Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 42 (15.10.1897)
- Date
- 1897-10-15
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021211--07199-3031516- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 850 Vr Vloch's Wochrnschrifl Nr. 42 siehung der Vertretung unserer Gemeinde bereitwilligst entgegenwmmt und alle gerechten Wünsche derselben jederzeit in zuvorkommender Weise erfüllt. Unsere Gemeindevertretung hält es mit Recht unter ihrer Würde, die ihr von Seite Ihres Herrn Berichterstatters gemachten ungerechten Vorwürfe selbst zurückzuweisen, und fühle ich mich daher verpflichtet, auch diesbezüglich Einiges zu bemerken. Es ist sicherlich nur recht und billig, wenn die Vertretung unserer Genieinde ihren christlichen Unterlehrern, welche in der Regel kein Nebeneinkommen haben, einen Quartiersbeitrag bewilligt; daß die erwähnte Vertretung ihren israelitischen Unterlehrern einen Quartiersbeitrag bis nun nicht gegeben hat, beruht wohl auf Wahrheit und hat seinen Grund darin, weil wir einerseits seit mehr als drei Jahren gar keinen israelitischen Unterlehrer haben, und andererseits, weil der seinerzeitige israelitische Unterlehrcr von der Gemeinde für den hebräischen und Talmud-Unterricht ein Honorar bezogen hat, welches weit größer war, als wie der vom Staat bezogene Gehalt desselben. Dieser Herr hat sonach einen Quartiersbeitrag nicht benöthigt und auch um einen solchen niemals angesncht. Unsere Gemeinde honorirt ihre Lehrer für den hebräischen Unterricht mindestens so gut wie jede andere Gemeinde, und es bezieht beispielsweise der jüngste und weniger gut Honorirte derselben, welcher nebenbei gesagt erst seit November 1895 hier ist,. und bis dahin Unterlehrer war, für den hebräischen Unterricht einen Jahresgehalt von 275 fl. Es haben sonach sicherlich weder die christlichen, noch die israelitischen Lehrer Ursache, sich über die Gemeindevertretung zu beklagen. Auch alle sonstigen Beschuldigungen Ihres Herrn Berichterstatters halte ich für nicht begründet, fühle mich jedoch nicht berufen, dieselben, da sie externe Verhältnisse berühren, zu widerlegen, und wird jeder vorurtheilslose Leser des oft erwähnten Berichtes Ihres Herrn Berichterstatters zu dem Schlüsse gelangen, daß inan zu demselben mit Recht sagen kann: „Das heißt zu deutsch: Antisemitismus im eigenen Lager". Essek, 10. October. Bon der Eintracht der hiesigen Bürgerschaft ohne Unterschied des Religionsbekenntttisses gibt Nachstehendes Zeugniß, welches Seine Ehrwürden Herr Rabbiner S. Winter aus Mosice in c r o a t i s ch e r S P r a ch e bei der Installation des neuen Oberrabbiners Herrn Dr. K a m i u k a besonders hervorhob; unter Anderen! sagte er treffend: „Die Scholle Erde, auf der wir leben, ist unsere Muttererde, unser geliebtes kroatisches Vaterland; wir sind treue Söhne dieses Landes, erziehen unsere Kinder im nationalen Geiste, leben mit unserem Volke in brüderlicher Eintracht und Frieden und Keiner fragt den Anderen, auf welche Weise er Gott anbetet, und freudig opfert Jeder sein Gut und Blut für das Wohl des Vaterlandes. Mit Genugthuung sehe ich heute bei der Jnstallirung des Oberrabbiners Herrn Dr. Kamin k.a die Repräsentanten aller Confessionen vertreten, die Autheil nehmen an dem Freudentage der hiesigen israelitischen Bevölkerung. Aber auch damals bei dem Begräbnisse des unvergeßlichen treuen Seelenhirten, des Oberrabbiuers Dr. Samuel Spitzer waren Alle vertreten und nahmen wehmüthigen Antheil an dem herben Verluste der hiesigen Israeliten, und mit Stolz muß ich heute hier den edlen Beschluß des hiesigen städtischen Gemeinderathes hervorheben, welcher im vorigen Monat der Esseker Israelitischen Cultusgeineinde zur Renovirung ihises Tempels eine Suhvention von fünftausend Gulden ansbezahlen ließ. Eine solche Brüderlichkeit, eine solche Toleranz ist ein unzertrennliches Band der hiesigen Bevölkerung und mit dem innigsten Gebete zu dem Gotte aller Menschen, daß ein solches Einvernehmen in unserem Vaterlande dauernd bleibe, schließe ich mit einem dreimaligen „Zivio!" auf die Bewohner dieser Stadt und auf unser theures Vaterland." Mit stürmischem Beisalle itiitr von allen Seiten acclamirt wurde diese Rede von den Anwesenden ausgenommen. Niedergang des Antisemitismus in Sachsen. Berlin, 4. October. Bei den Landtagswahlen in Sachse n, die in der vorigen Woche stattgefunden, ist die antisemitische Reformpartei in die Brüche gegangen. Ein einziger Antisemit wurde gewählt, und auch diese Säule der Partei ist schon „geborsten, kann stürzen über Nacht". Man betrachtet diese Niederlage als ein Vorspiel zu dem Schicksal, daß der Partei bei den nächsten Rcichstagswahlen bevorstehen soll. Ob die politischen Wettermacher Recht haben, wissen wir nicht — aber ein bedenkliches Zeichen ist es immerhin, daß die Ratten das Schiff