Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 42 (15.10.1897)
- Date
- 1897-10-15
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr* 42 Br. Vloch's MmtzrnschrtfL Seite 855 Sie lauschte eifrig, um herauszufinden, welches Spiel es war; es war nicht „Franzefnß", auch nicht „Klabberiasch" — ja, es war „Okka", das furchtbare, verderbenbringende „Okka" Nun ist Okka von all den tausend Combinationen, in welchen die Karten Verwendung finden, die Erdichtung und das Lieblingskind des Teufels. Es verbindet List mit Zufall in viel seltsamerer Weise als irgend ein anderes Spiel, und es ist der Spaten, der das Grab manches glücklichen Haushalts gegraben | hat. Jeder Spieler erhält zwei offene und zwei umgewendete Karten, und dann bedarf es jedes Fünkchen Mutterwitzes und aller Vorsehung, die über dem Haupt eines Menschen wacht, wenn man den Klauen eines geübten Spielers unverletzt entrinnen will^und Gedalje war ein geübter Spieler. Darum war Beile sehr überrascht, als sie Arje am Schlüsse des Spieles sagen hörte: „Gedalje, denke an Deinen Ruf; ich habe fast zwei Rubel von Dir gewonnen." Als Arje auf den Fußspitzen in ihre Kammer kam, that sie, als ob sie schliefe, denn sie wollte ihm die Schande ersparen, daß sie von seinem Treiben Kenntniß habe. Das ging so fort, bis sie kräftig genug war, wieder hernnizugehen. Und dann geschah, was ihr Herz ihr vorhergesagt hatte: Arje verlegte, um der Verlegenheit ihrer Anwesenheit zu entgehen, den Schauplatz des Spiels in Gedalje's Haus und kam gerade nur nach Hanse, um seine Maaren hinzulegen und rasch ein paar Bissen zu essen. Aber wie spät er auch des Nachts heimkehrte. Beile machte keinerlei Bemerkungen, denn sie war zu stolz, um zu streiten oder ihm Vorstellungen zu machen, noch wollte sie um die Liebe betteln, die er ihr nicht freiwillig eutgegenbrachte. Oft wunderte sie sich, was wohl Gedalje in der Umgebung znrückhielt, denn er hatte anscheinend kein Geschäft da und lungerte immer ziellos im Dorfe umher. Aber bald sollte sie es wissen. Eines Morgens, als Arje hansiren gegangen war, sah sie Gedalje in sorgloser Weise eintreten; er war nun lange nicht in ihrem Hanse gewesen, und selbst wenn sie einander sahen, hatten sie nicht ein Wort mit einander gesprochen. „Du scheinst einsam, Beile", begann er. „Ich bin gekommen, um Dir Gesellschaft zu leisten, doch scheinst Du mir wenig dankbar für den guten Dienst zu sein." Er sprach leichthin, aber schnell genug wich er zurück, als sie ihn mit stammenden Augen anblickte. „Du hast Alles gethan, um mich einsam und zu einer Verbannten zu machen", sagte sie, sich mühsam beherrschend, „soll ich Dir dafür danken?" „Ich habe Dich einsam gemacht?" wiederholte er in scheinbarem Staunen; „aber es muß wohl wahr sein, da Tein eigner Mund es sagt. Seltsam ist es nur, daß der Mann, um dessentwillen Du meine Werbung verwarfst, so wenig von seinem . Glücke hält." „Gedalje", erwiderte Beite ruhig, „es ist thöricht von Dir, mich zu verhöhnen, denn nichts, was Du mir sagst, ficht mich an. Atem Herz ist tobt, und ich bin tvdt, und es ist verlorene Mühe, Jemand zu treten, der sich nicht mehr krümmt. Aber geh' von hinnen, bevor ich Dich verfluche — der Fluch der Todten geht in Erfüllung." „Ich bin verflucht genug," antwortete Gedalje; „ich spiele und trinke, und es muß ein Verhängniß über mir walten, denn Diejenigen, die sich zu mir gesellen, müssen dasselbe thun." „Du warst sein Unstern und sein Verderbeil", lautete die Antwort Beile's auf die Stichelei, „Du hast ihn zu dem gemacht, der er ist — aber am Tage des Gerichtes werde ich ihn von Dir zurückfordern, wie er war, hüte Dich, wenn Du die Forderung nicht erfüllen kannst." Bei ihren Worten veränderte sich sein Gesicht, und er kam ihr einen Schritt näher. „Warum überhaupt von ihm sprechen, Beile?" sagte er zärtlich. „Er liebt Dich nicht länger, er behandelt Dich wie einen Hund. All seine Liebe hat er mir zugewendet, aber ich habe sorgfältig damit hausgehalten, und ich biete sie Dir nun an. Nimm sie und mich mit ihr; ich kann Dir die Liebe zweier Männer geben, und nun besitzest Du nicht einmal die eines einziges Mannes. Komm mit mir, Beile, und ich werde Dich anbeten. Die Scheidung kannst Du leicht erhalten, das nehm' ich auf mich, komm nur — komm'!" Einen Angenblick sah sie ihn an, dann brach sie in ein Lachen aus, das ihm sein Herz in tausend Stücke zerriß. In lautem Lachen aufschreiend, rannte