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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-10-15 · 42 (15.10.1897) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
42 (15.10.1897)
Date
1897-10-15
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 42 Dr. Vlvch's WochrnlchrM. Seite 851 nießen, von ihrer Arbeit zu leben. Augenblicklich verdoppelte sich der Werth der Grundstücke, der Immobilien. In Warschau sind ganze Stadtviertel niedergerissen worden, um neuen Bauten, bequemen neuen Wohnungen Raum zu schassen; in beit Fabriken und Werken ersetzen jetzt vervollkommnete Maschinen das primitive Werkzeug von ehedem. Von heute ab kann Lodz mit Moskau wetteifern, das ihm die Waffen zum Kampf geschaffen; es geht dies soweit, daß die moskovitischen Fabrikanten kürzlich die Regierung darum ersucht haben, eine Specialsteuer auf die Lodzer Erzeugnisse zu legen oder die Stadt für „außerhalb des Territoriums zu erklären". Natürlich hat dieses extravagante Verlangen bei der obersten Behörde kein Gehör gesunden. Der ökonomische Wettstreit darf keine anderen Waffen haben als die freie Concurrenz. Helsingsors, 26. September. Eine erbärmliche Dennnciation gegen hiesige Juden und die verständige und humane Art, wie die Polizei von Helsingsors derselben entgegengetreten ist, werden hier allgemein besprochen. Vor ungefähr vierzehn Tagen erhielt die Polizei eine von mehreren Schneidern unterschriebene Beschwerdeschrift, in der darüber Klage geführt wurde, daß in offenem Widerspruche zu dem von der Kanzleiexpedition am 29. März 1889 erlassenen Rundschreiben verschiedene hier angesessene Personen mosaischen Glaubens Ehen eingegangen hätten, daß sie zum Schaden des Publicums im Allgemeinen und der christlichen Handwerker insbesondere das Schneiderhandwerk betrieben und daß sie noch dazu auch an Sonntagen Geschäfte machten. Die Polizei hat mm den Demmcianten folgende Antwort gegeben: „Was zunächst die Beschwerde anbetrisft, daß hier angesessene Israeliten Ehen eingegangen sein sollen, so muß darauf aufmerksam gemacht werden, daß die Polizei gar keine Möglichkeit hat, in der erwähnten Hinsicht die hier weilenden Israeliten zn controliren (es gibt dort noch keine Standesämter. Red.), die hiesige israelitische Colonie steht gewissermaßen außerhalb des Gesetzes; sie hat keine Organisation und ist auch gar nicht verpflichtet, der Obrigkeit über die Familieuverhaltnisse ihrer Mitglieder Mittheilnngen zn machen. Der Polizei blieb nichts anders übrig, als jedesmal, sobald gerüchtweise verlautet, daß eine israelitische Ehe geschlossen wäre, durch ihre Geheimagenten uachznforschen, inwiefern das Gerücht begründet ist oder nicht; es wird Jedem einleuchten, daß solche Nachforschungen etwas sehr Odioses an sich haben. Die Polizei hat es auch unterlassen, gegen diese Ehepaare einzuschreiten, weil es hier bekannt ist, daß an hohem Orte eine Abänderung der geltenden Bestimmungen beabsichtigt wird und daß demnächst den sich hier aufhaltenden Israeliten gestattet werden dürste, Ehen einzugehen, ohne dadurch ihr Aufenthaltsrecht in Finnland einzubüßen. Unter diesen Umstünden wäre es, nach der Auffassung der Polizei, ganz unmenschlich gewesen, diese Personen zu zwingen, das Land und ihre Angehörigen zu verlassen. Was den zweiten Punkt der Beschwerdeschrist betrifft, so ist nur zu bemerken, daß die in demselben enthaltene Klage völlig unbegründet ist, indem sämmtliche verklagte Personen dem Gesetz vom 31. März 1879 gemäß das Recht erworben haben, „in der Stadt Helsingsors das Schneiderhandwerk zu betreiben, sowie auch Handel mit Maaren, die für dieses Handwerk nöthig sind." Was schließlich die Beschwerde anbelangt, daß die hiesigen Israeliten durch Handeln an Sonntagen die Kirchenruhe störe», so ist die Polizei in der Lage, zu erklären, daß Verstöße gegen die Sonntagsruhe wohl vorgekommen sind, von Seite» der Israeliten aber keineswegs häufiger als voll Seiten der hiesigen christlichen Handel- und Gewerbetreibenden. Wo eht solcher Verstoß nachzuweisen ist, wird der Betreffende, ob Christ oder Israelit, stets bestraft." London. D»e Eröffnung der neuen jüdischen Poliklinik im Osten von London. Montag Abends fand die feierliche Eröffnung der neuen jüdischen Poliklinik (Jewish Provident Dispensary) in Whitechapel, Lenranstreet statt. Die Hanptanregung zur Gründung dieses großartigen Instituts war der Umstand, daß ein großer Theil der armen Juden in Whitechapel sich bei den Aerzteu der schon bestehenden Polikliniken nicht verständlich machen konnte. Die neue Poliklinik wird den Armen nun die große Wohlthat gewähren, daß sie ohne Hindernisse ärztliche Hilfe werden genießen können, beim baä Aerzteperfonal muß so viele Sprachkenntnisse besitzen, daß diese Schwierigkeiten ausgeschlossen sind. Anfangs sollte die Poliklinik — der warmherzige Freund der armen ausländischen Juden, Mr. Hermann Landau ist der eigentliche Gründer dieser Anstalt — ganz unentgeltlich sein. Davon ist man aber nach reiflicher Ueberlegung abgekommen; auch hat man' beschlossen, die Poliklinik auch Andersgläubigen zugänglich zu machen. Unter den Anwesenden befanden sich: Mr. F. D' Mocatta (Bicepräsident der neuen Anstalt) der Chief-Rabbi, Dr. Löwy, Dr. Blök, A. G. de la Pryme.