Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 43 (22.10.1897)
- Date
- 1897-10-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021212--07216-3031534- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
<Seite 866 Vr. VLortz's WochenlchrM. Nr 43 Heiligen Schrift anfertigen lassen und forderte mehrere Künstler auf, Probearbeiten zu liefern, um dem, welcher am Besten und Schönsten die Aufgabe lösen würde die ganze Arbeit zu übergeben. Unter den eingelieferten Concurrenzarbeiten wurden die Ghiberti's und Brunelleschi's als die vorzüglichsten anerkannt. In der Arbeit des Letzteren wurde besonders die Gestalt des Knechtes bewundert, welcher sich einen Dorn aus dem Fuße zieht, während Abraham die Vorbereitungen zum Opfer trifft, während die anderen Figuren minder gelungen sind und der Isaak fast häßlich erscheint. Es ist etwas fast modern Realistisches in Brunelleschi's Werk, während das Ghiberti's sich mehr der einfachen Schönheit der Antike, besonders in der Figur des Isaak, nähert. Neidlos erkannten Brunelleschi und die anderen Concurrcnten die Vorzüge von Ghiberti's Probearbeit an und empfahlen selbst, ihm das ganze Werk zu übertragen, was denn auch geschah. Ghiberti ging nun an die Arbeit und schuf im Laufe eines Vierteljahrhunderts die beiden berühmten Erzthüren, auf der einen das Leben Jesu, auf der anderen Geschichten aus dem Men Testament darstellend. Letztere gilt für die schönere, ja für die schönste Kirchenthür Italiens, und Michel Angclo sagte von chr, sie sei würdig, die Pforte des Paradieses zu bilden. Mit einer unendlichen Fülle malerischer Schönheiten und mit liebenswürdigster Naivetät, sehen wir da in zehn Feldern die Schöpfung, Kain und Abel, Noa's Dankopfer, Abraham's Opfer, Jakob's Segnung, Joseph und seine Brüder, Moses auf dem Sinai, die Einnahme von Jericho, David's Sieg über Goliath und der Besuch der Königin von Saba bei König Salomo dargestellt. Besonders gelungen sind: Kain als Ackerbauer, der todte Abel, der schlafende Noah, Jakob, Rebekka und Isaak, Moses auf dem Sinai, der Umzug um Jericho. In Nischen um die Thüre sind die Statuen Samson's, Josua's, von Propheten und Sibyllen angebracht. Ebenfalls in Florenz finden wir in der Gemäldegallerie des Palazzo Pitti: die Geschichte Josephs von Andrea bei Sarto (geb. 1487), Rebekka am Brunnen von Guido Reni (geb. 1574) und Raffael's merkwürdiges kleines Bildchen „Vision Ezechiels" in christlicher Auffassung und mit einem Gottesantlitz, das eher an den heidnischen Jupiter, als an den Gott ~ der Bibel erinnert. Dagegen hat der berühmteste Maler Italiens in andern Bildern sich dem biblischen Geiste besser angeschmiegt. So in dem großartigen Gemälde im Vatikan in dem „Saal des Heliodor" genannten Raume, welches nach dem dritten Capitel des zweiten Makkabäerbuches darstellt, wie dieser zum Rauben des Tempelschatzes eingedrungene Minister des syrischen Königs von den Engeln zu Boden geschlagen wird, so daß der Tempel, „der zuvor voll Furcht und Schrecken gewesen war, von Freude und Wonne erfüllt ward nach diesem Zeichen des allmächtigen Gottes." Besonders prächtig ist auf diesem Bilde eine Frauengruppe unter dem das rettende Wunder und die Güte Gottes preisenden Volke. Von derselben Meisterhand ist der herrliche „Moses vor dem brennenden Busch" an der Decke desselben Saales. Und welch' köstliche Kunstwerke sind nicht die 52 Frescogemälde mit Scenen aus der biblischen Geschichte (48 aus dem Alten und nur vier aus dem Neuen Testament) im Corridor (Loggia) des vaticanischen Palastes, nach den Entwürfen Raffaels von seinen Schülern aus geführt! Durch reiche Phantasie, Anmuth, mitunter auch Schalkheit und dann wieder hohen Ernst gewähren diese Darstellungen, besonders der Segen Isaaks, Esau den Segen begehrend, Moses Auffindung, Moses zeigt die Gesetzestafeln u. A. dem Beschauer unbeschreiblichen Genuß. Nach den Entwürfen Raffaels sind auch die Bilder der Propheten Daniel, Jonas, Josna und des Königs David in der Kirche S. Maria della Pace und die Statuen der Propheten Jonas und Elias in der Kirche S. Maria del Popolo zu Rom gearbeitet worden. Die Statuen von Daniel und Habakuk in derselben Kirche (in der Capelle Chigi) sind von Bernini (geb. 1589). Von Domenichino, dem Zeitgenossen Bernini's sind die Frescobilder von David, Salomo, Esther und Judith in der Kirche San Silvestro zu Rom, von Guercino (geb. 1591) die Verstoßung der Hagar in der Gemäldesammlung der Brera zu Mailand. Von den Schülern und Nachfolgern Raffaels uns abwendend kehren wir noch