sie in die anstoßende Kammer und schob den Riegel vor. Das war die ganze Antwort, die er von ihr erhielt. Auf der Schwelle wandte er sich noch einmal um und rief ihr folgende Worte zu: „Hast Du beachtet, was ich neulich über meine Gewohnheit, mich zu rächen, sagte? Ist das eine leere Prahlerei? Du weißt es, wenn irgend Jemand es weiß, denn Dn hast die Lectivn nicht nur gelernt, Dn hast sie erlebt. Und Hab' ich ihn bis jetzt schon anders gemacht, als er einstens war, so wird er jetzt so werden, daß sein eigener guter Engel ihn nicht erkennen soll, an dem Tage, da er vor den Todespforten stehen wird." Als Arje Abends nach Hanse kam, erzählte ihm Beile einfach: „Gedalje war hier und hat mich mit Schmähungen überhäuft : er wollte, daß ich zu ihm kommen und sein Weib werden solle." Aber Arje loderte auf: „Was für Unsinn Du sprichst! Was für Verstand besitzest Tu, daß Tu keinen Spaß erkennst. Würde er so etwas im Ernste sagen! Ein Mann kann doch eine Frau ansehen, ohne den Wunsch im Herzen zu tragen, ihr Uebles zuzufügen. — Das für Deine Weisheit. Und nun beeile Dich mit dem Essen, denn ich bin hungrig." Schweigend aß er sein Mahl und ging dann, wie gewöhnlich, zu Gedalje. Beile's Herz war wirklich, wie sie gesagt hatte, todt in ihr; aber eine starre Verzweiflung war all die traurigen und trostlosen Tage und Nächte hindurch in ihrem Innern lebendig. Hie und da trieb sie der Dämon der Wnth und Hilflosigkeit fort, daß sie wie ein verwundetes Thier in der Nähe von Gedalje's Wohnung lauerte. Endlich hatte sie fast instinctmäßig eine Oeffuung in der Hecke gefunden, von welcher sie durch das Fenster in das Zimmer hineinblicken konnte. Anfangs glaubte sie, daß sie sich inr Hanse geirrt habe, denn tvvhl war es Gedalje, der da saß, aber das Gesicht des anderen Mannes kannte sie nicht. Das Geschöpf, das mit verglasten Augen und tvelkeu Wangen da kauerte, war nicht ihr Arje. Uub so beobachtete sie die Beiden fast interesselos — denn sie schienen ihr Fremde zu sein, mit denen sie nichts zu schaffen hatte. Sie bemerkte, daß Gedalje die ganze Zeit über die Karten theilte, ein Beweis, nach den Regeln des Spiels, daß er gewann, und sie bemerkte auch, daß er sie mit der Ueberlegnng eines Mannes mischte, der Herr der Situation und sich dessen wohlbewußt ist. Jedesmal, wenn er die wilde Begierde sah, mit welcher fein Gegner nach den Karten griff, da flog über Gedalje's Gesicht ein Lächeln der Verachtung und des Frohlockens, das weit schrecklicher war, als die Verzweiflung des Andern. So gab denn Gedalje ein um's anderemal Karten und war immerfort im Vortheil; wenn Arje einunddreißig hatte, so hatte Gedalje drei Nenner oder drei Damen oder drei Könige. Aber einmal ging das Spiel nicht so glatt vor sich wie sonst, und Beile hielt den Athem an, denn beide Spieler hatten vortreffliche Karten, und Beide hofften ans den Sieg; der Einsatz und Gegeueinsatz wurde immer höher und höher. „Drei Aß", sagte Arje nrit einem tiefen Athemzug und legte die Hand ans den Einsatz. „Nicht so schnell", bemerkte Gedalje ruhig und zeigte sein Blatt: er hatte vier von einer Farbe. Arje sprang mit einem Fluche ans, steckte die Hand in die Tasche, zog ein kleines Kästchen hervor und warf ein Goldstück auf den Tisch. „Das letzte!" rief er ans. Beile fuhr entsetzt zurück und suchte eifrig in den Falten ihres Kleides. Der Schlüssel war weg, der Schlüssel zu dem kleinen Geldschränkchen, das ihre Ersparnisse enthielt. Nicht um das Geld — nicht um das Geld ging es ihr, aber: Arje war ein Dieb geworden. lind am nächsten Morgen fragte ein Bewohner des Dorfes den andern mit erschrecktem Gesicht, ob er in der Nacht das unheimliche Klagegeheul gehört, und jeder that einen Blick aus seine Mesuse, um zu sehen, ob sie unversehrt sei und die bösen Geister abhalten würde. Es war in der dritten Nacht nach dem Tranmgeficht der Hölle — denn als ein solches war Beile das Erlebniß vor dem Hause Gedalje's erschienen. Sie blieb wieder einmal die Nacht auf; sie that jetzt oft Vieles mechanisch, was ihren früheren Gewohnheiten zuwiderlief. Sie hatte jede Zeitrechnung verloren. Wozu sollte sie auch auf die Zeit achten? Was hatte sie zu erwarten oder zu hoffen? Ihr Leben war wieder das unermeßliche Nichts geworden, das es zuvor gewesen; mochte es denn so sein, da es ihr Schicksal war. Plötzlich hörte sie Schritte; ein Mann, der schwer Athem holte-, kam den Gang entlang und stieß die Thür