Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 43 (22.10.1897)
- Date
- 1897-10-22
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 43 Vr. Vloch's Wvchenphrtfl Seite 873 das Krankenhaus seinen guten Ruf. Die meist heimatlosen Kranken finden hier thatsächlich seitens des Spitalsverwalters und seiner ihm seit 25 Jahren treu znr Seite stehenden Gattin die denkbar beste Pflege. Doch schon vor dieser Zeit, hauptsächlich im Jahre 1866, zur Zeit der Cholera und bei dem blutigen Gefechte von Blumenau fanden die vielen Kranken und Verwundeten Zuflucht in den dem Wohle der leidenden Menschheit gewidmeten uitb der Leitung des Herrn Schwarz unterstehenden Räumen Pflege und Hilfe. Breslau. In Breslau ist ein Cnrsus für jüdische Geschichte und Literatur seitens der Gemeinde eingerichtet worden, an dem Knaben und Mädchen über 13 Jahre gegen eilt mäßiges Entgelt theilnehmen können. Den Unterricht ertheilen die beiden Gemeinderabbiner Dr. Guttmann und Dr. Rosenthal. Das Grotzh. hessische Regierungsblatt veröffentlicht die Schenkungen und Stiftungen im abgelanfenen Quartal, wovon Mk. 20.000 aus die israelitischen Religionsgemeinden sich vertheilen. Bei den von der technischen Hochschule zu Darmstadt gegebenen Preisfragen erhielt in der Abtheilung der Mathematik und Naturwissenschaften der Studirende Gustav Cahn aus Bonn den Preis für die Aufgabe „Verallgemeinerung der Kegelschnittsätze". Die kgl. Bahr. Akademie der Wissenschaften hat dem ordentlichen Professor der Mathematik an der Großherzoglichen technischen Hochschule in Darmstadt, Herrn Dr. Gundelfinger, unterm 14. v. M. für die sehr verdienstliche Mithilfe bei der Herausgabe von Ludwig Otto Hesse» „gesammelten Werken" die goldene akademische Denkmünze »Lone merenti« verliehen. Bad Nauheim. Hier wird ein neues Gebäude für das jüdische Kinderspital mit einem Kostenaufwand von 200.000 Mark errichtet werden. Holländische Toleranz. In Antersfoort wurde N. Visser einstimmig zum Vicebnrgermeister gewählt, er lehnte jedoch diese Ehre ab, weil die Gemeinderathssitzungen am Sabbath stattfinden. Aber der Gemeinderath nahm die Zurückweisung nicht cntr und um den würdigen Mann für die Stelle zu gewinnen, verlegte er ihm zuliebe die itzungen auf Montag. Enkhuizen (Holland). Die Wahl eines Parlamentsmitgliedes sollte am Simchath Thora stattfinden; als die jüdischen Wähler erklärten, daß sie an dem Tage nicht bei der Wahl erscheinen könnten, wurde die Wahl verschoben. Christiania. Ein hiesiges Blatt constatirt. daß sich in Norwegen int Ganzen etwa 500 Juden befinden, von denen mehr als die Hälfte in der Hauptstadt leben. Es sind zumeist Eingewanderte aus Dänemark und Deutschland, wenige Russen und Polen. London. Der englische Verein für jüdische Geschichte hat ein sehr nützliches Werk begonnen, als er es unternahm, die Kenntniß der jüdischen Geschichte auch nach den englischen Provinzgemeinden zu tragen. In diesem Jahre wird er seine Saison durch eine große Versammlung in Birmingham eröffnen. Die jüdische Gemeinde in Birmingham hat diesen Vorschlag mit großer Freude aufgenommen und wird dem Verein eine» sehr warmen Empfang bereiten. New Hort. Mr. William N. Cohen ist zum Richter des Obersten Gerichtshofes ernannt worden. Feuilleton. Culturbilder aus halbvergangener Zeit. L Dir kleine Iitele. Von Marek F i r k o w i c z. (Fortsetzung.) Je geringer die Wirkung war, welche das Erscheinen der kleinen Iitele in der Gasse übte, desto wüthender geberdete sie sich, so daß die männliche Jugend allmälig stumpf und gleichgiltig gegen ihr Toben wurde; nur die Mädchen, insbesondere die heiratsfähigen, welche von ihrer bösen Zunge Schaden an ihrem guten Rufe zu leiden besorgten, hielten sich auch ferner in scheuer Entfernung von ihr. Und das war der Grund, daß sie von jetzt ab ihre apostolische Thätigkeit fast ausschließlich der Mädchenwelt widmete. Diese hoffte sie noch zu retten und vermittelst derselben auf die aus der Art geschlagene männliche Jugend wirken zu können. Nun ergoß sich täglich die heilige Lohe Jiteles' über das verderbte Geschlecht, wurde bald das Herannahen des göttlichen