Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 43 (22.10.1897)
- Date
- 1897-10-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Veite 868 Vr. Vwch'» MochrnkchrM Nr. 43 Prag. (Antisemitismus mittels Correspon-! denzk arten.) Wie das Böhmisch-Broder Localblatt meldet, wurde dieser Tage in dem genannten Orte eine große Menge anonymer Correspondenzkarten an die daselbst wohnhaften jüdischen Bürger versendet, in welchen die jüdische Religion, als auch die Adressaten gröblich verunglimpft wurden. Das citirte Localblatt verurtheilt dieses Vorgehen auf das Entschiedenste und meint, „im Interesse der Gerechtigkeit und der Geradheit sei ein solches Vorgehen nur zu bedauern". — Es ist jedenfalls, schreibt das Prager „Montagsblatt", schon recht lange her, daß man Bübereien gegen Juden in czechischen Blättern mit etwas anderem als einem gleichgiltigen Achselzucken oder gar mit schlecht verborgener Schadenfreude behandelt. In Berlin ist der P r a g - Ka r o li n e n t h a l er Fabriksbesitzer Moritz Götzl nach langem, schweren Leiden im 67. Lebensjahre gestorben. Der Dahingeschiedene, ein ebenso liebenswürdiger, roie biederer und streng rechtlicher Mann, erfreute sich in vielen Kreisen der größten Hochachtung und Werthschätzung. Er war Besitzer einer Maschinenpappendeckelsabrik zu Lauterwasser (Bezirk Hohenelbe), welche Gemeinde ihn in Anerkennung seiner Verdienste zum Ehrenbürger ernannt hatte. Sonntag fand das Leichenbegängniß Gütz l's statt. Den Conduct führte der Karolinenthaler Rabbiner H i r°s ch. Die übergroße Betheiligung von Trauergästen, unter denen sich zahlreiche Industrielle, Vertreter und Deputationen vieler Vereine befanden, zeigte von der großen Achtung, die der Verstorbene in der hiesigen Gemeinde genoß. Brünn. Das Leichenbegängniß des in Marienbad verstorbenen Fabriks- und Realitätenbesitzers Alois Müller fand unter großer Betheiligung statt. Nach den rituellen Gesängen hielt Landesrabbiner Dr. P l a c z e k eine ergreifende Trauerrede. Unter den vielen Tranergästen bemerkte man u. A. den Bürgermeister Dr. Ritter v. Wieser mit dem Vicebürgermeister R o h r e r, den Präsidenten des Verwaltungsrathes der mährischen Escomptebank Gustav R. v. Schoeller mit den Verwaltnngsrüthen, den Vorstand- Stellvertreter der Cultusgemeinde Jnspector E P l e r mit den Vorstandsmitgliedern, Bankdirectoren, Industrielle und Advoeaten, und Abordnungen von versckiedenen Vereinen, denen der Verstorbene angehörte. Auf dem Friedhofe wurde die Leiche nach einer kurzen Grabrede des Landesrabbiners Dr. P l a c z e k, der Erde beigesetzt. In einer Versammlung des Vorstandes der Cultusgemeinde widmete Vorstands-Stellvertreter E p l e r dem langjährigen verdienstvollen Mitgliede lüi ii l l e r einen warmempfundenen Nachruf. Gleichfalls inBr ü n n verstarb der Liqueurfabrikant Simon K o r n g o l d, Vater des bekannten Komikers K o r n a u, dessen Leiche unter großer Betheilignng von Industriellen zu Grabe geleitet wurde. Im Trauerhause hielt nach Absingen eines Trauerchores Landesrabbiner Dr. P l a c z e k die Trauerrede, in welcher er die Vorzüge des Verstorbenen schilderte. Unter den Trauergästen bemerkten wir: Vicebürgermeister R o h r e r mit mehreren Gemeinde- und Bezirksausschußmitgliedern, den Vorstandstellvertreter der israelitischen Cultusgemeinde Jnspector Epler, den Vorstand der Genossenschaft der Liqueur-, Essig- und Sodawassererzeuger und zahlreiche Advocaten. Der Verband der österreichischen Liqueur-, Spirituosen- und Essigfabrikanten war durch das Präsidialmitglied Gemeinde- Ausschußmitglied L u st i g vertreten. Krakau. Vorige Woche fanden in Krakau die Wahlen in die neuen Steuercommissionen statt. Man sollte glauben, daß eine solche Wahl, die nur einen wirthschaftlichen Charakter hat, mit der antisemitischen Frage nichts zu thun hat. Seitdem jedoch die Antisemiten ihre freche Stirne erhoben haben, lassen sie keine Gelegenheit vorübergehen, ohne gegen die Juden zu Hetzen und aufzureizen. So war es auch hier der Fall. Ein christlich-sociales Comite hat einen Aufruf erlassen, worin es die Christen zur Einigkeit gegen die Inden aufforderte und, auf die glücklichen (!!) Zustände unter der Antisemitenherrschaft in Wien hinweisend, die Christen ermahnte, nur keinen Juden in die Steuercommission zu wählen. Doch die friedliebende Bürgerschaft ließ sich von den Hetzern nicht bethören, was der glänzende Ausgang der Wahl bewies. Es wurden nämlich in der II. Classe mit fast sämmtlichen sowohl christlichen als jüdischen Stimmen gewählt: der Handelskammerrath Josef Falter und der