-(Pfarrer von St. Mary), Dr. Clisford, Qberstlieutenant Montefiore rc. Das Gebäude, das der Architekt Mr. Delcisa Joseph aus einem ehemaligen Schulhans hergestellt hat, ist sehr geräumig: es enthält mehrere große Wartesäle, drei Ordinationszimmer, zwei Apotheken, Schwefelbäder für Hantkranke, eine Wohnung für den ständigen Arzt :c. rc. Dieser und neun andere Aerzte, von denen vier Wundärzte sind, bilden das Aerzteperfonal. Herr Wilhelm Groß, ein gebürtiger Ungar, ist feit mehreren Jahren als Spediteur und Exporteur in Jaffa unb Jerusalem ansässig. (Er ist momentan in London.) Mit den dortigen Verhältnissen vortrefflich vertraut, entwickelt er seine Ansichten über die Lage in Palästina und die Maßregeln, die sofort angewendet werden müßten, um der preeären Lage ein Ende zu bereiten, folgendermaßen: An dem Elend in Palästina und ganz besonders in Jerusalem ist nur oder hauptsächlich die Chalnka schuld. Das System der Geldvertheilung nach Gemeinden ist höchst ungerecht. Ein Beispiel mag das erhärten. In Jerusalem gibt es verhältnißmäßig wenig ungarische Inden; da ihre Glaubensgenossen in der Heimat in ziemlich günstigen Verhältnissen sind, so senden sie größere Geldbeträge, und jeder Ungar erhält demnach eine beträchtliche Summe. Den deutschen Juden in Jerusalem geht es noch besser, sie erhalten verhältnißmäßig größere Summen. Die Inden ans Polen hingegen sind sehr schlimm daran; es sind ihrer sehr viele in Palästina, die Beiträge ihrer Landsleute aber sind naturgemäß sehr gering, und so kommt es, daß viele oft nur 20 Francs jährliche Unterstützung erhalten. Noch ein Umstand verschlimmert ihre Verhältnisse. Diejenigen Juden, die reichliche Unterstützungen erhalten, sind zumeist Geschäftsleute und in Folge der Unterstützungen im Stande, billiger zu liefern, als die andern, so daß diese unmöglich etwas verdienen köllueu. Es sollte also, meint Herr Groß, ein Centralfond in Jerusalem bestehen, ans welchem alle Bedürftigen, unbekümmert um ihre Nationalität, Unterstützungen empfangen sollten. Zu dem Zwecke soll ein internationales Comit6 eingesetzt werden, welches die Lage gründlich stndirt. Herr Groß hält es für das Richtigste, bevor man an einen Judenstaat denke, die materielle Lage der schon in Palästina befindlichen Juden zu verbessern. Was diese brauchen, sind nicht Almosen, die ihnen blind hiugeworfen werden, sondern die Mittel, sich durch Ackerbau und Industrie ihren Unterhalt zn erwerben. In Palästina selbst muß der Anfang durch Decentralisatiou gemacht werden. In Jerusalem, wo die jüdische Bevölkerung 60 bis 70 Percent beträgt, gibt es viel zu viel jüdische Handwerker. Man sollte ihnen ermöglichen, sich über das Land zu zerstreuen, sich unter Christen und Mohammedanern niederzulassen. Am andern Ufer des Jordan zum Beispiel gibt es Orte, die von den türkischen Behörden wohl regiert werden; dort wäre freier Spielraum zur Entwicklung von Industrien. Der Export wird von Tag zu Tag größer; Oel allein wird um 80.000 Pfund jährlich, das ist rund eine Million Gulden exportirt. In zweiter Reihe müßten in den Hauptstädten Europas Depots zum Verkaufe der im heiligen Lande erzeugten Maaren errichtet werden. Solche Depots bestehen schon in Hamburg, Berlin rc., sie machen bedeutende Geschäfte, und es ist nun anzunehmeu, daß dieselben tut Laufe der Zeit noch größer werden. London ist in erster Reihe förmlich dazu geschaffen. Herr Gross hat darüber mit Oberst Goldsmid, Mr. Joseph Prag und anderen hervorragenden Mitgliedern der Chovevi- Zion-Association gesprochen. Zu Paris hat Baron Edmvnd de Rothschild seinen Beistand zugesagt, der nicht nur 50.000 Francs ohne Zinsen herleihen will, sondern sich auch erbietet, die Hälfte des etwaigen Verlustes zn tragen. Ueber die Armen unter den Juden in Palästina erzählt Herr Groß nur Gutes; sie ertragen ihr Elend in edler Weise, sie sind anständig und ehrlich, und wenn sie nur die Möglichkeit hätten, sich im Schweiße ihres Angesichtes ihr Brot zn verdienen, so würden sie ihrem Volke und dem Lande, das ihre Heimat werden soll, zur Ehre gereichen. London. Lord Tennysou und die Jude». Das literarische Ereigniß der letzten Woche sind die von seinem Sohne herausgegebenen Memoire:» des berühmten englischen Dichters, der auch mit modernen ^uden viele Berührungspunkte

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