nur wenige Kilometer entfernten Geburtsorte Gitele's, wohin dieselbe in letzter Zeit immer häufiger zu wallfahrten Pflegte, das Gerücht herübergedrungen, daß sich unsere junge Heilige gelegentlich ihrer dortigen Besuche keineswegs so fromm und menschenscheu benehme, wie daheim unter den Augen der gestrengen Ziehmutter. Man munkelte sogar, daß man wiederholt nachtschlafender Zeit ein männliches Individuum über den Zaun des die vereinsamte Wohnung der kleinen Jitele umgrenzenden Gartens klettern und unter dem Schutze der Dunkelheit verschwinden gesehen habe. — Doch das waren alles eitel Gerüchte. Beweisen konnte .es Niemand. Und daraus kam ja schließlich Alles au. Allen auffallend war, daß das Berhältniß zwischen der kleinen Jitele und ihrer Ziehtochter, so sehr die Ziehmutter die großen Tugenden ihrer Ziehtochter draußen verherrlichte, im Hause selbst nie ein intimes, nie ein vertrauliches gewesen. Sie lebten wie zwei wildfremde Menschen nebeneinander, welche, nothgedrungen auf einander angewiesen, miteinander leben mußten. Und sie lebten auch so, Jedes in seiner Kammer . . . Und welch' unausfüllbare Kluft gähnte zwischen Beiden! Man würde sich aber ganz gewaltig irren, wenn man glauben wollte, daß die kleine Jitele um die Zukunft ihrer Ziehtochter sich nicht kümmerte und daß sie die schwere Sünde auf ihr frommes Haupt laden wollte, Schön-Gitele als „alte Maid", die sie doch nach örtlichen Anschauungen schon jetzt halb und halb war, sitzen bleiben zu lassen. Bewahre! Das Gegentheil ist das Richtige. Klein Jitele hat frühzeitig mit wahrer mütterlicher Zärtlichkeit vorgesorgt — und wir verratheil keineswegs ein sorgsam gehütetes Geheimuiß, wenn wir berichten, daß Gitele schon seit Jahr und Tag soviel wie verlobt war. Der alte, aber sehr reiche Witwer Schmaje Kozin, eine der achtbarsten Persönlichkeiten der Gemeinde — er saß im Rathe derselben — hatte schon lange auf die schöne Gitele ein Auge geworfen und beschlossen, sie zu seinem Weibe zu machen. — Die kleine Jitele war mit dieser Partie, welche für ihre Ziehtochter ein großes Glück bedeutete, höchlich einverstanden, und die Sache war abgethan. Die Hochzeit mußte jedoch immer wieder verschoben werden, da Schmaje Kozin vorerst noch seine jüngste Tochter unter die Haube bringen wollte. Der Brüntigani war bald gefunden. War doch die Tochter des reichen Schmaje eine „glänzende Partie". Allein die Sache zog sich immer in die Länge, da der Brautvater im Hinblick auf die bevorstehende eigene Wiederverehelichung mit der Mitgift seiner Tochter zu knausern versuchte. Darauf entspann sich ein langer und verzwickter Handel, ein endloses Parlamentiren, so daß es in gewissen Zeitläuften den Anschein gewann, als ob die Partie in die Brüche gehen sollte. Endlich erweichte der Alte seinen Sinn und entschloß sich, im eigenen und im Interesse seiner Tochter die verlangten Opfer zu bringen, und nun stand der Verheiratung seiner Tochter und seiner eigenen kein Hinderniß mehr im Wege. Schön-Gitele sah und hörte dem Allem zu, ohne die geringste innere Bewegung zu verrathen. Ihr Gleichmuth blieb vom ersten bis zum letzten Augenblick völlig ungestört, und die kleine Jitele freute sich über die Maßen darüber. Sie deutete diese Seelenruhe ihrer Ziehtochter dahin, daß diese, als frommes und kluges, dem Sinnlichen abgewandtes Mädchen das bevorstehende Glück zu würdigen und in stiller Zufriedenheit zu genießen verstehe. Nur in einem Punkte hatte sich die Lebensweise Giteles während ihrer langen Brautschaft ein wenig geändert, nämlich darin, daß sie angefangen, immer häufiger, oft auf halbe und schließlich auf ganze Tage, Besuche in ihrem Geburtsorte zu machen. Gab es doch jetzt soviel mit den Freundinnen und ehemaligen Gespielinnen zu verhandeln und zu besprechen. Weit entfernt, ihr diese Ausflüge zu wehren, war die kleine Jitele vielmehr mit denselben sehr zufrieden. Denn einmal war es ja billig, daß Gitele jetzt als Braut größere Freiheit und Selbstständigkeit genießen sollte, und dann war die kleine Jitele selbst fast den ganzen Tag nicht mehr zu Hause, da sie ja ununterbrochen angestrengt nnd athemlos in der Gasse für die Erhaltung des alten Glaubens kämpfen und bis zur völligen Erschöpfung sich abmühen mußte, die Abtrünnigen zu Gott wieder zurückzuführen. — Dieses alte, gebrechliche Weib war dermaßen von einer fanatischen Wuth erfüllt, daß es in seiner Sisyphusarbeit nicht erlahmte und die Gasse in Unruhe, oft in Schrecken versetzte. Da brach mit urplötzlicher Gewalt eine furchtbare Katastrophe über die kleine Jitele herein. Sie kam ganz unerwartet, ungeahnt, niederschmetternd, ein vernichtender Blitzstrahl aus wolkenlosem Himmel.... Eines Tages, als eben die kleine Jitele die Gasse mit einer ihrer schärfsten und schneidigsten, von Schwefel und Pech erfüllten Reden beunruhigte, da kam im ungestümen Lauf ein Rudel Knaben herbeigestürmt, aus vollem Halse schreiend: „Schön Gitele ist geschmadt! Schön Gitele ist geschmadt!" Entsetzen malte sich aus allen Zügen. Eine solche Botschaft war selbst den überzeugtesten Gegnerinnen der schönen Gitele unverständlich .... Nachdem man sich vom ersten Schreck erholt hatte, fiel man über die Bringer dieser Hiobspost her und bestürmte sie mit der Frage, woher sie diese Nachricht hatten. Sie verwiesen auf das „große Wirthshaus", wo eben Fuhrleute aus dem benachbarten Städtchen Jaremcza, dem Geburtsorte Giteles, eingekehrt waren und diese Neuigkeit mitgebracht hatten. Ein großer Bvlkshaufe flutete in wildem Durcheinander dem „großen Wirthshause" zu. Dort saßen die unseligen Fuhrleute beim Glase Wein und erzählten Jedem, der es hören wollte, daß schon am frühen Morgen, als sie von Jaremcza abfuhren, das ganze Städtchen auf den Beinen war, da man heute ein seltenes Ereigniß: die Taufe eines Judenmädchens, Namens schön Gitele, erwartete. Der Eindruck, den diese trockene Mittheilnng machte, war ein unbeschreiblicher. Einige Augenblicke stand Alles sprachlos da, dann schüttelte man ungläubig die Köpfe, und endlich fing mau an, die Mähre, so unfaßbar sie auch war, zu glauben .... Einen schrecklichen Anblick bot die kleine Jitele dar; starr und unbeweglich, einer Mumie vergleichbar, mit aschgrauen verzerrten Gesichtszügen, war sie eine Zeit lang auzusehen. Plötzlich schien