zu seinem Lehrer Pietro Perugino (geb. 1446) zurück. Von ihm, von Botticelli (geb. 1447) und Signorelli (geb. 1441) wurde die Geschichte des Propheten Moses in einer Reihe vorzüglicher Frescobilder an den Wänden der Sixtinischen Capelle im Vatican dargestellt. Und in demselben Raume finden wir die Werke eines größeren, ja vielleicht des größten Künstlers Italiens, Michel Angelo Buonarottis, der tiefer als Andere in den Geist des Alten Testaments eingedrungen ist. Früher als sein berühmtes „Jüngstes Gerücht" malte er au der Decke der Capelle die Schöpfung, die Vertreibung aus dem Paradiese, die Sintfluth. Davids Sieg über Goliath, Scenen aus dem Buche Esther, die Propheten Jeremias, Ezechiel, Joel, Jesaias, Daniel und Zacharias. Noch großartiger als die Gemälde sind die Marmorbildwerke Michel Angelo's, von denen uns besonders das des David und des Moses interessiren. Er hat den David, der sich jetzt in der Akademie der schönen Künste zu Florenz befindet, in dem Moment, da er auf Goliath zielt, dargestellt, in der einen Hand die Schleuder, in der andern den Kieselstein. Es ist nicht der König David, der Psalmendichter, den wir vor uns sehen, sondern der Hirtenjüngling von entzückender Schönheit der Körperbildung Aber es ist kein weichlicher schwachmüthiger Antinous, es ist eine jugendliche Heldengestalt, und Vasari hat nicht sehr übertrieben, wenn er sagte, sie übertreffe alle antiken griechischen und römischen Statuen. Und dann erst der Kopf mit dem ausdrucksvollen Gesicht, das Vertrauen auf Gott und Verachtung des Feindes zeigt! Man glaubt fast die Worte zu hören: „So wie dem Löwen und dem Bären wird es diesem Philister ergehen, weil er die Schlachtreihen des lebendigen Gottes gehöhnt". Aber dabei verläßt David sich nicht auf ein Wunder. Fest ist sein sprechendes Auge auf den Gegner gerichtet und er zielt ruhig und sicher. Wir zweifeln nicht, daß er genau die Stirn des Feindes treffen wird. Es ist etwas Fascinirendes in diesem Blick und ich glaube, ein moderner Judenfeind müßte vor diesem Rächer und Befreier Israels erschrocken und beschämt das Haupt senken. Und dieselbe Hand, die diese Jünglingsgestalt aus einem verdorbenen Marmorblock heraushaute, hat auch die majestätisch sitzende Figur des Moses geschaffen, die für das Grabmal Papst Julius II. bestimmt war. In der Kirche S. Pietro in Vincoli zu Rom, zwischen den Statuen von Rahel und Lea, als Personificationen des thätigen und des beschaulichen Lebens, sitzt der Gesetzgeber der Juden, der große Führer durch die Wüste, die rechte Hand auf die Gesetzestafeln gestützt, den auf die Brust niederwallenden Bart fassend, die Linke energisch an den Leib gedrückt. Aus der ganzen. Haltung des Körpers, aus dem Ehrfurcht gebietenden Gesicht spricht der Zorn über das bethörte unbotmäßige Volk, gemildert von einer über alles Kleinliche, Irdische erhabenen Größe. Nicht mit Unrecht hat man diesen Moses „die höchste Schöpfung der modernen Kunst" genannt. Aber das Antlitz übertrifft auch an Majestät das des berühmten Jupiterkopfes von Otricoli. Wenn ich nach diesem Meisterwerke ein viel weniger bedeutendes Werk eines Zeitgenossen Michel Angelo's erwähne, so ist es, weil es, meines Wissens, das einzige Gemälde aus jener Zeit ist, welches einen Stoff aus der jüdischen Legende darstellt. Es ist das in der Galerie der Ufficien zu Florenz befindliche, von dem 1478 geborenen Venetianer Giorgione im Alter von siebzehn Jahren gemalte Bild des Moseskindes, wie es, zur j Probe seines Verstandes vor Pharao gebracht, nach den glühenden Kohlen greift. Halb biblische, halb legendäre Stoffe behandeln auch die Darstellungen aus der Geschichte des Tobias und die zahlreichen Judithbilder, mit deren summarischer Erwähnung ich mich hier begnüge. Ebenso mag es genügen, die vor zwei Jahren hier als Beilage zum Jahrbuch der Kunstsammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses erschienene Reproduction der alten illustrirten Bibel, die wahrscheinlich aus Italien stammende sogenannte „Wiener Genesis" nur zu erwähnen. Aus der späteren Geschichte der Juden hat vorzüglich ein Ereigniß, freilich das größte und tragischeste, die Kunst, und besonders die moderne Kunst beschäftigt. Die „Zerstörung Jerusalems" hat der vor mehreren Jahren verstorbene Venetianer Hayez in ergreifender Weise dargestellt. Man sieht (in der Akademie der schönen Künste zu Venedig) wie die letzten jüdischen Kämpfer sich vom Tempel herunterstürzen, während römische Soldaten die geraubten Tempelgeräthe wegschleppen. Als Kunst-