verlassen und die guten Freunde bedenklich abzurücken beginnen. So constatirt die „Kreuzzeitung", die ihrer Stammesuud Seelenverwanotschaft mit den Antisemiten völlig uneingedenk geworden ist, diese Niederlage mit bemerkeuswerther Freude. Das Blatt läßt sich, indem es die Hoffnung auf eine Bekehrung und Rückkehr der Antisemiten zur couservativen Mutterpartei noch nicht ganz anfgeben will, wie folgt aus: „Ihr Ansturm gegen das indirecte Wahlrecht hat ihnen also gar nichts genutzt, und gleichzeitig ist jetzt klar geworden, daß sie nur in den unteren (tz e s e l l s ch a f t s s ch i ch t e n, das heißt in der dritten Wählcrclasse, einen gewissen Anhang besitzen. Dieser kann sich mit dem der Socialdemokratic offenbar nicht im Entferntesten messen. Bei den nächsten Neichstagswahlcn wird sich das wahrscheinlich noch viel klarer zeigen, rmd zu verwundern wäre es nicht; denn wie in Hessen, so scheint auch in Sachsen das radical-agitatorische Moment das antiscmitisch-socialreformerische mehr und mehr zuriickzudrängen, so daß cs vielen Leuten allerdings einfacher Vorkommen mag, sich der allerradicalsten Partei, das heißt der Socialdemokratie, ohne Umwege anzuschließen. Was an den Zielen der Reformpartei bisher berechtigt war, braucht darnnter nicht zu leiden; denn auch Von anderer Seite wird es ja vertreten." Das heißt ins Deutsche übertragen, den Antisemitismus will die couservative Partei gern als Erbschaft aus dem Nachlaß der christlich-socialen Reformer übernehmen. Breslau. (U n i v e r s i t ä t s p r o f e s s o r D r. A u e rb a ch.) Mit dem am Abend des 30. September in B r e s l a u im Kreise seiner Angehörigen im 69. Lebensjahre verstorbenen Professor Dr. Leopold Auerbach ist ein Gelehrter aus dem Leben geschieden, der nicht blos in den Kreisen seiner Fachgenoffen, sondern weit über Breslaus Mauern hinaus hochgeachtet war, auch bei seinen Schülern, sowie allen Denen, welche mit ihm in Berührung kamen, hat er sich durch die Bethätiguug einer ungewöhnlich großen Liebenswürdigkeit, die sich mit persönlicher Bescheidenheit paarte, sicherlich ein bleibendes Andenken geschaffen. Am 27. April 1828 in Breslau geboren, promovirte derselbe in B e r l i u im Jahre 1849, habilitirte sich in Breslau im Jahre 1863 als Privatdocent und wurde im Jahre 1872 zum Professor der Breslauer Universität ernannt, an welcher er seit seiner Habilitation bis zu seinem Tode ununterbrochen als Lehrer der anatomisch-physiologischen Wissenschaften wirkte. Besonders auf dem Gebiete der Hystologie, der Entwicklungsgeschichte, der allgemeinen Zellenlehre und der Protozooen hat der Verstorbene theils als Lehrer, theils publicistisch sein außerordentlich tiefes und vielseitiges Wissen bethätigt. Durch seine populären Vorträge in der Vaterländischen Gesellschaft, sowie durch seine lebhafte Antheilnahme an Allem, was die Wissenschaft betraf, ist seine Persönlichkeit auch weiteren Kreisen bekannt geworden. An äußeren Ehren und Auszeichnungen ist das Leben dieses Gelehrten — wenn man von der Verleihung des Rothen Adlerordens IV. Classe, die im Jahre 1892 erfolgte, absieht — arm geblieben! Lodz. Die Zeitung „Woschod" hat sich in einer ihrer Nummern mit der außergewöhnlichen Entwicklung beschäftigt, die die Stadt Lodz seit einigen Jahren genommen. Die Bemerkungen sind zu beachten, denn sie weisen nach, daß, was die Stadt Lodz an industrieller Bedeutung gewonnen hat, von Moskau eingebüßt worden ist, und daß diese Veränderung den Ausweisungen von 1892 zuzuschreiben ist. Anbei einige Auszeichnuttgen, welche aus den Censirungsregistern der Stadt Lodz herausgezogen wurden. Im Jahre 1885 zählte die Stadt Lodz eine Bevölkerung von 135.000 Seelen; im Jahre 1897 finden wir daselbst 322.000 Bewohner. Diese Zunahme ist keine natürliche; sie entstand auch nicht aus Zuziehung fremder Elemente, da die Fremden seit 1887 bezüglich ihres Aufenthaltes in Polen den strengsten Eiuschränkungsmaßregeln unterworfen sind; ebensowenig sind es die Bewohner anderer polnischen Städte oder des Territoriums, die nach Lodz verzogen wären, da sich in jenen Städten nahezu die nämliche Zunahme vollzieht. Diese Lage ist lediglich auf den Zufluß ans Moskau und anderen Städten des Centrums zurückzuführen. Lodz ist seit 1885 das „russische Manchester" geworden, und nicht allein Lodz hat diese Ausdehnung gewonnen, auch die benachbarten Städte, Tomaschof, Sgerz, Papianzi, sind zu großen Manufacturcentren augewachsen. Die Ehre dieser erstaunlichen und schnellen Metarmorphose gebührt zum größten Theil den russischen Juden. Aus Moskau vertrieben, haben sich die Israeliten, welche die kaufmännischen Hilfsquellen und industriellen Bedürfnisse der moskovitischen Gegend kennen, instinctmäßig nach den Industrie- und Manufacturcentren des Territoriums begeben, wo sie das Recht ge-