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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-10-15 · 42 (15.10.1897) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
42 (15.10.1897)
Date
1897-10-15
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Sette 854 Dr. Vloch's WochrnfttzrM Rr. 42 legt. Ein klaffender Riß ging durch ihr Herz, welches sich zu verbluten drohte. Wie, waren wirkliche Anzeichen da, daß ihre Herrschaft sich dein Ende zuneigte? Herrschaft? ... . Wollte sie denn herrschen? Bewahre Gott! Sie und ihresgleichen kämpften und kämpfen ja niemals für sich, niemals für ihre Selbstsucht, sondern einzig und allein zum Ruhme Gottes, der ja ohne sie ganz hilflos wäre. . . Sie sind die Stützen und ewigen Pfeiler des wackeren alleinseeligmachenden Glaubens, der wankt, wenn sie wanken, der aber felsenfest steht, so lange das Scepter in ihren Händen ruht.... Voll diesem Tage ab ließ sich die kleine Jitele nicht mehr in der „entweihten" Synagoge blicken. Dafür erschien sie täglich, so schwer ihr auch dieses ankommen mochte, in der Gasse. Galt es doch die Wiederherstellung des so frivol verletzten heiligen Glaubens, die so arg gefährdete Aufrechterhaltung der von den Urvätern für ewige Zeiten eingesetzten alten „Ordnung" .... Allein ihr Erscheinen in der Gaffe, so entsetzlich dieses auch dem jungen Volke war. es hatte nicht mehr die frühere Wirkung. Es hatte sich Alles gegen die Jitele verschworen. Das Schrecklichste aber war ihr, daß sie nicht mehr den Stier bei den Hörnern packen konnte. Die arme Jitele glaubte, es wären die wenigen aus der Stadt zurückgekehrten Jünglinge, die all das Unheil angerichtet; indeß hatte sie es, wie bereits angedeutet, mit einem ganz und gar unangreifbaren Gegner zu thuu, einem abstracten Wesen, dessen Definirung seit je den größten Philosophen die unsagbarsten Schwierigkeiten bereitete. Dieses Wesen war: die Zeit. Sie war der alten Jitele in den Rücken gefallen und verfuhr mit ihr in gleicher Weise, wie sie mit allem morsch und hinfällig Gewordenen verfährt, das sie zersetzt und zu Staub zerreibt. Die Zeit aber hat überall ihre Handlanger, und sie hatte sie auch in unserem weltfremden karpathischen Städtchen. Das verstand die alte Jitele nicht, und sie glaubte, durch einen gegen die harmlosen jungen Bursche geführten Vernichtungsschlag die ganze von der hinter den Coulissen arbeitenden Zeit herbeigeführte Bewegung ersticken zu können. Die Zeit aber, wenn sie einmal gekommen, läßt sich nicht mehr abweisen. Das haben schon Größere, als die Jitele erfahren müssen. Sie geht unaufhaltsam ihren Weg und macht alle gegen sie geführten Anschläge zu Schanden... Ja, die Zeit hatte sogar die Kühnheit, selbst in die stille, hermetisch von der Außenwelt abgeschlossene Behausung der kleinen Jitele einzudringen, wo sie allerdings verheerend wirkte. Aber daran war nicht sie, sondern die kleine Jitele selbst schuld. Davon soll jedoch in der Folge des Näheren berichtet werden. _ (Fortsetzung folgt.) Feuilleton. In letzter Stunde. Von Samuel Gordon. (Schluß aus Nr. 41.) Gedalje hielt Wort und kam am Abend — nicht allein. Er hielt eine Flasche Kornschnaps in der Hand, und als er sie auf den Tisch stellte, sagte er lachend: „Hab' keine Angst, Arje; er ist rein und gut, es ist auch nicht das Siegel mit dem Banne des Rabbi Jochanan daraus." Und er wußte wohl, warum er das sagte, denn sicherlich würde Arje ihn nun nach der Geschichte fragen, welche in der ganzen Provinz bekannt war, wenn auch Niemand den wahren Sachverhalt kannte. Gedalje war groß im Erzählen witziger und muthwilliger Geschichten, besonders jener, bei denen er seine Hand im Spiele gehabt hatte. Diese Geschichte verhielt sich folgendermaßen: Rabbi Jochanan von Stvlp hatte Gedalje verboten, Weine und Spirituosen zu verkaufen, weil sie bei der Fabrikation durch die Hände von Christen gegangen und so profanirt und unmöglich zu genießen waren. Das lvar für Gedalje, der hauptsächlich mit Strenggläubigen Geschäfte machte, ein harter Schlag. Er lauerte aus Rache. Eines Tages hörte er, daß Rabbi Jochananzu einem Hochzeitsfest in einem abgelegenen Dörfchen zu gehen beabsichtigte. Da ging er an den ersten Ort, welchen der Rabbi paffiren mußte und erzählte den Leuten — alle waren Mujiks — daß er der Vorläufer eines großen Gauklers und Akrobaten sei, den aber nur Gewalt