Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 43 (22.10.1897)
- Date
- 1897-10-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 862 Vr. Vloch's Wochrnkchrtfi. Nr. 43 Cohn schloß mit einem Hoch auf den Verein. Im Verlauf des Festes sang die Tafelrunde ein dem Scheidenden gewidmetes, von R. H. gedichtetes launiges Lied, das zur Erhöhung der Stimmung viel beitrug. Die schöne Abschiedsfeier wird dem Gefeierten gewiß nicht aus der Erinnerung schwinden." Heiratsannoncen sollen nach antisemitischer Auffassung nur eine „jüdische" Specialität sein. Nun bringt die antisemitische Berliner „Staatsbürger-Zeitung" vom 13. October eine culturhistorische Skizze über die Heiratsgesuche. Danach tauchte diese Neuheit zu Ende der Neunziger-Jahre des vorigen Jahrhunderts zuerst auf. „Das praktische dieser Idee scheint dann zunächst in O esterreich erkannt worden zu sein und zur Nachahmung gereizt zu haben; denn in dortigen Zeitungen wurde der neue Ableger moderner Cultur alsbald weiter gepflegt. Auch war es ein Wiener Blatt, das im Juli 1795 zuerst ein Heiratsgesuch brachte, dessen Einsender ungenirt seinen Namen nannte." Späterhin kamen dann auch die Gesuche weiblicher Ehecandidaten auf. Graf Tolstoi und der Rabbiner von Moskau. In seinen interessanten „Gesprächen von und mit Tolstoi" erzählt R. Löwenfeld im „Zeitgeist" Folgendes von dem Rabbiner Dr. Minor in Moskau: Ich benutzte den Nachmittag, um Herrn Minor aufzusuchen. Ich traf ihn leider nicht in seiner Stadtwohnung und mußte mich entschließen, nach Bogorodsk zu fahren. Die Verbindung nach diesem ländlichen Vorort ist eine bequeme, eine Pferdebahn mit ungemein billigen Preisen bringt uns in etwa ll/2 Stunden ans Ziel. Ich klingelte an der Thür eines bescheidenen Landhäuschens. Eine alte, würdige Dame trat mir entgegen, und ich fragte sie in russischer Sprache, ob ich die Ehre haben könnte. Herrn Minor zu sprechen. Ich hätte eine Bitte an ihn, die mir sehr wichtig wäre, ich sei zu einem ganz bestimmten Zweck von Berlin nach Moskau gekommen und er könnte mir mit einer Unterhaltung von einer halben Stunde vielleicht sehr nützlich sein. Sie sind aus Berlin? sagte sie mit einem gewissen besonderen Interesse. Mein Sohn ist gegenwärtig dort, er ist als Vertreter der Moskauer Universität hingefahren. Mein Sohn ist Doeent der Psychiatrie und wird wahrscheinlich auch in Berlin auf dem medicinischen Congreß einen Vortrag halten. Sie können auch deutsch mit mir reden, wenn Ihnen das bequemer ist — und ohne meine Antwort abzuwarten, setzte sie ihre Unterhaltung in deutscher Sprache fort. Ich saß etwa zehn Minuten mit ihr aus der Veranda, das übliche Glas Thee stand bereits vor mir, und ich sprach ihm auch zu, denn es ist nicht höflich, ein angebotenes Glas Thee zurückzuweisen, als Herr Minor in der Thür erschien. Er pflegte um diese Zeit sein Mittagsschläfchen zu halten und hatte aus Zuvorkommenheit für einen weit hergereisten Gast seine Ruhe abgekürzt: ein hochgewachsener, alter Herr mit etwas wirrem, grauem Bart, mit einem klugen Auge, mit gutem Wissen und klarem Denken. Ich trug ihm meinen Wunsch vor. „O gewiß, man hat Ihnen die Wahrheit gesagt. Vor fünf oder sechs Jahren, ich kann es Ihnen nicht mehr genau sagen, kam Graf Tolstoi zu mir. Er bat, ich möchte ihm Jemanden empfehlen, der ihm hebräischen Unterricht gebe. Der Gedanke, hebräisch zu lernen, war ihm theils durch seine Bibelstudien, theils durch einen äußeren Anlaß gekommen. Der Schriftsteller Ssorkin, ein getaufter Jude, hatte sich unmittelbar nach den großen Judenverfolgungen (1881) an hervorragende russische Schriftsteller gewandt, sie sollten in der Noth ihre Stimme zu Gunsten der Juden erheben. Turgenjew und Tolstoi waren die gewichtigsten, die damals in Rußland sprechen konnten. Turgenjew sagte zu. Es widerstrebte seinem Wesen aber, in einer Abhandlung die Judenfrage zu beleuchten, er wollte durch eine Erzählung wirken. Er kam nicht mehr dazu, sein Versprechen einzulösen. Tolstoi hielt mit seiner Antwort zurück; er wollte die Judenfrage, wie er sagte, „aus den Quellen" studiren. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, fügte Minor hinzu, wie irrig diese ganze Anschauung ist. Die heutige Judenfrage hat nichts mit dem Studium der Sprache der Bibel zu thun. Kaum, daß man das Wesen der heutigen Juden in irgend einen Zusammenhang mit dem Volke von Palästina bringen kann. Aber Tolstoi blieb dabei, und er ging mit großem Fleiß an die Arbeit. Ich mochte ihm nicht den ersten besten nennen und unternahm es selbst, sein Lehrer zu sein. Ich unterrichtete ihn nach der Methode der östlichen Juden. Er liest also nrcht spanisch, sondern wie wir russischen Inden." (Ich will zur Erklärung hier einfügen, daß die Juden in Europa in zwei große Gruppen zerfallen, in die sogenannten spanischen ' und die sogenannten polnischen Juden. Die spanischen lesen das Hebräische wie die christlichen Gelehrten, die es von ihnen übernommen haben, die polnischen, zu denen auch die Gesammtheit der deutschen Juden gehört, haben eine andere Aussprache.) Tolstoi begriff außerordentlich schnell. Er las aber nur, was auf seinem Wege lag. Was ihn nicht interessirte, übersprang er. Wir begannen beim ersten Wort der Bibel und fuhren in dieser sprunghaften Weise bis zu Jesaias fort. Hier brach der Unterricht ab. Die Vorhersagung des Messias in den bekannten Stellen des Propheten genügte ihm. Mit der Grammatik der Sprache beschäftigte er sich nur insoweit, als sie ihm unentbehrlich schien. Er habe Griechisch ebenso und in kürzester Zeit gelernt und sei vollkommen im Stande, das Neue Testament in der Ursprache zu lesen. Er kennt auch den Talmud. In seinem stürmischen Wahrheitsdrange befragte er mich in jeder Stunde fast über die Sittlichkeitsanschauungen des Talmud, über die Auslegung der biblischen Legenden durch die Talmudisten und schließlich schöpfte er aus dem russisch geschriebenen Buch „Die Weltanschauung der Talmudisten" (mirosozrenie talmudistow), das von der Petersburger „Gesellschaft zur Hebung der Bildung unter den Inden" heransgegeben ist. Wir arbeiteten etwa eine halbe Stunde, wie Lehrer und Schüler. Einmal in der Woche fuhr ich zu dem Grafen, einmal kam er zu mir. War die halbe Stunde um, so war der Unterricht mehr eine Unterhaltung. Ich antwortete ihm auf alle Fragen, die ihn beschäftigten. Eines Tages kamen wir auch auf seine Auffassung von der Erhaltung der Welt durch die Liebe. Davon, meinte er, stehe nicht ein Wort in der Bibel. Ich verwies ihn auf die Psalmstelle 89, 3, „olam chessed jiboneli", die ich ihm „die Welt besteht durch die Liebe" übersetzte. Er war sehr erstaunt über dirse Auffassung der bekannten Stelle. Minor stimmt, was wohl kauin gesagt zu werden braucht, mit den Anschauungen Tolstoi's in keinem Punkt überein. Aber er ist ein Bewunderer des Dichters und erkennt den ernsten Wahrheitsdrang seines großen Schülers freudig an. Der Befähigungsnachweis und seine immer weitere Ausdehnung wird von Antisemiten als einziges Mittel zur Rettung des Handwerkerstandes verlangt. Umso interessanter sind auf diesem Gebiete die Untersuchungen des Vereines für Socialpolitik, welche sich mit der Lage des Handwerks in Oesterreich beschäftigen, wenn der Befähigungsnachweis eingeführt ist. Hier treten sachverständige Zeugen aus allen wirthschaftlichen Parteien auf, die zum erheblichen Theil sogar dem Zunftzwang an sich geneigt sind. Und das Resultat ist: kein einziger Bearbeiter dieser Enquete spricht sich zu Gunsten des Befähigungsnachweises ans. Insoweit sie sich nicht lediglich referirend verhalten, lauten die Resultate direct verurtheilend in einer ungemein scharfen Tonart. Stellen wir hier zusammen, was diese fachkundigen wie unparteiischen Beurtheiler über den Befähigungsnachweis äußern, es wird sich alsdann Weiteres erübrigen. Die Herren Zünftler wollen durch strenge Prüfungen sich die rührige jugendkrästige Concurrenz vom Halse halten. Sonach müßte man wenigstens annehmen, der Befähigungsnachweis habe die Meisterzahl verringert oder doch wenigstens constant gelassen im Verhältniß zur sonstigen Bewegung, zur Bevölkerung, zur kurzen Periode der Gewerbefreiheit in Oesterreich. Nichts von alledem! Die Berichte besagen, daß in einzelnen Handwerken, zum Beispiel bei den Gürtlern in Wien, den Schlossern in Graz, den Hutmacheru in Brünn und so weiter die Zahl der Meister durch Einführung des Befähigungsnachweises so gut wie gar nicht verändert wurde, für andere Gewerbe aber, zum Beispiel Schirmmacher in Wien, Schneidermeister für Herrenkleider in Wien sich sogar seitdem vermehrt hat. Und wenn etwa ein Zünftler dem entgegenhalten wollte, das zeuge eben für die günstigen Folgen des Befähigungsnachweises, so möge er die betreffenden Berichte über diese Handwerkszweige Nachlesen, in denen auseinandergesetzt wird, wie traurig ihre Lage nach der Einführung des großartigen Gesetzes ist. Der Befähigungsnachweis hat zunächst den betheiligten Handwerkern — und das sind eigentlich fast alle — nicht den geringsten Vortheil gebracht. Ausdrücklich hervorgehoben wird das für die Hutmacher in Wien, Schirmmacher in Wien, Schmiede gewerbe in Graz, für das gesammte Kleingewerbe in Ober-