Strafgerichtes verkündet, bald wieder — und hiemit schloß immer die grause Predigt — mit grinsender Sanftmuth zur Reue und Buße aufgefordert, und der Refrain lautete dann regelmäßig: „Nehmt Euch ein Beispiel an meinem Gitele, an meinem braven, züchtigen, unverdorbenen Gitele, an meinem frommen Gitele nehmt Euch ein Beispiel!" Wer aber war diese brave, züchtige, fromme Gitele, welche von der kleinen Iitele den Mädchen als Muster gepriesen wurde? Es war die Ziehtochter der kleinen Iitele. Iitele war nämlich kinderlos und hatte, als ihre in dem benachbarten Städtchen wohnende, frühzeitig verwitwete Schwestertochter starb und ihr Töchterchen Gitele ganz verwaist zurückließ, dieselbe zu sich genommen, um sie an Kindesstatt zu „erziehen". Gitele war vierzehn Jahre alt, als sie in das Haus ihrer Großtante kam. Sie hatte eine gute Schulbildung in der öffentlichen Schule ihres Heimatsortes genossen. In das Haus ihrer Ziehmutter eingezogeu, lebte sie, wie dieses nicht anders denkbar, abgeschlossen von aller Welt; jedoch hatte sie ihre freundschaftlichen Beziehungen zu ihren Schulcolleginnen ihres Geburtsortes, welche zumeist der christlichen Confessiou angehörten, nicht abgebrochen, es war ihr vielmehr gestattet, dieselben alle vierzehn Tage einmal zu besuchen und sich von denselben wieder besuchen zu lassen. Gitele war schön von Ansehen nnd schön von Gestalt und sie wurde allgemein die „schöne Gitele" genannt. Aber ihrer Schönheit haftete etwas Herbes an — die Anmuth war ihr versagt. Ob sie diesen Mangel schon auf die Welt gebracht, oder ob er vielleicht die Folge einer unseligen Erziehung war, getrauen wir uns nicht zu entscheiden. Thatsache ist, daß die schöne Gitele sich in ihrer neuen Heimat keinerlei Sympathien zu erwerben vermochte — möglich auch, daß sie unter den gegebenen Verhältnissen solche zu gewinnen gar nicht anstrebte Soviel jedoch läßt sich aus dem späteren Schicksal dieses Mädchens mit Bestimmtheit schließen, daß sie schöne Geistes- und vielleicht auch Herzensanlagen in das Haus ihrer Großtante mitbrachte, welche jedoch in der Kerkerluft der jedem erheiternden und beseligenden Lichtstrahl entrückten „frommen" Zelle der kleinen Iitele verkümmerten. Für uns wenigstens steht es außer -Zweifel, daß das Mädchen, bevor sie sich iu die rigorose und finster — „fromme" Hausordnung ihrer Großtante wohl oder übel eingefügt, schwere innere Kämpfe und Wandlungen durchgemacht und dabei Schaden an Leib und Seele genommeu. - Wie wäre es sonst zu verstehen, daß Gitele, welche bis zu ihrem fünfzehnten Lebensjahre ganz frei und ungebunden dahiulebte uud keine Ahnung hatte von einem „religiösen" Zwang, von auf Schritt und Tritt hemmenden und beengenden geistlosen Ceremonien, wie sie im Hause der kleinen Iitele geübt wurden, schon wenige Monate nach ihrem Einzug in die neue Heimat in den Ruf großer Frömmigkeit kam, daß ihre Ziehmutter überall von ihr rühmen durfte, sie bete den ganzen Tag und beobachte auf das Pünktlichste alle religiösen Vorschriften und Gebräuche? Und daß diese Lobpreisungen auf Wahrheit beruhten, davon konnten sich die wenigen alten Leute, welchen Zutritt bei der kleinen Iitele gestattet war, bei ihren jedesmaligen Besuchen überzeugen. So oft sie ihre alten Freundinnen besuchten nnd im Vorbeigehen einen neugierigen Blick in die Kammer der schönen Gitele warfen, fanden sie dieselbe über einem riesengroßen Sidur sitzen, der auch sonst ihr unvermeidlicher Begleiter im Hof und Garten war. Nur wenn ihre ehemaligen Schulfreundinnen aus dem Nachbarstädtchen zu ihr auf Besuch kamen, verschwand der große Sidur spurlos. Er wurde sorgfältig aufgehoben, vermuthlich — daß er nicht in Verlust gerathe. Klein Iitele durfte sonach mit gutem Grund ihre Ziehtochter als Vorbild den Mädchen des Ortes vorführen. Uud iu der That galt diese auch bei den meisten Eltern als ein Muster wahrer Frömmigkeit. Nur die Mädchen, und insbesondere die intelligenteren, wollten an diese Frömmigkeit nicht recht glauben. Sie hielten sich vielmehr überzeugt, daß Gitele nur eine Maske angelegt, die sie vortrefflich zu tragen verstehe. — Was sie