Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-10-15 · 42 (15.10.1897) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
42 (15.10.1897)
Date
1897-10-15
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021211--07202-3031519
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 42 Dr. Vwch's WochenkchrM- Sette 853 hielt unser verdienter Cantor und Religionslehrer Herr Adolf Kohn eine wohldurchdachte zum Herzen gehende Rede. Wir wünschen diesem wirklich humanitären Vereine auch ferner, daß er stets in der Lage sei, menschenfreundliche und gottgefällige Werke zu stiften. Brüssel. Generalconsul Franz Phillipson hat vom König den Leopold-Orden erhalten. Phillipson ist der Sohn des verstorbenen Bonner Rabbiners Dr. Ludwig Phillip s o n und der Repräsentant der Brüsseler jüdischen Gemeinde im Verwaltungsrathe des jüdischen Colonisationsvereins (Jewish Colonisation Association). Lomso (Russisch-Polen). Auf seiner Reise durch Polen besuchte der Generalgouverneur 'das hiesige Spital, welches er für unzulänglich erklärte. Es wird sofort mit dem Bau eines neuen Gebäudes begonnen werden. Monaco. Der Fürst von Monaco hat Mr. Theodore L u m l e y zum Generalconsul für London ernannt. London. Der König von Siam, der neulich bei dem Bürgermeister gespeist hat, hat ihm den königlichen weißen Elephantenorden verliehen. Glasgow. Sonntag Nachmittag wurde der neue Friedhof eingeweiht. Odessa. „Odeski Listok" bringt in seiner letzten Nummer einen Artikel, in welchem er für die russischen Juden plaidirt, welche aus Argentinien in ihre Heimat zurückkehren wollen, von der Regierung aber die Erlaubniß hiezu nicht erhalten. Culturbilder aus halbvergangener Zeit. i. Die kleine Iitele. Von Marek F i r k o w i c z. Sie war klein, sehr klein, die „kleine Iitele" und niemals, wie es allgemein hieß, jung gelvesen. Die ältesten Leute im Orte kannten sie schon als altes Weib. Nichts an ihr verrieth Jugend, nur die Zunge. Und sie hatte eine lose, von Jung und Alt maßlos gefürchtete Zunge. Malitiöse Leute behaupteten, Iitele sei mit Runzeln schon zur Welt gekommen ... Sie hatte einen watschelnden Gang, wodurch vermuthlich das Gerücht entstanden, daß sie schon in jungen Jahren wegen ihrer großen Bosheit verhext worden wäre: man dichtete ihr nämlich Gänsefüße an. Sie wurde nie anders, als auf einen laugerk, ihren Kopf weit überragenden Knittelstock gestützt, umherwandeln gesehen. Sie hatte Generationen komnren und gehen gesehen, kannte gründlich die Lebensgeschichte der Väter uno Urväter der kleinen Gemeinde und war deren Kindern und Kindeskindern darum so schrecklich, weil sie selten Gutes den Todten und Lebenden nachsagte. Sie war das böse Gewissen der Gemeinde. Sie ging nur selten durch die Gasse, aber wenn sie es that, dann flohen die Kleinen kreischend nach rechts und links, wichen Männer und Weiber scheu aus, zog sich das junge Volk, auf welche sie es ganz besonders scharf hatte, schleunig in die Häuser zurück, die Thüren hinter sich schließend. Die Mädchen und Jünglinge hatten nämlich, zumal in jüngster Zeit, wo ein moderner Geist in die Gemeinde einzuziehen begann, von der kleinen Iitele unsäglich zu leiden. Diese duldete keinerlei Neuerung, in der Gemeinde und war sie auch die harmloseste und unschuldigste, weder in religiösen noch in weltlichen Dingen. Iitele war nämlich „fromm", schrecklich fromm und wehe dem Mädchen, welches ihr, mit einem Sonnenschirm in der Hand, am Sabbath begegnete, oder welches sie an diesem Tage glatt gekämmt sah, oder es überraschte beim Waschen mit einer Seife — sein guter Ruf war dahin. Es war zu einem moralischen Spießruthenlaufen verurtheilt. Kurz, die kleine Iitele, die alle Frömmigkeit gepachtet hatte, war die Geißel der Gemeinde, eine wahre Gottesgeißel, von Allen gehaßt und gefürchtet, von Allen aber auch als ein unabwendbares Berhängniß angesehen, welches man über sich ergehen lassen müsse. Es war ein wahres Glück, daß sie nicht allzu oft ausging. Nur zur Synagoge, die sich in der unmittelbaren Nähe ihrer Behausung befand, ging sie täglich Früh und Abends, und das wußte die junge Welt und ließ sich daher im weiten Umkreise des Gotteshauses um jene Zeit nicht blicken. So tyrannisirte ein keifendes Weib mit Hilfe der einzige» Waffe, des von der Macht der Gewohnheit getragenen non possumus, eine ganze Gemeinde! (Aber keiner usurpirten Herrschaft ist es vergönnt, ewig die Vorsehung zu spielen. Und auch die Allmacht der kleinen Iitele nahm eines schönen Tages ein