Bicepräsident der Cultusgemeinde, Gemeinderath und Handelskammerrath Hirsch Landau; in der Hl. Classe der Großtuchhäudler Abraham Margulies und der Kaufmann Salomon Wasser berge r und in der IV. Classe der Kaufmann Juda Urabin. Zu Ersatzmännern wurden Bankier Ferdinand Epstein, der Kaufmann Marcus Eckstein und der Ingenieur Sigmund Lux gewählt. Ein großes Verdienst hat sich hiebei der Handelskammerrath und Cultusvorsteher Jacob Bober erworben, der als Obmann des Kaufmännischen Vereines unermüdlich sich dabei bethätigte und ihm hiefür Anerkennung gebührt. Krakau, 18. October. Im hiesigen jüdischen Cultusvorstande erfolgte heute die Eröffnung des Testamentes weiland Salamon L i e b l i n g's, welcher zwei große Häuser im Werthe von über 70.000 fl. verschrieb als Stiftung für v e r w a h rl o st e W a i s e n z u r H i l f e f ü r K n a b e n und M ä d ch e n ohne Unterschied der C o n f e s s i o n; außerdem verschrieb derselbe einen namhaften Betrag in Baarem für das' jüdische Spital, für Zwecke des Tempels der Fortschrittsjuden, für das Allgemeine Kinderspital zu St. Ludwig, für die Veteranen des polnischen Ausstandes vom Jahre 1863 und für Arme ohne Unterschied der C o n f e s s i o n. Mährisch-Weitzkircherr. Ueber behördlichen Auftrag mußte die politische Jsraelitengemeinde zu Mährisch-Weißkirchen, aus ihrem Territorium eine neue Volksschule erbauen. Trotz der Subvention vom hohen mährischen Landesausschnsse und der Opferwittigkeit der Gemeindemitglieder sowie einzelner bekannter Wohlthäter, unter Anderen des Herrenhausmitgliedes Julius Ritter v. Gomperz, der zu diesem Zwecke 500 fl. spendete, sind noch einige tausend Gulden nicht bedeckt. Der Ehrenbürger und Mitglied des Gemeindeansschnffes Mührisch-Weißkirchen, Herr S. Kober, sprach daher bei dem bekannten Philantropen Herrn°S. Heit in Wien vor, welcher in seiner Munificenz einen Sammelbogen anlegte und den Betrag von 50 fl. selbst zeichnete. Die Sammlung hatte folgendes Resultat : Herr S. Heit 50 fl.; S. Kary und Cie. 20 fl.; Hermann Pollak's Söhne 20 fl.; F. Schmitt 40 fl.; Schwarz n. Keßler 10 fl.; Heinrich Klinger 10 fl.; C. Wolfrnm 10 fl.; Al. F. Rainer 6 fl.; Blaß und Roubitschek 5 fl.; A. Meinl's Erben 10 fl.; Benedict Schroll's Sohn 25 fl.; Samuel Goldberger und Söhne 25 fl.; Heeg und Friedmann 5 fl.; Jacob Kral 3 fl.; S. Hoffmann und Cie. 5 fl.; Beer, Drab und Cie. 5 fl.; Sam. S. Bing und Cie. 20 fl.; zusammen 290 fl. Den Spendern wird auf diesem Wege vom Gemeindeausschusse der politischen Jsraelitengemeinde Mährisch-Weißkirchen der Dank ausgesprochen. Für den Gemeinderath der politischen Jsraelitengemeinde Mühr.- Weißkirchen, den 17. October 1897. Der Bürgermeister: S. Schlesinger. Hohenems. Am verflossenen Vorabende des Bersöhnnngsfestes nahm die Vorstehung unserer Cultusgemeinde Anlaß, die fünfzigste Wiederkehr des Todestages ihres ehemaligen Seelsorgers, des berühmten Abraham Kohn, würdig zu begehen. Herr Rabbiner Dr. Tänzer feierte in begeisterten Worten die vielen Verdienste des leider so früh dahingerafften Märtyrers, sein Wesen und seine hervorragende Stellung in der jüdischen Geschichte unseres Jahrhunderts, wobei er mit berechtigtem Nachdrucke hervorhob, wie eben unsere Gemeinde es war, die Abr. Kohn in feinen heilsamen Bestrebungen zu würdigen verstand und mit allen Kräften unterstützte. Am Versöhnungstage, bei der Seelenfeier schloß sich hieran ein erhebendes Gebet für das Seelenheil des unvergeßlichen, großen Mannes. Uebrigens soll in der gegenwärtig durch Herrn Rabbiner Dr. Tänzer in der - Ausarbeitung befindlichen „Geschichte der Juden in Hohenems" — eine Jubiläumsgabe unserer Gemeinde zum nächstjährigen Kaiserjubiläum — dem sel. Abraham Kohn ein besonderes Capitel gewidmet fein, das alles Bekannte über das leider so kurze Leben dieses großangelegten Geistes enthalten dürfte. Auspitz. Es gibt in Mähren noch immer viele Juden, die in dem Wahne leben, daß wir noch aufrichtige Freunde besitzen. Aber die ganze Bevölkerung — ob slavisch oder germanisch — ist vom Antisemitismus durchsetzt — und dieser gewinnt immer mehr an Boden. Hier erscheint eine slavische Zeitung »Slovanske listy«, die den Antisemitismus in jeder Spalte offen predigt und sowohl gegen die Juden im Allgemeinen, als auch speciell gegen die hiesige jüdische Bevölkerung hetzt. Sie sucht ihren Judenhaß in dem Umstande zu begründen, daß die Juden noch immer zur deutschen Partei halten und dadurch den nationalen Aufschwung der Slaven hindern. Thatfächlich liegt die Quelle des Judenhasses in dem auch anderswo bekannten Racenhochmuth.