dazu vermöge, etwas von seiner Geschicklichkeit und Kunst zu zeigen. Als nun Rabbi Jochanan in dem betreffenden Ort ankam, sah er dort viele Leute versammelt, die den Pferden in die Zügel fielen und ihn absteigen hießen. Verwundert was das wohl zu bedeuten habe, gehorchte er. Da verlangten sie von ihm einen Beweis seiner Kunstfertigkeit; aber der arme kleine dickbäuchige Rabbi starrte sie bestürzt an, bis eine Peitsche niedersauste und ein Hieb auf die Schulter ihm zeigte, daß sie im Ernst waren. Da er keine Rettung sah, stützte er sich mit einer Hand auf die Mauer und stand zuerst auf einem Bein und dann auf dem aildern; als er aber einen Versuch machte, zu hopsen, stürzte er hin und lag der ganzen Länge nach auf dem Boden. Da wurden die Bauern böse und drohten ihm, es würde ihm übel ergehen, wenn er nicht bald ein Kunststück zeige, das zu betrachten der Mühe Werth sei. In seiner Verzweiflung rief er seinen Kutscher, der von der Geschichte mehr wußte, als er seinem Herrn eingestehen wollte und sagte ihm: „Paß' auf, Moische Aron, ich werde mich mit dem Kopf aus den Boden stellen, hilf mir und stoße von rückwärts, damit ich einen Purzelbaum schlage und so diese Mörder belustige." Moische Aron that, was er konnte, aber selbst dann war der Versuch mißlungen, und indem sie schreiend mit Stockprügeln auf ihn einhieben, ergriffen die Bauern den Rabbi und schleuderten ihn in den Wagen zurück; sie warfen ihm noch eine Ladung Koth und verfaulten Gemüses nach. Und Gedalje schloß mit der Erklärung: „Das soll Dir ze gen, Bruder mein, daß es meine Gewohnheit ist, nicht zu ruhen, bis ich denjenigen, die meinen Wünschen znwidergehandelt haben, Schaden zngefügt." Arje beachtete die Moral nicht, denn er wand sich vor Lachen; aber Beile hörte sie wohl, und es schien ihr, als wären die Worte nicht auf's Gerathewohl gesprochen. Die Erzählung hatte längere Zeit gedauert, und als sie zu Ende war, war auch der Inhalt der Branutweinflasche bedeutend geringer geworden; Arje trug tüchtig dazu bei, daß sie leer wurde. Den ganzeil Abend hindurch hatte• er seine Blicke nur selten auf die Stelle gerichtet, wo Beile saß, sonst hätte er gesehen, daß sie, je lauter er lachte, desto tiefer ihren Kopf senkte, damit die glänzenden Tropfen auf ihren Wangen nicht bemerkt würde». Endlich entfernte sich Gedalje nrit der leeren Flasche und dem Versprechen, das aber kein leeres war, am nächsten Tage früher zu kommen, denn Arje sagte, er würde nur drei Viertel seiner gewöhnlichen Runde machen. So kam es denn, daß Gedalje und seine Branntweinslasche das tägliche Ereigniß in Arje's Haushalt war; und immer mehr kürzte Arje seine Arbeitsstunden ab, um nur eher zu Hause zu sein. Beile sah, wie ihm der Verkehr mit Gedalje mehr und mehr eine Nothwendigkeit wurde; aber sie vergoß ihre Thränen in der Stille und machte ihm keine Vorwürfe. Etwa vier Wochen llach dein ersten Besuche des Eindringlings wurde sie krank. Sie lvar Morgens zum Brunnen gegangen — denn das Wassertragen und Holzhacken war seit einiger Zeit ihr überlassen worden — und hatte das Eis, das sich ringsumher gebildet hatte, wegzuhacken begonnen. Der Frostunhold war die ganze Nacht damit beschäftigt gewesen, den Dorsbrunnen mit Zeichnungen zu schmücken, die seiner Phantasie besonders zusagten, und als er Beile unter seiner Hände Arbeit eine solche Verheerung anrichten sah, wurde er zornig und streifte im Vorbeigehen ihren Busen mit seinen Fingern — zwar nur leicht, aber doch genügend, um das Mark in ihren Knochen erstarren zu lassen, so daß sie das Fieber zwang, das Bett zu hüten. Arje war sehr gut gegen sie, brachte ihr warme Tränklein und Umschläge und saß bei ihr — bis Gedalje kam, aber nicht länger. Ihre Kammer war vom Wohnzimmer durch eine dünne Wand getrennt, und so konnte sie fast Alles hören, was dort vorging. Am vierten Tage ihrer Krankheit, als diese ihren Höhepunkt erreicht hatte, hörte Beile gleich nach Gedalje's Ankunft ein Geräusch im anderen Zimmer, daß sie in furchtbarem Schrecken aussprang. Die Männer sprachen leise, aber ein Geräusch, als ob Karten gemischt würden, drang an ihr Ohr — Arje war nicht dreist genug gewesen, ihre Augen mit dem Anblicke dessen, was sie, wie er wußte, am meisten auf Erden haßte, zu beleidigen; aber nun, da sie nicht dabei war, was schadete es?

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