jähes Ende. Für den tiefer Blickenden war es schon lange kein Geheimniß mehr, daß ein revolutionärer Geist, so schüchtern er sich auch anfänglich regte, seinen Einzug in unser Städtchen gehalten hatte. Wie aber war das in einem so weltvergessenen, von Karpathen-Höhen ebenso umschlossenen, als von der kleinen Iitele und ihren alten Eohorten sorgsam gehüteten Ort möglich? Das kam einfach so. Im Laufe der Jahre hatten einige beherzte Knaben den Entschluß gefaßt, in die große Welt hinauszugehen, um etwas Rechtes zu lernen. Die einen widmeten sich dem Gelehrtenberuf, die anderen dem Handwerk. Bon Sehnsucht nach den Ihrigen getrieben, kehrten sie periodisch, so oft es die Ferien oder sonstige Gelegenheiten gestatteten, in ihre Heimat zurück, um wochenlang daselbst zu verweilen. Die Heimgekehrten wurden angestaunt wie Wesen, die aus einer anderen Welt kamen. Und doch war nichts an ihnen, das einem normal veranlagten Menschen irgendwie auffallen konnte. Sie waren nur säuberlicher gewaschen und gekleidet als die Anderen, waren täglich frisirt, putzten oder ließen sich täglich Schuhe und Kleider putzen, benahmen sich gesitteter, sprachen und geberdeten sich überhaupt mit besserer Manier als die Anderen. Das war so ziemlich Alles. Aber in den Augen der kleinen Iitele und ihrer Gesinnungsgenossen bargen schon solche Imponderabilien ein schweres Verbrechen in sich. Gewiß, sie verleiteten zur Apostasie, wenn sie nicht schon Folgen der Apostasie waren. Und es erhob sich ein furchtbares Geschrei. Doch merkwürdiger Weise verfing dieses nicht mehr so wie vormals. Das Gehaben der jungen Leute aus der Fremde hatte bereits angefangen, Schule zu machen. Besonders waren es die grünen Jungen im Orte, bei welchen die Nettigkeit und Ordnung in Kleidung und Haltung Wohlgefallen erregte und zur Nachahmung anspornte. Die gleiche Wandlung vollzog sich noch rascher bei den Mädchen. War man früher unter der Woche in größter äußerlicher Vernachläffigung herumgegangen, ohne auch nur im Entferntesten Unschönes darin zu erblicken, so wurde jetzt sorgfältiger auf Reinhaltung der Kleider und Körpers gesehen. War man früher gleichgiltig, unwirsch, oder im besten Falle mit einem derben, bisweilen rohen Worte an einander vorübergegangen, so drückte man sich jetzt im Vorbeigehen unter freundlichem Gruße die Hand. Kurz, das Alphabet des Anstandes wurde bald erlernt und die Uebung desselben versetzte die kleine Iitele und ihren Anhang in Raserei. Ihr Geschrei wurde umso wilder, je ohnmächtiger es sich erwies. Denn der Feind war unangreifbar. Es waren Hiebe in die Luft. Die kleine Iitele vermochte auch nicht einen einzigen stichhältigen Grund für ihr Wüthen vorzubringen. Die gleiche Umwälzung wie im profanen Leben vollzog sich allmälig in der Synagoge — am allerheiligsten Orte — und das schlug vollends dem Faß den Boden aus. Die Jünglinge aus der Stadt besuchten regelmäßig das Gotteshaus und verrichteten daselbst, inmitten des wilden Durcheinanders, des zügellosen Schreiens und Lärmens der Gemeinde, in stiller Andacht ihr Gebet. Selbstredend war das ein freches Attentat auf die altehrwürdige „Frömmigkeit!" Aber so fremdartig und ungewohnt eine solche Betweise war, sie fand doch nach und nach, zumal bei der Heranwachsenden Jugend, Anklang und in der Folge auch Nachahmung. Als nun erst gar der Eine oder der Andere der Heimgekehrten, zur Thora gerufen, die Segenssprüche tadellos recitirte und die Haftarah verständnißvoll. mit guter Betonung vortrug, da eroberte die neue Richtung, in welcher nichts Unfrommes zu erblicken war, mit einem Schlage die halbe Gemeinde. Man konnte bei solchen Gelegenheiten sehen, wie graubärtige Väter ihre Kinder auf den Armen emporhoben, um ihnen den vielbewunderten Haftarah- Borleser zu zeigen... Also die Synagoge war auch schon von diesen Gelbschnäbeln entehrt, und kein Blitzstrahl fuhr vom Himmel nieder, um die Tempelschänder zu vernichten! Noch mehr. Lautlos lauschte die Gemeinde diesem gottlosen Treiben und selbst die hitzigsten Fanatiker standen wie gelähmt mit offenem Munde da, ohne auch nur ein Wort der Entrüstung zu finden. Nur oben in der „Weiberschul" hörte man einen gellenden Schrei.... ein ungestümes Zuschlägen des „Ständers". . . . Die kleine Iitele hatte, mit einem grimmen Fluche auf den Lippen, die Synagoge verlaffen. Es waren schlimme Tage für die kleine Iitele gekommen. Sie sah eine Bresche in die Zwingburg ihrer „Frömmigkeit" ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.